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Devs: Gott aus der Maschine - Kritik zur Miniserie

Devs: Gott aus der Maschine - Kritik zur Miniserie

Sonoya Mizuno in Devs (c) Hulu/FX
Sonoya Mizuno in Devs (c) Hulu/FX

Alex Garlands Devs wird inzwischen als vielleicht beste Sci-Fi-Serie aller Zeiten gehandelt - oder gar als erste wirklich ernst zu nehmende. Eine Abenteuergeschichte sollte man nicht erwarten, eher eine stille Andacht...

Dass der neue Sci-Fi-Thriller Devs ausgerechnet vom „Ex Machina“-Regisseur Alex Garland geschrieben und inszeniert wurde und mit Stars wie Sonoya Mizuno, Nick Offerman und Alison Pill aufwartet, sprach schon a priori dafür, dass Hulu und FX hier ein echtes Ass im Ärmel hatten. Mit anderen Worten: Die Miniserie war determiniert, ein Meisterwerk zu werden. Obwohl die Geschichte, die sich tatsächlich um Determinismus dreht - sozusagen dem Schicksalsbegriff der Intellektuellen -, ebendiese Theorie im Finale letztlich ablehnt. Zwar hat der Alternativansatz der multiplen Universen durchaus Sinn, doch gleichzeitig scheint es unmöglich, sich eine Realität vorzustellen, in der der Achtteiler eine Enttäuschung gewesen wäre.

In Devs wird das durchgespielt, was Wissenschaft und Philosophie seit mehr als 200 Jahren als Laplaceschen Dämon kennen. Wären wir Menschen in der Lage, alle gegenwärtigen Informationen des Universums gleichzeitig zu erfassen, könnten wir nicht nur die Vergangenheit verstehen, sondern auch die Zukunft vorhersagen. Ein einst utopischer beziehungsweise dystopischer Gedanke, der durch blitzschnelle Quantencomputer in greifbare Nähe rücken dürfte, zumindest theoretisch. Garland übertreibt natürlich ein bisschen beim Tempo, so dass uns Zuschauern suggeriert wird, dass auch wir noch eine Welt mit allwissendem Deus ex Machina, sprich einem Gott aus der Maschine, erleben würden. Tatsächlich sind aber nicht mal unsere Wettervorhersagen wirklich zuverlässig, wenn wir ganz ehrlich sind.

Trotzdem ist es überaus erfrischend, dass sich Garland einem Thema widmet, das normalen Sci-Fi-Serien wohl zu abstrakt wäre. Bei ihm hat man immer das Gefühl, dass er erst dann anfängt, richtig nachzudenken, wenn alle anderen längst abschalten. So wird das restlos totgerittene Pferd der künstlichen Intelligenz in Devs bereits nach wenigen Minuten ausgemustert. Obwohl eine Geschichte über Roboter, die, wie in Westworld ihren eigenen Willen entwickeln, auf den ersten Blick natürlich viel sexyer erscheint. Für einige Serienjunkies ist das Format, um das es hier geht, also nichts...

Der Anfang

Nun wissen wir, worum es in Devs prinzipiell geht. Aber worum geht es konkret? Im Zentrum der Geschichte steht das junge Programmiererpärchen Sergei (Karl Glusman) und Lily (Mizuno), das beim fiktiven Google-Verschnitt Amaya arbeitet. Erstgenanntem wird eines Tages die große Ehre zuteil, beim mysteriösen Devs-Projekt einzusteigen, das ihm erst den Verstand und dann das Leben raubt. Lily geht der Sache auf die Spur und bringt somit den zwielichtigen CEO Forest (Offerman) und dessen Geliebte und gleichzeitig Co-Geschäftsführerin Katie (Pill) in Bedrängnis. Das bringt sie wiederum ins Visier des skrupellosen Sicherheitschefs Kenton (Zach Grenier). In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an ihren Exfreund Jamie (Jin Ha), der nicht die geringste Ahnung hat, auf welches gefährliche Spiel er sich einlässt.

