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Euphoria: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt - Kritik der 1. Staffel

Euphoria: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt - Kritik der 1. Staffel

Hunter Schafer und Zendaya sind die scheinenden Stars des exzellenten Jugenddramas Euphoria... (c) HBO
Hunter Schafer und Zendaya sind die scheinenden Stars des exzellenten Jugenddramas Euphoria... (c) HBO

Das HBO-Jugenddrama Euphoria präsentiert sich als nihilistisch und gefühllos und ist dennoch die vielleicht lebendigste Serie des Jahres. Farbenfrohe Bilder treffen auf einen superben Soundtrack und die genialen Newcomerinnen Hunter Schafer und Zendaya.

Die neue HBO-Serie Euphoria dreht sich nicht nur um Drogen, sondern fühlt sich oft selbst wie eine Droge an. Für Eltern präpubertärer Teenager ist das Jugenddrama wohl der schlimmste Albtraum. Es zeigt eine ganze Generation, die sich auf der verzweifelten Suche nach dem kleinsten Hauch von echten Empfindungen in eine gefährliche Abwärtsspirale stürzt. Brutaler Sex und exzessive Partys scheinen hier häufiger auf der Tagesordnung zu stehen als Schulunterricht und persönlichkeitsbildende Hobbys. Doch das Ganze ist natürlich nur eine Fantasiewelt.

Dass er mit seiner Serie kein genaues Abbild der amerikanischen Jugend von heute einfängt, sondern eher ein vages Lebensgefühl, das vermutlich eh mehr in den Sorgen der Erwachsenen als in den Köpfen der Kinder existiert, dürfte dem Chefautor Sam Levinson („The Wizard of Lies“) selbst klar sein. Doch Realismus war nie sein Anspruch an „Euphoria“, wie spätestens die Episode And Salt the Earth Behind You (1x08) klarmacht, die nun das Finale der achtteiligen Auftaktstaffel darstellt. Sie sorgt endgültig für die Verwischung der Grenzen zwischen Fiebertraum und Wirklichkeit.

Der krönende Abschluss des Ganzen ist eine von Levinson persönlich inszenierte Musicalszene, die all die Stärken der Serie vereint: fluoreszierende Farben, pulsierende Klänge und eine Zendaya („The Greatest Showman“) in Bestform (siehe letzte Seite). Darüber hinaus wird erneut die Poesie des Leids betont, was für manche junge Fans der Serie tatsächlich gefährlich sein könnte (nicht umsonst gibt es am Ende jeder Folge psychologische Warnhinweise und Hilfsangebote). Da die letzte Einstellung ein Cliffhanger ist, bleibt aber auch das Schicksal der Heldin in der Schwebe...

Generation Z

Rue Bennett, gespielt von ebenjener fantastischen Zendaya, wurde uns in der Serie, die auf einer gleichnamigen Vorlage aus Israel basiert, als 17-jähriges Mädchen mit Drogenproblemen und bipolarer Störung präsentiert. Und, obwohl sie in den acht einstündigen Episoden eine beachtliche Entwicklung durchmacht, ausgelöst durch ihre neue Bekanntschaft Jules Vaughn (Hunter Schafer), steht sie ganz am Ende genau da, wo sie am Anfang stand. Auch das ist Ausdruck des allgegenwärtigen Nihilismus, der Euphoria innewohnt. Lohnt sich die vermeintlich sinnlose Reise trotzdem? Und wie!

© IMAGO
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Entweder behandeln die Typen ihre Freundinnen auf die fiese Art und Weise wie Dreck...  © HBO
Entweder behandeln die Typen ihre Freundinnen auf die fiese Art und Weise wie Dreck... © HBO

Levinson und Kollegen wenden einen kleinen, aber doch genialen Trick an, um uns mit den vielen Figuren der Serie in kürzester Zeit vertraut zu machen. Zu Beginn jeder Folge nimmt sich Rue als offenbar allwissende Erzählerin jeweils einen Akteur heraus und zählt in weniger als zehn Minuten all die Schicksalsschläge und Kränkungen auf, die dessen Charakter geformt haben. Normalerweise müsste der Zynismus, mit dem Rues Worte getränkt sind, unerträglich edgy erscheinen. Doch, obwohl die einzelnen Geschichten allesamt nicht neu sind, fühlt sich das Gesamtpaket dennoch frisch und eigenartig an.

Da wäre zunächst der Highschool-Rowdy und Football-Star Nate Jacobs (Jacob Elordi), der mit der oberflächlichen Abschlussballkönigin Maddy Perez (Alexa Demie) zusammen ist, insgeheim aber auf Männer steht, was den unbändigen Zorn in seinem Inneren erklärt. Da wäre die unsichere, aber hübsche Cassie Howard (Sydney Sweeney), die von ihrem Vater verlassen wurde und seitdem das Loch in ihrem Herzen damit zu füllen versucht, indem sie sich jedem Typen hingibt, der sie begehrt. Da wäre außerdem die übergewichtige Kat Hernandez (Barbie Ferreira), die in den Untiefen des Internets ein krankes Zweitleben führt. Und dann sind da natürlich noch Rue und Jules - oder wie die Fans sie nennen: „Rules“.

