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Lost: Das große Familientreffen

Review zu 6x13 „The Last Recruit“

Ungastlich: Zoe ihre Männer / (c) 2010 ABC
Ungastlich: Zoe ihre Männer / (c) 2010 ABC

Nur noch vier Folgen bis zum Finale von Lost. Und noch so viel zu erklären und aufzulösen. Da müssen wohl auch die Autoren von The Last Recruit kalte Füße bekommen haben. Auf jeden Fall haben sie das Erzähltempo deutlich angezogen.

SPOILER! SPOILER! SPOILER!

Claire: „What's going on?
Hurley: „People trying to kill us, again.

Inhalt

2004, L.A.-Realität:
Wo soll man nur anfangen? Beginnen wir bei John Locke, der begleitet von Dr. Benjamin Linus ins Krankenhaus gefahren wird. Gerade als sie die Notaufnahme erreichen, trifft auch noch ein zweiter Krankenwagen ein. Darin: Jin und die schwer verletzte Sun. Eine kleine Wegstrecke werden die Liegen mit Locke und Sun parallel nebeneinander geschoben. Sun blickt herüber - und erkennt Locke offenbar wieder. Sie ruft wiederholt „Nein...nein...“ und „Er ist es!“.

Auch Jack staunt nicht schlecht, als er John bei sich auf dem OP-Tisch liegen sieht. Er ist sich sicher, den Mann von irgendwoher zu kennen. Jack hatte ihm in LA X (2) schließlich angeboten, sich seinen medizinischen Fall anzuschauen. Dass Locke nun auf diese Weise bei Jack unters Messer kommen würde, hätte wohl keiner der beiden gedacht.

Immerhin: Für Jack ist die OP eine fast schon willkommene Gelegenheit, sich etwas zu fangen. Hat er doch erst wenige Minuten zuvor seine ihm bis dahin völlig unbekannte Halbschwester kennen gelernt.

Das war nämlich so: Desmond scheint sich tatsächlich jeden einzelnen seiner Mitreisenden von Oceanic 815 vorzuknöpfen. Bei Claire verfährt er da allerdings etwas zartfühlender als bei John. Er lauert ihr in einem Bürogebäude auf, in dem sie eine neue Adoptionsagentur aufsuchen will. Desmond verwickelt sie in ein Gespräch - und schlägt ihr schließlich vor, eine Rechtsanwältin zu konsultieren, bevor sie irgendwelche Adoptionspapiere unterzeichnet. Wie es der „Zufall“ so will, ist Desmond gerade auf dem Weg zu seiner Anwältin - und bietet Claire an, mit dieser (auf seine Kosten) sprechen zu können.

Besagte Anwältin ist niemand anders als Ilana, die es in der L.A.-Realität wesentlich besser getroffen hat als auf der Insel - vor allem, weil man als Juristin in der Regel nicht mit Dynamit hantieren muss (Everybody Loves Hugo). Für Claire hat Ilana dann auch direkt eine dicke Überraschung parat. Denn Ilana ist schon die ganze Zeit über auf der Suche nach der Australierin. Es gibt da nämlich ein gewisses Testament, in dem Claire als Begünstige genannt wird. Bei dessen Eröffnung macht Claire die Bekanntschaft mit Jack und dessen Sohn. Der Arzt fällt aus allen Wolken, als er erfährt, dass er noch eine Halbschwester hat. Da erreicht ihn der Anruf aus dem Krankenhaus wegen eines Notfalls, bei dem es sich um John Locke handelt.

Zum Glück kein Notfall mehr ist Sun: Als sie ihm Krankenhaus wieder wach wird, kann ihr Jin die frohe Kunde überbringen, dass nicht nur sie selbst, sondern auch ihr Baby gerettet ist.

Kommen wir zu Sawyer: Der hatte am Ende von Recon gemeinsam mit seinem Partner Miles nach einer Verfolgungsjagd Kate festgenommen. Sawyer staunt, dass sie sich nach so kurzer Zeit bereits wiedersehen - und auch über die Tatsache, dass Kate eine gesuchte Mörderin ist. Kate allerdings beteuert, dass sie genau das - nämlich eine Mörderin - nicht ist. Sie fragt ihn, warum er sie nicht schon am Flughafen festgenommen habe, woraufhin er so tut, als habe er ihre Handschellen damals nicht gesehen. Sie sagt ihm jedoch auf den Kopf zu, dass er wahrscheinlich nicht wollte, dass jemand erfährt, dass er in Australien war. Touché!

