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Better Call Saul: Kritik zur vierten Folge der 4. Staffel der Dramaserie

Better Call Saul: Talk - Review

Kritik der Episode 4x04

„Better Call Saul“ (c) AMC
„Better Call Saul“ (c) AMC

In der Episode Talk von Better Call Saul richtet sich der Fokus auf den sonst so gefassten Mike, der sich von einer ungewohnt aufbrausenden Seite zeigt. Nach den letzten Tiefschlägen befindet sich ein Großteil der Charaktere indes auf der Suche nach einem Neuanfang respektive Ausweg aus ihrer aktuellen Situation. Ob ihnen dies gelingen wird?

You wanted me to talk. I talked.

Reden ist gut. Durch Konversation kann man Probleme aus der Welt schaffen, man kann sich in einem offenen, ehrlichen Gespräch mit einer Vertrauensperson den Kummer von der Seele nehmen lassen, man kann durch den gegenseitigen Austausch von persönlichen Gedanken neue Kapitel aufschlagen und alte Wunden hinter sich lassen. Zwar können sich nur wenige so hervorragend artikulieren wie die vielen verschiedenen Charaktere in Better Call Saul, das Reden an sich gehört trotzdem nicht zu ihren großen Stärken. Die vierte Staffel des Breaking Bad-Spin-offs hat uns bis dato allen voran sehr deutlich gemacht, wie einsam die zentralen Figuren der Erzählung sind, dass sie oftmals allein auf weiter Flur stehen und ihre Ängste und Sorgen vielmehr für sich behalten, als sie mit ihren Nächsten zu teilen. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, dabei wäre es doch so einfach, nur einmal Klartext zu sprechen und die Dinge beim Namen zu nennen, die einen beschäftigen und belasten.

In der Episode Talk versucht sich jetzt zumindest einer der Charaktere an besagtem Klartext, von dem man es wahrscheinlich am wenigsten erwartet hat: Mike (Jonathan Banks). Diesen hat schon immer eine stoische Ruhe ausgezeichnet, so gut wie nie haben wir auch nur einen Anflug von Emotionen bei ihm beobachten können (die unvergessliche und tränenreiche Ausnahme: „I broke my boy." aus der Episode Five-O). Mike ist stets gefasst und kontrolliert, er handelt rational und vorausschauend. Aber genau so, wie es für Jimmy (Bob Odenkirk) ratsam wäre, sich mit dem Verlust seines Bruders auseinanderzusetzen, liegt auch Mike etwas auf dem Herzen, das schwer wiegt: der Tod seines Sohnes Matthew. Gemeinsam mit seiner Schwiegertochter Stacey (Kerry Condon) besucht Mike also eine Selbsthilfegruppe, deren Teilnehmern er nicht besonders viel abgewinnen kann. Und trotzdem ist das der richtige Weg für ihn.

Nachdem wir uns in der vierten Staffel von „Better Call Saul“ bisher vornehmlich Jimmy, Gus, Kim und Nacho gewidmet haben, schlägt nun mal wieder die große Stunde von Michael Ehrmantraut respektive Jonathan Banks. Es beginnt mit einer harmlosen, harmonischen Montage von einem kleinen Jungen, der seinem Vater bei der Arbeit zusieht. Kurz nachdem wir erfahren, dass es sich um den jungen Matthew und eine Erinnerung von Mike (die große Sorgfalt bei der Umsetzung eines Projekts hatte er schon immer) handelt, donnert man uns einen harten Schnitt entgegen. Die Stimmung schlägt sofort in eine bedrückende, traurige Gefühlslage um. Mike hat scheinbar diesen schönen Moment mit den anderen Teilnehmern der Selbsthilfegruppe geteilt und sich somit emotional geöffnet. Mike, der alte, kühle Haudegen, zeigt sich von einer verwundbaren Seite. Und dadurch macht er einen signifikanten Fortschritt. Das denken wir zumindest.

Denn, wie sich später zeigt, hat er lediglich einem anderen Teilnehmer (Gastdarsteller Marc Evan Jackson, ein immer gern gesehenes Gesicht im Serienbereich) der Runde die Leviten gelesen, der nur wegen der Aufmerksamkeit zu diesen Gesprächen kommt und sich Woche für Woche neue Geschichten über seine tote Ehefrau ausdenkt. Mike widert dieses Verhalten an, das kann man zweifellos der großartigen Mimik von Jonathan Banks entnehmen. An diesem Ort verlassen Menschen vor anderen, wildfremden Menschen ihre Komfortzone und teilen ihre dunkelsten, emotionalsten Gedanken mit ihnen, so wie Stacey, die ebenfalls vom Tod Matthews schwer mitgenommen wurde. Auf der anderen Seite hält Mike aber auch nichts zurück und teilt gegen die gesamte Runde aus, deren Methoden er nur als ein Mittel der Selbstprofilierung ansieht. Mike hat gesprochen. Es ist nun jedoch unsere Aufgabe als Zuschauer, herauszufinden, was er eigentlich sagt.

