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Lost: Kain und Abel?

Review zu 6x15 „Across the Sea“

Kain und Abel? Jacob und Esau? Romulus und Remus? Ihr Verhältnis hat viele Vorbilder...  / (c) 2009 ABC
Kain und Abel? Jacob und Esau? Romulus und Remus? Ihr Verhältnis hat viele Vorbilder... / (c) 2009 ABC

Jede Frage, die ich beantworte, führt zu neuen Fragen. Selten hat eine Figur in Lost so treffend zusammengefasst, was das Erzählprinzip der Serie zu sein scheint. Nur noch anderthalb Wochen bis zum Finale - und die Verwirrung könnte nicht größer sein.

SPOILER! SPOILER! SPOILER!

Inhalt

Irgendwann zu Zeiten der Römer: Eine junge Frau wird nach einem Schiffsunglück an den Strand einer Insel gespült. Die hochschwangere Frau kämpft sich ins Innere der Insel vor, wo sie einen tiefen Dschungel vorfindet. Dort trifft sie auf eine Frau, die sie auf Lateinisch anspricht und ihr Hilfe anbietet. Die Schwangere lässt sich von ihr in eine Höhle führen, wo die ältere Frau ihr zu Essen gibt und ihre Wunden versorgt. Auf die Fragen der Schwangeren reagiert die Frau nur ausweichend. Immerhin so viel gibt sie preis: Auch sie ist nur durch einen Zufall auf der Insel gelandet.

Da setzen bei der jungen Frau, die sich als Claudia vorstellt, auf einmal die Wehen ein - und sie bringt einen Jungen zur Welt. Sie gibt ihm den Namen Jacob. Doch zu ihrer eigenen Überraschung ist sie noch nicht fertig. Denn kurze Zeit später gebärt sie einen zweiten Sohn. Da sie keine Ahnung hatte, dass sie Zwillinge erwartet, hat sie für ihn noch keinen Namen bereitet. Die ältere Frau umsorgt die beiden Babys. Claudia will ihre Jungen sehen, doch die Frau entschuldigt sich nur bei ihr, dann greift sie nach einem Stein und erschlägt die junge Mutter.

Ein paar Jahre später: Jacob und sein Bruder sind inzwischen in der Pubertät. Und schon hier werden deutliche Unterschiede in der Farbwahl ihrer Oberbekleidung sichtbar. Und das ist nicht die einzige Differenz zwischen ihnen. Der Junge in Schwarz hat am Strand ein altes ägyptisches Brettspiel gefunden, welches mit weißen und schwarzen Steinen gespielt wird. Er will zusammen mit Jacob spielen, doch dieser fürchtet, dass ihre Mutter etwas dagegen haben könnte. Als ihre vermeintliche Mutter Jacob später fragt, was sie getan haben, verrät er ihr, dass sie gespielt haben. Er kann einfach nicht lügen.

Dem Jungen in Schwarz gegenüber offenbart sie, dass sie ihn das Spiel mit Absicht hat finden lassen. Er hatte geglaubt, dass es vielleicht angespült worden sei und von irgendwo jenseits des Meeres stamme. Doch seine Mutter behauptet, dass es nichts außer der Insel gäbe. Und dass sie drei die einzigen Menschen auf der Insel seien. Das stellt sich jedoch schon sehr bald als falsch heraus. Jacob und der Junge in Schwarz entdecken, dass es noch andere Leute auf der Insel gibt. Als sie ihre Mutter damit konfrontieren, verbindet sie ihnen die Augen und führt sie zu einer Stelle, wo der Fluss in einer Höhle verschwindet. Aus dem Erdreich strahlt warmes Licht in die Höhe.

Die Frau sagt ihren Jungen, dass es sich um ein Licht handelt, welches jeder Mensch in sich trägt. Doch die Menschen wollen mehr davon. Wenn sie es jedoch versuchen, an sich zu bringen, dann verlöscht es - und zwar nicht nur hier, sondern überall auf der Welt. Sie schärft ihren Jungen ein, dass einer von beiden, später, wenn sie nicht mehr da ist, dieses Licht vor den anderen Menschen bewachen muss. Denn die Anderen sind böse. Sie zerstören und sie korrumpieren. Deshalb dürfen sie sich auf keinen Fall mit ihnen abgeben. Als Jacob einwendet, dass sie doch auch Menschen seien und dass sie sich auch verletzen könnten, sagt die Frau zu ihm und seinem Bruder, dass sie es so eingerichtet habe, dass die beiden sich gegenseitig keinen Schaden zufügen können.

