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Better Call Saul: Kritik zur neunten Folge der 4. Staffel der Dramaserie

Better Call Saul: Wiedersehen - Review

Kritik der Episode 4x09

„Better Call Saul“ (c) AMC
„Better Call Saul“ (c) AMC

In der Episode Wiedersehen kommt es nach einem kurzzeitigen Hoch für Kim und Jimmy zu einer heftigen Aussprache zwischen den beiden, die ihre gemeinsame Beziehung auf eine harte Probe stellt. Während sich andernorts Newcomer Lalo prächtig einlebt, verliert Mike unerwartet die Kontrolle.

Wiedersehen. Allein der Titel der vorletzten Episode dieser vierten Staffel von Better Call Saul lädt zum Spekulieren und Rätseln ein, bevor man überhaupt mit der neuen Folge anfängt. Bei dieser gab es am heutigen Dienstagvormittag übrigens ein kleines Problem auf Netflix, bei welchem nichts von „Wiedersehen“ zu sehen war. Für unsereins und Frühaufsteher eine unschöne Überraschung, die jedoch im Laufe des Tages gefixt wurde. Gefixt werden, das trifft tatsächlich auch auf so einige Dinge kurz vor dem Staffelfinale in „Better Call Saul“ zu, die wie ein schwerer Mantel über zahlreichen Charakteren hängen.

Dass die Figuren regelmäßig vor Probleme gestellt werden, ist nichts Neues in der AMC-Serie. Doch in den Händen von Koserienschöpfer und Breaking Bad-Mastermind Vince Gilligan, der im Vorfeld der vierten Staffel die kreativen Zügel an Kollege Peter Gould übergeben hatte und mit dem es nun ein Wiedersehen als Regisseur gibt, entsteht in „Wiedersehen“ eine ganz eigene, beunruhigende Stimmung, die uns eher weniger zufriedenstellende Lösungen für besagte Probleme in Aussicht stellt. Nach der vergleichsweise beschwingten Erzählung in der vorangegangenen Folge Coushatta, holt man uns und die Charaktere jetzt wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Dabei wird sowohl unmissverständlich Klartext gesprochen als auch subtil angedeutet, dass neuer Ärger im Anmarsch ist. Für Mike. Für Gus - und damit in gewisser Weise auch für Nacho. Für Kim und Jimmy.

Für eine gute Sache

Und dabei sah es nach dem letzten, gemeinsamen Streich der beiden doch so gut für sie aus. Kim hat aus ihrer gewieften Trickserei, die Huell vor einer längeren Gefängnisstrafe bewahrt hat, sichtlich neue Energie gezogen. Sie hat Blut geleckt und lässt ihrer neuen Seite freien Lauf, so zum Beispiel, als sie zusammen mit Jimmy eine gutgläubige Angestellte eines Stadtplanungsbüros übers Ohr haut, um die Interessen ihres Klienten Mesa Verde durchzusetzen. Das mag alles ein wenig hinterrücks und alles andere als legal sein, doch so wild ist das alles doch gar nicht - und außerdem tut es ihr gut. Schauspielerin Rhea Seehorn hat zuletzt in einem Interview mit THR zu Protokoll gegeben, dass die sonst so anständige Kim durchaus über ein gewisses Bedürfnis verfügt, ab und zu die Grenzen auszuloten und sich vielleicht hier und da mal die Welt so zurechtzubiegen, wie es ihr gerade am besten passt.

Diese Methodik kennen wir nur zu gut von Jimmy (Bob Odenkirk), doch Kim ist vorsichtig, sich vollends ihrer minimal kriminellen Ader hinzugeben. Während Jimmy ein valides Geschäftsmodell in diesem Verhalten sieht, möchte Kim ihre Talente eigentlich nur dann einsetzen, wenn sie damit auch etwas Gutes bewirken kann. Doch wann verwischt die feine Linie, wann verschieben sich die moralischen Grenzen, so dass es einem letztlich doch völlig egal ist, was man mit seinem Handeln bewirkt, solange man selbst davon profitiert? Kim wandelt auf einem schmalen Grad und bisher macht es ihr Spaß, sich in dieser Form ein bisschen auszutoben und mal jemand ganz anderes zu sein, als man es von ihr gewohnt ist. Aber es wird der Punkt kommen, an dem das Ganze kippen wird und Kim abermals eine Entscheidung treffen muss, wer sie wirklich sein will.

