Du bist hier: Serienjunkies » News »

Der Herr der Ringe - Die Ringe der Macht: Kritik zum Auftakt der Tolkien-Serie von Amazon

The Lord of the Rings - The Rings of Power: Kritik zum Auftakt der Amazon-Serie

The Lord of the Rings - The Rings of Power: Kritik zum Auftakt der Amazon-Serie

Amazon schickt seine Rekordbudget-Fantasyserie über das Zweite Zeitalter aus J. R. R. Tolkiens Schriften in den Ring, welche tausende Jahre vor den Ereignissen mit Bilbo, Frodo und Co angesiedelt ist. Wir haben uns die ersten beiden Episoden von The Lord of the Rings: The Rings of Power angesehen und berichten zurück aus Mittelerde.

Nachdem es in den 1980er Jahren einen Fantasy-Boom mit Filmen wie „Willow“ und „Legend“ gegeben hatte, waren die 90s bis auf „Dragonheart“ eine ganz schöne Durststrecke, die auch mit dem verheerenden „Dungeons & Dragons“-Film von 2000 nicht enden wollte. „I was there. I was there 3.000 years ago...“ Erst, als Peter Jackson seine überaus ambitionierte Verfilmung von J. R. R. Tolkiens maßgeblichem Werk „The Lord of the Rings“ veröffentlichte, begann ein weiteres Fantasy-Zeitalter, welches ein Jahrzehnt später mehr durch die zynische HBO-Serie Game of Thrones als durch Jacksons unpassend auf episch gebürstete „The Hobbit“-Trilogie am Leben gehalten wurde.

Mit The Lord of the Rings: The Rings of Power aka „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ steht nun eine weitere Reise nach Mittelerde an, die im Vorfeld für viele Fansorgen - einige berechtigt, andere weniger - gesorgt hat. Dabei lohnt es, zu erwähnen und erinnern, dass die meisten Hardcore-Tolkien-Fans auch von den Jackson-Filmen vor 20 Jahren nicht viel erwartet hatten und zumindest von der ersten Trilogie angenehm überrascht wurden. Kann die Amazon Prime Video-Serie vom Showrunner-Duo J. D. Payne und Patrick McKay dieses Zauberkunststück wiederholen?

Hier kannst Du ganz einfach ein Amazon-Abo abschließen und sofort Serien und Filme streamen

Bisher sind zwei der insgesamt acht Episoden der ersten Staffel erschienen, die allein schon 465 Millionen US-Dollar gekostet haben soll. Mit fünf geplanten Seasons, die irgendwann 50 Stunden umfassen sollen, wenn sie abgeschlossen sind, wird es also nicht lange dauern, bis die Budget-Milliardengrenze geknackt ist. Schon jetzt ist das Projekt die teuerste Serie aller Zeiten. Aber wird sie dem (zugegebenermaßen spärlichen) Material über das Zweite Zeitalter von Mittelerde aus Tolkiens Schriften und ihrem exorbitanten Preis gerecht werden?

Prolog

Ähnlich wie bei Peter Jacksons Trilogie-Einstieg „The Fellowship of the Ring“ beginnen wir mit einem Prolog in die vorige Ära. Während der Ringkrieg der Filme nämlich am Ende des Dritten Zeitalters stattfindet und zunächst vom Schmieden der magischen Ringe im Zweiten Zeitalter erzählt wird, sind wir nun in ebendieser dort nur angedeuteten Zeit und blenden zunächst ins Erste Zeitalter zurück. Eine noch sehr junge Galadriel (Amelie Child Villiers) unterhält sich mit ihrem Bruder Finrod (Will Fletcher) in Valinor, dem heiligen Land westlich von Mittelerde, wo damals noch die beiden leuchtenden Bäume anstelle einer Sonne und eines Mond standen. Dies ist das unsterbliche Paradies, in welches die Elben zurücksegeln, sobald ihre Zeit in Mittelerde vorüber ist.

Tolkien erzählte Geschichten vom Kampf zwischen Gut und Böse, ohne dabei oberflächlich zu werden, was sich hoffentlich auch die Autor:innen der Serie vorgenommen haben. Die Konversation zwischen Bruder und Schwester ist ein guter Anfang. Diese dreht sich anhand einer sehr passenden Lichtmetapher um den moralischen Kompass, den Galadriel noch für sich justieren muss. Die Szene klärt auch ganz nebenbei auch auf, wer die Gestalt auf dem allerersten zur Serie veröffentlichten Bild ist, die wir auf dem Screenshot nur von hinten sahen... Es ist Finrod, nicht Galadriel.

