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Black Mirror: Brillanter Techno-Albtraum von der Insel

Schöne neue, furchtbare Technikwelt: Die Visionen des Charlie Brooker in Black Mirror  /  (c) Channel 4
Schöne neue, furchtbare Technikwelt: Die Visionen des Charlie Brooker in Black Mirror / (c) Channel 4

Der Brite Charlie Brooker zeigt in seiner Reihe Black Mirror mittels düsterer Szenarien, wie der technologische Fortschritt unsere Gesellschaft umkrempelt. So spannend, radikal und tiefgründig ist TV selten.

Wie fange ich meine Würdigung von Charlie Brookers Black Mirror nur an? Am besten besinne ich mich radikal auf die Anfänge, Back to Basics, direkt zurück auf Aristoteles und seine Dramentheorie: Was ist, laut ihm, der Zweck des Dramas? „Jammern und Schaudern“ soll es nach Ansicht des antiken Vordenkers auslösen, durch das Empfinden dieser Emotionen soll beim Publikum eine Reinigung des Geistes entstehen - die sogenannte Katharsis.

So weit, so Deutschunterricht. Doch selten habe ich den guten alten Aristoteles so deutlich im Einsatz gesehen, wie bei den Zuschauerreaktionen zu Black Mirror. Das Jammern, das Entsetzen, die Katharsis - sie liefen in meinem Kopf und mehrfach schon vor meinen Augen ab.

Doch was ist Black Mirror eigentlich und wie schafft es die Serie, diese heftigen Reaktionen zu erzielen? „Black Mirror“ ist die Kopfgeburt des britischen Querdenkers Charlie Brooker, der in der britischen Medienlandschaft schon seit etlichen Jahren mit einem treffsicheren Gespür für das Unkonventionelle sein Unwesen treibt. Als Präsentator von Sendungen wie Newswipe oder 10 O'Clock News ermahnt er seine Landsmänner und -frauen, sich kritisch mit der Nachrichtenlage und der britischen Medienlandschaft auseinanderzusetzen und arbeitete als Autor mit Chris Morris an dem berüchtigten Pädophilie-Spezial von Brass Eye und der Sitcom Nathan Barley.

Einen Namen machte sich Brooker dadurch, immer ein Stück bissiger zu sein und immer noch eine Ecke weiter zu denken, als viele seiner Autorenkollegen. So schuf er 2008 mit Dead Set seine Version der Zombie-Apokalypse, die in den Wänden des „Big Brother“-Hauses stattfand. Dafür wurde nicht nur im echten UK-Big-Brother-Haus gedreht, selbst die tatsächliche BB-Moderatorin Davina McCall war sich für einen selbstironischen Auftritt inklusive Zombiefizierung nicht zu schade. Und welcher Deutsche würde sowas nicht auch gerne mal bei uns erleben? Cindy aus Marzahn und Oliver Pocher werden am Set von Celebrity Big Brother von Untoten ausgeweidet - welch wunderbarer Gedanke!

© IMAGO
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Guter Start in den Brooker-Kosmos: Dead Set   © E4
Guter Start in den Brooker-Kosmos: Dead Set © E4

Dead Set zeigt gut das System Brooker, den man als eine Art Elite-Nerd bezeichnen könnte. Er liebt den klassischen Geek-Kram wie Comics, Videospiele und Horrorfilme, gibt sich aber längst nicht damit zufrieden, diese Dinge in seinen eigenen Projekten einfach nur abzufeiern oder Hommages darauf zu kreieren. Ohne die gehörige Portion Gesellschaftskritik geht bei Brooker gar nichts und so ist auch Dead Set nicht einfach nur Zombiehatz, sondern bitterböser Kommentar auf das kontemporäre Mediensystem und den Celebrity-Wahn.

Mit Black Mirror liefert Brooker den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens ab. Die Serie ist eine moderne Twilight Zone, die in jeder Episode ein neues Szenario, neue Figuren und eine neue Form der Realität präsentiert. Einen roten Faden gibt es nur im übertragenen Sinn: Black Mirror will zeigen, wie technische Entwicklungen unser Leben auf den Kopf stellen, wie sie unsere Gesellschaft unterwandern und dabei Erstaunliches zu Tage fördern. Oder wie Brooker es selbst formuliert: „Jede Folge hat eine andere Besetzung, ein anderes Setting, spielt sogar in einer anderen Realität. Aber sie sind alle über die Art, wie wir jetzt leben - und wie wir in 10 Minuten leben werden, wenn wir uns dumm anstellen.

Es gibt sehr vieles, was man an Black Mirror loben kann. Wenn ich mich allerdings für eine Qualität entscheiden müsste, dann wäre es die Stärke von Charlie Brookers Ideen an sich. Denn diese lösen tatsächlich „Jammern und Schaudern“ aus. Mittlerweile bereitet es mir großes Vergnügen, Freunde von mir, die von dieser Serie vorher noch nie etwas gehört hatten, unvorbereitet vor eine Episode Black Mirror zu setzen und ihre Reaktionen zu beobachten. Ungelogen: Mir haben bereits mehrere Menschen gesagt, dass das, was ihnen diese Serie gezeigt hat, sich so sehr in ihr Gedächtnis eingebrannt hat und sie dermaßen beunruhigt hat, dass sie deswegen nicht schlafen konnten, bzw. Albträume hatten.

Doch Schockhorror mit Blut und vielen Buh-Effekten bietet die Reihe keineswegs - es sind die Ideen an sich, die die Gänsehaut sprießen lassen. Denn sie sind stets so gewählt, dass sie einerseits zwar fantastisch und unerhört klingen, andererseits aber sehr deutlich in unserer Realität verankert sind und damit unweigerlich beim Ansehen den taumelnden Gedankenstrom in Fahrt setzen: „Meine Güte, das könnte vermutlich irgendwann wirklich passieren!“ ist der Gedanke, der schnell aufkommt und der für das Unbehagen sorgt.

