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Better Call Saul: Kritik zum Finale der 4. Staffel der Dramaserie

Better Call Saul: Winner - Review (Staffelfinale)

Kritik der Episode 4x10

„Better Call Saul“ (c) AMC
„Better Call Saul“ (c) AMC

In der Episode Winner probiert sich Jimmy an einem Imagewechsel und zeigt letzten Endes sein wahres Gesicht - oder etwa doch nicht? Nicht nur wir, auch Kim wird von den neuesten Entwicklungen in Better Call Saul überrascht, während Mike eine denkbar schwierige Entscheidung treffen muss.

The winner takes it all. The loser has to fall.

In der umfangreichen Diskografie der schwedischen Pop-Gruppe ABBA lässt sich wohl kaum ein besserer Song finden (wobei... „Take a Chance on Me“ und „Knowing Me Knowing You“ wären ebenfalls eine interessante Wahl gewesen), der das Ende der vierten Staffel von Better Call Saul treffender zusammenfassen könnte. Egal, um was es geht, am Ende läuft es meistens auf eine sehr einfache Wahrheit hinaus: Der Gewinner gewinnt, der Verlierer verliert. Wenn einem das Glück weniger hold ist, dann kann man generell nur sehr wenig dagegen machen. Man muss sich dem unerwünschten Ausgang fügen, ob es einem gefällt oder nicht. The loser has to fall. Das sind die Spielregeln, das ist der Lauf der Dinge.

Jimmy (Bob Odenkirk) kennt dieses Leben als Verlierer nur zu gut, sein Dasein im Schatten von Dauergewinner Chuck (Michael McKean) hat ihn gezeichnet, geprägt, geformt. Aber muss der Verlierer wirklich jedes Mal verlieren? Kann er oder sie sich nicht aufraffen, die Regeln beugen und auch mal einen Triumph davongetragen? In der Episode Winner sehen wir, wie Jimmy sich gegen seinen vorbestimmten Weg wehrt, dass er die unfairen Zustände seiner Umgebung einfach nicht wahrhaben will und Gegenmaßnahmen einleitet, um einmal oben an der Spitze zu stehen. Und das tut er letzten Endes auch. Doch haben sich der Aufwand und das, was er für diesen vermeintlichen Platz an der Sonne geopfert hat, gelohnt? Oder hat er für dieses Ziel etwas aufgegeben, das er nie wieder zurückbekommen wird?

Bruderliebe

Diese Fragen beschäftigen die Serienmacher und uns schon seit einiger Zeit. Eine konkrete Antwort erhalten wir nicht, wie so oft obliegt es dem Beobachter, Schlüsse aus Jimmys Handeln und Verhalten sowie ein Fazit für sich selbst zu ziehen, was eine gewohnt wunderbar knifflige Herausforderung darstellt. Doch in „Winner“ geht es nicht nur darum, wie Jimmy sein Schicksal so in die Hand nimmt, um endlich Erfolg zu haben. Es geht auch erneut darum, wie unsere Hauptfigur mit dem einschneidensten Erlebnis in ihrem Leben umgeht: der Verlust einer extrem wichtigen Person, der Tod von Chuck. Ein Ereignis, von dem Jimmy immer wieder weggerannt ist, in dem Glauben, sich selbst vor seinen Gefühlen schützen zu können.

Der Drehbuchautor Thomas Schnauz und der Regisseur Adam Bernstein treiben ein gemeines, tragisches Spiel mit uns, das mit einem Rückblick auf einen augenscheinlich wundervollen kleinen Moment der beiden McGill-Brüder beginnt. Jimmy feiert seine Zulassung als Rechtsvertreter ausgiebig in einer Karaokebar (hau' alles raus, Ernie!) und kann selbst den rigiden Chuck von einem kleinen Duett überzeugen. Es ist ein seltener Augenblick, in dem sich die brüderliche Beziehung zwischen den beiden warm und liebevoll anfühlt. Als Chuck sich um seinen betrunkenen kleinen Bruder kümmert und dann auch die Nacht über an dessen Seite bleibt, erkennt man, wie viel Jimmy ihm stets bedeutet hat. Jimmy selbst hat ohnehin schon immer zu Chuck aufgesehen und fantasiert eine großartige Zukunft zusammen, in der die Brüder gemeinsam die Spitze jedes noch so hohen Berges erklimmen werden.