Im Anschluss erfahren wir, wie Melkor aka Morgoth, der erste dunkle Herrscher, der aus den eigenen Reihen des Götter-Pantheons der Valar stammte, die heiligen Bäume zerstörte und Mittelerde in einen sehr langen Krieg zerrte, der mit seiner Verbannung das Erste Zeitalter beendete. Viele Tolkien-Fans hätten an dieser Stelle sicher auch gern die Riesenspinne Ungoliant gesehen, die Morgoth mit dem Verschlingen des Lichts der Bäume beauftragte, was offenbar durch die Lizenzlage verhindert wurde. Offiziell besitzen die Amazon Studios nämlich nur die Rechte an den beiden Hauptwerken plus Appendix, nicht jedoch an „The Silmarillion“, auch wenn im Einzelfall die Erlaubnis des Tolkien Estates eingeholt werden kann. Überhaupt so viel aus dem Ersten Zeitalter mitzubekommen, ist aber ein äußerst spannender Start für jene, die an der Mythologie des Legendariums interessiert sind.

Finrod fällt schließlich im Kampf gegen die finsteren Mächte, zu denen auch ein aufstrebender Dark Lord und Hexenmeister namens Sauron zählt, von dem Ihr vielleicht schon mal gehört habt... Doch nur die Wunden an Finrods Leichnam deuten sein kanonisches Schicksal an, wie er sich opferte und von einem Werwolf getötet wurde, um einen Menschen zu retten. Die erwachsene Galadriel (Morfydd Clark) sieht sich nach ihrem Verlust verpflichtet, Finrods Kreuzzug gegen das Böse zu übernehmen und an seiner Stelle mit seinem gold-silbernen Dolch im Design der beiden Bäume nach Spuren für einen weiteren Schatten zu suchen, den viele noch nicht wahrhaben wollen...

Mit einer Kindheitsszene anzufangen ist recht kühn und wird die Nörgler, die sich unbedingt von Anfang an über etwas Unepisches beschweren wollen, nicht gerade besänftigen. Allerdings dürfte es schwer fallen, nicht vom darauffolgenden Galopp durch die bedeutsamen Ereignisse der vorhergehenden Ära beeindruckt zu sein. Voller Gravitas wird damit der Ton für das Kommende angegeben und so, wie es nach zwei Folgen aussieht, wurde nicht zu viel versprochen.

Opening

Während der Soundtrack von Komponist Bear McCreary stammt, den man durch Serien wie Battlestar Galactica oder Videospiele wie „God of War“ kennt, wurde die Musik für das Opening zur Serie von Howard Shore beigesteuert, auf den bekanntermaßen die Klänge aus den beiden Filmtrilogien zurückgehen. Ein äußerst anmutiges Stück Musik, das von sehr zurückgenommenen Bildern begleitet wird. Goldener Sand formt in Bewegung gesetzt verschiedene Zeichnungen und Symbole, wenn er nicht gerade ästhetisch über den schwarzen Untergrund tanzt. Das konzeptionell Clevere daran: Die Körner dürften durch Schall beziehungsweise Musik in Wallung und Bewegung gebracht werden, was eine subtile Referenz auf den Schöpfungsmythos Aunulindale sein müsste. Am Anfang von Tolkiens Subkreation erschuf nämlich der Schöpfergott Eru Iluvatar die 14 Valar, mit denen er die Welt per Gesang in die Existenz brachte. Neben der formbaren Partikel der Welt erinnern die goldenen Körner natürlich auch an das Material, das wohl zum Schmieden der schicksalhaften, titelstiftenden Ringe benötigt werden wird...

Die Elben

Auch viele Jahre in das Zweite Zeitalter hinein durchforstet Galadriel als Heerführerin einer Gefolgschaft ganz Mittelerde, um wegen Orks und anderen Zeichen des Bösen Ausschau zu halten. Im eisigen Norden werden sie in einer Festung schließlich auf ein mysteriöses Zeichen aufmerksam, das zumindest uns als Publikum verdächtig an ein gewisses Auge oder den Umriss von Mordor erinnern müsste. Doch nach einer Konfrontation mit einem garstigen Schneetroll legen ihre untergebenen Elben ihre Schwerter nieder und quittieren den vermeintlich unnötig in die Länge gezogenen Dienst.

