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Euphoria: Kritik zur HBO-Serie mit Zendaya

Euphoria: Review der Pilotepisode

Zendaya und Hunter Schafer in „Euphoria“ (c) HBO
Zendaya und Hunter Schafer in „Euphoria“ (c) HBO

Im Vergleich zur neuen HBO-Serie Euphoria wirkt selbst Netflix' pechschwarzes Highschooldrama 13 Reasons Why wie der reinste Kindergarten. Teeniestar Zendaya, bekannt aus The Greatest Showman, bietet eine Glanzleistung.

Wer auf dieser Welt das Glück hat, jung zu sein und dann auch noch in einem so wohlhabenden Land wie Amerika aufwächst (Europa geht natürlich auch), hat im Leben eigentlich schon den Jackpot gewonnen. Wären sich die Teenager aus den USA ihres angeborenen Glücks bewusst, würden sie sicherlich täglich freudestrahlend durch die Gegend hopsen. Doch Zufriedenheit ist etwas in höchstem Maße Relatives und selbst reiche Menschen sind nicht gefeit vor Angstgefühlen oder Depressionen. Die Generation der Babyboomer schaut vollkommen ratlos auf Millennials und alle, die danach kamen, da sie (zumindest vermeintlich) immer unglücklicher zu werden scheinen und in Sex, Drogen und Social Media Zuflucht suchen.

Diese jungen Leute, die offenbar nur noch in Tinder-Dates, Party-Exzessen und Instagram-Likes so etwas wie Freude finden, sollten bereits in der Starz-Serie Now Apocalypse besungen beziehungsweise bemitleidet werden. Doch wie so häufig, wenn Erwachsene über die „coolen Kids“ schreiben, ging es dabei ziemlich „cringey“ zu, um auch hier mal in der Jugendsprache zu bleiben (mit Mitte 20 darf ich das noch). Besser macht es nun das neue HBO-Drama Euphoria, das in Sachen Authentizität und Düsterkeit sogar Netflix' viel gelobtes 13 Reasons Why alias „Tote Mädchen lügen nicht“ in den Schatten stellt...

Nacktbilder sind die Währung der Liebe

Euphoria, das in der kürzlich gestarteten Auftaktstaffel insgesamt zehn einstündige Episoden umfassen soll, basiert auf einer gleichnamigen Serienvorlage aus Israel. Die US-Adaption stammt aus der Feder von Sam Levinson („The Wizard of Lies“). Doch sein Drehbuch, das schon in der Pilotepisode ein paar recht platte Dialogzeilen vorweist, ist keineswegs das beste Verkaufsargument der Serie (wobei die Voiceover-Texte noch überraschend würdevoll ausfielen). Am ehesten überzeugen lassen dürften sich die Zuschauerinnen und Zuschauer durch die dynamische Inszenierung der Sundance-Neuentdeckung Augustine Frizzell („Never Goin' Back“) sowie das Schauspiel von Teeniestar Zendaya („The Greatest Showman“).

Sie mimt eine 17-jährige Drogenabhängige namens Rue, die gerade ihren ersten Entzug hinter sich gebracht hat, aber schon auf dem Weg nach Hause neuen Stoff besorgt. Auch sie müsste eigentlich glücklich sein, denn sie ist schlau, gutaussehend und hat eine liebevolle Familie. Auf der anderen Seite leidet sie jedoch unter verschiedensten psychischen Problemen, darunter beispielsweise eine bipolare Störung und diverse Zwangsneurosen. Als augenscheinliche Ursachen werden uns der Verlust ihres Vaters und die obskuren Umstände ihrer Geburt präsentiert. Rue wurde nämlich wenige Tage nach dem 11. September geboren und sah bereits als Säugling endlose Schreckensbilder. Chefautor Levinson will uns offensichtlich sagen: Was kann schon aus einem Kind werden, das als allererste Stimme die von George W. Bush vernimmt?

