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Lost: Der reumütige Napoleon

Review zu 6x07 „Dr. Linus“

Michael Emerson als Benjamin Linus in „Lost“  / (c) 2006 ABC
Michael Emerson als Benjamin Linus in „Lost“ / (c) 2006 ABC

Liebe Mitglieder der amerikanischen Fernsehakademie, wenn Sie im September über den besten Nebendarsteller der Season 09/10 zu befinden haben, bitte machen Sie Ihr Kreuz bei Michael Emerson, Lost. Danke.

SPOILER! SPOILER! SPOILER!

Inhalt

2004, L.A.-Realität:

Dr. Benjamin Linus hat gerade eine Geschichtsstunde über Napoleons Exil auf der Insel Elba abgehalten, als er von Schuldirektor Reynolds herbeizitiert wird. Reynolds drückt ihm die Aufsicht über die Nachsitzer am Nachmittag auf. Ben weist darauf hin, dass er zu der Zeit doch die Geschichts-AG leitet. Doch Reynolds meint nur, dass der Personalmangel ihm keine andere Wahl lässt - und er auf die fünf Schüler in der AG keine Rücksicht nehmen kann.

Ben kann seine Frustration über das öffentliche Schulsystem kaum verhehlen. Doch am Ende fügt er sich. Es ist Vertretungslehrer Locke, der ihm die Idee in den Kopf setzt, dass er eigentlich ein viel besserer Schuldirektor wäre als Reynolds, da ihm wirklich an den Schülern gelegen ist.

Am Abend spricht Ben beim Essen mit seinem alten, schwer kranken Vater über seinen Frust. Bedauernd denkt dieser daran zurück, was aus Ben hätte werden können, wenn sie damals nicht die Dharma-Initiative und damit die Insel verlassen hätten. In diesem Moment klopft es an der Tür - und Alex Rousseau (!) steht davor. Sie ist eine von Bens Schülerinnen aus der Geschichts-AG, die dringend Nachhilfe braucht, um einen Test zu bestehen. Nur mit dieser Leistung und einem Empfehlungsschreiben des Direktors kann sie es nach Yale schaffen.

Ben erteilt ihr am nächsten Morgen in der Bibliothek die Nachhilfe. Dabei erfährt er von ihr, dass Direktor Reynolds und die Schul-Krankenschwester ein Verhältnis miteinander haben - und dieses auch im Schulgebäude miteinander ausleben. Das bringt Ben auf eine Idee. Er stiftet den Biologielehrer Leslie Arzt (!) an, das E-Mail Postfach der Krankenschwester zu hacken. Und tatsächlich stoßen sie dabei auf schriftliche Zeugnisse des außerehelichen Treibens.

Ben konfrontiert Reynolds mit den E-Mails - und fordert ihn auf, zurückzutreten und ihn als Nachfolger vorzuschlagen, sonst werde er sich mit der Korrespondenz an den Schulrat und seine Ehefrau wenden. Doch auch Reynolds hat ein Druckmittel in der Hand: Das Empfehlungsschreiben für Alex, das nur dann Gewicht hat, wenn es von ihm kommt, weil er selbst Yale-Absolvent ist. Wie wird sich Ben entscheiden: Macht oder Moral?

Er entscheidet sich für die Moral. Reynolds bleibt Direktor und schreibt eine glühende Empfehlung für Alex. Doch auch Ben selbst hat einen kleinen Gewinn zu verbuchen: Die Aufsicht über die Nachsitzer ist ihm erlassen. Er kann wieder die Geschichts-AG leiten.

2007, Insel-Realität:

Ja, da habe ich mich beim letzten Mal tatsächlich verguckt. Ben war nicht bei Ilana & Co., als es darum ging, aus dem Tempel zu fliehen ###news0###. Allerdings stößt er schon sehr schnell im Dschungel wieder zu ihnen. Für Ben erweist sich das zunächst jedoch nicht gerade als Glücksfall. Denn durch Miles und das Häufchen Asche, das von Jacobs körperlicher Hülle übrig geblieben ist, erfahren Ilana und die anderen, dass es Ben war, der Jacob getötet hat - auch wenn er dies zunächst leugnet.