In Lindon, dem Reich von Elbenfürst Gil-galad (Benjamin Walker), trifft Galadriel auf Elrond (Robert Aramayo), der ihren Gefolgsleuten recht gibt. In einer wundervollen Dialogszene, in denen die beiden Stars beweisen, wie perfekt sie trotz ihres jungen Alters altehrwürdige Elben darstellen, ermutigt Elrond seine Freundin (und entfernte Cousine) dazu, ihr Schwert endlich an den Nagel zu hängen. Auch Gil-galad sieht Jahre nach dem Sieg gegen die Dunkelheit keinen Grund mehr zur Sorge und belohnt Galadriel samt ihrer Truppe mit der besonderen Ehre, nach Valinor zurückkehren zu dürfen. Hat Galadriel in ihrer langanhaltenden Trauer um ihren Bruder wirklich ihre Befugnis überschritten oder spürt sie in weiser Voraussicht, dass noch nicht alle Schatten aus der Welt vertrieben wurden?

An dieser Stelle müssen neben dem wunderschönen „Galadriel“-Theme von McCreary (das mehrfach anklingt, weil man offenbar weiß, was man daran hat) die atemberaubenden Schauplätze und Gewänder erwähnt werden, die nur noch vom poetischen Dialog übertroffen werden. Den anmutigen Elben könnte man auf diese Weise auch stundenlang beim Vorlesen eines Tolkien-Telefonbuchs zuhören, so märchenhaft und erhaben klingt das alles. Dass Dialog-Coach Leith McPherson, die schon an den Filmen gearbeitet hat, diesmal besonders darauf achtete, dass alle auch brav die elbischen Rs rollen, ist ein weiteres Plus.

Das Segeln von Valinor kennen die meisten sicherlich aus den letzten Momenten des Films „The Return of the King“. Für diesen Moment in der Serie, bei dem wir nun mit auf dem Schiff sind, um das Hinübergleiten ins Paradies mitzuerleben, hat man sich offenbar an der Beschreibung aus der Romanvorlage bedient, wie Frodo seine Überfahrt in die unsterblichen Lande erlebt. Erst hört man begleitet von einem süßen Duft eine Musik und dann teilt sich der Regen wie ein Kristallvorhang... Ein Moment, bei dem wir regelrecht in der Mythologie Tolkiens baden, wie die Elben im Licht, nur entscheidet sich Galadriel im letzten Moment gegen ihre erlösende Überführung und verweilt mit Finrods Dolch in Mittelerde, um seine Mission zu beenden.

Auf offenem Meer trifft Galadriel einige Zeit später auf eine Gruppe schiffbrüchige Menschen, darunter Halbrand (Charlie Vickers), der als einzige Person den Angriff eines Drachen-verwandten Seewurms überlebt. Gehen bei Euch hier auch die Alarmglocken los? Die vermeintlich geheime Identität Saurons soll ja eines der Mysterien der ersten Staffel sein und wir haben hier einen attraktiven, nicht-kanonischen Mann vor uns, der schon im Trailer sagte „I'm not the hero you seek“ und nun den nicht weniger ominösen Satz „Looks can be deceiving!“ beisteuert, als er über die Elbin redet. Wir haben dich jedenfalls ab sofort auf dem Kieker, Freundchen!

Am Ende werden Galadriel und Halbrand von einem Schiff aufgelesen, bei dem es sich um Leute aus dem prächtigen Reich Numenor handeln muss. Aus Tolkiens Atlantis-inspiriertem Inselstaat langlebiger Menschen bekommen wir außer diesem Teaser mit (vermutlich) Seemann Isildur (Maxim Baldry) leider noch nichts mit in den ersten beiden Episoden, was vielleicht den Rahmen von zwei Stunden gesprengt hätte, in diesen aber einen der wichtigsten Schauplätze der gesamten Serie und des Zweiten Zeitalters auslässt.

