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The Politician: Kritik zur Politsatire von Ryan Murphy auf Netflix

The Politician: Kritik zur Politsatire von Ryan Murphy auf Netflix

The Politician (c) Netflix

Mit der knallbunten Politsatire The Politician erzählt Serienschöpfer Ryan Murphy die Geschichte eines ambitionierten Schülers, der um jeden Preis Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden will. So kurzweilig die überzeichnete Inszenierung ist, so gewöhnlich und oberflächlich stellt sich der Netflix-Neustart letztlich heraus.

Gut anderthalb Jahre ist es her, da holte das Streamingunternehmen Netflix einen wahrlich dicken Fisch an Land: Im Februar 2018 unterzeichnete Megaproduzent, Drehbuchautor und Regisseur Ryan Murphy einen millionenschweren Vertrag bei dem VoD-Anbieter, für den Murphy nun fünf Jahre lang exklusiv Serien und Spielfilme entwickeln soll. Der Wechsel einer der profiliertesten Serienmacher unserer Zeit von seiner ursprünglichen „Heimat21st Century Fox zu Netflix sorgte für Aufruhr in der Branche. Denn es ging eben um jemanden, der mit Titeln wie American Crime Story, American Horror Story, Glee, Nip/Tuck, Pose und etlichen Publikumsgaranten mehr, mit Preisen überhäufte TV-Produktionen und geschätzte Kritikerlieblinge geschaffen hat. Und Murphy selbst hatte eine neue Leinwand in Aussicht, auf der er sich ohne Limitierungen in der boomenden Streaminglandschaft austoben könnte.

Eines der ersten Projekte, die Ryan Murphy für seinen neuen Arbeitgeber angeschoben hat, ist The Politician, das am heutigen Freitag, den 27. September seine Weltpremiere feiert. Hierfür hat er sich abermals mit Brad Falchuk und Ian Brennan zusammengeschlossen, mit denen er auch bereits schon die Highschool-Musical-Serie „Glee“ entworfen hatte. Netflix machte sofort Nägel mit Köpfen und gab gleich zwei Staffeln von „The Politician“ in Auftrag, was den Machern hinter diesem Format angenehme Planungssicherheit gegeben hat, in welche Richtung sich ihre Serie mittelfristig entwickeln soll. In seiner ersten Staffel mischt es eine Politsatire mit einer Prise Coming-of-Age-Elementen ab. In dieser wirken wiederum zahlreiche große Namen mit, von denen nicht wenige alte Bekannte Murphys sind. Angeführt wird der außerordentlich namhafte Cast indes von dem mit dem Tony Award ausgezeichneten Broadway-Darsteller Ben Platt („Dear Evan Hansen“), der die Titelrolle spielt, den hochambitionierten Payton Hobart, der alles für seinen Traum gibt.

Bricht man „The Politician“ auf diese Eckdaten und Rahmeninformationen herunter, bekommt man einen sehr einfachen ersten Eindruck von dem Netflix-Neustart. Doch Serien aus dem „House of Murphy“ sind selten einfach nur „einfach“. Murphy ist bekannt für einen ganz bestimmten Stil der Inszenierung. Dafür, dass es auch schon mal sehr wild und campy zugehen kann, dass seine Figuren größer als das Leben selbst sind und in ihren überzeichneten, extremen Charakteren letztlich ein leicht verwundbares, kompliziertes Herz und mitreißende Emotionen schlummern. Dabei zeichnet Murphys Erzählweise stets ein hohes Tempo aus, seine Serien sind eben auch so beliebt, weil sie kurzweilig sind, weil sie über die Stränge schlagen, weil sie dorthin gehen, wo es sich nicht viele trauen hinzugehen, da es eventuell sehr schmerzhaft und schrecklich unangenehm sein könnte.

Diese Philosophie und Grundidee treibt den einflussreichen Serienmacher an, der sich gezielt mit anderen kreativen Menschen umgibt, die seine Vision nicht nur teilen, sondern denen er es auch ermöglichen möchte, ihre eigene, distinktive Vorstellung einer originellen Geschichte zum Leben zu erwecken. Langeweile ist dabei ein absolutes Tabuwort - lasst es laut und zügellos, bunt und kontrovers, intim und völlig unberechenbar sein. Egal, welche Welten kollidieren und welche Einfälle letztlich vielleicht viel zu skurril erscheinen - Grenzen gibt es keine. Deshalb ist es auch immer wieder so erfrischend, wenn man sich eine neue Serie anschaut, an der Ryan Murphy in irgendeiner Kapazität mitgewirkt hat. Die Qualität mag zwar variieren, doch der Stil ist in den meisten Fällen sehr eigen und auffällig, sich abhebend von den gewohnten Dingen, die man sonst so in der Flimmerkiste sieht.

