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Euphoria: Trouble Don't Last Always - Review

Euphoria: Trouble Don't Last Always - Review

Kritik zum Weihnachtsspecial der HBO-Dramaserie

Zendaya in Euphoria (c) HBO
Zendaya in Euphoria (c) HBO

Diese Chuzpe muss man erstmal haben: Da haut Euphoria die beste Serienepisode 2020 raus, ohne dieses Jahr überhaupt eine Staffel zu haben. Emmypreisträgerin Zendaya und Gaststar Colman Domingo beflügeln sich im genialen Kammerspiel gegenseitig.

Trouble Don't Last Always, diese weisen Worte sind zugleich der Titel zur ersten der beiden Sonderausgaben von Euphoria, die als Überbrückung zwischen Staffel eins und zwei produziert wurden. Die Episoden stellen die Vorder- und Rückseite ein und derselben Medaille dar: das Ende der Beziehung von Rue (Emmypreisträgerin Zendaya) und Jules (Hunter Schafer). Teil eins rund um Rue erschien am 6. Dezember bei HBO und inzwischen auch beim deutschen Pay-TV-Sender Sky. Teil zwei - mit dem noch hübscheren Titel F-k Anyone Who's Not a Sea Blob - lässt derweil noch bis Ende Januar auf sich warten...

Worum geht's?

Wir erinnern uns: Das Finale der Auftaktstaffel von Euphoria ließ uns im Sommer 2019 mit einer wahnsinnigen Musicalnummer zurück, die nicht unfreiwillig den Eindruck erweckt hatte, dass Rue nach der Trennung von Jules am Bahnsteig rückfällig wurde und an einer Überdosis starb. Als perfekte Juxtaposition bietet die neue Folge zum Start nun eine Traumvision an, in der Rue doch in den Zug eingestiegen wäre und ein überglückliches Liebesleben mit Jules in New York genießt. Aber „Euphoria“ wäre nicht „Euphoria“, wenn hinter dem himmlischen Hoch nicht sofort die Todesbetrübtheit lauern würde - immerhin handelt es sich hier um eine Serie über bipolare Störungen.

Und natürlich auch um eine Serie über Drogensucht. So sehen wir, wie Rue sich rasch den nächsten Fix verpasst. Mit einer brillanten Überblende des Regisseurs und Serienschöpfers Sam Levinson - der sich inszenierungstechnisch in dieser Episode sonst sehr zügelt, um sein wortgewaltiges Drehbuch beim Kammerspiel noch besser zur Geltung kommen zu lassen - landen wir schließlich zurück in der Realität. Vom Badezimmer ihrer fiktiven Wohnung in New York wird Rue auf die schmuddelige Toilette eines Diners am Heiligabend katapultiert. Am Tisch wartet ihr Abstinenzcoach Ali (Colman Domingo, Fear the Walking Dead) auf sie.

Im roten Hoodie ihres Vaters, den sie auch am Abend ihres vermeintlichen Todes anhatte, sitzt sie vor ihrem weisen Mentor und verschwendet seine Zeit mit dummen Drogenlügen. Sie habe ihre Balance gefunden und müsse nun nur noch clean werden. Es dauert nicht lang, bis diese Fassade bröckelt. Zumal es Rue war, die Ali angerufen hatte - und das ausgerechnet am Abend vor Weihnachten. Ein Teil von ihr schreit laut und klar nach Hilfe. Und wenn ihr jemand helfen kann, dann der Mann, der vor 20 Jahren selbst auf dieser Seite des Tisches gesessen hat und denselben Bullshit von sich gab.

Das Gespräch, das sich dann Stück für Stück entfaltet, ist eines dieser vollkommenen, horizonterweiterten und gleichzeitig schmerzhaft rohen Gespräche, die hoffentlich jeder mal im Leben haben darf. Ein Gespräch, in dem beide durch Glück oder Fügung genau die richtigen Worte finden. Man muss nur an die Poesie glauben und vertrauen. Anhand der Spezifität der Erkenntnisse kann man ableiten, wie persönlich dieses Skript für Levinson gewesen sein muss (er selbst hat bekanntlich Drogenprobleme). Und trotzdem wirkt das Ganze nicht wie ein Vortrag. Sprunghaft verlieren die Akteure ab und zu den Fokus und kommen vom Hundertsten zum Tausendsten. So kommt es beispielsweise zu einer sehr witzigen Attacke gegen einen Sportartikelhersteller, der sich aus Werbegründen der BLM-Bewegung um den Hals geworfen hat. „Fuck you, Nike!

Euphoria ist hierzulande bei Sky Ticket zu finden...

