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Liberame - Nach dem Sturm: Abdrift - Review der Pilotfolge

Liberame - Nach dem Sturm: Abdrift - Review der Pilotfolge

Liberame - Nach dem Sturm: Abdrift - Review der Pilotfolge

Das sechsteilige deutsche Drama Liberame hat sich zum Ziel gesetzt, die Traumata, Sorgen, Nöte und Ängste von Geflüchteten in Form einer spannenden Geschichte zu spiegeln und leistet dabei hervorragende Arbeit. Die Art, wie das Thema aufgearbeitet ist, geht unter die Haut und regt zum Nachdenken an.

Vorbemerkung: Dieses Review bezieht sich auf die ersten beiden Episoden „Abdrift“ und „Schwere See“.

Was geschieht

Jan, seine Frau Caro, seine Schwester Fiona und die gemeinsamen Freunde Daniel und Helene verbringen eine unbeschwerte Zeit auf der Jacht Liberame im Mittelmeer. Als sie auf ein liegengebliebenes Boot mit Dutzenden Flüchtlingen treffen und die Küstenwache sich auf Jans verzweifelte Mayday-Rufe nicht meldet, entschließt er, den Kahn in den nächsten Hafen zu ziehen. Doch in einem Sturm geschieht das Unfassbare. Eine Leine reißt und der Kutter der Refugees kentert. In der tosenden See sterben sieben Menschen, während die Liberame ihren Weg fortsetzt.

Einige Jahre später holt die Freunde die Vergangenheit wieder ein, denn Ismail Sabia, dessen Tochter damals elendig ertrank, fährt in Jans Heimatstadt Hamburg inzwischen Taxi und trifft eines Tages auf ihn. Als Jan ihn und seine Familie zum Brunch einlädt, kommt es zum Eklat und Ismails Frau Zahra beschimpft ihre Gastgeber als Mörder. Was ist damals wirklich geschehen? Hat der Sturm das Seil reißen lassen, oder half einer der gut betuchten Segler nach?

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Unter die Haut

Dramaserien haben oft ein Problem: Sie bedienen sich einer interessanten Thematik, überziehen diese dann aber ins Plakative und hinterlassen beim Zuschauer einen faden Beigeschmack der Unglaubwürdigkeit. Nicht so die ZDF-Miniserie Liberame, die - das darf man an dieser Stelle vorwegnehmen - in jeder Hinsicht hochklassiges und wertiges Fernsehen bietet. Die Geschichte dreht sich im Kern um die Frage von Schuld, Verantwortung und Erlösung.

Fünf gut situierte deutsche Urlauber treffen mit ihrer Jacht (zu Deutsch: Erlöse mich) auf dem Mittelmeer auf eines von vielen Flüchtlingsbooten. Jan (eindrucksvoll gespielt von Friedrich Mücke) und sein Freund Daniel (Marc Benjamin) fahren mit dem Beiboot hinüber und helfen zunächst, wo sie können. Die weiteren Hauptfiguren der Geschichte, Ismail Sabia (bewegend: Mohamed Achour), seine Frau Zahra (emotional mitreißend verkörpert von Kenda Hmeidan), Bilal (Tariq Al-Saies) und der Nigerianer Akono (Emmanuel Ajayi) hoffen auf Rettung und haben keine andere Wahl, als sich in die Hände der Fremden zu begeben.

Hautnah erlebt das Publikum mit, wie Jan die Küstenwache erfolglos um Hilfe bittet und die Crew der Liberame sich entscheiden muss, das ethisch und moralisch Richtige zu tun, obwohl nicht alle an Bord freimütig helfen wollen. Die Diskussion, die zwischen den Urlaubern ausbricht, ist die, die viele von uns zumindest in groben Zügen in Wohnzimmern, auf Stammtischtreffen und auf der Arbeit geführt haben. Wie soll man dem internationalen Seerecht Genüge tun und Schiffbrüchigen in Lebensgefahr helfen, wenn man nirgendwo in Europa einlaufen darf? Sollte man überhaupt zur Hilfe eilen, oder die in Not Geratenen ihrem schlimmen Schicksal überlassen, weil sie ohnehin besser nie gekommen wären? Die Autoren Astrid Ströher, Marco Wiersch sowie Regisseur Adolfo J. Kolmerer diskutieren diese schwere Thematik ohne vorwurfsvollen Unterton und spielen das Szenario in Form eines Streitgespräches unter Deck der Liberame durch.