Star-Crossed Lovers

Zugegeben: Nicht alles in Euphoria ist perfekt - was ich aufgrund der unglaublich einfallsreichen Abschlusssequenz in der Wertung übrigens eiskalt ignorieren werde -, aber die Beziehung zwischen Rue und Jules gehört fraglos mit zum Besten, was dieses Serienjahr bislang hervorbringen konnte. Auch hier schwingt wieder eine gewaltige Dichotomie zwischen oberflächlicher Ästhetik und inhaltlicher Tragik mit. Die sich langsam anbahnende Liebe zwischen den beiden besten Freundinnen ist schon vorab zum Scheitern verurteilt, doch, wann immer sich die zwei jungen Frauen näherkommen, steigert Levinson das Romantiklevel in unermessliche Höhen, so dass man als Zuschauer/-in schlichtweg den Verstand ausstellt und lauthals jubeln will. Selten wurde ein erster Kuss zweier Figuren in einer Serie so märchenhaft dargestellt wie hier.

Umso schmerzhafter ist nun das Finale, das deutlich macht, dass Rue und Jules künftig getrennte Wege gehen. Jules zieht es in die große Stadt, wo sie als transsexuelle Frau hoffentlich ein weniger traumatisierendes Leben erwartet als in der Kleinstadt, in welcher sie von Männern wie Nate oder dessen Vater Cal (Eric Dane) gleichzeitig begehrt, missbraucht, bedroht und verhöhnt wurde. Nicht zufällig tritt Jules an Halloween als Engel in Erscheinung, dem die gierigen Menschen (Männer) die Flügel ausreißen, damit sie das himmlische Wesen für sich haben können. Trotz der Symbolik hat sie übrigens nur das zweitbeste Kostüm des Abends, denn Lexi (Maude Apatow) hat sich als lockiger TV-Maler Bob Ross verkleidet...

© IMAGO
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... Oder sie behandeln sie auf die freundliche Art und Weise wie Dreck.  © HBO
... Oder sie behandeln sie auf die freundliche Art und Weise wie Dreck. © HBO

Lexi liebt Rue und Rue liebt Jules, aber nicht so sehr wie sie ihre Drogen liebt. Ein weiteres Wunder, das Euphoria gelungen ist, liegt darin, die Rauschmittel, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern folglich auch das ihrer Mutter Leslie (Nika King) und ihrer kleinen Schwester Gia (Storm Reid) ruiniert haben, zwar als etwas Surreales und beinahe Magisches darzustellen, ihnen aber trotzdem eher einen Hauch des Verstörenden statt des Verlockenden einzuatmen. Vor allem die eingangs bereits angedeutete Abschlussszene, in der Rue offenbar einen Rückfall erleidet, stellt diesbezüglich neue Maßstäbe auf.

Zendaya im Wunderland

(Vorsicht, massive Spoiler voraus!!!)

Die letzten 15 Minuten der fantastischen Finalfolge von Euphoria, die am Wochenende bei HBO erschien (hierzulande wird die Serie wohl erst im Herbst im Programm des Pay-TV-Senders Sky ausgestrahlt werden), fühlen sich ein wenig an wie die große Abschlussnummer des Musicalstreifens „La La Land“ - nur eben auf eine sehr viel düsterere Art und Weise. Wie gesagt: Die Protagonistin Rue wird nach dem emotionalen Abschied ihrer besten Freundin Jules am Bahnsteig wieder schwach. Mit einer Überdosis taumelt sie aus ihrem Zimmer in die Küche, in der sie ihre Mutter und Schwester offensichtlich ignorieren. Nur einer sieht und umarmt sie: ihr verstorbener Vater. Sehen wir hier also ihren Einzug in das Leben nach dem Tod?

Vieles deutet darauf hin. Urplötzlich findet sich Rue nämlich in einem Meer gesichtsloser Menschen wieder, die allesamt genauso angezogen sind wie ihr Vater. Von diesem wird sie sichtlich verwirrt und ziellos auf Händen getragen und im Kreis gedreht. Unterlegt ist das Ganze übriges mit einem eigens für die Serie geschriebenen Song, der von Zendaya höchstpersönlich eingesungen und vom britischen Grime-Künstler Labrinth komponiert wurde. Dieser ist ohnehin der heimliche „Most Valuable Player“ von Euphoria, denn neben „All for Us“ ist er auch noch für viele andere Musikperlen der Serie verantwortlich. HBO kann den Soundtrack gar nicht früh genug veröffentlichen...

Rues Schicksal ist nicht das Einzige, was Euphoria am Ende offenlässt. Dafür, dass sie nun tot ist oder vielleicht von Beginn an tot war, spricht unter anderem auch, dass sie als Ich-Erzählerin stets jedes Geheimnis aller anderen Figuren zu wissen schien. Wie genau eine Fortsetzung dieser einzigartigen HBO-Dramaserie aussehen könnte, ist derzeit noch schwer vorstellbar. Bestellt ist die zweite Staffel allerdings schon. Und Sam Levinson hat als Showrunner bereits genug Einfallsreichtum und Mut bewiesen, dass wir voller Euphorie auf diese hinfiebern können. Ohne Frage ist das düstere Jugenddrama eine der sehenswertesten Serienneuheiten dieses Jahres!

Die musikalische Abschlussszene der Auftaktstaffel von „Euphoria":

Bjarne Bock

Der Artikel Euphoria: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt - Kritik der 1. Staffel wurde von Bjarne Bock am Uhr erstmalig veröffentlicht. Bjarne Bock hat bereits 8.030 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht. Eine Übersicht der Meldungen von Bjarne Bock

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