Da der Tempel als sichere Zuflucht entfallen ist, kehrt die Gruppe an den Strand zurück, in das Lager, in dem die Überlebenden von Oceanic 815 die ersten Wochen verbracht hatten. Dort nimmt sich Ilana Ben vor und schleppt ihn mit vorgehaltener Waffe zu dem kleinen improvisierten Friedhof, wo sie ihn ankettet und zwingt, ein Grab zu schaufeln. Die Nachfrage, für wen das Grab bestimmt ist, hätte sich Ben auch sparen können. Denn Ilana will sich an ihm für den Tod von Jacob rächen, der für sie das Nächste gewesen ist, was sie jemals in Richtung eines Vaters hatte.

Bens Versuch, Miles mit einem Bestechungsversuch auf seine Seite zu ziehen, schlägt fehl. Und so schaufelt sich Ben weiterhin sein eigenes Grab. Bis ihm auf einmal Fake-Locke gegenübersteht: Dieser bietet ihm die Chance zu überleben. Er müsse sich nur seiner kleinen Gruppe anschließen, die die Insel verlassen will. Einige Hundert Meter im Wald stünde ein Gewehr an einen Baumstamm gelehnt, damit könne Ben Ilana erschießen, bevor sie ihn erledigt. Als Treffpunkt gibt Fake-Locke die Hydra-Station auf der kleinen Nachbarinsel aus. Ach ja, mit einem einzigen Handstreich löst er auch noch Bens Ketten, bevor er wieder verschwindet.

Ben fackelt nicht lange. Er setzt zu einem Sprint durch den Dschungel an. Ilana ist ihm dicht auf den Fersen. Tatsächlich gelingt es ihm, den Stamm mit dem Gewehr zu erreichen und schneller als Ilana zu ziehen. Diese stellt sich darauf ein, dass Ben sie erschießen wird. Doch stattdessen schüttet er ihr sein Herz aus. Er versucht ihr begreiflich zu machen, wie er seine Tochter für die Insel und den Machtrausch, den die Insel mit sich brachte, geopfert hat. Und wie wütend er deshalb auf Jacob gewesen ist, als er das Messer erhob und damit auf ihn einstach.

Und tatsächlich hat Ben Erfolg. Ilana versteht. Als er ihr sagt, dass er zu Fake-Locke gehen will, weil dieser der einzige sei, der ihn überhaupt dabeihaben wolle, widerspricht sie. Ben könne auch zu der Gruppe am Strand zurückkommen. Von dieser Wendung ist Ben völlig überrascht. Er zögert etwas, doch dann kehrt er mit Ilana an den Strand zurück, wo er als erstes Sun seine Hilfe beim Wiederaufbau eines Zeltes anbietet.

In der Zwischenzeit haben sich jedoch auch andernorts auf der Insel erstaunliche Dinge zugetragen: Jack will unbedingt zum Tempel zurückkehren - und wundert sich sehr darüber, dass Hurley ihn mit allen Mitteln aufzuhalten versucht. Schließlich treffen sie im Dschungel auf Richard, der sie allerdings nicht zum Tempel, sondern zu dem gestrandeten Sklavenschiff Black Rock führt, mit dem - wie es scheint - er selbst auf der Insel angekommen ist.

Richard ist nicht länger ein großer Fan von Jacob. Der Grund: Eine halbe Ewigkeit hat Richard ihm gedient, nachdem Jacob ihm versprochen habe, dass er Teil eines großen Plans sei. Doch nun ist Jacob tot. Und Richard hat das Gefühl, das alles, was er die letzten Jahrzehnte/Jahrhunderte (?) getan hat, völlig sinnlos gewesen ist. Ihm geht es da ganz ähnlich wie so manchen frustrierten Lost-Fans. Richard schnappt sich, sehr zum Unbehagen von Hurley, das verbliebene Dynamit auf dem Schiff und bittet Jack und Hurley, ihn in die Luft zu jagen.

Mit seiner Unsterblichkeit verhält es sich nämlich so: sie ist ein Geschenk von Jacob, welches qua Berührung empfangen wird. Und welches man selbst nicht wieder los wird. Sogar wenn er es versuchen würde, so Richard, er könnte sich nicht selbst umbringen. Das muss jemand anders für ihn besorgen. Während Hurley das Weite sucht, erfüllt Jack Richards Wunsch - und steckt die lange Zündschnur an. Um sich dann ganz gemütlich dem enttäuschten Jacob-Anhänger gegenüberzusetzen.

