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Lost: Wer einmal lügt...

Review zu 6x08 „Recon“

Was kann man Sawyer glauben, was nicht? Und für welche Seite wird er sich am Ende entscheiden?  / (c) 2006 ABC
Was kann man Sawyer glauben, was nicht? Und für welche Seite wird er sich am Ende entscheiden? / (c) 2006 ABC

...dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht. So sagt es der Volksmund. Und in der neuesten Folge von Lost gilt das gleich in doppelter Hinsicht: Denn nicht nur die Glaubwürdigkeit von Fake-Locke, sondern auch (wieder mal) die von Sawyer werfen Fragen auf.

SPOILER! SPOILER! SPOILER!

Inhalt

2004, L.A.-Realität:
Sawyer, der alte Gauner: Da hat er gerade mit einer jungen Dame das Bett geteilt, da springt ihm beim Aufstehen „aus Versehen“ ein Geldkoffer auf. Besagte Bettgespielin vermutet jedoch sofort, dass Sawyer sie mit einem Trick hereinlegen will. Ihr Gatte sei genauso ein Betrüger wie er. Sie zieht eine Pistole und bedroht ihn. Sawyer erklärt ihr jedoch, dass der ganze Raum verwanzt sei - und draußen die Polizei warte. Es gehe den Cops nur darum, dass sie beide sie zu ihrem Mann führen. Die Frau hält das wiederum für einen Trick. Doch da spricht Sawyer das Codewort („La Fleur“!!!) und ein Trupp bewaffneter Polizisten stürmt herein. Unter ihnen Miles, der Sawyer seine Dienstmarke zuwirft.

In diesem Universum hat sich wirklich Einiges verändert: Sawyer ist nicht länger ein Betrüger, sondern Polizist!

Darüber hinaus ist er allerdings immer noch ein zutiefst einsamer und gequälter Mensch. Denn auch in dieser Realität ist er auf der Suche nach jenem Anthony Cooper, der seine Eltern in den Tod getrieben hat. Davon weiß jedoch niemand. Auch nicht sein Partner Miles, der zwar ahnt, dass etwas mit Sawyer nicht stimmt (so findet er heraus, dass dieser heimlich in Australien gewesen ist), ihn aber zunächst nicht dazu bewegen kann, sich ihm gegenüber zu öffnen. Das geht schließlich sogar soweit, dass Miles ihm die Partnerschaft kündigt.

Dabei hat sich Miles so viel Mühe gegeben - und Sawyer sogar ein Date mit der hübschen Charlotte - ja, ganz genau unserer, mittlerweile verblichenen Insel-Charlotte ! - verschafft. Ihr gegenüber offenbart er immerhin, dass es einen Punkt in seinem Leben gegeben habe, an dem er entweder ein Krimineller oder ein Polizist hätte werden können. Dieses Geständnis beeindruckt Charlotte so sehr, dass er auch mit ihr in den Federn landet. Als sie jedoch auf der Suche nach einem T-Shirt auf eine Mappe mit der Aufschrift „Sawyer“ und ein Foto von ihm und seinen Eltern stösst, schmeisst er sie hochkant aus der Wohnung.

Später, nach einem Abend vor dem Fernseher und einer Folge von Little House on the Prairie mit dem wunderbar versöhnlichen Michael Landon, will er sich bei Charlotte entschuldigen. Doch nun ist sie es, die ihn abweist.

Schließlich wendet er sich an Miles und offenbart ihm sein Geheimnis. Wegen der Suche nach Anthony Cooper sei er in Australien gewesen. Und wenn er Cooper finde, so Sawyer, dann werde er ihn umbringen. Miles will wissen, warum Sawyer ihm das überhaupt erzählt. Und Sawyer meint: Damit er es ihm ausreden könne.

Bevor sie ihr Gespräch fortsetzen können, nehmen die Ereignisse jedoch eine unerwartete Wendung, als sie von einem Auto gerammt werden, das sich offensichtlich auf der Flucht vor einem Streifenwagen befindet. Der Fahrer sucht das Weite. Sawyer und Miles machen sich jedoch gemeinsam auf die Verfolgung - und bekommen ihn schließlich zu fassen. Nur dass es sich bei ihm nicht um einen „ihn“ handelt, sondern um Kate, in der Sawyer ganz offensichtlich die Frau wiedererkennt, der er vor wenigen Tagen am Flughafen schon mal bei der Flucht behilflich gewesen ist...