Die Menschen

Die Menschen aus den Southlands von Mittelerde waren im Ersten Zeitalter größtenteils auf Morgoths Seite, weshalb die Elben seit jeher Wachposten installiert haben, um hier nach dem Rechten zu sehen. Zu den stationierten Spitzohren zählt auch Arondir (Ismael Cruz Cordova), der nach der Friedensverkündung durch Gil-galad abgezogen werden soll. Leichter gesagt als befolgt, denn Arondir ist ganz offenbar ganz fürchterlich in die Menschenfrau Bronwyn (Nazanin Boniadi) verliebt, was fast noch offensichtlicher auf Gegenseitigkeit beruht, ohne dass es bisher bemerkenswerte Annäherungen gab. Verständlich, angesichts des gesellschaftlichen Tabus. Es wird sogar erwähnt, wie wenige erfolgreiche (bekannte) Elb-Mensch-Beziehungen es in der gesamten Geschichte Mittelerdes gegeben hat. Kein gutes Omen also für die verbotene Romanze, dabei brutzelt es zwischen Cruz und Boniadi so drachenfeuerheiß, dass es weht tut.

Bronwyns Sohn ist der Teenager Theo (Tyroe Muhafidin), der im Geheimen das Bruchstück eines finster anmutenden Schwertes (seines unbekannten Vaters?) bewahrt, das sich an einer Stelle der Handlung magisch wiederherzustellen droht. Es trägt Saurons böses Zeichen und soll uns (vom dampfigen Effekt her) vermutlich nicht ganz zufällig an die Morgulklinge der Ringgeister erinnern. Wird Theo am Ende einer der menschlichen Herrscher, der einen der neun Ringe der Macht erhält? Oder ist er nur ein armer Knilch, der von einem bösen Objekt verführt wird, wenn er vielleicht später glaubt, seine Mutter nicht anders retten zu können?

Apropos böse Knilche: In der Menschensiedlung Tirharad gibt es einen weiteren Jüngling (Ian Blackburn), der sich sehr über die Anwesenheit der okkupierenden Elben ärgert und eine leicht anachronistisch anmutende Frisur trägt, den ich auch noch als Sussy-Sauron-Kandidat in den Ring werfen würde...

Gefährlich werden den Menschen hier aber vorerst die Orks, die bereits einen Nachbarort zerstört haben und sich in unterirdischen Tunneln Richtung Tirharad graben. Offenbar hat man aus den CGI-Fehlern der „Hobbit“-Trilogie gelernt und greift im Fall der Serie wieder auf fantastisch aussehende, praktische Prothesen für die Orks zurück, die glatt aus einem Horrorfilm stammen könnten. So ist auch die erste Begegnung mit einem von ihnen wie ein Gruselfilm inszeniert, was damit endet, dass die Heilerin Bronwyn den Ork von seinem Kopf auf den Schultern heilt und ihre Mitmenschen mithilfe des Schädels endlich vom Ernst der Lage überzeugen kann.

Arondir, der eine unglaubliche Ausstrahlung irgendwo zwischen Aragorn und sexy Mr. Spock besitzt (auch wenn die Elben angenehmerweise viel weniger Vulkanier-mäßig sind als noch bei Jackson), untersucht unterdessen die besagten Tunnel und wird auf seiner Quest gefangengenommen...

Die Harfüße

Neben den andersweltlichen Angelegenheiten der Elben und den dramatischen Ereignissen bei den Menschen gibt es zumindest eine etwas gemütliche Verschnaufpause bei den Harfüßen. Diese liebenswerten Hobbit-Vorfahren sind noch nomadisch und verstecken sich vor den großen Leuten, weshalb sie erst viel später in den Annalen der Welt auftauchen. Der Harfuß-Älteste Sadoc Burrows (ganz wunderbar: Lenny Henry) scheint Ärger zu riechen und behält mit seiner Aussage „The skies are strange...“ recht, als die neugierige Nori (Markella Kavenagh) und ihre bedachtere Freundin Poppy (Megan Richards) auf einen hochgewachsenen Fremden (Daniel Weyman) treffen, der in einem Meteor vom Himmel direkt vor ihre großen Füße fällt.

Fans nennen die mysteriöse Gestalt, die die Credits als The Stranger bezeichnen, seit dem ersten Trailer Meteor Man. Aufgrund der Feuersymbolik galt auch er als früher Sauron-Kandidat, doch während der wortkarge Mann in der Gegenwart der ihn hochpeppelnden Harfußdamen schon mal unheimlich wirkt, kommuniziert er wie ein gewisser Zauberer auch mit den Insekten... Da Gandalf zeitlich nicht ganz passen würde, könnte er einer der beiden blauen Zauberer sein, die im Zweiten Zeitalter nach Mittelerde kamen und über die wir am wenigsten wissen. Gab es vielleicht woanders noch einen zweiten Kometen? Sollten sich die Showrunner komplett Anime-mäßig aus dem Fenster lehnen, könnte der Fremde auch die Verkörperung eines magischen Schwertes sein, die bei Tolkien gerne aus Sternengestein gemacht wurden, oder sogar die des einen Rings, der erst beim magischen Schmieden Form annimmt... Zugegeben eine sehr abgefahrene Option, auf die man nicht wetten sollte.