© IMAGO
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Alison Pill und Nick Offerman in Devs  © Hulu/FX
Alison Pill und Nick Offerman in Devs © Hulu/FX

Zwar scheint die eigentliche Handlung von Devs im Vergleich zur Atmosphäre und den vermittelten Ideen nebensächlich, doch schockierend und unvorhersehbar ist sie dennoch. Von sämtlichen bislang genannten Figuren überleben nur zwei das fulminante Serienfinale - und das sind keineswegs die Helden. Genau darin liegt einer der großen Vorzüge einer Miniserie: Garland, der alle acht Episoden eigenhändig schrieb und inszenierte, kann kompromisslos sein Ding durchziehen. Aber trotz all der Verluste gelingt es ihm, ein halbwegs versöhnliches Ende zu präsentieren. Dazu später mehr...

Bevor der Konflikt zwischen Lily und Forest zwangsläufig eskaliert, tut Devs etwas, was man so nie gesehen hat: Die zwei sichtlich schwächeren Beutetiere wagen sich in die Höhle der Löwen, um die Sache im Gespräch zu regeln. Episode 6 bietet eine willkommene Verschnaufpause von der sich zuspitzenden Gewaltspirale. Es wird sogar munter Frisbee gespielt, was so absurd ist, dass man gar nicht anders kann, als die Serie für ihre Eigenartigkeit zu lieben. Zumal uns Garland damit einen der sehnlichsten Wünsche erfüllt, den wir Zuschauer seit jeher hegen, nämlich die Klärung durch Kommunikation. Wann immer Streitigkeiten in Filmen oder Serien wachsen, fragt man sich automatisch, warum die Beteiligten nicht einfach miteinander reden. Und genau das passiert hier. Doch manchmal reicht auch das nicht, um das vorbestimmte Unglück zu verhindern.

Zwischenfazit

Devs ist eine überaus langsam erzählte Sci-Fi-Serie, wodurch bei vielen Genrefans, die eher auf Abenteuer stehen, womöglich Langweile aufkommen könnte. Einige stören sich offenbar auch am lakonischen Sprachstil der Figuren, der aber durchaus passend erscheint, wenn man sich vor Augen führt, dass wir es hier mit hochintelligenten Menschen zu tun haben, die sich kaum von ihren Stimmungen steuern lassen. Besonders spannend sind alle Szenen, die tatsächlich im goldenen Käfig spielen, den sich Forest hat bauen lassen, um in der Simulation ein bisschen Zeit mit seiner toten Tochter zu verbringen. Sie ist übrigens das kleine Mädchen, das als kolossale Statue über den Amaya-Campus wacht. Insgesamt verdient das Produktionsdesign ein riesiges Lob. Und das Gleiche gilt auch für den Soundtrack sowie die wunderschöne Filmkunst.

Zugegeben: Manchmal flirtet Garland gefährlich mit dem Prätentiösen, wenn er beispielsweise im Abspann mongolische Kehlkopfgesänge anstimmt oder seine Hauptdarstellerin Mizuno eine Art Ausdruckstanz aufführen lässt. Wenn man ihm dieses bisschen Arroganz aber nachsieht, kann man sich unglaublich gut in der Atmosphäre seiner Inszenierung verlieren. Ohnehin hat sich der Regisseur und Autor diesen Hauch von Überheblichkeit verdient, denn auf seinem Level operieren wahrlich nur die wenigsten. Im Science-Fiction-Bereich fällt einem derzeit eigentlich nur noch Denis Villeneuve („Arrival“, „Blade Runner 2049“) ein, der gemeinsam mit ihm die Fackel der Giganten Kubrick und Tarkowski am Leuchten hält.

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Stephen Henderson in Devs  © Hulu/FX
Stephen Henderson in Devs © Hulu/FX

In meinem rückblickend letztlich zu Recht hoffnungsvollen Review der Pilotepisode beschrieb ich Devs als „multisensorische Erfahrung“, in der die philosophischen Rätsel nur zweitrangig wären. Dieser Ersteindruck konnte sich nicht ganz bestätigen, zumindest mit Blick auf die vermeintliche Vernachlässigung der großen Fragen, die Garland aufwirft. Im Lauf der Staffel kriegen wir viel mehr von den Fähigkeiten der obskuren Devs-Maschine zu sehen, als man es sich erträumt hätte. Zumal die zwei Publikumslieblinge Lyndon (Cailee Spaeny) und Stewart (Stephen Henderson) sie sogar für kleine Stippvisiten in die Schlafzimmer historischer Persönlichkeiten missbrauchen. Doch bei all dem Spaß sorgt die göttliche Erfindung letzten Endes natürlich hauptsächlich für Leid, welches aufgrund der Gesetze des Determinismus leider unausweichlich ist...

