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Lost: Die Brücke

Review zu 6x11 „Happily Ever After“

Seltene Eintracht und Herzlichkeit zwischen Charles Widmore (Alan Dale, l.) und Desmond Hume (Henry Ian Cusick, r.) / (c) 2010 ABC
Seltene Eintracht und Herzlichkeit zwischen Charles Widmore (Alan Dale, l.) und Desmond Hume (Henry Ian Cusick, r.) / (c) 2010 ABC

Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage? Das schien - zumindest für die meisten Figuren - das Motto des Alternativuniversums zu sein. Doch was verbirgt sich tatsächlich hinter den parallelen Existenzen in der sechsten Staffel von Lost? Happily Ever After wagt einen ersten großen Brückenschlag.

SPOILER! SPOILER! SPOILER!

Daniel: „I don't want to set off a nuclear bomb, Mr Hume. I think I already did.

Inhalt

2007, Insel-Realität:
Als Desmond aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, äussert Charles Widmore sein tiefstes Bedauern darüber, dass er ihn von Penny und seinem Kind wegholen und auf die Insel bringen musste. Desmond weiss dieses tiefe Bedauern jedoch nicht wirklich zu schätzen. Jedenfalls reagiert er auf die Nachricht, wieder auf der Insel zu sein, mit einem Tobsuchtsanfall, in dessen Verlauf Widmores Kopf nähere Bekanntschaft mit Desmonds Infusionsständer schliesst. Es gelingt Widmores Leuten jedoch, Desmond von ihrem Chef wegzuziehen.

Jin versteht - genau wie wir Zuschauer - nicht, was hier vor sich geht. Doch Widmore besteht wiederholt darauf, dass es sich nicht gut in Worten erklären lässt. Er wolle es Jin lieber zeigen. Er gibt seinen Leuten die Anweisung, den Test vorzubereiten. Seine Leute, allen voran Zoe, finden das überhaupt nicht gut, weil sie noch gar nicht so weit sind. Aber Widmore besteht darauf. Inmitten der alten Dharma-Anlagen auf der Hydra-Insel nehmen sie einen Generator in Betrieb, dessen elektromagnetische Strahlung einem von Widmores Männern bereits das Leben kostet, als er ihr versehentlich ausgesetzt wird.

Unbeirrt sperrt Widmore daraufhin Desmond in den Raum mit den Spulen, wo nur wenige Minuten zuvor besagtes Unglück geschehen ist. Immerhin so viel lässt er über das Ziel des Tests verlautbaren: Desmond habe bereits einmal einen katastrophalen elektromagnetischen Ausbruch überlebt. Nämlich in Live Together Widmore will sehen, ob ihm das auch ein zweites Mal gelingt. Falls nicht, dann würde das bedeuten, dass Penny, sein Enkelkind und überhaupt alle Menschen verloren sind. Sollte der Test jedoch erfolgreich sein, dann sei das ihre Rettung.

Widmores Leute werfen den Generator an. Ein helles Licht und...

2004, L.A.-Realität:
Desmond wartet zusammen mit Claire am Gepäckband auf seine Koffer. Nachdem er sich von ihr mit der Vorhersage verabschiedet hat, dass ihr Kind ein Junge wird, geht er zum Ausgang, wo er bereits von einem Chauffeur abgeholt wird. Unter der Mütze des dienstbaren Geistes verbirgt sich kein Geringerer als George Minkowski, den wir in der anderen Realität als Kommunikationsoffizier der Kahana kennen gelernt haben.

Äußerlich geht es Desmond in diesem Universum blendend: Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der als rechte Hand eines großen Industriellen gerade einen bedeutenden Abschluss in Australien getätigt hat. Er hat Geld und kommt herum auf der Welt. Allerdings gibt es in seinem Leben niemand Besonderen: Keine Freunde, keine Ehefrau, keine Liebe.

Der Chauffeur bringt Desmond zu dessen Arbeitgeber. Dabei handelt es sich um Charles Widmore, der es auch in dieser Realität zu einem wohlhabenden Magnaten gebracht hat. Widmore bittet Desmond auch gleich um einen neuen Gefallen: Seine Frau bereite gerade eine Wohltätigkeitsveranstaltung vor, auf der ihr gemeinsamer Sohn, ein Musiker, zusammen mit der Rockband Driveshaft auftreten will. Deren Bassist ist jedoch soeben am Flughafen wegen Drogenbesitzes verhaftet worden. Kaution sei schon gestellt. Aber Widmore braucht jemanden, der sich um den Musiker kümmert und ihn zu der Veranstaltung bringt. Ein einfacher Job als Babysitter eines drogensüchtigen Rockstars also.

Aber der Job stellt sich dann doch als etwas schwieriger heraus. Denn jener Rockstar namens Charlie Pace wandert von der Polizei-Dienststelle schnurstracks in die nächste Kneipe, wo er kein drängenderes Problem hat, als mit Desmond über die „wahre Liebe“ zu sprechen. Charlie schwört, dass er seine wahre Liebe gesehen habe - gerade als er dabei war, auf der Flugzeugtoilette die Heroinbeutel herunterzuschlucken und daran wegen einer Turbulenz fast erstickt wäre. Deutlich hätte er die Frau vor sich gesehen und gespürt, dass sie zusammen sind.