2007, Insel-Realität:


Verfolgt darf sich Kate auch auf der Insel fühlen. Denn kaum haben Fake-Locke und seine Gefolgschaft Lager bezogen, da macht Claire aus ihrer Ankündigung Wirklichkeit und überfällt Kate hinterrücks mit dem Messer - in eindeutig mörderischer Absicht. Kate kann sich des von Wahnsinn getriebenen Angriffs kaum erwehren. Und auch Sayid ist keine große Hilfe. Er bleibt seelenruhig sitzen, während Kate um ihr Leben kämpft.

Es ist schließlich ausgerechnet Fake-Locke, der Claire von Kate wegzieht - und ihr sogar eine langt, um sie zur Raison zu bringen. Er erklärt, dass sein Versprecher, alle seine Gefolgsleute sicher von der Insel zu führen, auch für Kate gelte. Diese ist angesichts des Hasses, der ihr von Claire entgegenschlägt, völlig fix und fertig. Fake-Locke gibt sich auffallend besorgt um Kate. Ganz deutlich versucht er ihr Vertrauen zu gewinnen, als er ihr von seiner eigenen Mutter erzählt, deren Wahnsinn zu einigen der Probleme geführt habe, mit denen er noch heute kämpfe.

Kate ist ganz offenkundig - genau wie wir als Zuschauer - unsicher, was sie von dieser Offenbarung halten soll. Zumal Fake-Locke mit unheilschwangerem Ton hinzufügt, dass nun auch Aaron eine wahnsinnige Mutter hätte. Was unser Misstrauen noch weiter nährt: Gegenüber Kate gesteht Fake-Locke, der sich in dieser Folge zum ersten Mal explizit als das Rauchmonster outet, freimütig ein, dass er Claire mit der Lüge, die Anderen hätten Aaron entführt, bei Laune und auf ein Ziel hin fokussiert gehalten habe.

Nicht nur Jacob, sondern auch Fake-Locke versteht sich also bestens auf die Kunst der Täuschung und der Manipulation. In dieser Hinsicht kann ihm höchstens Sawyer das Wasser reichen. Dieser wird von Fake-Locke auf die Hydra-Insel geschickt, um die Überlebenden des Ajira Airways-Absturzes auszukundschaften. Auf der Nachbarinsel findet Sawyer aber zunächst nur einen fein säuberlich zurecht gelegten Leichenberg vor. Er entdeckt jedoch, wie eine Frau durch den Dschungel läuft. Zoe, so stellt sie sich ihm vor, nachdem er sie eingeholt hat, sagt, dass sie die einzige Überlebene sei. Sie wüsste selbst nicht, was mit den anderen passiert ist. Doch Sawyer glaubt ihr kein Wort. Als sie gemeinsam zum Strand gehen, um zur Hauptinsel hinüberzusetzen, erkennt er an ihren Fragen, dass sie auf der gleichen Mission ist wie er: Auskundschaftung.

Als er sie damit konfrontiert, stößt Zoe einfach nur einen Pfiff aus. Und schon sind sie von einigen Bewaffneten umringt, die Sawyer zu einem U-Boot führen, in dem er nicht nur eine schwer gesicherte Kammer, sondern natürlich auch Charles Widmore vorfindet, an dessen Name Sawyer wegen des Söldnern-Trupps aus Staffel 4 noch die schlechtesten Erinnerungen hat. Widmore leugnet zwar nicht direkt, für den Tod der Flugpassagiere verantwortlich zu sein. Mit Sawyers Vorwurf konfrontiert, erklärt er jedoch, dass Sawyer überhaupt keine Ahnung hätte, was hier überhaupt vor sich geht. Dabei darf auf dem Hintergrund der vergangenen Folgen allerdings durchaus in Frage gestellt werden, ob Widmore das selbst überhaupt so genau weiß.