Die Größenunterschiedeffekte wurden mit einer Mischung aus Perspektivtricks und digitalen Effekten erzielt, wobei Letztere nicht immer zu hundert Prozent perfekt aussehen. Es ist zwar eine TV-Produktion, aber 20 Jahre nach der Filmtrilogie und bei diesem üppigen Budget hätte vielleicht schon etwas mehr erwarten können. Dafür ist an anderen Stellen zu sehen, wo all das Geld hingeflossen ist, denn insgesamt macht diese Produktion in den ersten zwei Stunden einen sehr hochwertigen Eindruck. Auch muss das Budget schließlich auf 50 Stunden Content verteilt werden. Zum Vergleich: Die langen Extended Versions der Jackson-Trilogie bringen es gerade mal auf etwa zwölf Stunden Film.

Nori ist nicht nur eines der Highlights der ersten beiden Episoden, weil ihre freundliche Naivität und ihre abenteuerliche Neugier absolut herzig sind (und ihre Darstellerin einen sehr guten Job macht), sondern auch, weil sie sich der Bedeutsamkeit des Zufalls bewusst ist, durch den sie bei der Ankunft des mysteriösen Fremden zugegen war. Bei Tolkien deuten diese Zufälle nämlich meist auf göttliche Intervention von Eru höchstpersönlich hin, so dass es Noris Schicksal wäre, dem Fremden zu helfen. „And that is an encouraging thought“, wie Gandalf sagen würde. The Ennoblement of the Ignoble heißt dieses Konzept auch unter Tolkien-Forschenden und beschreibt eben diese Momente, in denen sich die kleinen, unwichtig wirkenden Leute jenseits der Paläste heroisch oder anderweitig nobel unter Beweis stellen.

Vor allem aber ist die Gemeinschaft der Harfüße absolut gemütlich, warmherzig und gesellig, wozu erneut der diesmal verspielte, mittelalterliche Soundtrack beiträgt, so dass man sie überhaupt nicht durch allzu aufwühlende Abenteuer auseinandergerissen sehen möchte...

Die Zwerge

Halbelb Elrond, der zu Beginn der Serie politische und diplomatische Aufgaben übernimmt, wird mit dem berühmten Schmied Celebrimbor (Charles Edwards) bekanntgemacht. Der hat in seiner Schaffenslaufbahn schon viele große Kunstwerke hergestellt, will sich aber durch ein besonders magisches Werk beweisen, das den Silmarills gleichkommt. Feanor, der ambitionierteste und geschickteste Elb aller Zeiten, dessen Hammer Celebrimbor besitzt, schuf diese drei sagenumwobenen Edelsteine aus dem Licht der heiligen Bäume und wurde durch seine Obsession zu einem der größten Schurken unter den Elben. Fans der Tolkien-Schriften wissen natürlich, dass Celebrimbor einst die Ringe der Macht herstellen wird, doch vorher muss er einen nie dagewesenen Schmiedeturm erbauen, wofür er die Hilfe der handwerklich geschickten Zwerge benötigt.

Hier kommt Elrond ins Spiel, der bereits Beziehungen zu den kleiner gewachsenen Bergbauexperten pflegt. So macht er sich auf zur im Berg gelegenen Stadt Khazad-dum, um eine Audienz mit Prinz Durin VI. (Owain Arthur) zu erbitten, muss sich aber erst in einem traditionellen Steinhauturnier gegen den Prinzen erweisen, was ihm nicht ganz gelingt. Wie sich nämlich herausstellt, ist Durin nicht mehr gut auf Elrond zu sprechen. Die beiden sind zwar seit langer Zeit befreundet, nur hat der unsterbliche Elb in seinem verschwenderischen Umgang mit der Zeit mehrere Jahrzehnte ohne Kontakt ins Land streichen lassen, die dem Zwerg eher lang und kränkend vorkamen.

Diese Diskrepanz zwischen Sterblichen und Unsterblichen wird sich noch sehr viel gravierender in den Menschen von Numenor niederschlagen, wenn sie irgendwann anfangen, den Elben und Valar ihre Unsterblichkeit und Macht zu neiden. Der aufgebrachte Zwerg ist nur ein kleiner Vorbote dieses Konzepts, das laut Tolkien zu einem der wichtigsten Aspekte seiner Erzählungen gehört.