Desmond ist angesichts dieser Schilderungen etwas skeptisch. Er schafft es, Charlie dazu zu bewegen, mit ihm ins Auto zu steigen und zu den Widmores zu fahren. Auf dem Weg dorthin greift Charlie ihm jedoch ins Lenkrad - und der schöne Daimler landet im Hafenbecken. Als Desmond seinen Beifahrer aus dem untergehenden Auto befreien will, hat er ein Déjà vu. Jedoch handelt es sich dabei um ein Ereignis, dass in diesem Universum niemals stattgefunden hat: Sein Versuch, Charlie aus der Unterwasserstation zu retten. Samt Charlies handgeschriebener Nachricht, dass es „nicht Pennys Schiff“ ist.

Desmond ist von diesen Bildern, die er da gesehen hat, zutiefst verwirrt. Im Krankenhaus angekommen, will er unbedingt mit Charlie sprechen, der jedoch nichts Besseres zu tun hat als auszubüchsen. Die Ärzte stecken Desmond wegen einiger Merkwürdigkeiten auf seinem CT in die Magnetresonanztomographie. Eingesperrt in der Röhre - und unter dem Einfluss der dortigen elektromagnetischen Strahlung hat Desmond jedoch noch weitere Visionen: von Penny und dem gemeinsamen Kind, welches er mit jener Penny hat. Eine Frau, die er noch nie zuvor gesehen hat - und von der er trotzdem auf Anhieb weiß, dass er in sie verliebt ist.

Widmore ist von der Nachricht, dass Desmond den Rock-Bassisten verloren hat, ganz und gar nicht begeistert. Er fürchtet, dass es deswegen daheim mit seiner Frau Zorres geben wird. Also soll Desmond ihr doch bitteschön selbst sagen, dass aus dem Konzert nichts wird. Widmores Ehegattin, Eloise (Surprise! Surprise!), nimmt die Botschaft jedoch sehr ruhig und gefasst auf. Mit ihrer Ruhe und Gefasstheit ist es erst vorbei, als sich Desmond schon im Verabschieden begriffen nach einer Penny erkundigt, die auf der Gästeliste der Wohltätigkeitsveranstaltung steht.

Eloise wird regelrecht grantig: Desmond soll aufhören nach dem zu suchen, wovon er meint, es suchen zu müssen. Desmond ist ganz aufgeregt, hat er doch den Eindruck, dass die Frau seines Bosses etwas über seine vermeintlichen Halluzinationen weiss. Doch Eloise zeigt sich nicht weiter auskunftfreudig. Ganz anders ihr Sohn Daniel, der Desmond aufhält, bevor dieser mit seinem Chauffeur davonbrausen kann.

Daniel berichtet Desmond nicht nur davon, dass er exakt den gleichen Eindruck einer ihm unbekannt-bekannten Liebe hatte (bei Daniel: eine feurige Rothaarige! Hmm, wer das wohl sein könnte... und ob er sie wiedersehen wird, nachdem sie Sawyer in den Wind geschossen hat?), sondern zeigt ihm auch wissenschaftliche Aufzeichnungen, die er eines Tages nach dem Aufstehen angefertigt hat - obwohl er als Musiker überhaupt nichts von Physik versteht. Ein Freund an der Uni hätte ihm erklärt, dass es sich dabei um höhere Quantenmechanik handele, die auf einem Niveau verfasst sei, wie dies nur jemand könne, der sich sein ganzes Leben mit der Materie beschäftigt habe.

Offensichtlich behandeln jene Aufzeichnungen die Möglichkeit, ein katastrophales energetisches Ereignis durch Zündung einer Atombombe aufzuhalten. Daniel stellt eine geradezu absurd anmutende Hypothese auf: Dass genau das bereits passiert ist. Dass durch die Explosion einer Nuklearbombe eine andere Wirklichkeit entstanden ist. Und sie jetzt ein anderes Leben führen als das, welches eigentlich für sie vorgesehen war. Desmond will das nicht so recht glauben. Den Hinweis auf Penny tut er damit ab, dass sie nur eine Einbildung sei. Bis Daniel ihn eines Besseres belehrt: Penny sei seine Halbschwester. Und er weiss, wie Desmond sie treffen kann.

Am Abend sucht Desmond ein Sportstadium auf, in dem eine Frau gerade beim Training ist. Es ist Penny. Es ist die Frau aus seinen Visionen. Er stellt sich ihr vor - und auch sie glaubt, dass sie ihn schon mal gesehen hat. Sie schütteln sich die Hand und...