Der Stil von „The Politician“ ist ebenfalls sehr eigen und hebt sich ab, selbst wenn man nicht umherkommt, relativ schnell Parallelen zu Wes Anderson und dessen puppenhausartigen „Modus Operandi“ als Filmemacher zu ziehen, der hier stark mit kaubonbonfarbigen, grellbunten Tönen angereichert wird. Und zu Beginn der achtteiligen ersten Staffel weht definitiv auch ein frischer Wind durch diese Serie, die ihren Zuschauern nur wenige Verschnaufpausen gönnt und über eine vergleichsweise hohe Schlagzahl verfügt, wodurch man gewissen Längen geschickt vorbeugen kann. Hinter dieser sehr ansehnlichen, oftmals turbulenten und durchaus schrägen Fassade verbirgt sich... Nun, leider nicht allzu viel. Oder zumindest weitaus weniger, als man gedacht hätte. Und das überrascht. Weil man von Ryan Murphy anderes gewohnt ist. Und weil „The Politician“ für seine Verhältnisse unerwartet gewöhnlich, phasenweise sogar irritierend handzahm und viel zu oft viel zu oberflächlich ist.

© Netflix
© Netflix

Slow down, you crazy child

Dabei ist es ein Hin und Her mit dieser Serie, die bei all ihren Makeln erstaunlich viel Spaß machen kann. Der Großteil der Staffel dreht sich um den unerbittlichen Wahlkampf, den sich Payton an seiner Highschool im feinen Santa Barbara an der kalifornischen Küste mit seinen Widersachern um den Posten als oberster Schülervertreter bietet. Dass es sich hier um (privilegierte) Jugendliche handelt, an deren Leben wir als Zuschauer teilnehmen, ist recht schnell vergessen. Die politischen Machtspiele nehmen rasch ein lächerliches Ausmaß an und so gelingt es anfänglich, mit der richtigen Dosis an Überspitzung den einen oder anderen beißenden Kommentar unterzubringen, was das politische System in den USA konkret, politische Mechanismen im Allgemeinen oder auch Teilaspekte wie einen fatalen Personenkult angeht. In den ersten Episoden hat The Politician auf seine ganz eigene, farbenfrohe, aber auch groteske Art und Weise etwas zu sagen, wenngleich diese Aussagen nicht wirklich neu oder wahnsinnig erleuchtend sind. Die schmissige Verpackung ist jedoch Trumpf.

Im weiteren Verlauf der ersten Staffel fällt aber auf, dass die Serie nur selten über den Punkt hinausgeht, sich wirklich mit den absurden Eigenheiten der Politik geschweige denn mit den Charakteren auseinanderzusetzen, die die hier gezeigte Welt bevölkern. Einzig Payton bekommt ein Profil verpasst und selbst bei ihm fragt man sich zwischendurch, was ihn eigentlich zu so einem guten politischen Kandidaten macht. Letztlich treiben ihn große Ambitionen und ein ungesundes Selbstverständnis seines vorgezeichneten Weges an, worin ein Stück weit natürlich auch die Moral der Geschichte liegt. Die tonalen Schwankungen zwischen den Versuchen, smarte, gesellschafts- und politikkritische Kommentare in einem jugendlich-frischen Gewand einzubauen und gleichzeitig eine Form von Charakterstudie seiner von außen so perfekten, aber innerlich dysfunktionalen Hauptfigur zu präsentieren, machen sich immer wieder bemerkbar. „The Politician“ möchte so viele verschiedene Dinge auf einmal erreichen und hat schlussendlich damit zu kämpfen, auch nur eine Sache wirklich überzeugend abzubilden.

Das Ganze fühlt sich oftmals wie eine unausgewogene „Greatest Hits“-Sammlung von Ryan Murphy an, in dem die gewagtesten, wildesten Songs fehlen, es dafür aber an unspektakulären Klassikern nicht mangelt. Ja, es ist ein Meckern auf gehobenem Niveau, doch es verwundert eben schon sehr, wenn es den Machern nicht gelingt (oder sie kein Interesse daran haben), die Menschen um Payton herum über ihr primäres Merkmal hinaus zu ergründen. Es ist ja nicht so, dass diese Charaktere und die Darbietungen ihrer Darstellerinnen und Darsteller nicht unterhaltsam wären, oft genug ist das blanke Gegenteil der Fall. Grundsätzlich wird aber zumeist nur an der Oberfläche gekratzt oder Zeit in einen Nebenplot investiert, der letztlich nirgendwo hinführt. Die fantastische Introsequenz steht indes schon fast exemplarisch für die gesamte Serie: Man schnitzt sich einen glatten Supermenschen, füllt diesen mit allerlei Eigenschaften und schüttelt einmal gut durch. Versucht man diese Person wieder zu öffnen, fällt wiederum auf, dass sich nur Konzepte in dieser befinden, aber eigentlich kein wirklicher Charakter.