© IMAGO
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© AMC
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Tacheles

Mike ist wütend. Mike ist traurig. Mike weiß nicht, wie er mit all diesen Dingen umgehen soll. Das überrascht vielleicht ein wenig, weil Mike bisher immer ein Charakter gewesen ist, der auf jede Frage eine Antwort und für jedes Problem eine Lösung parat hatte. Doch mit dieser Herausforderung hat selbst er zu kämpfen, ist er am Ende doch auch nur ein Mensch. Genauer: ein Vater, der seinen eigenen Sohn verloren hat und sich dafür nach wie vor selbst die Schuld gibt. Es ist eine unfassbar tragische Geschichte, die von Drehbuchautorin Heather Marion (die sich in den letzten Jahren am Set von „Better Call Saul“ von dem Posten als Drehbuchassistentin zur Autorin hochgearbeitet hat) eindrucksvoll genutzt wird, um die verschiedensten Facetten von Trauer und Trauerbewältigung zu beleuchten. All dies ist nicht einfach, es ist verdammt schwer. Und auch wenn Mike vieles für sich behält, in gewisser Weise stellt er sich diesen überwältigenden Emotionen, wodurch er schon einmal einen Schritt weiter als Jimmy ist, der sich in einer vergleichbaren Situation befindet.

Das kurze Treffen zwischen Mike und Jimmy in der letzten Episode bekommt plötzlich mehr Kontext. Mike weiß, was in Jimmy vorgeht. Er macht es selbst durch. Wer jetzt erwartet, dass Mike in bekannter Manier cool und mit Fassung seine Probleme angeht, der wird sich wundern. Man sieht es ihm förmlich an, wie es in ihm brodelt. Bei einer weiteren Routinekontrolle in den Hallen einer Madrigal-Niederlassung wirkt Mike noch penibler als sonst, er ist gereizt und angespannt und lässt es an dem armen Tropf aus, dessen Arbeiter die falschen Spanngurte benutzt oder die Kartons falsch gestapelt haben. Und im Gespräch mit Gus (Giancarlo Esposito), der mittlerweile im Bilde ist, dass Mike von Nachos eigenen Motiven wusste, steckt er ebenfalls kein bisschen zurück. Die Wut, die aus seiner Trauer entstanden ist, nimmt Überhand, es ist ihm egal, ob man ihm jetzt das Licht ausknipst oder Gus einfach sagt, was er von Mike will.

Die Chance, diese ungewohnte Seite von Mike zu sehen, ist toll. Sie lässt aber auch nichts Gutes erahnen. Mike, der menschgewordene Ruhepol, kommt ins Wanken. Mit Blick auf die Mutterserie wird er vielleicht eines Tages einen Weg finden, mit seinen persönlichen Problemen richtig umzugehen. Vielleicht über erfrischende soziale Kontakte, wie hier kurz anhand seiner Freundin Anita angedeutet wird. Im Moment passt dieser Blick hinter die Fassade jedoch perfekt zu dem zentralen Thema, das sich wie ein roter Faden durch die bisherigen Folgen der vierten Staffel von Better Call Saul zieht: Die Charaktere verlieren den Halt, sie suchen nach Lösungen, sie wollen den Neustart. Die Dinge, die passiert sind, kann man jedoch nicht auslöschen. Man nimmt sie mit sich, egal, wohin der Weg einen letztlich führen wird. Zu dieser Erkenntnis muss man aber auch erst einmal kommen.

Der Job seiner Träume

Jimmy hat in dieser Hinsicht noch am meisten Nachholbedarf, denn während Mike, Kim und Nacho ihm dementsprechend schon einiges voraushaben, weicht er nach wie vor dem Unausweichlichen aus. Als Kim (Rhea Seehorn) ihm helfen möchte, nimmt er doch noch schnell eine furchtbar langweilige Stelle in einem Mobilfunkgeschäft an, was mit Sicherheit nicht sein Traumjob gewesen ist. Doch es lenkt ihn nicht nur ab, er kann so auch demonstrieren, dass es ihm gut geht und er wieder auf dem Weg nach oben ist. Positive Gedanken! Und wer möchte nicht dafür bezahlt werden, stundenlang einen Gummiball an eine Scheibe zu werfen? Wenn man Jimmy jedoch eine Sache nicht vorwerfen kann, dann ist es seine Zielstrebigkeit und seine Begeisterungsfähigkeit. Wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann packt er es auch an - wobei beides altbekannte Mittel und Bewältigungsmechanismen von Jimmy sind, sich von seinen eigentlichen Gedanken abzulenken.

So entwirft er zum Beispiel einen neuen Werbeslogan, den er sogleich an die Geschäftsfront pinselt, um neue Kunden zu gewinnen. Dabei setzt er auf die allgemeine Paranoia potentieller Kunden, dass ihre Privatgespräche abgehört werden könnten. Der Gedanke, der mir sofort in den Kopf kommt: Sollte Jimmy jetzt sogenannte burner phones verkaufen (bei den vielen ollen Klapphandys werden Erinnerungen wach), die nur schwer zurückzuverfolgen sind, öffnet sich für ihn die Tür zur Unterwelt ein kleines Stück mehr. Die Macher von „Better Call Saul“ schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Auf der einen Seite erhalten wir weitere Einblicke in Jimmys ungesundes Verhalten und wie er sich selbst belügt. Auf der anderen Seite schraubt man fortwährend an der Grundlage dafür, wie Jimmy immer mehr in den Dunstkreis eher dubioser Gestalten geraten ist.

