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SJ-Therapie 6x08: Filler-Episoden - die Kunst der Zeitverschwendung

SJ-Therapie 6x08: Filler-Episoden - die Kunst der Zeitverschwendung

SJ-Therapie 6x08: Filler-Episoden - die Kunst der Zeitverschwendung
Szenenbild der Lost-Episode Tricia Tanaka Is Dead (c) ABC

Im engen Wettbewerber-Feld der Streaming-Ära wollen Serien so niedrige Einstiegshürden wie möglich mitbringen. Staffeln werden in der Folge immer kürzer. Doch dadurch geht uns auch die alte Kunst der Filler-Episode verloren.

Wurde vor fünf bis zehn Jahren noch gejubelt, als Netflix das eingestaubte Network-Fernsehen erschüttert und damit das Streaming-Zeitalter eingeläutet hat, kippt die Stimmung zusehends. Netflix ist längst nicht mehr in der Heldenrolle aller Serienjunkies (siehe dazu auch SJ-Therapie 4x08: GLOW und das verlorene Vertrauen in Netflix). So sehnen sich viele inzwischen auch nach alten Traditionen zurück, die in Folge des Aufstiegs der Plattform beerdigt wurden.

Immer mehr Streamer entdecken beispielsweise den wöchentlichen Veröffentlichungsrhythmus wieder, so etwa Amazon Prime Video bei The Boys oder Disney+ mit Obi-Wan Kenobi. Netflix selbst klammert sich aus trotzigen Image-Gründen weiter an das einst so revolutionäre Binge-Modell (wenn auch mit Abstrichen, wie zuletzt erneut der zweigeteilte Release der vierten Staffel von Stranger Things gezeigt hat).

Serien werden immer kürzer

In der Vanity Fair eröffnete die erstklassige US-Journalistin Maureen Ryan vor knapp zwei Jahren außerdem die Diskussion darüber, ob Serienstaffeln heutzutage viel zu kurz ausfallen würden (hier ihr lesenswerter Artikel dazu). Die meisten Formate könnten nur noch davon träumen, mehr als 100 Folgen auf die Beine zu stellen. Dabei hätten sich bei vielen Klassikern die denkwürdigsten Momente erst relativ spät ereignet.

Ryan stellt die deprimierende Hypothese auf, dass der erste Kuss von Jim (John Krasinski) und Pam (Jenna Fischer) in der Arbeitsplatzkomödie The Office, auf den wir tatsächlich bis zur 28. Episode warten mussten, vermutlich schon im Pilot stattgefunden hätte, wäre die Serie nicht 2005, sondern 15 Jahre später auf Sendung gegangen. Und auch die Hochzeit wäre dann wohl nicht nach 104 Folgen gekommen, sondern vielleicht zum ersten Staffelfinale, wenn die Macher:innen wenigstens ein bisschen Geduld aufgebracht hätten.

Bei Friends mussten die Fans sogar bis zur 97. Episode warten, bis zum ersten Mal ein echter Funke zwischen Chandler (Matthew Perry) und Monica (Courteney Cox) zu sehen war. Seit dem Jahr 2013 - als Netflix erstmals anfing, eigene Serien zu produzieren - haben es überhaupt nur noch wenige neu erschienene Network-Comedys auf mehr als 100 Ausgaben gebracht: Black-ish, The Goldbergs, Mom, Brooklyn Nine-Nine, Young Sheldon - wer noch?

Mit anderen Worten: Es gibt zwar mittlerweile so viele Serien wie nie, doch werden diesen im umkämpften Streaming-Markt immer kürzere Lebensspannen zuteil. Dadurch sparen wir zwar Zeit, um in der Gesamtzahl mehr und mehr Serien zu sehen, aber langfristig angelegte Entwicklungen entgehen uns. Zudem fallen unerwartete Experimente weg, weil auch die sogenannten Filler-Episoden immer seltener werden. Statt 24 Folgen pro Staffel sind es bei neuen Netflix-Serien oft nur noch sechs, von denen jede einzelne vollgestopft wird mit serialisiertem Erzählfortschritt.

Eine Elegie an die Filler-Episode

Ein wunderbares Paradebeispiel einer Filler-Episode - übrigens wird der Begriff allgemein eher negativ verwendet - bietet die Lost-Folge Tricia Tanaka Is Dead (3x10), die kürzlich ihr 15. Jubiläum feierte. Was inhaltlich passiert, ist schnell erklärt: Hurley (Jorge Garcia) findet tief im Dschungel der Insel einen alten VW-Bus von der Dharma-Initiative. Jin (Daniel Dae Kim) und Sawyer (Josh Holloway) helfen ihm, diesen wieder fahrtüchtig zu machen. Durch Flashback-Szenen lernen wir zudem ein bisschen was über Hurleys Beziehung zu seinem Vater. Und Kate (Evangeline Lilly) flirtet ein bisschen mit Sawyer.

