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The Queen's Gambit: Openings - Review der Pilotepisode

The Queen's Gambit: Openings - Review der Pilotepisode

Kritik zum Start der Schachserie Das Damengambit bei Netflix

The Queen's Gambit (c) Netflix
The Queen's Gambit (c) Netflix

Auch wenn man die Schachserie The Queen's Gambit aka Das Damengambit bei Netflix noch nicht gesehen hat, kennt man sie trotzdem irgendwie. Sie erinnert an Filme wie Der Club der toten Dichter oder Good Will Hunting.

Der zweifach oscarnominierte Drehbuchautor Scott Frank („Out of Sight“, „Logan“) präsentiert mit The Queen's Gambit (hierzulande beworben als „Das Damengambit“) seine inzwischen zweite Netflix-Miniserie (die erste war das Westerndrama Godless). Unterstützung erhielt er von seinem britischen Kollegen Allan Scott („Regeneration“). Die Geschichte dreht sich um ein junges Schachgenie, gespielt von Anya Taylor-Joy („Split“, „The Witch“). Als Vorlage dient der gleichnamige Roman von Walter Tevis, der bereits 1983 erschien. Und tatsächlich merkt man auch der Adaption eine gewisse Betagtheit an...

Worum geht's?

In der Pilotepisode mit dem passenden Titel Openings erfahren wir zunächst die Backstory der Protagonistin Beth Harmon. Natürlich muss diese äußerst tragisch sein: Durch einen brutalen Autounfall wird sie zum Waisenkind und wächst in einer lieblosen Einrichtung auf. Als Außenseiterin hat sie nur einen Freund, nämlich den mürrischen Mr. Shaibel, gespielt von Bill Camp (The Night Of). Er ist es auch, der das Schachspiel in ihr Leben bringt und damit die Leere in ihrem Herzen füllt.

Mr. Shaibel gehört zu der Sorte Mentor, der sich die meiste Zeit extrem unfreundlich verhält, was seine seltenen Nettigkeiten umso wertvoller im Kontrast erscheinen lässt. Als Gesellschaft neigen wir ja eh dazu, solche Menschen mehr zu wertschätzen als diejenigen, die einfach immer nett sind. Und so ist auch Beth bald ganz fasziniert von ihm beziehungsweise mehr noch vom Schach selbst. Jeden Tag geht besucht sie ihren Spielpartner im Keller, wo sie meist wortlos ihre Partien durchziehen. Und auch nachts spielt sie in ihrem Träumen weiter. Und mit jedem Zug lernt sie dazu, bis sie bald unschlagbar wird.

Die Trope vom Naturtalent aus schwierigen Verhältnissen und dem unkonventionellen Lehrmeister war in Hollywood vor allem in den 90ern beliebt. Man denke auch an Filme wie „Der Duft der Frauen“ oder „Gottes Werk & Teufels Beitrag“, um nicht nochmal „Der Club der toten Dichter“ und „Good Will Hunting“ zu bemühen. Clint Eastwood hielt den Stoff aber auch bis ins neue Jahrtausend am Leben, durch Publikumserfolge wie „Million Dollar Baby“ oder „Gran Torino“. Und auch wenn es thematisch nicht hundertprozentig passt, schlagen „Die Verurteilten“ oder „Rain Man“ irgendwie in dieselbe Kerbe...

© IMAGO
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© Netflix
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Wie gesagt: Wenn man The Queen's Gambit schaut, hat man automatisch das Gefühl, das alles schon zu kennen. Was nicht unbedingt was Schlechtes sein muss, wenn man die genannten Filme mag und nicht zwangsläufig nach innovativen Strömungen sucht. Trotzdem hält sich die Netflix-Serie vielleicht ein bisschen zu sehr an die altbekannte Formel, indem sie selbst die Schwächen der Vorbilder nachahmt. Das größte Problem liegt meiner Meinung nach im Schachspiel selbst.

Eigentlich ist es etwas Wunderbares, wenn jemand sein kurzes Dasein auf dieser Erde einer Sache ganz und gar verschreibt, mit dem Ziel, der Beste aller Zeiten zu werden. Eine tolle Geschichte, vor allem für ein Land wie Amerika, das in Träumen wie diesen einen Teil seines Gründungsmythos sieht. Doch dummerweise schafft es Scott Frank nicht, Beths Schachbegeisterung nachvollziehbar zu vermitteln. Spielzüge werden einfach nur genannt, aber nicht eindringlich genug erklärt, dass man sie sich merken können oder wollen würde. Als Zuschauer kann man nicht mal richtig den Partien folgen, weil wir nie das ganze Brett sehen, sondern nur ein hastiges Hin-und-her-Geschiebe der Figuren. The Queen's Gambit ist leider keine Liebeserklärung an das Spiel der Könige. Es könnte genauso gut um jeden anderen Sport gehen und die Serie wäre kaum anders...

Fazit

Gerade in einer Serie sollte eigentlich genug Zeit sein, um wirklich tief in die Materie einzutauchen. Nach dem Pilot besteht die Befürchtung, dass Schach lediglich als Gimmick verwendet wird oder damit man clevere Folgentitel wie Hängepartie oder Endspiel einbauen kann. Über simples Namedropping geht es bislang nicht hinaus. Und ähnlich oberflächlich bleibt zunächst auch die Charakterzeichnung der Protagonistin. Wir wissen nur: Sie ist ein armes Waisenkind und ein Naturtalent in Schach. Und sie scheint eine dieser schwerfälligen Figuren zu sein, die niemals lachen oder Spaß haben. Die Serie nimmt sich also ziemlich ernst, doch gibt uns Zuschauern gleichzeitig nur wenig gute Gründe, sie ebenfalls allzu ernst zu nehmen.

Wie heißt es so schön? Stil über Substanz. So scheint der Serienschöpfer Scott Frank zumindest an The Queen's Gambit herangegangen zu sein. Und tatsächlich ist das Werk schön anzuschauen. Alles, was jedoch kritisiert wurde, kann auf jeden Fall noch besser werden. Schachmatt gesetzt ist die Serie noch nicht. Obwohl man sich natürlich fragen kann, ob eine Geschichte wie diese überhaupt noch in den Zeitgeist passt. Der einst unerschütterliche Glaube an den sogenannten American Dream scheint jedenfalls bei vielen Menschen verschwunden zu sein. Selbst die genannten Filmvorbilder wie „Good Will Hunting“ würden vermutlich nicht mehr ganz so enthusiastisch aufgenommen werden, wenn sie erst heute erschienen...

Hier abschließend noch der Trailer zur Netflix-Serie The Queen's Gambit:

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Bjarne Bock

Der Artikel The Queen's Gambit: Openings - Review der Pilotepisode wurde von Bjarne Bock am Uhr erstmalig veröffentlicht. Bjarne Bock hat bereits 8.013 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht. Eine Übersicht der Meldungen von Bjarne Bock

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