Und: ob sie diese Person sein kann, wenn Jimmy an ihrer Seite ist... Nach der großen, erneuten Annäherung in der letzten Episode rappelt es nun in „Wiedersehen“ gewaltig im Karton. Dem voraus geht ein Termin von Jimmy, bei dem er überzeugend vortragen muss, warum er sich eine neue Lizenz als Rechtsvertreter redlich verdient hat. Und was für eine wunderbare Show er doch abzieht. Wie der geborene Verkäufer, der Jimmy nun einmal ist, wickelt er seine Zuhörer gekonnt um den Finger. Aber Moment. Ist das alles überhaupt Show? Oder ist das der aufrichtige James McGill, der diese zweite Chance wirklich nutzen will und dessen Leidenschaft für Gesetze, Recht und Ordnung von ganzem Herzen kommt?

© IMAGO
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© AMC
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Schuld und Sühne

Das Schöne daran: Es wird nicht klar. Und das ist ein Kompliment an die langfristige Charakterzeichnung und die Darbietung von Bob Odenkirk. Zum einen kaufe ich Jimmy sein Plädoyer für sich selbst ab, es fühlt sich wahrhaftig und überzeugend an. Zum anderen wissen wir, was für ein cleverer Trickser er doch ist und dass eine sentimentale Träne auch gerne mal auf Knopfdruck bei ihm kommt, um andere zu manipulieren. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Jimmys Anhörung und als Zuschauer ist es schlichtweg faszinierend, sich selbst einen Reim daraus zu machen, ob er es jetzt wirklich ernst meint oder doch nur eine kleine Einlage zum Besten gibt, um das zu bekommen, was er haben will. Euer Urteil?

Das versammelte Komitee ist nicht überzeugt, irgendetwas an Jimmys Auftritt war nicht aufrichtig, irgendetwas lässt sie an diesem Charakter zweifeln. Ist es die Tatsache, dass er nicht mit einer Silbe den Tod seines Bruders Chuck erwähnt hat, der zweifellos eine entscheidende Person in seinem Leben gewesen ist, ganz allgemein gesprochen sowie mit Blick auf seinen Werdegang als Anwalt? Oder ist es etwas anderes? Haben sich einfach mal wieder sämtliche Götter gegen Jimmy verschworen, der immer nur auf den Deckel bekommt? Vielleicht hat dies aber auch einen guten Grund. Vielleicht liegt es daran, dass Jimmy sich stets selbst sein eigenes Grab schaufelt, nicht ehrlich mit sich selbst und anderen ist und deshalb regelmäßig die Quittung bekommt. Jimmy sieht es natürlich nicht so und lässt Dampf ab. Aber nicht mit Kim, die sich nicht unterbuttern lässt.

Ich kann die Frustration von Jimmy nachvollziehen. Ich kann verstehen, dass er das Gefühl hat, die ganze Welt wäre gegen ihn. Aber seine unfaire Attacke gegenüber Kim rechtfertigt dies in keiner Weise, was er später auch reumütig eingesteht. Kim fasst es treffend zusammen: Sie war immer für ihn da, sie hat immer geholfen und gegeben, er hat immer genommen. Nur, weil es für sie läuft und sie einen Weg gefunden hat, muss Jimmy sich nicht von seiner Missgunst und Wut übermannen lassen und all sein Ärger an ihr auslassen. Eigentlich ist es gut, dass es zwischen diesen beiden Charakteren so deutlich kracht. Es könnte wie ein Weckruf für Jimmy sein, der seine Lebensentscheidungen überdenken sollte. Kim ist nach wie vor bereit, ihn zu unterstützen und zu helfen. Aber was, wenn Jimmy nicht zu helfen ist? Wenn der Trend wirklich bei ihm stets nach unten zeigt und sich daran nie etwas ändern wird?