Ein kleines Lächeln huscht über meine Lippen, aber es macht sich auch Wehmut und Mitleid breit, denn wir alle wissen ja, dass es nicht so gekommen ist. Wenn man möchte, kann man allein in Chucks Verhalten während der Gesangseinlage mit Jimmy bereits sehen, woran diese Geschwisterbeziehung gescheitert ist. Jimmy meint es gut, mit Elan und Schwung trällert er unerschrocken drauf los und trifft kaum einen Ton, was auf der Karaokebühne ja auch völlig okay ist. Der reservierte Chuck, der im Gegensatz zu Jimmy einen Ton halten kann, taut indes langsam auf und entreißt Jimmy letztlich das Mikrofon, um alleine das Lied zum Besten zu geben. Auf der einen Seite eigentlich ein schöner Moment, weil Jimmy Chuck zu etwas gebracht hat, das er sonst nie tut. Auf der anderen Seite aber auch ein Sinnbild für das Verhältnis zwischen Jimmy und Chuck: „Komm', kleiner Bruder, lass' mich das mal machen. Ich weiß, du gibst dein Bestes. Aber dein Bestes ist eben nicht gut genug.

© IMAGO
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© AMC
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Showtime

Es ist diese Vielschichtigkeit und Ambivalenz, die Better Call Saul auf ein anderes Niveau hebt und den Zuschauern so viel zum Verarbeiten gibt. Aber es wird noch besser. Jimmy versucht nämlich in der Folge, ein neues Bild von sich zu zeichnen, um doch noch eine Chance auf eine erneute Zulassung als Anwalt zu erhalten. Kim (Rhea Seehorn) unterstützt ihn bei dem Unterfangen, aufrichtiger und ehrlicher zu erscheinen. Und von mehr als Schein kann hier auch gar keine Rede sein. Jimmy nutzt seine Talente als geborener Selbstdarsteller, um einen Mummenschanz nach dem anderen abzuziehen. Am Grab seines Bruders, der nun seit einem Jahr nicht mehr unter uns weilt, trauert er, als gäbe es kein Morgen, nur, um sein Image aufzupolieren. Er stiftet sogar einen über 20.000 US-Dollar teuren Lesesaal im Namen seines Bruders, um öffentlichkeitswirksam Eindruck zu hinterlassen.

Auf den ersten Blick verbuchen wir dieses Verhalten in der Kategorie Showtime. Es ist ein valide Strategie, die Kim und Jimmy ausgearbeitet haben, um das Blatt für Jimmy zu wenden. Doch es dauert nicht lange, da fragen wir uns, ob das alles wirklich nur der bereits erwähnte Schein ist oder sich doch ein Körnchen (wenn nicht sogar mehr) Wahrheit hinter all dem versteckt, was von Jimmy so überzeugend vorgetragen wird. Dadurch, dass er auf einmal aufrichtige Gefühle für Chuck inszenieren muss, wird ihm vielleicht erst so richtig bewusst, dass er tatsächlich über Gefühle in dieser Hinsicht verfügt. Gefühle, die er bisher unterdrückt hat und für die sich jetzt auf unerwartete, unbewusste Weise ein Ventil ergibt. Ich möchte mir fast einreden, dass Kim, die Jimmy immer wieder dazu angehalten hatte, sich seinen Emotionen zu stellen, genau das im Sinn hatte, als sie Jimmy ihre Hilfe versprach.

Jimmy glaubt, dass er eine Rolle spielt. Die Rolle des betroffenen, trauernden Bruders, der er ja in Wirklichkeit auch ist. Doch spätestens, als er mit dem Vorstand von Hamlin, Hamlin & McGill über ein paar zukünftige Stipendiaten der Anwaltsfirma abstimmt, verschwimmen die Grenzen zwischen Fassade und wahrer Persönlichkeit endgültig. Er setzt sich für eine Schülerin ein, die sich einmal ein Fauxpas geleistet hat und deshalb nie vertrauenswürdig sein wird. Jimmy stellt sich schützend vor sie und festigt seinen neuen Charakter. Er schreibt niemanden ab und gibt jedem eine faire zweite Chance. Wenn die Zulassungsstelle das hört, dürften sie zutiefst von ihm beeindruckt sein. Aber Jimmy merkt auch, dass dieser Einsatz für das junge Mädchen nicht mehr nur ein Teil seines Plans ist. Er meint es ernst.

