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The Rehearsal: Kritik zur genial wie wahnsinnigen HBO-Comedy

The Rehearsal: Kritik zur genial wie wahnsinnigen HBO-Comedy

The Rehearsal: Kritik zur genial wie wahnsinnigen HBO-Comedy

Kaum einer kennt ihn, doch Nathan Fielder ist vielleicht die größte Kunstfigur des 21. Jahrhunderts - größer als Lady Gaga oder Banksy! Mit seiner neuen HBO-Serie The Rehearsal überschreitet der sozial zutiefst gestörte Komiker aus Kanada die Grenzen des Fernsehens.

Vor fast fünf Jahren habe ich schon einmal den Versuch unternommen, hierzulande den Namen Nathan Fielder ein bisschen bekannter zu machen. Anlass war damals das überwältigende Serienfinale von Nathan For You, dem letzten Format des kanadischen Komikers bei Comedy Central (hier mein kleiner Lobgesang). Diesen Sommer ist Fielder nun bei HBO mit seiner neuen Doku-ComedyserieThe Rehearsal“ an den Start gegangen, die mich eigentlich noch sprachloser zurücklässt - was nicht sein darf, weil darüber gesprochen werden muss!

Sechs Episoden kamen in der Auftaktstaffel zusammen, von der die letzte Ende August lief. Verlängert wurde „The Rehearsal“ auch schon, obwohl die Zuschauerzahlen verschwindend gering ausfielen. Doch HBO hat nur allzu gern Formate im Portfolio, die zwar klein sein mögen, von Kritiker:innen dafür aber mit Lorbeeren überschüttet werden. In Deutschland hat sich leider noch kein Abnehmer gefunden...

Um es auf den Punkt zu bringen: „The Rehearsal“ ist mit Abstand das außergewöhnlichste Serienexperiment des Jahres. Teilweise haben wir es mit der lustigsten Comedy zu tun, die sich kein anderer als Nathan Fielder überhaupt ausdenken könnte, teilweise trifft die Serie Töne, die einen unerwartet im Mark erschüttern. Und vor allem fragt man sich ständig: Lagen Genie und Wahnsinn jemals so nah beieinander?

Ein großes WTF?!?

Die Grundidee von „The Rehearsal“ ist denkbar einfach - und wird uns von Fielder als das Normalste auf der Welt präsentiert, obwohl sie eigentlich schon ziemlich sonderbar erscheint. Fielder, dem HBO aus unerfindlichen Gründen ein Budget von 20 Millionen Dollar anvertraut hat, will Menschen in seiner Show die Möglichkeit geben, schwierige Situationen mehrfach durchzuspielen, damit im Ernstfall nichts mehr schiefgehen kann. Dazu werden nicht nur Orte eins-zu-eins nachgebaut, sondern ganze Heerscharen von Laienschauspieler:innen angeheuert.

In der ersten Episode lernen wir einen Mann kennen, der seine Freunde beim Quizabend in einer Bar einst über seinen Bildungsgrad anlog und nun vom schlechten Gewissen geplagt wird. Fielder geht der Gruppendynamik auf nahezu Stalker-hafte Art und Weise auf den Grund, um das Szenario für den Kandidaten so realistisch wie möglich zu rekonstruieren. Es wird ein ungeheurer Aufwand getrieben, der den Mann am Ende trotzdem nicht auf das vorbereitet, was wirklich passiert.

Denn durch die wiederholten Simulationen steigern sich er und vor allem Fielder immer tiefer in die Sache hinein, was eigentlich nicht nötig wäre (die Freunde des Mannes waren gar nicht wütend wegen der Lüge). Fielder zerbricht an dieser ersten Fehleinschätzung seines Formats, wodurch es schon in Folge zwei zum großen Bruch kommt. Der Wahnsinn kann nun erst richtig losgehen...