Sawyer bietet Widmore an, Fake-Locke an ihn auszuliefern, wenn er, Sawyer, und die Seinen dafür freien Abzug von der Insel erhalten. Mit einem fast unmerklichen Lächeln, von dem höchst unklar ist, was es zu bedeuten hat, geht Widmore auf den Vorschlag ein. Sawyer kehrt zur Hauptinsel zurück. Doch statt Fake-Locke die Lüge aufzutischen, dass drüben alles in Ordnung sei, berichtet er ihm haarklein von seiner Vereinbarung mit Widmore. Und erzählt auch, dass dessen Leute die Ultraschall-Apparaturen aufbauen, mit denen die Dharma-Initiative sich das Rauchmonster vom Leib gehalten hatte.

Sawyer schlägt Fake-Locke vor zuzuschlagen, solange das Überraschungsmoment auf ihrer Seite ist. „I'm with Locke.“ Dieser Satz, den Sawyer am Anfang der Folge spricht, scheint sich tatsächlich zu bewahrheiten. Oder auch nicht. Denn als er später Kate am Lagerfeuer trifft, offenbart er ihr einen ganz anderen Plan. Er will das Tohuwabohu der Auseinandersetzung zwischen Fake-Locke und Widmore nutzen, um gemeinsam mit Kate abzuhauen. Ihrem Einwand, dass sie kein Flugzeug steuern können, begegnet er damit, dass er ihr erklärt, dass sie ja auch stattdessen das U-Boot nehmen werden...

Kritik

Recon war eine faszinierende Folge, wenngleich nicht ganz ohne Schwächen. So brillant die Volte zu Beginn war, dass aus Sawyer im Alternativuniversum ein Polizist geworden ist, so vorhersehbar waren manch andere Szenen gestaltet: Vor allem Zoe agierte von Beginn an derart unglaubwürdig, dass es äußerst schwer fiel, auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sie nicht lügt. Echte Spannung im Sinne von Unsicherheit konnte hier nicht aufkommen.

Und die Szene mit dem Spiegel in der Polizei-Umkleide? Der Schlag ins eigene Spiegelbild ist nun wirklich dermaßen klischeebehaftet, dass die Lost-Macher davon doch besser Abstand genommen hätten.

Trotzdem könnte ich nicht sagen, dass mich die Folge schlecht unterhalten hätte. Grund dafür war vor allem das Spiel mit Wahrheit und Täuschung, welches von Fake-Locke und Sawyer so deliziös dargeboten wird. Ist die Geschichte, die Fake-Locke Kate erzählt, nur ein geschicktes Manöver, um sie auf seine Seite zu ziehen? Oder verbirgt sich dahinter eine tiefere Wahrheit? (Ein irrer Gedanke, der mir durch den Sinn ging: Was ist, wenn Fake-Locke/Rauchmonster ein irgendwie durch die Zeit gereister und mutierter Aaron wäre...?)

Genauso undurchschaubar ist das Spiel, welches Sawyer mit Fake-Locke und Widmore spielt. Wenngleich sein Plan, gemeinsam mit Kate das U-Boot zu kapern, etwas weit hergeholt scheint. Schließlich können sie beide ein Unterwasserfahrzeug genauso wenig steuern wie ein Flugzeug. Und ob es ihnen wirklich gelingen kann, das U-Boot samt Besatzung in ihre Gewalt zu bringen, lässt einen ebenfalls skeptisch die Augenbrauen heben. Es sei denn natürlich: Auch das ist nicht die Wahrheit. Und Sawyer spielt auch Kate gegenüber ein doppeltes Spiel.

Nicht ganz wahrscheinlich. Aber angesichts der abweisenden Haltung, die er ihr gegenüber noch in What Kate Does eingenommen hat, auch nicht unmöglich.

Sehr schön gelöst wurde die Integration von Miles, Charlotte und auch Charlies Bruder in der L.A.-Realität. Von herrlich augenzwickernder Ironie ist auch der Moment, als Sawyer durch eine Fernsehserie seinen Sinneswandel vollzieht.

Fazit

Nicht ganz so stark wie einige der vorangegangen Folgen, trotzdem mit sehr guten Momenten, die die Handlung mehr und mehr auf die große Konfrontation festzurren.

Christina Greiner

Der Artikel Lost: Wer einmal lügt... wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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