Du bist hier: Serienjunkies » News »

LOST: DAS FINALE

Review zu 6x17/6x18 „The End (1)“/„The End (2)“

Dunkle Wolken brauen sich im Finale über der Insel zusammen... „Lost“ / (c) 2010 ABC
Dunkle Wolken brauen sich im Finale über der Insel zusammen... „Lost“ / (c) 2010 ABC

Der Tag ist gekommen, auf den die Fans von Lost seit Jahren gewartet haben. Er könnte auf keinen passenderen Termin fallen als Pfingsten, das christliche Fest der Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Mal schauen, ob es Darlton ihm gleich tun kann...

SPOILER! SPOILER! SPOILER!

Inhalt

2007, Insel-Realität:
Nachdem Jack zum neuen Jacob geworden ist, brechen er, Kate und Hurley zu dem Bambusfeld auf, hinter dem „das Herz der Insel“ liegen soll. Samt des Lichts, das es nun vor Fake-Locke zu beschützen gilt. Sawyer macht sich unterdessen auf den Weg, um Desmond endlich aus dem Brunnen zu holen.

Als er den Brunnen erreicht, sind Fake-Locke und Ben immer noch dort. Freimütig gibt Fake-Locke zu, die Insel zerstören zu wollen, sobald er Desmond gefunden hat. Fake-Locke ist zuversichtlich, dass er den Untergang der Insel überleben wird. Anders als Jacobs Kandidaten. Doch Sawyer hat Neuigkeiten für ihn: Es gibt keine Kandidaten mehr. Fake-Locke begreift sofort, was das bedeutet. Sawyer schafft es, Ben die Waffe zu entwenden, mit der dieser ihn bedroht hatte. Dann macht er sich davon, um Jack und die anderen zu warnen.

Desmond wacht unterdessen vor der Hütte von Rose und Bernard auf. Die beiden hatten ihn aus dem Brunnen geholt. Rose macht Desmond klar, dass er gehen muss, sobald es ihm wieder besser geht. Die beiden Insel-Senioren wollen nicht in „das ganze Drama“ mit hineingezogen werden. Doch es ist schon zu spät: Fake-Locke und Ben tauchen auf, denn Vincent, Walts Hund, dessen sich Rose und Bernard angenommen haben, hat am Brunnen einige verräterische Haare verloren.

Fake-Locke droht damit, Rose und Bernard zu töten, sollte Desmond nicht mit ihm kommen. Der Schotte ist einverstanden, wenn Fake-Locke ihm verspricht, dass er den beiden kein Haar krümmen wird. Unterwegs treffen sie auf Jack, Kate, Hurley und Sawyer. Fake-Locke weiß sofort, dass Jack nun Jacobs Platz eingenommen hat - und ist etwas darüber enttäuscht, weil es wenig überraschend sei. Doch dafür hat Jack eine andere Überraschung parat: Er bietet Fake-Locke an, ihn zum Licht zu begleiten und ihm bei dem, was er mit Desmond vor hat, zu helfen. Fake-Locke staunt nicht schlecht. Allerdings ergänzt Jack gleich, dass er davon überzeugt ist, dass Fake-Locke, mit dem, was er tut, das genaue Gegenteil erreichen wird: Statt die Insel zu zerstören, wird er dafür sorgen, dass Jack ihn töten kann.

Die beiden Gruppen machen sich gemeinsam auf den Weg zum Licht. Unterwegs fliegt Ben fast auf, weil er das Funkgerät dabei hat, mit welchem er Kontakt zu Miles hält. Dieser hat inzwischen Richard entdeckt, der die Attacke des Rauchmonsters überlebt hat. Beide wollen zur Hydra-Insel übersetzen, um ihren ursprünglichen Plan zu verwirklichen nämlich das Ajira-Flugzeug in die Luft zu jagen. Unterwegs lesen sie jedoch Frank Lapidus auf, der seit dem Untergang des U-Boots im Wasser treibt - und einen noch viel besseren Plan hat: Warum nicht das Flugzeug nehmen und damit wegfliegen? Immerhin haben sie jetzt einen Piloten dabei...