Aus humanistisch-ethischen Gesichtspunkten kann die Antwort auf die daraus resultierende Frage: „Was würdest Du tun, wenn Dein Land in Trümmern liegt und überall um Dich herum die Bomben fliegen?“ nur lauten: „Ich würde ebenfalls fliehen“, womit auch klar ist, dass man für jede noch so kleine Hilfe dankbar wäre. Menschlichkeit ist eben, wie die Serie deutlich macht, keine Frage der Perspektive, sondern aus emotional-logischer und humanistischer Betrachtungsweise das einzig Richtige.

Schuld und Vergebung

Dass dennoch etwas gehörig schief geht, was zum Verlust von sieben Menschenleben führt, wird bereits im ersten von sechs Teilen klar herausgearbeitet. Deutlich spürbar begegnet Jan Ismail in Hamburg mit einem schlechten Gewissen, das nicht allein auf den Glauben eines schrecklichen, aber letztlich schicksalhaften Unfalls beruht. Vielmehr schwingt von Anfang an der leise Verdacht mit, dass einer der fünf Jachtenbummler das Schlepptau im Sturm gekappt hat und damit die Flüchtlinge dem fast sicheren Tod überließ. Ob dem so ist oder nicht, wird auch in der zweiten Episode nicht vollends klar.

Das treibt die Spannung nach oben, während Zahras Gefühlsausbrüche bei einem von Jan initiierten Brunch, zu dem er die Sabias einlädt, tief bewegend sind. Immer wieder blitzt zudem die Vermutung durch, Ismail, Bilal und Akono könnten etwas äußerst Dummes tun und ihre zweifellos existieren Rachegedanken in die Tat umsetzen. Ismail schwankt ständig zwischen seiner ihn zur Verzweiflung treibenden Trauer und dem Wunsch, Jan vergeben zu können. „Auge um Auge?“ fragt er deshalb seinen Bruder Bilal, der sich daraufhin wortlos abwendet.

Letztlich können sowohl er als auch der von Rachedurst getriebene Akono nicht wissen, ob das Seil durchtrennt wurde, oder ein tragischer Unfall das Leben seines Vaters und sechs weiterer Flüchtlinge beendete. Doch auch er sucht nach Vergebung und Erlösung. So treiben sich die Protagonisten voreinander her. Zumindest so lange, bis Helene die anderen darauf hinweist, dass sie zwar auch ihr Päckchen zu tragen hat, weil sie während der Schiffsnachtwache einschlief, trotzdem aber davon überzeugt ist, einen Schatten an Bord gesehen zu haben.

Als dann gegen Ende der zweiten Folge Jans Frau Caro heimlich die Liberame aufsucht, um ein Messer verschwinden zu lassen, ist die Verwirrung perfekt. Weiß sie etwas, das die anderen nicht wissen? Plagt sie ihr schlechtes Gewissen, oder versucht sie, jemanden zu schützen und wenn ja, warum? Spätestens hier wird deutlich, dass in der Geschichte unübersehbare Thriller-Elemente mitschwingen, die für einen hohen Unterhaltungswert sorgen und das Publikum mitzureißen vermögen, großartig.

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Fazit

Die ersten beiden Folgen von „Liberame“ sind Fernsehen auf Spitzenniveau, denn das schwere Flüchtlingsthema wird gefühlvoll und ohne Schuldzuweisungen in irgendeine Richtung präsentiert. Die Schauspielerinnen und Schauspieler (allen voran die bereits genannten Friedrich Mücke, Mohamed Achour und Kenda Hmeidan) leisten Hervorragendes, Regisseur Adolfo J. Kolmerer webt in die Geschichte geschickt Thriller-Elemente ein und die Kameraarbeit von Christian Huck ist routinierte, gute Handarbeit.

Bei der Begutachtung von „Abdrift“ und „Schwere See“ kam keine Sekunde Langweile auf. Es gibt weder unangenehmen Längen, noch unnötige oder übertrieben anmutende Dialoge und schon gar keinen Populismus. Wer einen kleinen Eindruck davon bekommen möchte, wie es Menschen ergeht, die in höchster Not ihre Heimat zurückließen, um in einem fremden Land ein neues Leben zu beginnen, sollte Liberame auf jeden Fall eine Chance geben. Dementsprechend verteile ich fünf von fünf Sternen.

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