Diese Behauptung wird schon sehr bald auf die Probe gestellt: Denn der Junge in Schwarz hat eine Erscheinung seiner wirklichen Mutter. Sie erzählt ihm, dass die Frau sie getötet hat. Zum Beweis führt sie ihn auf die andere Seite der Insel, wo die Überlebenden der Schiffskatastrophe, der sie selbst zum Opfer gefallen ist, mittlerweile eine richtige kleine Dorfgemeinschaft errichtet haben. In der Nacht packt der Junge seine Sachen und weckt seinen Bruder Jacob. Er will gemeinsam mit ihm verschwinden und zu den Leuten gehen. Er ist davon überzeugt, dass die Frau, die sie bislang für ihre Mutter gehalten haben, sie nur angelogen hat. Jacob will davon nichts wissen - und schlägt auf seinen Bruder ein.

Da kommt die Frau und trennt die beiden voneinander. Der Junge in Schwarz wirft ihr vor, dass sie seine wirkliche Mutter ermordet habe. Die Frau widerspricht ihm nicht. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als den Jungen ziehen zu lassen. Jacob will später von ihr wissen, ob sein Bruder die Wahrheit gesagt hat. Und sie gibt zu, dass sie die Mutter der beiden getötet hat. Als Grund gibt sie an, dass sie die beiden sonst zu den bösen Leuten gebracht hätte. Sie, die Frau, habe jedoch gewollt, dass die beiden gut bleiben. Und genau das sei Jacob: gut. Daraufhin will er jedoch von ihr wissen: Wenn er so gut ist, warum liebt sie seinen Bruder dann mehr als ihn?

Sie redet sich heraus, dass sie die beiden lediglich auf unterschiedliche Weise liebe. Sie fleht Jacob an, bei ihr zu bleiben. Und er verspricht, das auch zu tun. Jedenfalls für eine Weile...

Dreißig Jahre später: Jacob und der Junge in Schwarz sind mittlerweile erwachsene Männer. Jacob lebt mit seiner Mutter zusammen, der Mann in Schwarz bei der Gruppe der Überlebenden. Trotzdem kommen sie dann und wann zusammen, um weiter ihr Brettspiel zu spielen. Der Mann in Schwarz ist ganz beseelt von dem Gedanken, die Insel zu verlassen. Und er glaubt auch, einen Weg gefunden zu haben, wie das möglich ist: Zusammen mit den klügsten Köpfen seiner Gruppe ist ihm aufgefallen, dass es bestimmte Plätze auf der Insel gibt, an denen sich Metall ganz merkwürdig verhält. Überall dort haben sie Brunnen gegraben, um an das Licht zu gelangen, welches die Frau den beiden Brüdern gezeigt hat, als sie noch Kinder waren.

Jacob will die Insel nicht verlassen, da sie sein Zuhause ist. Das empfindet der Mann in Schwarz allerdings ganz anders.

Während er in einem der Brunnen arbeitet, erhält er Besuch von seiner falschen Mutter. Er erzählt ihr, dass er endlich weiß, wie er von der Insel runterkommen kann. Er hat eine Stelle gefunden, an der das Licht durch die Wand des Brunnens hindurchbricht. Dort will er eine Apparatur installieren, zu dem auch ein mächtiges Holzrad gehört, mit dem er das Licht und das Wasser kanalisieren kann. Als die Frau ihn fragt, wie er auf all das gekommen sei, erwidert er, dass er etwas Besonderes sei. Genau so, wie sie es ihm gesagt hat, als er noch ein Kind war. Da es Zeit ist, Abschied zu nehmen, umarmen die beiden sich ein letztes Mal. Die Frau nutzt die Gelegenheit jedoch dazu, den Mann in Schwarz auszuknocken.

Am Abend führt sie Jacob zu der Stelle, wohin sie ihn und seinen Bruder auch schon als Kinder gebracht hatte. Dort macht sie ihm klar, dass er niemals zu dem Licht hinabsteigen darf. Das Ergebnis wäre schlimmer als der Tod. Sie bittet ihn, die Verantwortung als Wächter dieses Ortes zu übernehmen. Sie will den Kelch an ihn weiterreichen. Und das meint sie wortwörtlich: Sie holt die Weinflasche aus Ab Aeterno hervor - und reicht Jacob einen Becher des Weins, über den sie vorher eine lateinische Formel gesprochen hat. Damit ist die Initiation von Jacob abgeschlossen.