Fake-Locke, Jack und Desmond gehen allein durch das Bambusfeld zur Höhle mit dem Licht, während ihre Begleiter abseits auf sie warten. In der Höhle lassen Fake-Locke und Jack Desmond an einem Seil in die Tiefe herab, von wo das Licht herauf scheint. Auf dem Grund der Höhle findet Desmond nicht nur die Skelette derjenigen, die vor ihm hierher gekommen sind, sondern auch ein Bassin, in den das Wasser des Baches fließt. In der Mitte des Bassins ist ein großer Stein, um den herum sich das Licht zu konzentrieren scheint. Desmond gelingt es unter großen Schmerzen sich durch das Licht bis zur Mitte des Bassins vorzukämpfen, wo er den Stein aus dem Boden herausreißt.

Besagter Stein steckte wie ein Propfen in einer Felsspalte. Kaum hat Desmond den Stein gelöst, versiegt nicht nur das Wasser, sondern auch das Licht. Es wird ersetzt durch ein dumpfes, rötliches Leuchten, das aus der Spalte nach oben dringt. Zusammen mit einigen - wie es scheint - Schwefeldämpfen. Wie war das doch gleich mit der Insel, die wie ein Propfen das Böse dort hält, wo es hingehört?

Die Insel wird von Erdbeben und schwerem Steinschlag erschüttert. Jack muss eingestehen, dass Fake-Locke Recht hatte. Das Licht ist aus. Er hat ganz offensichtlich bei seiner Mission versagt. Aber auch Fake-Locke hat nicht ganz zu Ende gedacht, was das Verlöschen des Lichts für ihn bedeutet. Wollte er nicht endlich wieder ein normaler Mensch sein? Tja, sein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Als Jack sich auf ihn stürzt und ihm eine langt, blutet Fake-Locke aus dem Mund. Er kann Jack zwar mit einem Stein ausknocken. Aber damit verschiebt er nur das Unausweichliche.

Fake-Locke versucht, Desmonds Boot zu erreichen, um damit die Insel zu verlassen. Doch gerade als er bei den Klippen ankommt, von denen er in die Tiefe steigen will, ist auch Jack wieder auf den Beinen und ihm dicht auf den Fersen. Es kommt zwischen den beiden zum alles entscheidenden Kampf, während um sie herum nicht nur das Erdbeben, sondern inzwischen auch ein sintflutartiges Unwetter tobt. Fake-Locke scheint die Oberhand zu gewinnen, als es ihm gelingt, Jack sein Messer in die Seite zu rammen.

Doch Fake-Locke hat einen fatalen Fehler begangen: Als Kate bei ihrem Zusammentreffen zuvor auf ihn gefeuert hat, hatte er ihr geraten, lieber die Munition zu sparen. Das hätte er besser nicht tun sollen. Denn nun hat sie noch eine Kugel übrig. Und die feuert sie ihm in den nunmehr verwundbaren Leib. Jack gibt ihm den Rest, indem er ihn mit einem Tritt über die Klippen befördert. Fake-Locke ist tot. Und das Unwetter verzieht sich. Die Erdbeben halten aber immer noch an. Das merken auch Lapidus & Co., die auf der Hydra-Insel alles versuchen, um das Flugzeug wieder flott zu kriegen. Da bleibt Richard nur wenig Zeit, sich über sein erstes graues Haar zu freuen.

Jack weiß, dass er die Insel nicht verlassen kann. Seine Arbeit ist noch nicht getan. Er muss das Licht wieder zum Leuchten bringen. Hurley und Ben bleiben bei ihm. Sawyer und Kate machen sich jedoch auf den Weg zur Nachbarinsel. Natürlich nicht ohne sich vorher respektvoll (Sawyer) bzw. tränenreich (Kate) von Jack verabschiedet zu haben. Danach ein Sprung von den Klippen - und auf zu Desmonds Boot!