Bevor Kate und Sawyer ihren kleinen Flirt fortsetzen können, wird er jedoch von Miles zu einem neuen Fall gerufen: Mehrere Leichen in einem Restaurant. Der vermutliche Täter, ein arabisch aussehender Mann, wurde beim Verlassen des Ladens von einer Videokamera gefilmt.

Bei jenem Araber handelt es sich natürlich um Sayid, der in das Haus seines Bruders stürmt und seine Sachen packt. Als Nadia ihn fragt, was er getan hat, sagt er ihr nur, dass sie sich wohl niemals wiedersehen werden. Da klopft es auf einmal an der Vordertür. Es ist Miles. Als Sayid nach hinten raus verschwinden will, stellt ihm Sawyer jedoch mit einem Gartenschlauch eine Stolperfalle und nimmt ihn fest.

2007, Insel-Realität:
Da stehen sie nun, die beiden ewigen Kontrahenten Jack und (Fake-) Locke. Letzterer bietet Jack ein Vieraugen-Gespräch an, welches dieser - nach Rücksprache mit Hurley - auch annimmt. Für Lost-Verhältnisse ist dieses Gespräch bemerkenswert informativ: Jack erfährt, dass die Kreatur die Gestalt von Locke nur deshalb annehmen konnte, weil Jack Lockes Leichnam auf die Insel zurückgebracht hat. Und ja, es war auch der Mann in Schwarz/das Rauchmonster/Fake-Locke, der Jack in Gestalt seines verstorbenen Vaters erschienen ist. Als Jack wissen will, warum er das getan hat, weist Fake-Locke ihn darauf hin, dass er ihn damit doch schließlich zum Wasser geführt habe.

Fake-Locke gibt sich als Wohltäter, der stets alles getan habe, um die Überlebenden dabei zu unterstützen, von der Insel wegzukommen. Nun, da Jacob tot sein, bietet sich die Gelegenheit, dass sie tatsächlich gehen können. Voraussetzung dafür sei nur, dass sie zusammen gehen. Jack gibt sich skeptisch. Er erinnert an John Locke, der der Einzige von ihnen gewesen ist, der immer an die Insel geglaubt hat - und nicht von ihr weggehen wollte. Dafür zeigt Fake-Locke kein Verständnis: Für ihn ist die Person, deren Gestalt er angenommen hat, kein Gläubiger, sondern nur ein leichtfertiger Dummkopf, der sich für die Insel hat umbringen lassen.

Unterbrochen wird ihr Gespräch, als John merkt, dass sie beobachtet werden. Claire ist den beiden gefolgt. Sie will mit Jack sprechen, nachdem nun beide wissen, dass sie Halbgeschwister sind. Claire freut sich, dass sich Jack Fake-Locke und der Gruppe angeschlossen hat. Jack widerspricht: Er habe sich noch nicht entschieden. Woraufhin Claire einwendet, dass er zugelassen habe, dass Fake-Locke mit ihm spricht. Damit habe er sich faktisch schon entschieden.

Aufruhr entsteht im Lager von Fake-Locke, als Zoe dort auftaucht und eine Botschaft von Charles Widmore überbringt: Widmore fordert ultimativ die Rückgabe dessen, was Fake-Locke ihm geklaut hat. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, lässt Widmore in unmittelbarer Nähe des Camps eine Granate einschlagen. Er ist nicht nur mit einem U-Boot, sondern auch gut bewaffnet zur Insel zurückgekehrt.

Fake-Locke denkt jedoch gar nicht daran, Widmore zu geben, was er will. Stattdessen bricht er mit seinen Leuten auf, um einen Gegenangriff auf die Hydra-Insel zu starten. Dazu schickt er Sawyer und Kate voraus, die Desmonds Segelschiff, die Elizabeth, holen sollen. Auch Sayid erhält von ihm einen Sonderauftrag: Der Iraker soll zum Brunnen gehen - und Desmond töten. Als Sayid ihn fragt, warum er das tun soll, fragt Fake-Locke zurück, ob Sayid immer noch das wolle, worum er ihn gebeten habe.