So weit, so unspektakulär - aber genau darin liegt eben die Schönheit dieser aus heutiger Sicht wahrscheinlich wegrationalisierbaren Episode. Sicher wird es auch den einen oder anderen Fan gegeben haben, der die einstündige Autoreparatur damals als Zeitverschwendung empfunden hat. Oder genauso beispielsweise das Golfturnier in der Folge Solitary (1x09), das ja ebenfalls von Hurley initiiert wurde. Andererseits lässt sich leicht argumentieren, dass solche Sperenzien einer Serie erst das gewisse Etwas verleihen.

Alan Sepinwall, der sich im Sommer 2020 ebenfalls in die Debatte einmischte, traf in einem Tweet den Nagel auf den Kopf: „Die Möglichkeit, so viel Zeit mit den Charakteren zu verbringen, auch wenn der größeren Handlung dadurch nicht unbedingt gedient wird, sorgt dafür, dass wichtige Momente mit ihnen später viel mehr Wirkung entfalten.“ Damit bezieht sich der amerikanische Fernsehkritiker übrigens genau auf dasselbe Beispiel „Lost“.

Der Grundgedanke ist absolut einleuchtend: Damit uns Serienfiguren ans Herz wachsen können, müssen wir die Chance erhalten, einfach mal mit ihnen abzuhängen. Auch in realen Freundschaften sind es nicht nur die großen Momente, die uns zusammenschweißen, sondern die vielen Kleinigkeiten und der gemeinsam erlebte Alltag. Wenn uns Serien gar keinen Alltag zugestehen - oder vielleicht sogar einen Hauch von Langeweile -, spricht das nicht zuletzt für ein mangelndes Vertrauen in die eigenen Figuren. Sind diese nur interessant, wenn sie Interessantes erleben?

Wenn immer Action ist, ist eigentlich nie Action. Aber genau das gilt leider für viele Serien heutzutage. Statt gemächlich und selbstbewusst einzusteigen, hetzen viele Neustarts so schnell wie möglich von einem Knaller zum nächsten. Schuld daran sind vor allem die Sender und Streaming-Plattformen, die ihre Eigenproduktionen lieber kurz halten wollen. Dass sie dabei viel zu früh ihr ganzes Pulver verschießen, scheint ihnen egal zu sein, solange die Serien in kurzer Zeit so viel Aufmerksamkeit wie möglich generieren. Nachhaltig geht auf alle Fälle anders.

Vollkommen ausgeschlossen, dass wir bei Jims und Pams erstem Kuss in „The Office“ genauso gejubelt hätten, wenn dieser schon direkt zu Anfang der Serie passiert wäre. Erst mussten wir langsam verstehen, dass diese zwei Menschen perfekt für einander wären, indem wir sie bei unzähligen Streichen gegen ihren Kollegen Dwight (Rainn Wilson) beobachten durften. Und dann dauerte es sogar noch länger, bis ihrer Liebe wirklich nichts mehr im Weg stand - was diese Lovestory (wohl nicht nur in meinen Augen) so unvergesslich macht.

Ähnliches dachte ich mir kürzlich bei der neuen Season Stranger Things, wo es aufgrund der überdimensionierten Episodenlängen zwar keinen Zeitmangel gab, man sich aber trotzdem von der Handlung gehetzt fühlen konnte. Dass die 2016 erschiene Auftaktstaffel der Netflix-Serie für die meisten Fans noch als die beste gilt, liegt wohl daran, dass die Kids damals Zeit für Spaß und Spielereien hatten, statt am laufenden Band Monster zu bekämpfen. Eine Filler-Episode hier und da könnte die ermüdende Höllenspirale, sich ständig steigern zu müssen, auf erfrischende Weise unterbrechen.

Die Psychologie der Zeitverschwendung

All das gilt genauso für unser eigenes Leben, denn in der Realität ist man mit Filler-Episoden ebenfalls gut beraten. Spätestens durch die Industrialisierung hat sich bei uns in Deutschland ein ungesunder Fehlschluss etabliert, den der Soziologe Max Weber als Vermischung von Produktivität mit Moralität charakterisiert. Menschen können sich nur gut fühlen, wenn sie was geschafft haben. Vielen fällt es daher schwer, ihre Freizeit richtig zu genießen, wenn sie diese nicht für einen gewinnbringenden Zweck nutzen (etwa für den Haushalt oder ein gesundes Hobby wie Sport).

Weil Zeitverschwendung in der modernen Hochleistungsgesellschaft kategorisch verurteilt wird, empfinden auch einige Serienjunkies ihren Serienkonsum als etwas Schändliches (schon die Selbstbezeichnung „Serienjunkies“ ist bewusst oder unbewusst negativ konnotiert). Eigentlich ist der eigene Seriengenuss ja viel zu kostbar, um ihn mit Scham zu überschatten. Das Leben ist zwar kurz, aber sicher lang genug, dass man reichlich Zeit verschwenden kann. Und diese Denke sollte auch bei Serien wieder einkehren. Nicht jede Folge muss den Plot vorantreiben...

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