Das wahre Ich

Weil er selbst an der genau gleichen Stelle wie sie stand. Weil er weiß, dass Christy Esposito, die in jungen Jahren Ladendiebstahl begangen hatte, für den Rest ihres Leben Möglichkeiten verwehrt bleiben, die ihr nicht verwehrt bleiben sollten. Sie ist nicht erwünscht, so wie er, Slippin' Jimmy, nicht erwünscht gewesen ist. Was also tun? Sich wehren. Es den eingebildeten Fatzken zeigen. Seinen eigenen Weg finden. Jimmys aufmunternde Worte, die Christy scheinbar ein Stück weit überfordern, weil sie nicht so recht weiß, was sie damit anfangen soll, sind großartig. Wir können diese Tirade nachvollziehen, wir haben genau gesehen, was Jimmy hat durchmachen müssen und wir können uns denken, dass er niemand anderem eine solche Tortur wünscht. Was dann folgt, ist eine der ehrlichsten Aufnahmen, die wir bisher von Jimmy gesehen haben: Er bricht komplett in sich zusammen.

Werden ihm die Ungerechtigkeiten dieser Welt bewusst, die sich Mal für Mal wiederholen? Überwältigt ihn das Gefühl der Machtlosigkeit, das er jahrelang erlebt hat, während andere permanent nach unten in seine Richtung getreten hatten? Warum war Chuck in diesen Situation nicht für ihn da, so, wie er es sich gewünscht hatte? Warum war Chuck einer von denen, die Jimmy keine Chance gegeben haben? Wir dürfen mutmaßen, spekulieren und analysieren, was Jimmy in diesem einsamen, dunklen Augenblick heimsucht. Die Gründe sind zahlreich und wurden sorgfältig vorbereitet. Es ist eine tragische Entwicklung, die der Charakter über Jahre durchlaufen hat, die vermeidbar gewesen ist und die uns nun an einen neuen Punkt in der Erzählung dieser Serie bringt. An einen Punkt ohne Wiederkehr.

Doch, bevor wir uns endgültig von Jimmy McGill verabschieden, werfen wir noch einmal einen Blick auf den Handlungsstrang, der in den letzten Folgen noch einmal ordentlich Fahrt aufgenommen hat und ebenfalls dazu beiträgt, dass die Stimmung zum Ende der vierten Staffel von Better Call Saul verdammt tief im Keller ist. Dabei haben die Verantwortlichen zu Beginn der Nebengeschichte um Mike (Jonathan Banks) und dem sich auf der Flucht befinden Werner noch ein wenig Spaß, was allem voran an dem kurzweiligen Katz-und-Maus-Spiel (der Trick mit dem Kaugummi - exzellent!) zwischen Lalo (Tony Dalton) und Mike liegt. Doch auch hier driften wir schlussendlich in sehr finstere Gefilde ab - wortwörtlich und auch im übertragenen Sinne. Ein großer Nackenschlag zum Staffelabschluss reicht ja nicht aus, es müssen unbedingt zwei sein...

© IMAGO
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Ein Freund, ein guter Freund...

Wenn man ganz ehrlich ist, war die jetzige Entwicklung um Werner (Rainer Bock) vollkommen absehbar. Doch Better Call Saul ist nicht daran interessiert, uns reißerische Überraschungen im Plot zu verabreichen. Das Wie ist entscheidend. Und besagtes Wie dürfte sich für so manchen Zuschauer wie ein heftiger Schlag in die Magengrube anfühlen. Fast schon spielerisch gestaltet sich das Hin und Her zwischen Mike und Lalo, die beide auf der Suche nach Werner sind und dabei ihre ganz eigenen Methoden verfolgen. Lalo ist eigentlich nur an Informationen über Gustavo Fring (Giancarlo Esposito) und dessen Geschäft interessiert, erkennt dann aber eine lukrative Möglichkeit, dem Drogenbaron in spe eins auszuwischen. Mike ist derweil um Schadensbegrenzung bemüht und hegt insgeheim die Hoffnung, das aktuelle Problem so zu lösen, dass Werner noch einmal mit einem blauen Auge davonkommt.

Als ob. Wir wissen es, Mike weiß es: Gustavo Fring eliminiert jedes Risiko, das seine Pläne in Gefahr bringt. Selbst, bevor der gutgläubige Werner (typisch deutsch mit Crocs und Socken am Pool) am Telefon mit dem cleveren Lalo spricht, stehen die Überlebenschancen für den Ingenieur aus Deutschland alles andere als gut. Nachdem Werner aber Informationen an den Feind preisgegeben hat, der damit sicher etwas anfangen kann, ist selbst Mike endgültig klar, dass Werners letztes Stündlein schlagen wird. Jonathan Banks dabei zu beobachten, wie er diese traurige Erkenntnis in seinem Gesicht trägt, wie er in seiner Rolle als Mike noch versucht, bei Gustavo Fring ein wenig Gnade herauszuhandeln, obwohl er weiß, dass ihm dieser Wunsch niemals gewährt wird, ist eine große Qual und Freude zugleich. Qual, weil einem der Charakter leidtut. Freude, weil Banks wie immer ohne viele Worte auskommt und alles mit vielsagenden Blicken kommuniziert, was wir wissen müssen.

