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Better Call Saul: Switch - Review

Kritik der Episode 2x01

Jimmy (Bob Odenkirk) chillt hart.  /  (c) AMC
Jimmy (Bob Odenkirk) chillt hart. / (c) AMC

Das Breaking Bad-Spin-off Better Call Saul setzt seinen bedächtigen Kurs zum Auftakt der zweiten Staffel fort. Die Serie lebt von ihrer Liebe zum Detail, von herausragenden Dialogen und der wunderbaren Chemie zwischen ihren Hauptdarstellern.

In Zeiten von Peak TV ist die AMC-Serie Better Call Saul ein echtes Unikum. Während um sie herum alles schneller, bunter und lauter wird, führt sie ihren einstmals eingeschlagenen, bedächtigen Kurs stoisch fort. Die Auftaktepisode zur zweiten Staffel ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Obwohl in Switch nicht viel passiert, ist die Folge wahnsinnig unterhaltsam. Wo andere Dramaserien bergeweise Plot verbrennen, um die Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer hochzuhalten, genügt dieser hier die Konzentration auf einige wenige Figuren.

Follow my lead

Im Mittelpunkt steht natürlich weiterhin Jimmy McGill (Bob Odenkirk), der in der ersten Staffel nicht nur versuchte, ein besserer Mensch zu werden und öfter auch mal das Richtige zu tun - was auch immer das bedeuten mag -, sondern auch, den Ansprüchen seines großen Bruders Chuck (Michael McKean) zu genügen. Das ging nicht lange gut, weshalb es am Ende auch zur endgültigen Entzweiung des ungleichen Bruderpaares kam. Jimmys Bemühungen, eine Abkehr vom „Charlie Hustle“-Leben als Saul Goodman zu erzwingen, blieben jedoch nicht unbelohnt - zwar ließ er sich eine knappe Million Dollar entgehen, ergatterte dafür aber einen aussichtsreichen Job.

Bevor er diesen antreten kann, beschenkt uns Thomas Schnauz, Autor und Regisseur dieser Auftaktepisode, mit einer Vorblende. Wie wir bereits aus der ersten Staffel wissen, hat es Jimmy nach den Ereignissen in Breaking Bad nach Omaha verschlagen, wo er eine „Cinnabon“-Filiale führt - genau so, wie er es sich in seinen schlimmsten Albträumen ausgemalt hat. Entsprechend schwermütig geht er seinem Tagewerk nach - eine bedrückende Momentaufnahme, die durch den Einsatz von Schwarz-Weiß-Bildern noch deprimierender wirkt. Zu allem Überfluss sperrt sich Jimmy - oder wie auch immer er nun heißt - im Müllkeller ein. Die Wartezeit bis zu seiner Befreiung nutzt er, um sein Alter Ego wiederaufleben zu lassen: „SG was here“.

Abgeschlossen hat dieser Zukunfts-Jimmy also noch nicht mit der Persönlichkeit, die ihm am meisten Freude bereitete. Das wird auch in der Eröffnungsszene des gegenwärtigen Erzählstrangs deutlich, in der Jimmy noch einmal tief Luft holt, bevor er seine neue Arbeitsstelle antritt. Für die Kanzlei seines Bruders soll er als Mittelsmann zu den Kollegen von Davis & Main fungieren, um die gemeinsamen Sandpiper-Geschäfte abzuwickeln. Deren Inhaber Clifford Main (Ed Begley Jr.) ist überaus angetan von Jimmys Vorarbeit und freut sich auf die bevorstehende Kooperation. Schon das Händeschütteln mit den biederen Anzugträgern ist jedoch genug für Jimmy, um postwendend umzukehren.

© IMAGO
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Jimmy (Bob Odenkirk) kann sich ob seiner neuen Lebensaussicht ein Grinsen nicht verkneifen.   © AMC
Jimmy (Bob Odenkirk) kann sich ob seiner neuen Lebensaussicht ein Grinsen nicht verkneifen. © AMC

Im Wärterhäuschen des Parkhauses wundert sich Mike (Jonathan Banks) anschließend über das kurze Meeting und gewährt dem Kurzparker freie Fahrt. Jimmy grämt sich da noch kurz darüber, nicht das Geld der Kettlemans genommen zu haben und in die Südsee abgehauen zu sein, verdrängt seinen Ärger aber schnell mit einem breiten Grinsen und neugefundener Lebensfreude. Fortan will er sein wahres Ich umarmen, statt weiter irgendwelchen gesellschaftlichen Ansprüchen oder denen seines Bruders hinterherzuhecheln.