© IMAGO
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Hunter Schafer und Zendaya in Euphoria  © HBO
Hunter Schafer und Zendaya in Euphoria © HBO

Eine weitere Figur, die es durchaus schaffen könnte, das Interesse der Zuschauerinnen und Zuschauer zu wecken, ist Jules (Hunter Schafer), die nicht nur als transsexuelle Teenagerin, sondern auch als Neuling in der Schule damit zu kämpfen hat, nicht sofort zur Außenseiterin zu werden. Ein echtes Glück, dass sie am Ende der ersten Episode ausgerechnet auf unsere Protagonistin Rue trifft, die ihre Zeit lieber mit einer interessanten Person wie ihr verbringt, statt sklavisch auf ihren sozialen Status zu achten und sich daher von Jules fernzuhalten. Was aber nicht heißen soll, dass Rue ihr Leben auch nur im Entferntesten unter Kontrolle hätte. Vielmehr kommt sie wie die reinste Fatalistin rüber, die nicht mal den Tod fürchtet.

Ebenfalls gespannt sein darf man auf das Schicksal der Schwestern Cassie (Sydney Sweeney) und Lexi (Maude Apatow), die genau wie die leicht nerdige Kat (Barbie Ferreira) ihre ersten Erfahrungen mit Jungs machen. Mit Ausnahme des sensiblen Footballspielers McKay (Algee Smith) wird das männliche Geschlecht in Euphoria recht eindimensional dargestellt. Durch endlosen Pornokonsum scheinen alle Penisträger in der Serie emotional verdorben zu sein. Mit Nate (Jacob Elordi) taucht sogar ein echter Rowdy auf, bei dem man die sexuellen Unsicherheiten schon jetzt zehn Meilen gegen den Wind riechen kann. Hoffentlich gibt sich Levinson in dieser Hinsicht nicht den gängigen Klischees hin (siehe etwa Sex Education)...

Fazit

Die neue HBO-Serie Euphoria präsentiert sich im Pilot (1x01) als Teeniedrama, das anders als 13 Reasons Why nicht übertrieben dramatisch sein will, sondern fast schon lakonisch - und anders als Now Apocalypse nicht übertrieben cool, sondern authentisch. Die Vielschichtigkeit der Figuren kommt vor allem dank der grandios gecasteten Schauspielerinnen zur Geltung, angeführt von Zendaya und Hunter Schafer, die ganz besonders herausstechen. Die zentralen Themen der Serie, Drogen und Sex, werden nie verklärt. Spaß à la „American Pie“ sollte man hier also nicht erwarten, sondern eine düstere Reflexion über seelische Traumata der Sorte „Requiem for a Dream“. Genauso wenig will die Serie übrigens sexy sein, wie einige merkwürdigerweise behaupten. Tatsächlich weisen sämtliche Sexszenen missbräuchliches Verhalten vor. Ob man sich eine solche Serie antun will, muss jeder selbst entscheiden. Dass sie existiert, ist aber gut, da sie viele Dinge geraderückt.

Wahrscheinlich war die Jugend zu keinem Zeitpunkt der Geschichte signifikant verkorkster als zu irgendeinem anderen. Um True Detective zu zitieren: „Alte Männer haben schon immer das Ende der Welt prophezeit, doch die alten Männer sterben und die Welt dreht sich weiter.“ Zu sagen, dass junge Leute heutzutage nichts anderes im Kopf hätten als Sex, Drogen und Social Media, ist schlichtweg dumm. Man erinnere sich nur an die Schülerinnen und Schüler aus Parkland, Florida, die 2018 der Waffenlobby NRA den Kampf ansagten und Erfolge erzielten, die erwachsenen Aktivisten bis dato verwehrt blieben. Oder man schaue freitags einfach mal auf die Straßen, wo Jugendliche weltweit seit Anfang des Jahres für unser aller Umwelt demonstrieren, statt in Anbetracht der Übermacht und moralischen Doppelzüngigkeit ihrer Elterngeneration einfach den Kopf in den Sand zu stecken. Wer ist nun wirklich verkorkst, die „Verkorksten“ oder die „Verkorksenden“?

Hierzulande wird „Euphoria" wohl erst im Herbst beim Pay-TV-Sender Sky Atlantic HD zu sehen sein.

Hier abschließend der Trailer zur HBO-Serie „Euphoria":

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Bjarne Bock

Der Artikel Euphoria: Review der Pilotepisode wurde von Bjarne Bock am Uhr erstmalig veröffentlicht. Bjarne Bock hat bereits 8.020 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht. Eine Übersicht der Meldungen von Bjarne Bock

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