Der Abschied von Werner schmerzt. Erneut fühlt man sich als reiner Beobachter extrem machtlos, so wie Mike selbst, der sich letzten Endes höchstpersönlich um diese Angelegenheit kümmert. Es zerreißt einen beinahe, als Werner seiner Frau auf ruppige Art befiehlt, zurück nach Deutschland zu fliegen, um sie so zu schützen. Werner sucht zuvor noch einmal das Gespräch mit Mike, so ruhig und besonnen, wie wir ihn kennengelernt haben, wenn auch sichtlich sich der grausigen Realität bewusst, von der er nun eingeholt wird. Der Tod von Werner hat etwas Poetisches, schaut man sich nur das schmerzhaft-schöne, abschließende Bild an, als Mike seinen Freund unter dem sternenklaren Himmel von New Mexico hinrichtet. Mike ist nie so naiv gewesen, nicht zu wissen, womit er sein Geld verdient und was von ihm im Ernstfall verlangt wird. Dass ein kleiner Teil von ihm aber genau das vermeiden wollte, was nun mit Werner passiert ist, entnehmen wir seinem gezeichneten Gesichtsausdruck, als er in der Finsternis der Laborbaustelle steht, während Gustavo Fring gemeinsam mit dem Chemiker Gale Boetticher (David Costabile) weitere Pläne für die Zukunft schmiedet.

Alles ist gut?

Die Zukunft. Der Blick auf diese stimmt wahrlich alles andere als positiv und so kommen wir abermals auf Jimmy zurück, der noch einen letzten großen Auftritt vor der Brust hat. Eine finale Anhörung wird über seine Lizenz entscheiden und Jimmy ist bereit, sämtliche Register zu ziehen. Auf den Abschiedsbrief von Chuck verzichtet er, sein Plädoyer für sich selbst kommt von ganzem Herzen. Und es überzeugt das Komitee. Als Jimmy sein Herz öffnet, möchte ich wirklich für einen Moment glauben, dass er es ernst meint. Auch Kim ist gerührt von seinen Worten, die sich offen, aufrichtig und ehrlich anhören. Genau das wurde von ihm verlangt. Hat Jimmy zu sich gefunden? Gelingt ihm in diesem Augenblick der große Durchbruch, mit sich selbst und dem Tod von Chuck ins Reine zu kommen? Man wünscht es sich so sehr, man wünscht es ihm so sehr. Aber: Pustekuchen.

Es war alles nur eine Darbietung. Es war alles nur eine Masche, um das zu bekommen, was er unbedingt haben will. Aber ich möchte das irgendwie nicht wahrhaben. Und ich tue mich schwer herauszufinden, ob Jimmy nicht wirklich die Wahrheit sagt, wie viel ihm Chuck doch trotz ihrer Differenzen bedeutet hat. Wo fängt Jimmy McGill an, wo hört Saul Goodman auf? Hat letzterer ersteren ein für alle Mal abgelöst? Exakt an diesem Punkt befinden wir uns jetzt. Als Zuschauer können wir nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, wie ehrlich Jimmy gewesen ist - zu sich selbst, zu Kim, zu uns. Und das ist genial. Bob Odenkirk bietet uns so viele subtile Indizien an, was in dem Charakter, den er so hervorragend spielt, vorgeht beziehungsweise vorgehen könnte, ohne uns eine klare Antwort zu geben. Und damit wären wir wieder am Anfang und einem der prominenten Gründe, warum Better Call Saul zu den besten Serien gehört, die es da draußen gibt.

Kim gehört die letzte Aufnahme dieser Staffel und diese ist ebenso stellvertretend für unser Befinden. Was ist hier gerade passiert? Und vor allem: Was wird als Nächstes passieren? Kein Angst, denn: „It's all good, man.

Felix Böhme

Der Artikel Better Call Saul: Winner - Review (Staffelfinale) wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht. Felix Böhme hat bereits 1.708 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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