Am Strand der Hydra-Insel treffen Kate und Sawyer auf Claire, die sich zunächst weigert, mit ihnen mitzugehen. Sie hat eingesehen, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hat - und will Aaron eine solche Mutter ersparen. Doch Kate versichert ihr, dass sie nicht allein sein wird. Und schließlich schaffen sie es tatsächlich noch, das Flugzeug zu erreichen, welches zwar nur mit Klebeband zusammengehalten wird. Aber wie sagt Miles doch so schön: Er glaubt nicht an viel. Aber wenn er an etwas glaubt, dann Klebeband! Und der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Oder in diesem Fall ein Flugzeug in die Höhe.

Der schwer verwundete Jack kämpft sich derweil mit Hurleys und Bens Hilfe zur Höhle vor. Dort angekommen ist ihm klar, dass er nicht mehr lebend zurückkehren wird. Deshalb wendet er sich an den letzten noch verbliebenen Kandidaten: Hurley! So schmutzig die Pfütze auch ist, aus der Jack das Wasser nimmt, er reicht es seinem wohlbeleibten Freund - und macht ihn damit zu seinem Nachfolger. Hurley ist von dieser Ehre ganz und gar nicht angetan - und fest entschlossen, Jack den Job zurückzugeben, sobald dieser doch lebend aus der Höhle zurückgekehrt ist.

Als Jack jedoch auf dem Grund der Höhle ankommt, bindet er das Seil um den verletzten Desmond. Er soll zu seiner Frau und seinem Kind zurückkehren können. Jack klettert in das Bassin - und steckt den schweren Stein-Propfen wieder in die Felsspalte. Es dauert zwar eine Weile, aber schließlich kehrt das Licht zurück - und damit auch das Wasser. Jack lacht. Er hat seine Mission erfüllt.

Derweil hat Hurley keine Ahnung, was er als der „neue Jacob“ eigentlich so zu tun hat - und bittet Ben, ihm zu helfen, was diesen sichtlich rührt. Als erstes schlägt Ben vor, dass sie Desmond nach Hause bringen. Als Hurley einwendet, dass das doch nicht möglich sei, weil niemand die Insel verlassen könne, erklärt Ben ihm, dass das die Art und Weise ist, wie Jacob die Insel gemanagt habe. Doch Hurley könne seine eigenen Regeln aufstellen.

2004, L.A.-Realität:
Kate ist sichtlich verblüfft, als Desmond sie zu einer Kirche mitnimmt, wo er von einem Transporter der Fluglinie Oceanic den Sarg von Jacks Vater in Empfang nimmt. Sie versteht nicht, was es damit auf sich hat. Sie will wissen, warum sie hier ist. Doch Desmond erklärt ihr, dass er ihr das nicht sagen könne. Er deutet lediglich an, dass er weg will. Was das auch immer heißen mag.

Sayid ist derweil nicht minder überrascht, als Hurley ihn zu einem Appartment-Komplex fährt, welcher ihm angeblich bekannt vorkommen soll. Hurley steigt aus und klingelt bei Charlie, welcher immer noch nicht geneigt ist, auf dem Konzert von Widmore zu spielen. Also schießt ihm Hurley einen Betäubungspfeil in den Rücken. Später fährt er mit Sayid zu einer Bar, aus der gerade zwei Männer kommen, die sich prügeln. Offenbar geht es um eine Frau, die dabei in einen Müllhaufen gestoßen wird. Sayid steigt aus und schlägt den Angreifer k.o.

Bei der Frau handelt es sich um Shannon. Als Sayid ihr aufhilft, geht durch beide eine Erleuchtung. Sie erinnern sich an ihre Zeit auf der Insel. Der andere Mann ist niemand anders als Boone, der sich zu Hurley ins Auto lehnt - und ihm erklärt, dass es gar nicht so leicht war, Shannon dazu zu bewegen, aus Australien herzukommen. Offenbar ist das Ganze also ein abgekartetes Spiel zwischen den beiden. Und Desmond.