Eine Frau namens Angela will herausfinden, ob sie eine gute Mutter abgeben würde. Fielder baut ihr kurzerhand ein Haus und castet ein paar Babys (die sich von Angela unbemerkt abwechseln). Bald schon spielen sie zusammen Mutter-Vater-Kind, während das Kind jede Woche um ein paar Jahre älter wird. Auch hier kommen immer wieder neue Kinderschauspieler zum Einsatz. Irgendwann nimmt uns Fielder hinter die Kulissen seines erschreckend großangelegten Unterfangens. Dadurch rutschen wir in immer tiefere Metaebenen ab, die „The Rehearsal“ bald komplexer erscheinen lassen als, zum Beispiel, „Inception“.

Die große Highlightepisode, die man unbedingt schauen sollte, selbst wenn man nicht die ganze Serie schafft (Fielders Charakter kann zugegebenermaßen anstrengend sein), ist dann die vierte. In The Fielder Method zeigt uns Nathan Fielder, wie er seine Laienschauspieler:innen auf ihren Einsatz vorbereitet. Im Grunde unterrichtet er sie in einer gruseligen Mischung aus Method-Acting und Identitätsdiebstahl. Er fordert sie auf, Menschen in ihrem Alltag zu verfolgen und heimlich zu ihnen zu werden.

Als Fielder merkt, dass seine Schauspielklasse nicht ganz mitgeht, gibt er sich selbst ein kleines Rehearsal, indem er alle Teilnehmenden - inklusive sich selbst - durch eine weitere Gruppe von Darstellenden umbesetzen lässt. Dadurch kommt es zum großen Stühlerücken der Rollen, wobei die Rollen ja immer auch echte Personen sind, die selbst mitspielen (oder in anderen Fällen gar nichts von der Serie wissen). Manchmal denkt man sich beim Schauen, es sollte eigentlich ein Gesetz dagegen geben, was Fielder da veranstaltet. Aber da man eh nicht weiß, was alles echt und was gestellt ist - auch bei der Titelfigur selbst -, bringen diese Gedanken wenig.

Vielmehr lohnt es sich bei den ernsteren Momenten in der Serie genau hinzuhören. In „The Rehearsal“ verbergen sich zwischen all den Absurditäten nämlich sehr bewegende Momente der Aufrichtigkeit - wie man es von vergleichbaren dadaistischen Meisterwerken wie „The Eric Andre Show“ und Rick and Morty kennt (siehe hierzu SJ-Therapie 2x14: Eric Andres Kampf gegen Konventionen). Fielder findet speziell zu den Themen Vaterschaft und Religion einzigartige Blickwinkel, die stärker im Gedächtnis bleiben als bei Serien, die das als Hauptziel verfolgen.

Fazit

Alles in allem geht es in der unglaublichen HBO-Comedy „The Rehearsal“ vor allem wieder um das, was Nathan Fielder stets am meisten beschäftigt: das Gefühl nicht dazuzugehören, nicht in die Gesellschaft zu passen. Wir erleben einen Protagonisten (gut möglich, dass Fielder selbst genau so ist), der in erster Linie versucht, sich selbst auf soziale Herausforderungen vorzubereiten. Man merkt auch schnell, dass alle Simulationen, die er seinen Gästen anbietet, eigentlich für ihn selbst gedacht sind. Das gibt seinen beängstigenden Grenzüberschreitungen eine verletzliche Note.

Wir haben es mit einer Serie zu tun, die so nur ein Mann auf der Welt hätte schaffen können. Ein faszinierendes Stück von Seltsamkeit, das aufgrund seiner maximalen Individualität unendliche viele Reaktionen auslösen kann. Wie gesagt: „The Rehearsal“ kann einen genauso gut zum Lachen wie zum Weinen bringen. Vielleicht liebt man den Sechsteiler oder man hasst ihn. Auf jeden Fall löst er etwas aus, was heutzutage längst nicht mehr alle Formate schaffen. Für mich bleibt es das interessanteste Serienexperiment des Jahres.

Darum vergebe ich für die Auftaktstaffel der Comedy volle 5 von 5 Sterne...

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