Das will Sayid - und geht deshalb zum Brunnen, der nicht so tief ist, wie es in Everybody Loves Hugo in der Dunkelheit den Anschein hatte. Desmond sitzt im Grunde in einem tiefen Wasserloch. Als Sayid auf ihn anlegt, fragt der Schotte ihn, was Fake-Locke ihm versprochen habe. Sayid antwortet, dass er eine geliebte Frau zurückbringen will, die gestorben ist. Woraufhin Desmond fragt, was er ihr sagen will, wenn sie ihn fragt, was er getan hat, um sie zurückzuholen.

Sawyer bespricht sich unterdessen in aller Heimlichkeit mit Jack. Er berichtet ihm von dem Deal, den er mit Charles Widmore hat. Sawyer bietet Jack an, gemeinsam mit Sun, Hurley und Frank zum Dharma-Steg zu kommen. Dort will er sie mit dem Schiff auflesen und zur Hydra-Insel bringen, von wo aus sie mit dem U-Boot die Insel ein für alle Mal verlassen können. Jack stimmt zu. Als Fake-Locke mit seinen Leuten aufbricht, aber für einen Augenblick zurückbleibt, um nach Sayid zu sehen, setzen sich Jack, Hurley, Sun und Frank von der Gruppe ab.

© IMAGO
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Keine Serie für Nichtschwimmer: Josh Holloway als Sawyer © 2010 ABC
Keine Serie für Nichtschwimmer: Josh Holloway als Sawyer © 2010 ABC

Claire beobachtet sie - und folgt ihnen zum mit Sawyer und Kate verabredeten Treffpunkt. Zuerst scheint es so, als wolle sie die anderen an der Flucht mit vorgehaltener Waffe hindern. Als Kate ihr jedoch noch einmal eindringlich in Erinnerung ruft, dass sie nur für Claire auf die Insel zurückgekommen ist, damit diese wieder mit Aaron zusammen sein kann, wechselt Claire die Seiten - und schliesst sich Sawyer (der sie zuerst nicht mitnehmen wollte, weil sie verrückt ist) und den anderen an.

Unterwegs zur Hydra-Insel sprechen Sawyer und Jack miteinander. Jack hat das Gefühl, dass es falsch ist, die Insel zu verlassen. Dass es noch etwas gibt, das sie tun müssen. Sawyer stellt den Arzt vor die Wahl: Entweder er hört damit auf, so einen Quatsch zu reden - oder er geht von Bord. Nach kurzem Überlegen entscheidet sich Jack für Letzteres und hüpft ins Wasser.

Als Sawyer und die anderen die Hydra-Insel erreichen, werden sie dort sogleich von Zoe und einem schwer bewaffneten Begrüßungskomitee in Empfang genommen. Auch Jin ist an den Strand gekommen - und kann endlich seine geliebte Sun in die Arme schließen, die genau in diesem Augenblick die englische Sprache wiederfindet (nachdem sie zuvor noch via Schreibblock Fake-Locke beschuldigt hat, an ihrem Zustand Schuld zu sein, wovon das Rauchmonster aber nichts wissen wollte).

Das Glück währt jedoch nur einen kurzen Augenblick. Denn über Funk erhält Zoe eine Anweisung, die sie dazu veranlasst, Sawyer, Kate und die anderen mit vorgehaltener Waffe auf die Knie zu zwingen. Wiederum über Funk gibt sie die Anweisung zu feuern. Erneut wird eine Granate abgeschossen, die am Strand der gegenüberliegenden Insel einschlägt - genau in dem Moment, als Jack dort erschöpft vom langen Schwimmen eintrifft und sich Fake-Locke gegenübersieht, welcher kaum davon überrascht ist zu erfahren, dass sich Sawyer mit dem Boot abgesetzt hat.

Das Bombardement geht weiter. Und es ist Fake-Locke, der den völlig benommenen Jack in den Dschungel und damit in Sicherheit bringt: „You are with me now!