Hurley bringt Sayid zu dem Veranstaltungsort des Konzerts. Dort ist Miles reichlich verblüfft, als er den inhaftiert geglaubten Iraker auf einmal in einem Auto vorbeifahren sieht. Er ruft seinen Partner Sawyer an - und bittet ihn, unbedingt dafür zu sorgen, dass für die Sicherheit der verletzten Zeugin im Krankenhaus, Sun, gesorgt wird. Sawyer übernimmt das gleich selbst. Als er jedoch im Krankenhaus ankommt, zeigen sich Sun und Jin keineswegs wegen Sayid besorgt. Im Gegenteil: Beide sind bester, um nicht zu sagen: ausgelassener, Stimmung.

Was Sawyer nicht weiß: Die beiden hatten Besuch von einer Gynäkologin namens Juliet, die eine ausführliche Ultraschalluntersuchung von Suns Baby vorgenommen hat - was bei Sun und Jin die Erinnerung an die Insel, einschließlich ihrer Englischkenntnisse, getriggert hat. Sawyer selbst trifft besagte Gynäkologin Juliet am - wieder mal eigensinnigen - Snack-Automaten des Krankenhauses. Juliet hilft dem Polizisten, an den feststeckenden Schokoriegel zu kommen. Nur wenige Augenblicke später sind ihre Erinnerungen zurück - und sie liegen sich küssend in den Armen. Gut, dass Juliet nicht mehr mit Jack verheiratet ist, wie wir mittlerweile wissen...

Jack hat unterdessen Locke operiert, der bereits kurz nach der OP nicht nur bester Dinge ist und seine Zehen wieder bewegen kann, sondern sich auch klar an die Ereignisse auf der Insel erinnert. Auch Jack hat einen kurzen Flash, will das aber offensichtlich nicht wahrhaben. Locke wünscht ihm, dass jemand für Jack dasselbe tut, was Jack für ihn getan hat.

Dieser Jemand muss natürlich Kate sein. Er trifft sie, als das Konzert, welches er zusammen mit Claire und seinem Sohn besuchen wollte, schon vorbei ist. Er weiß, dass er sie schon mal gesehen hat. Sie erinnert ihn, an ihre Begegnung in LA X (2). Aber sie fügt gleich hinzu, dass sie sich noch von woanders her kennen. Denn auch Kate sind mittlerweile die Augen aufgegangen. Auslöser für sie war die Geburt Aarons, die sich während des Konzerts vollzogen - und nebenher auch noch Claire und Charlie wieder zusammengebracht hat. Durch Kate kommen nun auch Jack die Erinnerungen an die Insel.

Gemeinsam fahren sie zur Kirche, in der die Totenmesse für Jacks Vater gelesen werden sollte. Dort hätten sich, so Kate, alle versammelt. Er solle dazukommen, wenn er soweit sei. Dazu sei es aber notwendig, dass er durch die Sakristei gehe. Jack befolgt ihre Worte - und findet in der Sakristei den Sarg seines Vaters. Er berührt ihn - noch mehr Einnerungen. Schließlich faßt sich Jack ein Herz und öffnet den Deckel. Doch der Sarg ist leer. Auf einmal spricht ihn jemand an. Es ist sein Vater.

Jack versteht nicht, was los ist. Sein Vater ist doch schließlich tot. Das kann Christian Shephard auch bestätigen. Es ist Jack, der schließlich den logischen Schluss vollzieht, dass er selbst dann wohl auch tot sein muss. Von Christian erfährt er, dass diese Wirklichkeit von ihnen allen geschaffen worden ist, um sich darin wiederzufinden. Sie alle sind zu unterschiedlichen Zeiten gestorben. Aber sie alle hätten einander gebraucht. Niemand sterbe allein. Nun sei es an der Zeit, weiterzuziehen.

Jack betritt das Kichenschiff, wo alle Lostees ihr großes Wiedersehen feiern. Schließlich lassen sie sich in den Bänken nieder. Christian schreitet zwischen zwei Engelsfiguren durch die Ausgangstür, durch welche strahlend helles Licht ins Innere fällt.

2007, Insel-Realität:
Jack hat es lebend aus der Höhle geschafft. Er wankt durch das Bambusfeld, bis er schließlich zu Boden stürzt und liegen bleibt. Vincent kommt durch die Pflanzen auf ihn zugerannt. Über sich in der Höhe sieht er das Ajira-Flugzeug davonfliegen. Er schließt die Augen.

