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Get Out: Schwarzer Horror in weißer Welt

Filmkritik

Da ist noch alles in Ordnung: Chris (Daniel Kaluuya) und Rose (Allison Williams) auf dem Weg zu ihren Eltern. / (c) Universal

In Amerika hat sich der Horrorfilm Get Out von Jordan Peele längst zu dem Überraschungshit der Saison gemausert. Nun kommt das von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierte Werk nach Deutschland. Erfüllt der Streifen die hohen Erwartungen?

Woran denken wir als Erstes, wenn ein schwarzer Charakter in einem Horrorfilm auftaucht? Richtig, dass er einer der Ersten sein wird, die das Zeitliche segnen. Sind wir deswegen nun Rassisten, oder ist Hollywood rassistisch, weil es uns genau diese Denkweise eingetrichtert hat? Eine Antwort auf diese Fragen liefert „Get Out“, der erste Film von Jordan Peele, zwar nicht. Allerdings stellt er diese und andere traurige Tropen so amüsant und mitreißend auf den Kopf, dass es sich wie ein Befreiungsschlag anfühlt. Der Streifen ist nicht nur wahnsinnig unterhaltsam, sondern regt auch zum Nachdenken über die eigenen Vorurteile an.

Abkehr vom Gewohnten

Bevor wir die Hauptfiguren kennenlernen, eröffnet uns Peele ein erstes furchteinflößendes Szenario, das bereits eine bekannte Trope untergräbt. In einem vornehmlich weißen Vorort läuft der schwarze Andrew (Lakeith Stanfield aus Atlanta) umher. Nervös berichtet er seinem Freund am Telefon, dass er Angst davor habe, alleine auf der Straße zu sein, die gesuchte Adresse aber einfach nicht finde. Es ist eine schöne Umkehr der Warnung an unschuldige junge Mädchen, ja nicht in eine dunkle Gasse zu gehen. Überdies wird hier die Angst weißer Vorstädter vor jungen schwarzen Unbekannten in ihrem Viertel satirisch umgekehrt.

Was Peele später mit Andrew anstellen wird, ist noch viel grausamer als das, was er selbst befürchtet, soll aber an dieser Stelle noch nicht verraten werden. Es sei nur so viel gesagt, dass die Satire, die sich Peele im Cold Open erlaubt, weitaus harmloser ist als der ganze Rest des Films. Dieser handelt bald vom schwarzen Fotograf Chris (Daniel Kaluuya aus Black Mirror) und seiner Freundin Rose (Allison Williams aus Girls). Sie sind von ihren Eltern in deren Haus in irgendeiner reichen Ortschaft außerhalb New Yorks eingeladen.

Also stellt Chris die unvermeidliche Frage: Hat Rose ihren Eltern erzählt, dass er schwarz ist? Hat sie natürlich nicht, was ihn nur mäßig beunruhigt - obwohl es ihn definitiv beunruhigt -, seinen Kumpel Rod (LilRel Howery) aber sogleich zu einer deutlichen Warnung veranlasst: „Don't go to a white woman's house.“ Jeder Zuschauer, der sich bewusst ist, dass er ein Ticket für einen Horrorfilm gelöst hat, weiß in diesem Moment, dass Rod Recht behalten wird. Wie abgefahren der Schrecken für Chris aber wirklich werden wird, das lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht abschätzen.

Dean (Bradley Whitford) und Missy (Catherine Keener) wirken so harmlos.   © Universal
Dean (Bradley Whitford) und Missy (Catherine Keener) wirken so harmlos. © Universal

Am imposanten elterlichen Wohnsitz angekommen, häufen sich die Merkwürdigkeiten schnell. Roses Vater Dean (Bradley Whitford) bestätigt nach wenigen Minuten, was seine Tochter präzise vorhergesagt hatte, dass er nämlich ein drittes Mal für Obama gewählt hätte, wäre das möglich gewesen. Er zeigt Chris all die Devotionalien, die er auf seinen Reisen nach Afrika gesammelt hat. Dann aber erzählt er die Geschichte von seinem Vater, der bei den Olympischen Spielen im Jahre 1936 gegen Jesse Owens verloren und Sympathien für die Aryan Nation gehegt habe.

Dräuender Grauen

Zum ersten Mal ist Chris verwirrt bis leicht beunruhigt. Die Worte seines Freundes klopfen bereits zart an seinem Unterbewusstsein an. Verstärkt wird dieses Gefühl, als Roses Mutter Missy (Catherine Keener), eine Psychiaterin, anbietet, ihn zu hypnotisieren, damit es ihm leichter fällt, das Rauchen aufzugeben. Und dann sind da noch die beiden größten, weil merkwürdigsten Wild Cards des gesamten Films, Haushälterin Georgina (Betty Gabriel) und Gärtner Walter (Marcus Henderson). Beide schwarz, versteht sich. Warum blinzeln sie nie, warum grinsen sie ständig, warum sind sie so sklavisch unterwürfig?

Im weiteren Verlauf des Films nehmen die Unstimmigkeiten zu, und es macht in jeder Sekunde Spaß, Chris dabei zuzusehen, wie er hinter das monströse Familiengeheimnis kommt. Dieses ist so dreist, dass man als Zuschauer erstmal gar nicht weiß, ob man darüber lachen soll oder doch lieber eingeschüchtert sein. Wem der Film bis dahin als Komödie gut gefallen hat, der wird fortan mit einem packenden Thriller belohnt, der auch noch mehrere fulminante Twists bietet. Peele entpuppt sich dabei als begabter Horrorregisseur, der jump scares ebenso gut kann wie gore und splatter.

Acht Jahre hat er an „Get Out“ gearbeitet, und er hat eine klare Vorstellung davon, wie sein Film ankommen soll. Beim diesjährigen Sundance-Festival, wo der Film überraschend gezeigt wurde, sagte er: „Als wir einen schwarzen Präsidenten hatten, lebten wir eine Zeit lang in dieser post-rassischen Lüge, diese Idee davon, dass wir das alles hinter uns gelassen hätten. Alle schwarzen Menschen wissen jedoch, dass es Rassismus gibt. Ich bekomme das täglich mit.

Jedoch ziele er mit seinem Film dezidiert auf die sogenannte liberale Elite, die sich selbst für aufgeklärter hält als die vermeintlichen rednecks im Süden, die stolz ihre Make America Great Again-Kappen: „Das Monster des Rassismus lauert unter diesen scheinbar unschuldigen Konversationen und Situationen.“ In „Get Out“ sieht das dann so aus, dass sich Chris von einer weißen älteren Dame betatschen lassen muss, weil sie wissen will, ob er starke Arme hat. Ein anderer Partygast erkundigt sich, ob er Tiger Woods kenne. Man erahnt, dass Peele damit nicht besonders stark übertreibt. Rassismus existiert, und kann manchmal so brillant eingesetzt werden wie hier.

Wertung: 5/5 Sterne

Axel Schmitt

Der Artikel Get Out: Schwarzer Horror in weißer Welt wurde von Axel Schmitt am Uhr erstmalig veröffentlicht.

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