© IMAGO
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Flugkapitän Frank: Übrig geblieben %26bdquo;aus einem Burt-Reynolds-Film%26ldquo;? © 2010 ABC
Flugkapitän Frank: Übrig geblieben %26bdquo;aus einem Burt-Reynolds-Film%26ldquo;? © 2010 ABC

Kritik

Und wieder einmal hat sich dieses typische Lost-Gefühl eingestellt, als wäre das eigene Gehirn gerade im Schleudergang gewaschen worden. Dass diese Serie einige Konzentration von ihren Zuschauern abverlangt, ist ja nichts Ungewöhnliches. Das besondere an The Last Recruit ist jedoch, dass es diesmal nicht eine einzelne Figur gibt, die wir durch den wöchentlichen Mystery-Mahlstrom begleiten, sondern es gleich das ganze Ensemble ist, welches wir auf beiden Realitätsebenen verfolgen. Da muss man schon mal zwischendurch anhalten und zurückspulen: Wie war das jetzt noch mal?

Im Grunde funktioniert die Folge, wie eine Art Brennpunkt, die - vor allem auf Seiten der L.A.-Realität - viele Handlungsstränge und vor allem Personen zusammenführt: Jack und Claire, Jack und Locke, Sun und Locke, Sawyer und Kate sowie Sawyer und Sayid. Alle schön in einem Mosaik verwoben. Über die wirklichen krassen Zufälle, die dieses Zusammentreffen bewirken (z.B. die beiden Krankenwagen, die gleichzeitig eintreffen), muss man sich an dieser Stelle kaum unterhalten. Es sei denn, auch das wäre auf irgendeine Weise Schicksal.

Selbiges spielt jedoch schon Desmond in der L.A.-Realität - und bekommt durch seine Mischung aus All- (?) wissenheit und Hartnäckigkeit (bis hin zur Gewalttätigkeit) etwas Unheimliches. An der Theorie, dass er zumindest in diesem Alternativuniversum die Rolle von Jacob übernommen hat, scheint mehr und mehr etwas dran zu sein.

Zu den zusammenlaufenden Handlungs- bzw. Personenbögen gehörten in dieser Folge auch zwei lang erwartete Familienzusammenführungen: Jack und Claire, die gleich in zwei Universen sich zum ersten Mal als (Halb-) Bruder und Schwester gegenübersahen. Und natürlich Jin und Sun.

Dabei gehörte vor allem Emilie de Ravin alias Claire einer der besten Augenblicke der Episode: Nachdem zuvor klar geworden ist, dass sie sich Fake-Locke nur deshalb angeschlossen hat, weil die anderen sie verlassen haben, er aber stets für sie da war, hat der Moment, als ihr gerade wiedergefundener Halbbruder sich ohne sie absetzt, etwas wirklich Herzzereissendes. Dieser Ausdruck von Enttäuschung und Sich-verraten-fühlen in ihrem Gesicht!

Wie schon in einigen Folgen zuvor hören wir erneut, dass man Fake-Locke (oder umgekehrt auch Jacob) gar nicht erst zum Reden kommen lassen darf, sonst ist man ihnen auf eine noch ungeklärte Art und Weise verfallen. Tatsächlich versucht die Folge wohl nahezulegen, dass Jack jetzt irgendwie zum Lager von Fake-Locke gehört (und das, obwohl er doch immer noch der Ansicht ist, dass er etwas auf der Insel tun muss, was ja gerade dem widerspricht, was Fake-Locke predigt).

Und doch haben wir - auch in der aktuellen Folge - immer wieder Figuren gesehen, die mit Fake-Locke (oder Jacob) sprechen und sich nicht von ihnen einnehmen lassen. Da ist zum Beispiel Sawyer, der sein eigenes Ding durchzieht. Oder auch Sayid, der langsam wieder zu Sinnen zu kommen scheint - und seinem Gesichtsausdruck nach wohl ganz klar gelogen hat, als er Fake-Locke gegenüber die Behauptung aufgestellt hat, er hätte Desmond getötet.

Die Lagerbildung in Lost ist wie die Zuordnung nach „Gut“ oder „Böse“ eine sehr fragile und wechselhafte Angelegenheit.

Fazit

The plot thickens. Mit The Last Recruist legt Lost in puncto Erzähltempo eine ganze Schippe drauf - und lässt uns den Antworten näherkommen, ohne sie bislang gänzlich preiszugeben. Aber dafür haben wir schließlich noch ein paar Folgen...

Christina Greiner

Der Artikel Lost: Das große Familientreffen wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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