Am Morgen erwacht der Mann in Schwarz aus seiner Bewusstlosigkeit und muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass der Brunnen zerstört und zugeschüttet wurde. Als er in das Dorf der Gestrandeten kommt, stehen die Behausungen in Flammen - und alle Menschen dort sind tot. Er ahnt, wer das getan hat.

Er stattet der Frau, die sich früher als seine Mutter ausgegeben hat, einen Besuch in ihrer Höhle ab - und rammt ihr sein Messer in den Rücken. Sie wendet sich zu ihm um, sagt ihm, dass sie ihn liebt - und bedankt sich bei ihm, bevor sie stirbt. Jacob findet seinen Bruder über den Leichnam der Frau gebeugt - und rastet aus. Er schlägt den Mann in Schwarz zusammen, dann führt er ihn zum Fluss. Wenn er die Insel verlassen wolle, so Jacob, dann könne er ihm dabei gerne helfen. Mit diesen Worten schleudert er seinen Bruder gegen einen großen Stein im Wasser und sieht dabei zu, wie der reglose Körper vom Fluss fortgetrieben wird - in die Höhle mit dem Licht.

Nur wenige Augenblicke später saust ein mächtiger schwarzer Rauch aus der Höhle heraus und fegt über Jacob hinweg. Dieser folgt der Bahn, den der Rauch genommen hat - und findet den Leichnam seines Bruders in einer Astgabel.

Jacob beerdigt seinen Bruder und seine vermeintliche Mutter gemeinsam in der Höhle, wobei er ihm einen Beutel mit einem schwarzen und einem weißen Stein als Grabbeilage in die Hand drückt. Damit verabschiedet er sich von seinem Bruder. Zu diesem Zeitpunkt ahnt wohl selbst er noch nicht, dass die beiden Skelette Jahrhunderte später von Jack, Kate und Locke gefunden und als „Adam und Eva“ der Insel bezeichnet werden würden... (The House of the Rising Sun).

Kritik

Verwirrung, völlige Verwirrung. Das ist das Resultat von Across the Sea. Und - zum ersten Mal seit langem - ein wenig Angst, ob sich die Handlung wirklich in den nächsten anderthalb Wochen zufriedenstellend auflösen lässt. Die halbe Stunde extra beim Finale hin oder her.

Denn, was die aktuelle Folge den Zuschauern zumutet, ist schon starker Tobak. Das bezieht sich noch nicht einmal so sehr auf den ungewöhnlichen erzählerischen Kniff, eine Folge zu machen, die (abgesehen von einem kurzen Flashback bzw. FlashForward) fast gänzlich ohne die Hauptfiguren auskommt. Im Gegenteil: Das kann, wie schon Ab Aeterno unter Beweis gestellt hat, ganz unterhaltsam sein.

Nein, es ist der fortgesetzte Gestus der Lost-Autoren jede Antwort, die sie geben, gleich wieder in eine neue Frage zu verwandeln, welcher so kurz vor dem Finale den geneigten Zuschauer schon etwas unruhig stimmen kann.

Sicherlich: Es werden Antworten gegeben. Wir erfahren etwas über den Ursprung der Brunnen, über das Holzrad, wir sehen, wie Jacob zum Hüter der Insel wurde und was den Mann in Schwarz antreibt, die Insel um jeden Preis zu verlassen. Und wir wissen jetzt, dass der Junge, der Fake-Locke schon ein paar Mal erschienen ist, also das Abbild von Jacob in jungen Jahren ist. Das ist schon eine ganze Menge. Von der - wenn auch etwas holprigen Erklärung - für „Adam und Eva“ aus The House of the Rising Sun ganz zu schweigen (holprig deshalb, weil Jack in der betreffenden Folge schätzt, dass die Skelette seit etwa 50 Jahren dort liegen - und nicht seit 2050 Jahren... Aber gut, was weiß er schon als Chirurg?).

Das steht jedoch in keinem Verhältnis zu den neuen Fragen, die die Folge aufwirft: Wer ist diese Frau? Wieso ist sie die Wächterin der Insel? Was hat es mit dem Licht auf sich? Bislang wussten wir nur, dass es sich um eine besondere Form von Elektromagnetismus handelt, die eine Rolle beim Zeitreisen spielt. Jetzt scheint es auf einmal so eine Art Lebensenergie zu sein. Damit ließe sich zwar sehr schön erklären, wie es zu Heilungen wie der von John Locke im Piloten gekommen ist. Damit nimmt die Serie allerdings eine Abzweigung, die sehr tief ins Mystisch-Okulte führt.