Diese Botschaft dürfte von den Serienschaffenden beabsichtigt sein, es ist jedoch völlig unnötig, den absoluten Großteil der Staffel damit zu verbringen, uns diese simple Entwicklung der Hauptfigur mundgerecht zuzubereiten. Alles, was abseits von Payton geschieht oder ihn nur peripher berührt, vermittelt den Eindruck einer seltsamen Karikatur, ob es nun das in Wahrheit tief unglückliche Leben seiner Konkurrentin Astrid (Lucy Boynton) oder aber der Nebenkriegsschauplatz um Paytons todkranke Mitschülerin Infinity Jackson (Zoey Deutch) ist, die gar nicht wirklich todkrank ist und unwissentlich von ihrer Großmutter Dusty (keine Ryan-Murphy-Serie ohne seine Muse Jessica Lange...) misshandelt wird, welche wiederum unter dem Münchhausen-Stellvertretersyndrom leidet. Diese Geschichte orientiert sich recht offensichtlich an dem wahren Fall um Dee Dee und Gypsy Rose Blanchard (siehe The Act mit Patricia Arquette und Joey King), doch wie so vieles in „The Politician“ ist das alles auch nur ein Vehikel beziehungsweise ein Instrument und Werkzeug, um der Titelfigur den Weg zu weisen.

Kein Vorwurf an Ben Platt, der ebenfalls als ausführender Produzent involviert ist und mehr als einmal sein Talent als Sänger wunderbar unter Beweis stellen darf. Platt stellt ein grundsolides Zugpferd für die Erzählung dar, doch wirklich interessant wird es eigentlich erst in der allerletzten Episode der Staffel, die sich fast schon wie eine Art Auftaktfolge der bereits bestellten zweiten Staffel anfühlt. Staffel eins war für Payton ein formschönes Scheitern, eine Lehrstunde, eine Läuterung. In Staffel zwei kann man nun mit diesem neuen Charakter arbeiten, dessen Etablierung zwar gelungen ist, jedoch keinesfalls so breitgetreten hätte werden müssen. Dadurch hat man nur Zeit für andere Figuren verloren, die sich hier tummeln. Warum hat man denn sonst einen so spannenden Cast, aus dem sich Gwyneth Paltrow in ihrer Rolle als Paytons Adoptivmutter Georgina noch am ehesten aufdrängen kann, versammelt, wenn man diesen nur sporadisch oder gar halbherzig nutzt? Das ist schlichtweg ärgerlich, denn der Fokus auf Payton - verständlicherweise, er spielt nun mal den titelgebenden „politician“ - bedeutet nicht automatisch, dass sich wirklich alles um ihn drehen muss.

So hat sich bei mir am Ende von The Politician ein wenig Frust aufgestaut, weil man förmlich dabei zusehen kann, wie Potential ungenutzt bleibt und man obendrein viel zu selten den anfangs erwähnten Schritt in die Richtung geht, in der es wehtut. Es gibt so einiges, was ich an der ersten Netflix-Produktion von Ryan Murphy schätze. Die tolle Musikauswahl, die zahlreichen skurrilen Momentaufnahmen, der peppig-poppige visuelle Stil, die effektive Realsatire, wenn sie denn mal funktioniert, und uns allen gekonnt den Spiegel vorhält, wie absurd das alles doch eigentlich ist (siehe Episode fünf, The Voter, die in dieser Hinsicht heraussticht). Im Großen und Ganzen passt das Format perfekt in den Katalog von Netflix und wird allen voran bei einem jungen Publikum offene Türen einrennen. Das Gesamtresultat ist letzten Endes aber nicht mehr als „nett“ und ungewöhnlich gewöhnlich, wenn auch sehr kurzweilig und dabei auch wirklich nie trocken. Es fehlt „The Politician“ dennoch zu oft der entscheidende Biss, die konkrete Vision, was man bewirken und seinem Publikum mitgeben möchte. Vielleicht ja in Staffel zwei...

Hier abschließend noch der Trailer zu „The Politician“:

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Felix Böhme

Der Artikel The Politician: Kritik zur Politsatire von Ryan Murphy auf Netflix wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht.

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