Feuer im Loch

Ganz langsam bewegen wir uns auf eine Auflösung hin, die Autoren nehmen sich wie gewohnt die Zeit dafür, während Vince Gilligan meisterlich ein Gefühl der Besorgnis und der unmittelbaren Katastrophe erzeugt. Der einfache Trick: Die Figuren bekommen Luft zum Atmen. Es wird gesprochen und diskutiert, es knallt mehrfach, doch die Atempausen zwischendurch, die ruhigen Momente, die das tolle Drehbuch von Gennifer Hutchison immer wieder hergibt, sie sind es, die die Grundlage für das vielschichtige Drama bilden, das sich hier entfaltet und in dem man mit jedem Charakter mitfühlt, sich in ihn oder sie hineinversetzen und die jeweils aktuelle Situation hervorragend nachvollziehen kann.

Ein weiteres Paradebeispiel in dieser Hinsicht ist die Nebenhandlung um Werner (weiterhin stark: Rainer Bock), der bereits in Coushatta hat durchscheinen lassen, dass die Trennung von seiner geliebten Frau eine große Belastung für ihn ist. In Wiedersehen ist für ihn nun der Punkt erreicht, an dem es einfach nicht mehr weitergeht. Und wir verstehen ihn. Nach einem Nervenzusammenbruch, und das kurz vor einer Sprengung, appelliert er an Mike (Jonathan Banks), ob er vielleicht nicht ein paar Tage in die Heimat kann, Kai (ausgerechnet!) würde ihn in der Zwischenzeit vertreten. Aber Mike bleibt hart, Werner fügt sich und wir beobachten schweren Herzens, wie es den armen Werner immer mehr zersetzt. Wie ein Häufchen Elend sitzt er da in der großen Fabrikhalle, während die jungen Kollegen im Hintergrund feiern.

© IMAGO
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Gesprengte Ketten

Dieser Handlungsstrang ist in mehrfacher Hinsicht gelungen. Zum einen hat man geschickt mit unseren Erwartungen gespielt, ist es doch nicht Krachmacher Kai (Ben Bela Böhm), sondern der gutmütige Werner, von dem für Mike hier ein größeres Problem ausgeht. Zum anderen bringt man uns mit sehr einfachen Mitteln den Charakter des unglücklichen Ingenieurs näher, dessen persönliche Leidensgeschichte sich den Zuschauern vollends erschließt. Die Art und Weise, wie sein temporäres Zuhause visuell eingefangen wird, macht aus seiner Zeitarbeit in den USA fast schon eine Art Gefängnisaufenthalt für Werner. Und so abwegig ist der Vergleich gar nicht. Eine sterile Umgebung mit ein paar Bespaßungsmöglichkeiten hier und da, man lebt zusammengepfercht mit sechs anderen Menschen auf wenig Raum, kann sich nicht frei bewegen und wird permanent beobachtet - es verwundert nicht, dass die Gesamtsituation an Werners geistiger Verfassung nagt.

Und deshalb plant er seinen Ausbruch. Um nicht nur dem physischen, sondern auch mentalen Käfig zu entkommen, der ihn bereits für mehrere Monate umgibt. Nicht Kai (kann man wirklich jemandem vertrauen, der beim Volleyball mogelt?) verursacht neuerliche Sorgenfalten auf der Stirn von Mike. Sein neuer, guter Freund Werner ist es, der smart ein Lasermessgerät einsetzt, um an die Freiheit zu gelangen. Und Mike weiß, was jetzt passieren muss. Er kann Werner nicht einfach so herumlaufen lassen, er stellt ein Risiko für das gesamte Projekt dar. Und wir kennen Mike. Alles, was er macht, geht er mit einer gnadenlosen Konsequenz an. Also nicht nur auf nimmer Wiedersehen zu dem gigantischen Stein, der gesprengt wird, sondern auch zu Werner, der die Anweisungen seines Arbeitgebers trotz deutlicher Warnung missachtet hat? Es wäre eine äußerst tragische Entwicklung dieser Nebengeschichte, an deren Ende Mike vor einer extrem schwierigen Entscheidung stehen wird...