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Amigos?

Wo wir gerade schon beim Thema sind: Gustavo Fring leitet in Talk in aller Seelenruhe Phase zwei seines Masterplans ein und baut dabei erneut auf den armen Nacho (Michael Mando). Dieser weist die todbringenden Salamanca-Cousins Marco (Luis Moncada) und Leonel (Daniel Moncada) auf die vermeintlichen Angreifer hin, die Nacho und Arturo attackiert haben. Aus sicherer Entfernung und der Perspektive Nachos (ein wunderbarer Einfall) können wir anfangs nur erahnen, was für ein Massaker die beiden sicarios anrichten - bis wir das Grauen mit eigenen Augen zu Gesicht bekommen. Doch Nacho kann nicht tatenlos rumsitzen. Er muss seine Loyalität gegenüber den Salamancas untermauern, so der Auftrag von Gus, der Nacho in dieser wertvollen Position im Feindeslager benötigt. Der Plan geht auf. Nacho wird von den Salamancas als treuer Fußsoldat wahrgenommen, Gus wird das Gebiet der ausgeschalteten Konkurrenz erhalten und seinen Einfluss vergrößern. Und Nacho...

... Nacho ist ein Wrack.

Michael Mando ähnelt einer wandelnden Leiche und wird weiterhin wie ein Spielstein von A nach B bewegt. Die Szene, als Nachos Vater voller Entsetzen den aktuellen körperlichen Zustand seines Sohnes sieht, lässt einen schlichtweg erschaudern. Die mentale Belastung, die Nacho an seine Grenzen bringt, darf man ebenfalls nicht vergessen. Wie auch, zeichnet sich diese Last doch hervorragend auf dem malträtierten, blassen Gesicht von diesem bemitleidenswerten Teufel ab, der einen Ausweg sucht. Nur wie? Wie kann er dieser Tortur entkommen und gleichzeitig seine Familie schützen? Eine erste vorsichtige Anmerkung möchte ich mir jetzt schon erlauben: Das Autorenteam muss Nacho irgendwann „erlösen", in welcher Form auch immer. Sein Leidensweg, so stark und empathisch er auch vorgetragen wird, könnte sonst einen repetitiven Charakter bekommen. Aber eigentlich vertraue ich den Verantwortlichen in diesem Fall voll und ganz, haben sie ihre Weitsicht und Intelligenz doch bereits mehrfach eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Eine neue Hoffnung

Dennoch, das ist vielleicht das bisher größte „Problem" von Better Call Saul und dessen vierter Staffel: diese schreckliche Abwärtsspirale, in der sich die meisten der Figuren und wir als Beobachter uns wiederfinden. Das kann einen im wahrsten Sinne des Wortes ganz schön runterziehen. Umso angenehmer ist es, dass Kim jetzt den Versuch startet, ihrer momentanen Misere zu entkommen. Ob ihr das gelingen wird, steht auf einem anderen Papier, sie versucht aber zumindest, einen Weg einzuschlagen, der ihr persönlich mehr geben dürfte als die Arbeit für eine gigantische, profitorientierte Investmentbank. Bei Mesa Verde scheint sie einfach nicht glücklich zu werden, ihren schrecklichen Unfall wird sie für alle Zeiten mit dieser Anstellung verbinden. Was also tun? Zurück zur Basis! Zurück zu den einfachen Leuten, die in den Gerichtssälen dieser Welt für ihre Gerechtigkeit kämpfen und dabei jede Unterstützung gebrauchen können!

Eine durchaus romantische Vorstellung, die Kim von Richter Benedict Munninger (Ethan Phillips) sogleich wieder genommen wird. Im wahren Leben ist das Dasein als Anwalt nicht glamourös, geschweige denn ehrenhaft. Irgendwann wird Idealismus durch Pragmatismus und Selbstzweck ersetzt. Das mag vielleicht stimmen, doch Kim ist nicht so leicht von einer Sache abzubringen, das wissen wir nur zu gut. Und da sie nach einem neuen Zweck, ja, vielleicht sogar nach einem neuen Lebenssinn sucht, warum nicht die eine Sache verfolgen, die sie wieder ruhig schlafen lässt und innerlich erfüllt? Oh, wie drücke ich dem Charakter die Daumen, dass sie bei diesem Vorhaben Erfolg haben wird. Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer für Kim, die ihre Probleme erkannt hat und eine neue Lösung forciert. Andererseits wird natürlich auch eine üble Vorahnung gesät, dass Kims Weg der Besserung (sofern noch nicht Hopfen und Malz komplett verloren sind und sie sich wirklich aufrappeln kann) zwangsläufig mit Jimmys stetigem Fall kollidieren wird. Da ist es wieder, dieses ungute Gefühl und der sorgenvolle Blick hinab in die unvorhersehbaren Tiefen dieser vermaledeiten Abwärtsspirale...

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Talk - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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