Kritik

Die besten 90 Minuten Fernsehen dieses Jahres. Kombiniert mit den schlechtesten 15 Minuten. So könnte ein erstes Zwischenfazit des Lost-Finales lauten. Zwischenfazit deshalb, weil es sich im Laufe dieses Reviews durchaus noch verändern kann. Es ist wahrlich schwer zu einem abschließenden Urteil über etwas zu gelangen, das mit so vielen Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen aufgeladen war - wie das Finale einer der bedeutendsten TV-Serien unserer Tage.

Zuerst das Positive: The End (1) und The End (2) sind, genau wie es die überwältigende Mehrzahl der vorangegangenen knapp 120 Folgen gewesen ist, ungemein packendes, unterhaltsames Fernsehen. Eigentlich ist das Finale von Lost sogar mehr als das. Denn ABC hat sich bei den letzten 105 Minuten seiner aktuell erfolgreichsten Fiction-Serie nicht lumpen lassen.

Man sagt heutigen TV-Serien ja gerne nach, dass sie wie Kinofilme aussehen. Beim Finale von Lost ist das mehr als nur ein Gerücht: Visuell ist das, was uns die Serie hier zum Abschluss bietet, schon ungemein spektakulär. Angefangen bei den Luftaufnahmen der Insel bis hin zu der wohl intensivsten Prügelei der jüngeren TV-Geschichte. Am Geld wurde hier zum Glück wirklich nicht gespart.

Aber das Lost-Finale ist mehr als nur ein großes Action-Feuerwerk. Auch wenn die ganz großen Enthüllungen am Ende ausbleiben - wir erfahren doch immerhin so viel: Der Bericht von Jacob in Ab Aeterno über die Hölle, die von der Insel verschlossen wird, war mehr als nur eine Metapher. Das Herz der Insel ist tatsächlich ein Propfen, der offenbar den Höllenschlund verschließt. Das Licht (d.h. die besondere elektromagnetische Energie der Insel) ist ein direktes Ergebnis dieses Verschlusses. Möglicherweise so eine Art Gegenkraft, die sich aufbaut, wenn das Böse eingedämmt wird.

Ist der Propfen raus, erlischt das Licht. Gleichzeitig haben auch alle besonderen Kräfte und Fähigkeiten ein Ende. Fake-Locke ist wieder ein Mensch. Und Richard beginnt zu altern. Alles, was wir an Magie auf der Insel gesehen haben, hängt also unmittelbar von der Funktion der Insel als Propfen für das Böse ab.

Jack wusste, wie er Sawyer gegenüber gesteht, nicht wirklich, wie der Einsatz von Desmond in der Höhle zum Sieg über Fake-Locke führen sollte. Doch Jacks Ahnung, dass Fake-Lockes Plan die Mittel zu seinem eigenen Untergang bereitstellt, erweist sich als korrekt. Schließlich ist es auf der Insel ja fast immer so gelaufen: Wann immer jemand etwas vorhatte, ist das Gegenteil daraus geworden. Warum sollte es also bei Fake-Locke anders sein?

Tempo- und wendungsreich erzählt tröstet die Insel-Handlung darüber hinweg, dass viele, sehr viele der noch offenen Fragen - die Mythologie betreffend - nicht aufgeklärt werden. Allen voran, was es mit den Regeln auf sich hat, die offenbar jeder „Hüter der Insel“ beliebig setzen kann. Allison Janney hatte gesagt, dass sich Jacob und der Mann in Schwarz nicht gegenseitig töten können. Also konnten sie es nicht. Jacob hatte als Regel aufgestellt, dass niemand die Insel verlassen darf (außer den Anderen), also konnte niemand die Insel verlassen. Hurley kann jetzt neue Regeln aufstellen, die dann wiederum in seiner „Amtszeit“ Gültigkeit haben.