Das Ende

Ein wahrer Determinist weiß, dass nichts und niemand den Lauf der Dinge aufhalten kann. Nicht einmal zu wissen, wann und wo wir sterben werden, könnte uns davon abhalten, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu landen beziehungsweise am falschen. Forest und Katie haben Devs dazu benutzt, um beim sprichwörtlichen Schachspiel gegen Lily und Jamie nicht nur zwei, drei Züge vorauszuschauen, sondern, um direkt zum Finale vorzuspulen. Aus diesem Grund verfallen beide gegen Ende in einen beängstigenden Fatalismus, da sie nur noch pflichtbewusst ihre Rollen spielen, um die Tragödie abzuschließen. Etwas anderes bleibt ihnen ja eh nicht übrig. Nur Lily - die, wie sie wissen, Forest erschießen und Devs zerstören wird, weshalb der Computer nur bis zu diesem Punkt in die Zukunft schauen kann - will das alles nicht wahrhaben.

Als sie und Jamie beschließen, einfach gar nichts zu tun, um das Schicksal abzuwenden, geht das natürlich schief. Kenton, der beleidigt ist, weil die anderen ihn ausgeschlossen haben, fährt zu ihrer Wohnung und ermordet Jamie. Lily kann nur dank der überraschenden Hilfe eines russischen Spions entkommen, der offenbar ein Kollege von Sergei war und sich lange Zeit als Obdachloser ausgab. Nun macht sie sich doch auf den Weg zur Devs-Zentrale, wo sie Stewart bereits erwartet. Er spürt, dass er sie nicht aufhalten kann und lässt sie daher rein. Bewaffnet mit einer Pistole konfrontiert sie Forest, der weiß, dass dies sein Ende ist. So wie er sich selbst einst dafür entschuldigte, Sergei umzubringen, macht er nun auch Lily keinen Vorwurf. Er weiß, dass sie beide keine andere Wahl hatten. Mit dieser Einstellung kommt man sicher gut durchs Leben...

Dumm nur, dass ihm Lily kurz vor seinem Tod exakt das Gegenteil beweist und ihm somit klarmacht, dass sein ganzes Lebenswerk auf einer Fehlannahme basiert. Determinismus kann gebrochen werden und sie tut das, als sie die Pistole einfach wegwirft. Die falsche Prophezeiung stellt die Göttlichkeit von Devs infrage. Oder spricht die Tatsache, dass der sonst so liebe Stewart sich determiniert sieht, die Normalität wiederherzustellen, indem nun er Lily und Forest umbringt, dafür, dass die Maschine umso mächtiger ist? Beeinflusst sie die Realität, wenn sie versagt, sie korrekt vorauszudeuten?

Ein gruseliger Gedanke, mit dem uns Garland allein zurücklässt, während Lily und Forest in einer digitalen Nachwelt wieder aufwachen. Katie hat dazu den Devs-Computer umfunktioniert, um die beiden Opfer mit einem Leben nach dem Tod zu trösten. Ähnlich wie in der Black Mirror-Episode San Junipero kann Lily nun sogar zu Sergei zurückkehren. Doch stattdessen entscheidet sie sich ein letztes Mal anders als erwartet: Sie eilt zu ihrem Exfreund Jamie, der in der Simulation noch nicht ahnt, dass er und sie wiedervereint wurden und er für sie starb. Ein perfekter Abschluss dieser ganz, ganz großen Serie!

Hier abschließend der Trailer zur Hulu-Miniserie Devs:

Bjarne Bock

Der Artikel Devs: Gott aus der Maschine - Kritik zur Miniserie wurde von Bjarne Bock am Uhr erstmalig veröffentlicht. Bjarne Bock hat bereits 8.020 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht. Eine Übersicht der Meldungen von Bjarne Bock

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