Durins Gattin, die Zwergenprinzessin Disa (Sophia Nomvete), bringt ihren sturen Mann schließlich dazu, Elrond doch noch zum Essen zu bitten und so kommt es allmählich zur Versöhnung zwischen den beiden. Hier stimmt eine ganze Menge: die wertvolle Freundschaft zwischen Elb und Zwerg, die schon viel miteinander durchgemacht zu haben scheinen und die beinahe Sitcom-mäßige Beziehung zwischen Durin und Disa, die zwar laut miteinander werden, einander aber wie Morticia und Gomez Addams absolut ergeben sind, so dass ihre Zwergenhaftigkeit niemals ins Lächerliche gezogen, sondern vielmehr gefeiert wird.

Auch ist es faszinierend, die beeindruckende Zwergenmetropole Khazad-dum einmal in voller Pracht zu erleben, ehe die Höhlen von Moria nur noch ein von Orks überlaufenes Grab im nächsten Zeitalter sind. Ganz abgesehen vom absoluten Soundtrack-Banger eines Tracks, den diese Location bekommen hat. Hier steht als Zeichen der Freundschaft mit dem Elb sogar ein Abkömmling der Bäume aus Lindon - und wie wichtig Bäume in der Symbolik Tolkiens sind, wissen wir ja spätestens seit dem Weißen Baum von Gondor oder durch die heiligen Leuchtbäume Telperion und Laurelin.

Fazit

Die ersten zwei Folgen von The Lord of the Rings: The Rings of Power beeindrucken nicht nur durch inspirierte Casting-Entscheidungen, einen kongenialen Soundtrack, märchenhafte Ausstattung, poetische Dialoge und tiefes Verständnis des Tolkien-Legendariums jenseits oberflächlicher Ästhetik. Es kommt fast alles auf magische Weise zusammen, die einen direkt zurück nach Mittelerde versetzt, ohne sich dabei zu sehr an Peter Jacksons Erfolgsformel zu orientieren.

Galadriel-Darstellerin Morfydd Clark ist ab der ersten Minute ein Eärendil-artiger Superstar - all shall love her and dispair! Jedoch ist sie nur die schillernde Spitze eines stabilen Casting-Bergs, der mit Robert Aramayo als Elrond, Ismael Cruz Cordova als Arondir oder Markella Kavenagh als Nori schon in den ersten zwei Stunden weitere Highlight-Performances bereithält.

Befürchtungen über die komprimierte Zeitlinie des Zweiten Zeitalters bleiben bestehen, die vielen Plot-Baustellen mit bedacht kuratierten Mysterien und unzähligen beweglichen Teilen der Erzählung lenken aber vorerst davon ab, auch wenn das Pacing manchmal etwas holprig und uneben wirkt. All das kann zugegebenermaßen auch für Leute mit Vorkenntnis der Mythologie ganz schön viel auf einmal sein und ist entsprechend schwierig in eine Struktur zu bringen - vor allem, wenn es keine direkte Vorlage in Romanform zu adaptieren gibt. Wenn hier aber etwas nicht fehlt, sind es Ambition und Liebe für das vorliegende Material.

Fünf Sterne der Amazon-Serie neu im Strom. Ein vielversprechender Start für 50 anstehende Stunden in Mittelerde.

Aktuelle Lieblingsbeiträge der Leser von Serienjunkies


Unsere Top 15 der besten Originalserien von Netflix 2022

Im September feiert Netflix seinen Geburtstag in Deutschland und bietet uns Jahr für Jahr die Gelegenheit, Revue passieren zu lassen. Die liebsten Eigenproduktionen der Serienjunkies-Redaktion stellen wir Euch in einem Ranking [mehr]

Von Nadja Spielvogel am Sunday, 2. October um 18.00 Uhr.

Heute neu: Staffel 11c von The Walking Dead bei AMC, ProSieben Fun und Disney House of the Dragon: Driftmark - Review
The Walking Dead: Lockdown - Review Heute neu: Interview with the Vampire bei AMC

Impressum & Nutzungsbedingungen | Datenschutz | Kontakt | Streamingcharts | FAQ | Mediadaten | Jobs | Wikipedia | Serienjunkies Merch | Serienjunkies bei Mastodon