Stichwort Hurley: Mit ihm hingen gleich zwei der großartigsten Momente des Finales zusammen. Zunächst einmal der wunderbare Dialog, in dem sich Fake-Locke bei Jack - fast wie ein Lost-Fan - darüber beklagt, dass die Wahl von ihm als Nachfolger ja wohl ein bißchen überraschungsarm sei. Und dann später der Augenblick, als Jack Hurley zu seinem Nachfolger macht. Da dürfte wohl der ein oder andere Jubelschrei durch die US-Wohnzimmer getönt sein. Denn darauf, dass Sympathieträger Hurley am Ende des Posten erhält, dürften wohl nicht wenige (der Rezensent eingeschlossen) gehofft haben. Was ihn nur noch sympathischer macht: Dass er die Aufgabe (und die damit verbundene Macht) eigentlich gar nicht will. Und ausgerechnet Ben um Hilfe ersucht.

Das war einer jener Momente im Finale, die es dem Zuschauer wirklich warm ums Herz werden ließen (ohne Orchester-Schmalz und künstliches Auf-die-Tränendrüse-drücken); Ben, der immer nur die Anerkennung von Jacob gesucht, aber nie gefunden hat; Ben, der so viele Grausamkeiten verübt, am Ende jedoch Buße getan hat, wird vom „neuen Jacob“ darum gebeten, seine rechte Hand zu werden. Er hat sich gewandelt - und erfährt nun die Anerkennung, die er stets vermisst hat.

Kommen wir zum Negativen - oder anders gesagt: Zum L.A.-Alternativuniversum. Das ist anfangs (wie schon zuletzt in den Folgen mit Alternativ-Desmond) für einige herrlich witzige Momente gut, vor allem dann, wenn eine Figur schon etwas über die Insel-Realität weiß, die andere darüber aber noch im Unklaren ist. Spätestens mit Aarons Geburt fängt es jedoch an, bis an die Belastungsgrenze rührselig zu werden (ganz abgesehen davon, dass manche Schauspieler auch nicht gut weinen können). Bis wir schließlich zur Auflösung der Handlung um das Paralleluniversum kommen.

Und das ist wohl die mit Abstand schlechteste Überraschung, die die Lost-Autoren den Fans bereiten konnten. Gleich zu Anfang hatten die Fans spekuliert, ob nicht die Insel selbst so eine Art Jenseits sein könnte, ein Fegefeuer, in dem die Figuren für die Sünden ihrer Vergangenheit zu büßen haben. Spätestens mit dem Ende von Live Together Die Alone (2) war dieser Verdacht ausgeräumt worden. Denn zum ersten Mal waren Szenen außerhalb der Insel zu sehen. Und etwas, das gerade auf der Insel passiert war, hatte offenkundig eine unmittelbare Wirkung auf die Außenwelt.

Die Jenseits-Hypothese schien damit widerlegt. Doch nun führen die Autoren sie durch die Hintertür des Alternativuniversums einfach wieder ein: Die Insel selbst ist zwar Realität (das wird von Christian noch mal ausdrücklich hervorgehoben), alles, was wir jedoch in Staffel 6 in L.A. gesehen haben, ist in Wahrheit das Leben nach dem Tod, in dem sich die Lostees wiedersehen.

Die Lösung hat einen gewissen Charme: Wie sonst hätten auch all die zufälligen bzw. schicksalhaften Begegnungen (ohne Mitwirken von Jacob) erklärt werden sollen? Außerdem haben sich damit natürlich sämtliche im Umfeld von LA X (1) geführten Diskussionen um Diskrepanzen zwischen dem 2004, welches wir zu Beginn der Serie gesehen haben, und dem 2004 in Staffel 6 restlos erledigt.

Der große Nachteil: Für alle, die (wie der Rezensent) der SciFi-Erklärung mit der Wasserstoffbombe gefolgt sind (welche ja in Happily Ever After noch mal aufgegriffen wurde), muss die Jenseits-Erklärung wie eine einzige gigantische Enttäuschung erscheinen. Davon, dass sie auch noch schrecklich unkreativ ist, einmal ganz abgesehen. Auch stellt sich die Frage, was Juliets Botschaft an Sawyer in LA X (2) dann zu bedeuten hatte. Was hat sie denn durch die Explosion der Atombombe „geschafft“? Mit Ausnahme des kleinen Zeitsprungs hatte sie ja dann offensichtlich keine Wirkung. Die Theorie Farradays, dass sich durch die Detonation der Absturz ungeschehen machen lassen könnte, wäre demnach widerlegt.

