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SJ-Therapie 4x08: GLOW und das verlorene Vertrauen in Netflix

SJ-Therapie 4x08: GLOW und das verlorene Vertrauen in Netflix

Die Absetzung von GLOW hat viele Fans erbost... (c) Netflix

Netflix galt einst als Ritter in glänzender Rüstung, der selbst die schwächsten Serien verteidigt und verlängert hat. Inzwischen ist die Plattform gnadenloser als jeder Fernsehsender geworden, wie nun der Fall von GLOW beweist.

Die Coronavirus-Pandemie hat ein neues Phänomen in der Serienwelt kreiert, auf das die meisten sicherlich hätten verzichten können: die sogenannte Entverlängerung („Un-Renewal“). Bereits bestellte Staffeln werden storniert und die jeweiligen Formate damit defacto abgesetzt. Ganz vorne mit dabei ist ausgerechnet Netflix, der Streaminganbieter, der sich einst auf die Fahne schrieb, so gut wie alles zu verlängern und zudem noch verstoßene Serien von anderen Sendern bei sich aufnahm.

Nach der Entverlängerung von The Society und I Am Not Okay with This lief das Fass für viele Abonnenten spätestens durch den Fall von GLOW über (wir berichteten). Immer häufiger liest man in Online-Foren, dass Fans kein Vertrauen mehr in den ehemaligen Disrupter der Branche haben - oder dass sie neue Serien von Netflix gar nicht erst anfangen, aus Angst, dass sie das richtige Ende der Geschichte nie zu sehen kriegen, weil sowieso mit einer Absetzung zu rechnen ist.

Ein Chokeslam fürs Vertrauen

Natürlich kann man sagen, dass auch Netflix nur ein Unternehmen ist und daher wirtschaftliche Abwägungen machen muss. Und wenn sich eine Serie finanziell nicht mehr lohnt, muss sie eben weichen. Mit dem Verweis auf die Irrungen und Wirrungen der Corona-Krise versucht die VOD-Plattform zusätzliches Verständnis zu gewinnen. Tatsächlich würde es GLOW heute noch geben, wenn es Mitte März nicht zum Lockdown in Hollywood gekommen wäre. Die Wrestlingserie befand sich zu diesem Zeitpunkt mitten in den Dreharbeiten, die nach dem Abbruch nie wieder aufgenommen werden konnten.

Trotzdem kann man sich fragen, warum Netflix nicht einfach abwartet, bis ein normaler Produktionsbetrieb wieder möglich ist. Klar muss man dann die Verträge mit den Schauspielern verlängern, was auch viel Geld kosten kann, aber andererseits verdankt man GLOW diverse Emmy-Nominierungen und sogar ein paar Trophäen. Den öffentlichen Äußerungen der Serienstars zufolge scheint jedenfalls eindeutig, dass alle Beteiligten gern weitergemacht hätten, wenn der Streamingservice nicht Stopp gesagt hätte. Bei wem der schwarze Peter liegt, steht also nicht wirklich zur Debatte...

Gleichzeitig gilt auch zu bedenken, dass Netflix - anders als zum Beispiel Filmstudios und Kinobetreiber - keinen direkten Wirtschaftsschaden durch COVID-19 davonträgt. Erst 2021 rechnet die Plattform mit spürbaren Engpässen beim Nachschub neuer Serien und Filme, doch zumindest 2020 kann man dank der vorproduzierten Formate noch aus den Vollen schöpfen. Aufgrund der Quarantäne-Maßnahmen und der Schließung von Kultureinrichtungen müssten augenscheinlich auch die Abrufzahlen in den vergangenen Monaten signifikant gestiegen sein. Denn die Menschen bleiben zuhause - und was gibt es da schon zu tun, außer vielleicht alle Folgen von The Witcher an einem Wochenende wegzubingen?

Offizielle Angaben gibt es von dem geheimniskrämerischen Konzern dazu bekanntermaßen nicht. Dass jedoch die Anzahl an Abonnenten auch in Krisenzeiten stetig wächst, ließ Netflix seine Aktionären bereits wissen (wir berichteten). 15 Milliarden Dollar will das Unternehmen jährlich in frischen Content investieren, womit man jegliche Konkurrenz weit hinter sich lässt. Warum aber legt man viel mehr Wert auf gänzlich neues Material, statt bestehende Marken wie GLOW weiterauszubauen? Zumal man auch mit Neustarts immer ungeduldiger wird, wie etwa das Beispiel von Teenage Bounty Hunters zeigt.