Ding ding ding!

Eine gute Entscheidung haben indes unlängst die Verantwortlichen getroffen: Die Einführung des neuen Charakters Eduardo Salamanca, oder auch Lalo (Tony Dalton). Das Faszinierende an diesem Charakter ist, dass von ihm eine wunderbare Lässigkeit und Jovialität ausgeht, gleichzeitig aber auch ein gewisser Grad der Bedrohung und Gefahr, die Lalo gekonnt hinter einem leichten Lächeln verbirgt. Mit seiner lockeren Art macht er einen durchaus charmanten Eindruck, doch wir sollten uns besser jetzt schon darauf gefasst machen, dass mit Lalo alles andere als gut Kirschen essen ist. Als er gemeinsam mit Don Hector (Mark Margolis) - nun in einem deprimierenden Pflegeheim untergebracht - in Erinnerungen schwelgt, wird klar, dass auch Lalo kein Kind von Traurigkeit ist und zu dem gefallenen Don mit strahlenden Augen hinaufblickt. Er hat sogar ein kleines Erinnerungsstück dabei, eine Klingel (ja, genau die Klingel), die einem von Hectors Opfern gehörte, um die er sich auf brutale Weise gekümmert hatte.

Während Lalo mit Don Hector über das Geschäft der Salamancas und den Chilenen (Gustavo, der ursprünglich aus dem Andenstaat kommt) spricht, ist Nacho (Michael Mando) außen vor. Die neue Hackordnung ist sogleich etabliert, Lalo hat fortan das Sagen und der treue Soldat Nacho hat gefälligst zu folgen. Doch Lalo muss sich erst einmal einen Überblick verschaffen, also stattet er höchstpersönlich Gustavo (Giancarlo Esposito) einen Besuch bei Los Pollos Hermanos ab. Gustavo hätte sehr wahrscheinlich lieber vorher gewusst, dass Lalo in der Stadt ist, so viel verrät sein strafender Blick gegenüber Nacho. Dieser kann einem fast leid tun, denn er kann in der aktuellen Situation eigentlich nichts anderes machen, als brav von A nach B zu dackeln, die Füße still zu halten und auf den Moment zu warten, der ihm einen Ausweg bescheren könnte. Oder eben der Moment, an dem alles auf einmal vorbei ist...

Im direkten Gespräch zwischen Gustavo und Lalo wird dann deutlich, dass das momentane Arrangement unter der Führung von Don Eladio doch eigentlich ganz ordentlich verläuft. Aber daran sollte sich besser nichts ändern, denn der gute Don fände das bestimmt nicht so prickelnd. Wir verstehen uns, oder Gustavo? Lalo ist auf Zack und weiß ebenso wie Hector, dass Gustavo ein extrem ambitionierter, nach mehr Macht strebender Zeitgenosse ist, dem man keinen Meter über den Weg trauen darf. Und in dessen Gesicht zeichnet sich wiederum Verärgerung ab, denn Lalo ist der letzte neue Widersacher, den er aktuell gebrauchen kann. Eine simple Geste des nonchalanten Eduardo Salamanca sagt übrigens alles über den Respekt aus, den er vor dem peniblen Gustavo hat. Der Pappbecher gehört natürlich nicht in den Müll. Er schmeißt ihn einfach auf die Parkfläche vor dem Fast-Food-Restaurant. Das bedeutet Krieg.

Felix Böhme

Der Artikel Better Call Saul: Wiedersehen - Review wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht. Felix Böhme hat bereits 1.708 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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