Vor allem stellt sich aber nach Across the Sea die Frage, wer Fake-Locke denn nun eigentlich ist? Handelt es sich dabei „wirklich“ um Jacobs Bruder? Oder sind der Mann in Schwarz bzw. Christian bzw. Fake-Locke einfach nur unterschiedliche Inkarnationen, die der schwarze Rauch annimmt? Überhaupt: Was hat es mit dem schwarzen Rauch auf sich? Der Leichnam von Jacobs Bruder treibt in die Höhle - und der schwarze Rauch schießt heraus. Das lässt zwei Interpretationen zu: Entweder Jacobs Bruder hat sich in den schwarzen Rauch verwandelt - und lädt lediglich seine menschliche Hülle ab, welche dann in der Höhle begraben wird. Oder aber: Den schwarzen Rauch gab es schon vorher - und er bedient sich lediglich der Gestalt des Mannes in Schwarz?

Komplizierter wird es nur noch dadurch, dass es ja beinahe den Anschein hat, als ob auch die Frau eine Verbindung zum schwarzen Rauch hätte: Die Verwüstung des Dorfes und die Art, wie der Brunnen zerstört wurde, machen auf jeden Fall den Eindruck, als hätte das Rauchmonster dort gewütet. Denn dass Allison Janney das alles im Alleingang bewerkstelligt haben soll, scheint dann doch eher fraglich.

Was hat es mit den Regeln auf sich, von denen es so aussieht, als könnte jeder der beiden seine eigenen für das „Spiel“ aufstellen? Und auf welche Weise hat die Frau dafür gesorgt, dass die beiden sich gegenseitig nichts tun können (was zudem ja nur eingeschränkt wahr ist)?

Mehr noch als durch die neuen Fragen werden die Zuschauer jedoch durch die Pirouetten verwirrt, die die Figurensympathien schlagen: Jacob sieht anfangs wie ein Muttersöhnchen aus, das kaum in der Lage ist, selbständig zu denken oder zu handeln. Die Handlungsweise des Mannes in Schwarz erscheint dagegen auf einmal wieder sehr gut motiviert: Immerhin erfährt er, dass er von Kindesbeinen an belogen wurde - und dass seine Heimat weit von der Insel entfernt ist. Kein Wunder, dass er lieber heute als morgen die Insel verlassen möchte.

Auch ist es Jacob, der in dieser Folge gleich zwei Mal mit äußerster Brutalität auf den Jungen bzw. den Mann in Schwarz einprügelt, ihn - Kain und Abel gleich - sogar am Ende tötet, wobei (wie in der biblischen Geschichte) Eifersucht eine nicht unmaßgebliche Rolle spielen dürfte. Er ist hier weit, sehr weit von dem fast Jesus ähnlichen Auftreten entfernt, dass wir aus der Zukunft von ihm kennen.

Emotional am schwierigsten fassbar ist die Frau. Das Hauptproblem dabei ist, dass wir zu keinem Zeitpunkt ihre Motivation durchschauen. Sie will, dass die Jungen von den bösen Menschen fernbleiben, und dazu tötet sie erst einmal ihre leibliche Mutter? Häh? Sie wird von dem „Sohn“, den sie am meisten geliebt hat, von hinten erstochen - und bedankt sich dafür? Doppelt Häh?? Das alles macht auf den ersten Blick so herzlich wenig Sinn.

Natürlich bleibt immer als Möglichkeit offen, dass sie tatsächlich verrückt war. So wie Fake-Locke das vor einigen Folgen Kate gegenüber beschrieben hat. Das wäre jedoch die unkreativste aller Optionen.

Was die Figur charakterisiert, scheint ja vielmehr der Umstand zu sein, dass sie zwei Aspekte vereint, die in Jacob und dem Mann im Schwarz dann später getrennt auftreten: Einerseits ist sie die Pessimistin, die in den Menschen nur das Schlechte sieht (und dabei in The Incident (1) wortwörtlich vom Mann in Schwarz zitiert wird), andererseits ist sie die Wächterin, die nur allzu sehr darauf aus ist, die Funktion an jemand anderen zu übertragen. Bedankt sie sich beim Mann in Schwarz, weil sie die Bürde der Verantwortung endlich los ist?

Fragen über Fragen.

Wie schon Ab Aeterno strotzt Across the Sea vor religiösen und philosophischen Motiven und Anspielungen. Ob die Folge ein überladenes Desaster oder ein begnadeter Geniestreich ist, hängt sehr stark davon ab, wie sie sich am Ende in das Gesamtmosaik einfügt, auf das wir jetzt nicht mehr allzu lange warten müssen.

Christina Greiner

Der Artikel Lost: Kain und Abel? wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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