2007, Insel-Realität:
Desmond wacht aus einer nur wenige Momente andauernden Bewusstlosigkeit auf. Widmore zeigt sich sehr zufrieden, dass er den Test überstanden hat. Er will ihm nun - endlich - erklären, worum es hier eigentlich geht. Doch Desmond unterbricht ihn: Er weiss genau, was zu tun ist. Zoe und zwei Begleiter begleiten Desmond in den Dschungel, wo Sayid mit besagten Begleitern kurzen Prozess macht und Zoe mit vorgehaltener Waffe zwingt wegzulaufen. Desmond bleibt währenddessen die Ruhe in Person - und geht wie selbstverständlich mit Sayid mit.

2004, L.A.-Realität:
Desmond erwacht aus einer kurzen Ohnmacht. Penny staunt, was für eine Wirkung ihr Händedruck auf ihn hatte. Desmond nutzt die Gelegenheit, um mit ihr ein Date zum Kaffee zu vereinbaren. Als er zu seinem Wagen zurückkehrt, ist er überaus guter Dinge. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, bittet er seinen Fahrer, ihm doch bitte die Passagierliste von Flug Oceanic 815 zu besorgen. Es gäbe da etwas, das er seinen Mitreisenden unbedingt zeigen müsse...

Kritik

Der ein oder andere mag jetzt vielleicht sagen, dass es schon ein wenig vorhersehbar war: Wer, wenn nicht Desmond, hätte als erster zur Brücke zwischen den Paralleluniversen werden sollen? Schließlich hatte ihm der kleine Energiestoß am Ende von Staffel 2 schon die Fähigkeit zum Zeitreisen gegeben, lange bevor das in der fünften Staffel zum allgemeinen Volkssport auf der Insel wurde.

Nichtsdestotrotz war Happily Ever After eine sehr vergnügliche Desmond-Folge, mit der die Serie einen großen Schritt auf die Antwort zumachte, was es mit den beiden verschiedenen Realitäten auf sich hat.

Während Widmore in der L.A.-Realität von den übernatürlichen Vorgängen keine Ahnung zu haben scheint und wohl tatsächlich nur der Groß-Industrielle ist, der daheim unter dem Pantoffel steht, ist Eloise sich der zwei verschiedenen Realitäten offenbar bewusst, will an der für sie äusserst vorteilhaften Wirklichkeit im Hier und Jetzt aber nicht rühren. Ganz anders sieht das dagegen ihr Sohnemann, dem klar wird, dass er statt eines Pianisten, der auf Papas Einfluss angewiesen ist, ein brillanter Physiker sein könnte.

Und auch Desmond sieht sein Leben auf einmal in ganz anderen Farben. Und das ist sogar wörtlich zu verstehen. Denn für die Visionen aus der Insel-Realität haben die Produzenten den Farbregler deutlich nach oben geschoben. Es ist der visuelle Ausdruck dessen, was sich auch klar auf der Handlungsebene abzuzeichnen beginnt: Das Leben ohne die Insel ist nur vermeintlich das bessere Leben. Sicher, Desmond geht es gut. Er ist ein erfolgreicher Mann. Aber es ist keineswegs glücklicher als in der Insel-Realität. Denn gleichzeitig ist sein Leben grauer und alltäglicher geworden. Ein Geschäftsmann ohne Bindungen.

Das Leben ohne die Insel: es ist blasser, unaufgeregter, ohne besondere Höhen und Tiefen. Mag die Insel-Realität auch noch so viel Tod, Schmerz und Unglück für die Gestrandeten bereithalten, gibt es in ihr auch das Gegenteil davon. Für Desmond ist es die leidenschaftliche Liebe zu Penny. Für Charlie seine besondere Beziehung zu Claire; der Kampf gegen die Sucht, den er schließlich gewonnen hat - und die Heldentat, mit der er am Ende untergegangen ist. In der L.A.-Realität ist er eine geradezu lächerliche Erscheinung: Ein Rockstar/Junkie, der sich auf einer Flugzeugtoilette an einem Drogenbeutel verschluckt hat - und dabei fast gestorben wäre. Was für ein Leben!

Ist Lost am Ende vielleicht die Illustration der Leibniz'schen Theodizee, derzufolge unsere Welt, sinnbildlich im Kosmos der Insel repräsentiert, trotz aller Widrigkeiten „die beste aller möglichen Welten“ ist?

Abseits von derart philosophischer Spekulation bleibt es auf jeden Fall interessant zu verfolgen, was die Brücke, die Desmond zwischen den beiden Realitäten geschlagen hat, für beide Welten bedeuten wird. Sein Auftritt in beiden Universen hatte am Ende etwas sehr Verheißungsvolles: Desmond ist der Mann, der jetzt voll den Durchblick hat. Für einen, der anfangs auf der Insel nicht mehr zu tun hatte, als ein paar Zahlen in den Computer einzugeben, schon mal nicht schlecht!

Fazit

Happily Ever After ist vielleicht keine große Spannungs- oder Actionfolge, lang ist mir die Zeit allerdings nicht geworden. Im Gegenteil: Ich konnte es am Ende (wieder mal) nicht fassen, dass die knapp 45 Minuten schon vorbei sein sollen.

Christina Greiner

Der Artikel Lost: Die Brücke wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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