Lieber mehr Serien statt mehr Staffeln

Als Laie könnte man annehmen, dass gute Serien mit jeder Staffel mehr Fans um sich scharen, sodass die Einschaltquoten von Jahr zu Jahr steigen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Breaking Bad, das vor allem durch Mundpropaganda wuchs, ist dem normalerweise aber nicht so. Selbst Klassiker wie The Sopranos oder Mad Men erlebten ihren Zenit zuschauertechnisch eher in der Mitte ihrer Lebensdauer. Sprich: Nach knapp der Hälfte aller Episoden ging es abwärts, während die Gagen parallel meist steigen. Serien werden mit der Zeit teurer, werfen dabei aber nicht mehr Geld ab.

Unter diesem Gesichtspunkt macht es durchaus Sinn für Netflix, sich von GLOW zu trennen, das seinen Zenit vermutlich schon in Staffel zwei erreicht haben dürfte (wenn man als Gradmesser ausnahmsweise mal den Buzz im Internet nimmt). Hinzu kommt, dass Streaminganbieter ihr Geld anders verdienen als die klassischen Fernsehsender, die sich über Werbung finanzieren. Um gute Werbedeals an Land zu holen, ist es wichtig, Serien mit großem Wiedererkennungswert im Portfolio zu haben, was auch erklärt, warum die Networks so viel auf Reboots und Revivals wie MacGyver oder Will & Grace setzen.

Um Abos abzuschließen, muss ein Streaminganbieter derweil mit viel neuem Material aufwarten. Denn die Fans der altbewährten Stoffe haben ja schon ein Abo (bald sind es übrigens 200 Millionen weltweit). Aktuell liegt das Verhältnis neuer Serien zu neuen Staffeln alter Serien bei mehr als zehn zu eins. Netflix will seine Startseite mit möglichst vielen neuen Postern befüllen. Acht verschiedene Serien mit jeweils nur einer oder zwei Staffeln wirken vielfältiger und verlockender - auch für eine größere Spannbreite an potentiellen Interessenten - als nur drei Serien mit immerhin sechs Staffeln. So war es vielleicht mal am Anfang, als man sich mit Orange Is the New Black und House of Cards einen Namen machen wollte...

Obwohl es auch jetzt noch ein paar langlebigere Formate wie Stranger Things und The Crown gibt, die die Marke aufwerten sollen, indem sie auch bei Preisverleihungen prominent mitmischen. GLOW hätte eigentlich ebenfalls das Potential gehabt, so ein Prestigeprojekt zu werden. Stattdessen wurde die Serie aufgrund all der genannten Gründe vorzeitig verabschiedet. Klar geht Netflix ein gewisses Risiko ein, die Fans mit einem bösen Cliffhanger im Stich zu lassen, aber andererseits dürfte sich die Anzahl an Mitgliedern, die deswegen wirklich kündigen, in Grenzen halten. Immerhin gibt es ja noch andere Serien, die sie gerne gucken. Und auch hier gilt wohl die Weisheit: Bellende Hunde beißen nicht.

Selbsthilfe für Absetzungsopfer

Das Einzige, was für uns Menschen noch unerträglicher ist als das Wissen, dass alles im Leben ein Ende hat, sind die Dinge, die hingegen keinen passenden Abschluss finden. Nichts ist befriedigender als das Gefühl, einen Ordner zu den Akten zu legen und sich nie mehr damit beschäftigen zu müssen. Unerledigte Aufgaben verstopfen indes unser Hirn. Der Zeigarnik-Effekt, benannt nach dem sowjetischen Psychologen Bluma Zeigarnik, besagt sogar, dass unterbrochene Aktivitäten viel stärker in Erinnerung bleiben als abgeschlossene. Das erklärt auch, warum über The Sopranos, das zwar nicht abgesetzt wurde, aber trotzdem ein offenes Ende hatte, noch heute munter diskutiert wird, während Game of Thrones, das uns alle Antworten gegeben hat - wenn auch für viele nicht zufriedenstellend -, mittlerweile fast vergessen scheint.

Um Kummer zu vergessen, muss man ihn abschließen. So einfach ist das, zumindest in der Theorie. Doch im Fall von abgesetzten Serien hat man das leider nicht in den eigenen Händen. Oder vielleicht doch? Wer wirklich unzufrieden damit ist, wie die eigene Lieblingsserie beendet - oder eben nicht beendet - wurde, kann im Prinzip auch selbst aktiv werden. In Form von ganz privater Fan-Fiction kann sich jeder das Finale überlegen, das er gern gesehen hätte. Wenigstens in der eigenen Fantasie ist die Geschichte dann vollständig. Außerdem kann das Ganze eine gute Schreibübung sein. Die besonders Mutigen können ihr eigenes kleines Drehbuch ja sogar mit den anderen Fans teilen. Warum eigentlich nicht?

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Bjarne Bock

Der Artikel SJ-Therapie 4x08: GLOW und das verlorene Vertrauen in Netflix wurde von Bjarne Bock am Uhr erstmalig veröffentlicht.

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