Dabei bemühe ich mich beim Schreiben dieses Textes gerade sehr, keinen konkreten Inhalt der einzelnen Episoden zu verraten, denn man beraubt sich als Zuschauer einer Menge Vergnügen, wenn man schon inhaltlich eingeweiht an Black Mirror herangeht. Ein perfektes Beispiel für diese Dynamik ist gleich die erste Episode der Reihe, welche meines Erachtens sogleich der größte Triumph der bisher gesendeten Folgen ist. Sie trägt den Titel „The national anthem“ und zeigt den Premierminister von Großbritannien, der sich mit einem albtraumhaften Szenario konfrontiert sieht, welches auf der einen Seite völlig unerhört, auf der anderen furchterregend plausibel erscheint. Und mehr sollte man vorher nicht wissen. Wirklich nicht. Widersteht der Versuchung, zu YouTube zu rennen und euch einen Trailer anzusehen - ihr werdet mir dankbar sein.

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Wird in eine unmögliche Lage gebracht: Premierminister Callow   © Channel 4
Wird in eine unmögliche Lage gebracht: Premierminister Callow © Channel 4

Es ist bemerkenswert, was Charlie Brooker alleine in dieser einen Folge unterbringen kann: Hier wird das Verhältnis von Macht und Öffentlichkeit erörtert, das Wesen der neuen Online-Massenmedien analysiert, die Sensationslust der Massen höhnisch kommentiert und im Grunde eine neue Art von Terrorismus erfunden. Man hofft, es wurde niemand zu sehr vom Inhalt dieser Episode inspiriert. Zugleich ist The national anthem hochspannend inszeniert und driftet niemals in besserwisserisches Dozieren ab.

Ich gebe zu, nachdem ich „The national anthem“ zum ersten Mal gesehen hatte, war ich verdattert und verärgert. Verdattert, weil ich schier nicht glauben konnte, was ich da soeben gesehen hatte. Und verärgert, weil mir dieses brillante Stück Fernsehen mal wieder vor Augen geführt hat, in welchem desolaten Zustand sich die deutsche Fernsehlandschaft befindet. Es ist nahezu unvorstellbar, dass etwas derartig mutiges bei uns produziert wird. Fernseh-Deutschland steckt fest in einer abgedroschenen Endlosschleife aus Diskussionen über den nächsten Tatort-Kommissar, während die Briten uns konzeptionell schon lange davongelaufen sind. Es tut weh, das direkt so sehen zu können. Wo bleibt der deutsche Charlie Brooker?

The national anthem“ ist zwar das größte, aber bei weitem nicht das einzige Highlight der bisherigen zwei Staffeln Black Mirror, welche jeweils aus drei Einzelepisoden bestehen. Abgesehen von der inhaltlichen Kreativität versammelt die Reihe auch eine Galerie aus jungen britischen Nachwuchsstars, die mit großartigen Leistungen begeistern. So muss sich beispielsweise Downton Abbey-Schönheit Jessica Brown Findlay in der Folge „15 Million Merits“ durch eine Albtraumzukunft schlagen, in der sich die Welt in eine Art begehbaren App-Store verwandelt hat, aus dem es kein Entrinnen gibt. Hayley Atwell, bekannt aus „Captain America: The First Avenger“, findet in „Be Right Back“ heraus, ob man einen geliebten Menschen über die sozialen Netzwerke wieder zum Leben erwecken kann. Und in „The Waldo Moment“ sieht sich Game of Thrones-Star Tobias Menzies mit einem fiesen blauen Comicbären konfrontiert.

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Gefangen in der App-Store Hölle: 15 Million Merits   © Channel 4
Gefangen in der App-Store Hölle: 15 Million Merits © Channel 4

Es ist eine Menge Denkstoff, die Charlie Brooker mit seinen düsteren Visionen bietet, auch wenn manchem die präsentierten Szenarien wohl etwas zu schwarzseherisch anmuten werden. Dem Misantrophen in sich lässt Brooker durchaus beherzt freien Lauf und gerade wenn es um so dankbare Opfer wie Casting-Shows geht, kann der Autor seine Verachtung gegenüber diesen Sendungskonzepten schwer verbergen. Doch es lohnt sich sehr, über die Visionen, die der Brite in dieser bemerkenswerten TV-Reihe konzipiert, nachzudenken. Denn viele von ihnen lauern auf uns, hier in der Realität, direkt hinter der nächsten Ecke.

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Kann das Smartphone Tote erwecken? Hayley Atwell in Be Right Back  © Channel 4
Kann das Smartphone Tote erwecken? Hayley Atwell in Be Right Back © Channel 4

Laut Brooker gibt es bereits Pläne für eine dritte Staffel Black Mirror, allerdings ist der Autor zurzeit etwas verärgert und das hat einen ganz einfachen und dabei umso besorgniserregenderen Grund: Die Produktion läuft wohl nur schleppend voran und Brooker befürchtet, dass die Ideen, die er sich ausgedacht hat, zwischenzeitlich Realität werden. Da ist es wieder, dieses schleichende, ungute Gefühl, dass einen nach einer Folge Black Mirror mit kritischem Stirnrunzeln auf sein Smartphone blicken lässt. Oder wie Aristoteles wohl sagen würde: Da ist sie wieder, die Katharsis.

Die erste Staffel Black Mirror wird am 11. Dezember ab 20.15 Uhr auf RTL Crime gezeigt.

Christina Greiner

Der Artikel Black Mirror: Brillanter Techno-Albtraum von der Insel wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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