© IMAGO
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Colman Domingo in Euphoria  © HBO
Colman Domingo in Euphoria © HBO

Der Moment zeigt letztendlich, wie Zendaya und der grandiose Gaststar Domingo in dieser einen Stunde die gesamte Palette ihrer Schauspielkunst präsentieren. Es steckt so viel emotionale Wucht in diesen Szenen, dass wir nach der Hälfte erstmal eine Verschnaufpause brauchen. Ali geht rauchen und Rue hört einen Song, den ihr Jules geschickt hat. „Me in 20 Years“ von Moses Sumney lässt sie von einer Zukunft träumen, mit der das echte Leben wieder nicht mithalten können wird. Ergo greift sie bald erneut zu den Drogen und die Todesspirale setzt sich weiter fort. Derweil telefoniert Ali vor der Tür mit seinen Kindern, die er nicht mehr sehen darf, nachdem er durch die Drogen zur Gefahr für seine eigene Familie wurde. Und obwohl sein Leben so kaputt ist, findet er Freude in dem kleinen Geschenk, wenigstens kurz die Stimmen seiner Töchter zu hören.

Dass Ali Moslem ist und eigentlich auf den christlichen Namen Martin getauft wurde (und scheinbar weiter nicht auf Bacon zu seinen Waffeln verzichten will), spielt keine ganz unwichtige Rolle für das Gespräch. Als Atheistin und Zynikerin glaubt Rue, dass Religion Verblendung sei, ähnlich wie ihre Drogen. Und tatsächlich reagiert sie extrem gereizt, als Ali ihr erklären will, dass alles im Leben Gottes Plan entspreche. Sofort denkt sie an ihren Vater und fragt, warum Gott ihn ihr genommen habe. Ein altes und vor allem in Film und Fernsehen sehr überstrapaziertes, wenn auch wichtiges Argument, das Levinson hier völlig neu artikuliert. Das Recyclen von Klischees zu etwas Frischem ist und bleibt sein bester Zaubertrick. Immerhin sind auch die Figuren in der Serie allesamt Archetypen, wenn man darüber nachdenkt, die aber in ein neues (Neon-)Licht gerückt werden.

Auch die kleine Therapiestunde, die Ali seinem Schützling Rue im Diner gibt, hat man in schlechterer Form schon zigmal gesehen. Und was er sagt, könnte, wenn es nicht ganz so eloquent formuliert wäre, theoretisch auch auf einem Glückskeks stehen. Sein wichtigster Appel ist dieser: Nur, weil man böse Dinge getan hat, muss man kein inhärent böser Mensch sein. Zumal Rue ihre Fehler wirklich bereut und die Drogen, die all das verursacht haben, nicht zuletzt dafür einsetzt, ihr schlechtes Gewissen auszublenden. Doch Ali zeigt nicht nur Verständnis, er fordert auch Verantwortung: Laut ihm werde die Welt nur deshalb immer schlechter, weil Menschen akzeptieren, dass sie böse sind und sowieso keine Chance mehr auf Erlösung haben und daher gar nicht mehr versuchen gut zu sein. Ein Planet voller Defätisten, schwach und korrumpierbar.

Wem das zu groß und vage ist, kann aber auch Folgendes mitnehmen: Glaubt an die Poesie, denn sie ist das Einzige, was immer bleiben wird. Rue ist auch deshalb unglücklich, weil sie nur den großen Dingen nachjagt und am Ende stets mit leeren Händen in dieser hässlichen Welt dasteht. Dabei übersieht sie all die kleinen Freuden, die sich ebenfalls summieren und sie erfüllen könnten. Und so raten Ali und die Kellnerin Miss Marsha (Marsha Gambles), die selbst wiederum 20 Jahre weiter ist als er, auch davon ab, weiterhin um Jules zu kämpfen. Sie muss erst mit sich selbst glücklich und vor allem clean werden, bevor sie mit jemand anders zusammen sein kann. Auch das eine ziemlich abgedroschene Weisheit, doch je älter man wird, muss man wohl oder übel feststellen, dass all diese Weisheiten letztendlich wahr sind. Man muss es aber selber lernen.

Am Ende dieser extrem anstrengenden Episode fühlt man sich als Zuschauer fast genauso überwältigt und gereinigt wie Rue. Ob die Katharsis bei ihr aber langfristige Effekte zeigen wird, bleibt abzuwarten. Zum Abschluss dieser so unweihnachtlichen Weihnachtsfolge singt Labrinth noch „Ave Maria“. Und im Abspann hören wir eine rückwärtslaufende Version vom Finalsong „All For Us“. Wird die Uhr wieder zurückgestellt? Ist das alles nicht passiert? Wer weiß das schon bei Euphoria...

Fazit

Stehende Ovationen für die wohl beste Serienepisode 2020. Trouble Don't Last Always entschädigt uns für dieses Corona-bedingt Euphoria-lose Drecksjahr. Sam Levinson präsentiert mit der ersten Sonderausgabe sein vielleicht persönlichstes Werk. Wem das Kammerspiel zu wenig Rummel bietet, Pech gehabt. Mit Absicht soll die Folge eine Art Ernüchterung nach dem Rausch der ersten Staffel darstellen. Und Nüchternheit ist keine Schwäche, sondern unsere größte Superkraft.

Hier abschließend noch der Trailer zum großen Euphoria-Special:

Euphoria ist hierzulande bei Sky Ticket zu finden...

Bjarne Bock

Der Artikel Euphoria: Trouble Don't Last Always - Review wurde von Bjarne Bock am Uhr erstmalig veröffentlicht. Bjarne Bock hat bereits 8.030 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht. Eine Übersicht der Meldungen von Bjarne Bock

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