In einem ihrer vielen Interviews im Vorfeld des Finales gaben Damon Lindelof und Carlton Cuse, die beiden Chefautoren von Lost, an, dass sie zu 80 Prozent über die Figuren und nur zu 20 Prozent über die Mythologie nachgedacht hätten. Das merkt man an Stellen wie diesen ganz deutlich.

Was nun das Schicksal der Figuren angeht, so muss sich das Finale der Serie natürlich auch ihrem berühmten Liebes-Dreieck Jack-Kate-Sawyer widmen. Die Lösung, die die Autoren dabei finden, hat es auch durchaus in sich: In der Realität gestehen sich Kate und Jack ihre Liebe, er bleibt jedoch auf der Insel, während sie mit Sawyer davonfliegt. Im Jenseits kommen Kate und Jack zusammen, während Sawyer seine Juliet bekommt, die hier Jacks Ex-Frau ist. Dass ABC daraus keine Beziehungs-Sitcom für die neue Season gemacht hat, erstaunt doch sehr...

Fazit

Nein, für ein endgültiges Fazit (falls dies überhaupt möglich ist) ist es immer noch zu früh. Deshalb nur so viel: Diejenigen, die einen echten Geniestreich zum Ende erwartet haben, der auf eine unerwartet/noch nie dagewesene Weise die Serie zu einem 100 Prozent befriedigenden Abschluss führt, werden am Ende des Finales einen ziemlich harten Stich der Enttäuschung verspürt haben. Gleichzeitig ist unbestreitbar, dass die letzten 105 Minuten von Lost so unterhaltsam wie eh und je gewesen sind. Eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Mit witzigen Einzeilern im Dutzend.

Kein Zweifel: Zahlreiche Fragen aus den letzten sechs Jahren von Lost sind offen geblieben. Gleichzeitig hat die Serie auf der anderen Seite jedoch durchaus ein rundes Ende gefunden. Von Anfang an ging es in Lost um Figuren, die von ihrer Vergangenheit gezeichnet waren. Jede auf ihre eigene Weise allein und isoliert. „Live Together, Die Alone“ war mehr als nur ein Episodentitel. Einer der Grundgedanken der Serie bestand stets darin, die Figuren durch das Zusammenleben und Zusammenleiden auf der Insel ihre Vergangenheit überwinden zu lassen. Darin schwingen die zutiefst christlichen, ja katholischen Gedanken von Schuld und Erlösung mit. Unter diesem Gesichtspunkt ist das Ende in der Kirche, das Ende im Jenseits auf jeden Fall nicht unpassend gewählt.

Vielleicht wird sich im Nachhinein die Wahrnehmung der Zuschauer von Lost auch dementsprechend ändern. Es war zu Beginn nicht wirklich eine Science-Fiction-Serie - und war dies auch am Ende (trotz Hereinnahme mancher SciFi-Elemente) nicht. Lost war etwas anderes.

Von einer abschließenden Würdigung der Serie kann dieses Review des Finales jedoch bestenfalls der Anfang sein.

Jack: „Are you real?
Christian: „I sure hope so!

Christina Greiner

Der Artikel LOST: DAS FINALE wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

Aktuelle Lieblingsbeiträge der Leser von Serienjunkies


Lockwood & Co: Review der Pilotepisode der Netflix-Serie Lockwood & Co: Review der Pilotepisode der Netflix-Serie

In einer Welt, die offen von ebenso unheimlichen wie gefährlichen Spukerscheinungen heimgesucht wird, sind übernatürlich begabte jugendliche Geisterjäger die einzige Hoffnung in der neuen Netflix-Serie Lockwood & Co.... [mehr]

Von Thorsten Walch am Freitag, 27. Januar 2023 um 20.00 Uhr.