Richard versteht die Welt nicht mehr. Doch Jack erzählt ihm von dem Spiegel und davon, wie er darin das Haus gesehen hat, in dem er als Kind aufgewachsen ist. Offensichtlich verfolgt Jacob irgendeinen Plan mit ihm. Und wenn dem so ist, dann wird er ihn jetzt nicht einfach sterben lassen. Sprachs - und tatsächlich erlöscht die Zündschnur kaum einen Zentimeter von der Dynamitstange entfernt wie von Geisterhand. Dieser lange, gefühlvolle Blick auf den Ozean, er hat bei Jack tatsächlich einen Sinneswandel bewirkt. Das ist ja ein Glaube, den er hier an den Tag legt, den man vorher nur von John Locke kannte.

Jack, Hurley und Richard kehren an den Strand zurück, wo sie auf Sun, Ilana und den Rest der Gruppe treffen. Was sie nicht ahnen: Ihr großes Wiedersehen wird von einem U-Boot aus beobachtet, in dem Charles Widmore die Anweisung gibt, nach Plan weiter zu machen...

Kritik

Wow! Die Folge: Wow! Michael Emerson: Doppelt Wow!! Dabei könnte man es schon fast belassen. Aber im Ernst: Dr. Linus gehört zu den bislang besten Folgen der sechsten Staffel, wenn es nicht sogar DIE beste Folge gewesen ist.

Die Episode hatte im Grunde alles, was Lost so groß macht: Ein exzellentes, wendungsreich geschriebenes Buch, das den Zuschauer geradezu in die Geschichte absorbiert: Selbst in den kleinsten Augenblicken, wie der Szene in Reynolds Zimmer, als Ben dessen Namensschild in die Hand nimmt - und damit unsere Unsicherheit verstärkt wird, wie er sich entschieden hat, lässt der Plot die Geschichte in uns lebendig werden, indem er unsere Erwartungen und Gedanken aufgreift und mit ihnen spielt. Diese eine kurze Szene hat mehr Wendungen und mehr Potential zur Aktivierung der Zuschauerphantasie als die komplette Folge manch anderer Serie.

Getoppt wird das höchstens noch durch die cleveren Assoziationen, die uns die Folge herstellen lässt. Wie beispielsweise am Anfang, als die Autoren einen so scheinbar unbedeutenden Augenblick wie die Exposition von Ben, der als Lehrer im Unterricht gezeigt werden soll, mit der Parallele zwischen ihm und Napoleon auffüllen. Das ist Lost at its best.

Darüber hinaus gelingt der Episode eine faszinierende Charakterstudie, die es in Sachen Spannung und Dramatik locker mit den größten Mystery- oder Actionmomenten der Serie aufnimmt. Sie zeigt einerseits, wie auch der Ben aus dem Alternativuniversum die Fähigkeiten zum Spiel um die Macht besitzt, in ihm aber letztlich die Fürsorglichkeit der Quasi-Vaterfigur obsiegt. Und sie zeigt andererseits, wie Ben in der Insel-Realität durch die Hölle des Sich-das-eigene-Grab-Schaufelns und die Beichte gegenüber Ilana zu einer Art Läuterung findet.

Dass beide Prozesse dann auch noch in einer Figur, nämlich Alex, ihre Klammer finden (hier die Tochter, die er geopfert hat, dort die Schülerin, um derentwillen er seine Ambitionen opfert) ist da nur das i-Tüpfelchen der erzählerischen Genialität.

Und auch an der Geheimnis-Front gibt es Fortschritte zu vermelden: So lernen wir Richard etwas besser kennen. Und haben erneut das Vergnügen, einer jener Figuren, die wir zuvor für die allwissenden Entitäten im Hintergrund gehalten haben, dabei zuzusehen, wie er völlig perplex zuerst auf Hurleys Post-Mortem Kontakt mit Jacob und dann auf die verlöschende Zündschnur reagiert. Es gibt halt Dinge zwischen Himmel und Erde, die Du auch als Quasi-Unsterblicher nicht begreifst.

Einen ähnlich schönen Moment gibt es, als Frank Lapidus Ben davon erzählt, dass er ursprünglich als Pilot von Oceanic 815 vorgesehen war, dann jedoch verschlafen hat. Frank kommt auch eine der schönsten Dialogzeilen der Folge zu, als er in Richtung Ben sagt: „You make friends easy, don't you.

Fazit

Nur zur Erinnerung: Michael Emerson. Emmy. Danke. Die Autoren von Dr. Linus? Gerne auch. Nominierung sollte das Mindeste sein.

Christina Greiner

Der Artikel Lost: Der reumütige Napoleon wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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