Another perfect day in paradise

Diese Vorgabe setzt er eindrucksvoll in die Tat um, wie die nächsten Szenen beweisen. Unter falschem Namen checkt er in ein Hotel ein, in dessen Pool er sich tagsüber die Sonne auf den Bauch scheinen lässt. Seine On-off-Freundin Kim (Rhea Seehorn) identifiziert sein Verhalten als Midlife-Crisis und fürchtet, er verspiele damit seine letzte Chance auf eine juristische Karriere. Jimmy kontert mit einem Fachbegriff aus der Wirtschaftswissenschaft, der Sunk Cost Fallacy. Demnach nütze es nichts, den bisher geleisteten Einsätzen hinterherzutrauern, wenn man mit dem Status Quo nicht zufrieden ist: „My talents are better spent elsewhere.

Diese Talente stellt er sogleich unter Beweis, wobei der douchebag broker Ken (Kyle Bornheimer) wahrlich keinen ebenbürtigen Gegenspieler für einen erfahrenen con artist wie Jimmy darstellt. Eine überteure - um genau zu sein: 2.500 Dollar teure - Flasche Tequila später landen er und Kim zusammen im Bett. Schon am nächsten Morgen klopft jedoch die Realität an die Tür: Kim muss sich beeilen, Jimmy hat nichts zu tun. Und leicht einen sitzen, wie Harald Juhnke das präferieren würde. Sein nächstes Opfer ist am Swimmingpool zwar schnell ausgemacht, jedoch macht das Spiel alleine nicht annähernd soviel Spaß wie mit einer Partnerin in crime.

Schweren Herzens meldet sich Jimmy also bei Clifford Main, um nun doch seinen bequemen, mit allerlei Zusatzleistungen daherkommenden Job anzutreten. Seine Lebensfreude scheint komplett entfleucht, mit hängendem Kopf spielt er noch einmal wehmütig an seinem mafiös anmutenden pinkie-Ring - wortlos spiegelt diese wunderbare Szene die Essenz der Figur wider. Er wäre gerne Mafiosi, ist aber nur Anwalt. Er wäre gerne Saul Goodman, ist aber nur Jimmy McGill. Wir Zuschauer müssten uns eigentlich für ihn freuen, weil er jetzt einen guten Job hat und vielleicht sogar mit Kim zusammenkommen wird. Stattdessen ist es furchtbar traurig, wie er da in seinem Bürostuhl sitzt und seinem alten Leben hinterhertrauert, indem er einen Kippschalter umlegt, der unter keinen Umständen betätigt werden soll. Dabei passiert genau: gar nichts.

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Die Chemie zwischen Bob Odenkirk und Rhea Seehorn ist hinreißend.   © AMC
Die Chemie zwischen Bob Odenkirk und Rhea Seehorn ist hinreißend. © AMC

Jemand, der wohl kein Problem hätte, wenn in seinem Leben ähnlich viel passieren würde, ist Mike. Sein schmales Gehalt als Parkplatzwärter bessert er weiterhin mit Jobs als Bodyguard für den blauäugigen Medikamentenschmuggler Daniel Warmolt (Mark Proksch) auf. Weil dem aber das viele neue Geld zu Kopf gestiegen ist, wie man unschwer an seinem überdimensionierten, furchtbar kitschigen Automobilneuerwerb erkennen kann, weigert sich Mike, den aktuellen Auftrag auszuführen. Daniel glaubt daraufhin, seinem Abnehmer Nacho (Michael Mando) auch alleine gegenübertreten zu können, begeht dabei jedoch sofort sämtliche Fehler, die man nur begehen kann.

This is the gravy train, and it's leavin' the station

Wenige Tage später darf er deshalb den Verlust seiner wertvollen Baseballkartensammlung beklagen, was er nicht nur gegenüber sich selbst, sondern unklugerweise auch gegenüber der Polizei tut. Die herbeigerufenen Beamten werfen einen Blick auf den schrillgelben Hummer in der Auffahrt und wissen natürlich sofort, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Keine fünf Minuten später haben sie das Versteck gefunden, in dem er sowohl die Hehlerware als auch das damit erlöste Bargeld lagert. Zu seinem Glück hat Nacho - oder einer seiner Konsorten - nichts zurückgelassen. So ärgerlich der Vorgang für Daniel auch ist - eines hat er dabei gelernt: Wenn du einen Mike zur Verfügung hast, setze diesen Mike unbedingt ein.

Anhand dieses amüsanten Nebenhandlungsstrangs lässt sich bestens illustrieren, was Better Call Saul so besonders macht. Das Kreativteam hat ein wunderbares Auge fürs Detail. Auf Daniels Nummernschild steht „PLAYUH“, er trägt zum Auto passende Turnschuhe und ein Armband, das ihm wahrscheinlich dazugeschenkt wurde. Als er im Parkhaus mit dem völlig unhandlichen Wagen rückwärts fährt, biegt sich die Antenne, weil sie an der Decke hängenbleibt. Dieses kleine Detail wird durch entsprechendes Sounddesign verstärkt, sodass die Komik dieser Szene deutlicher hervortritt.

Die Detailverliebtheit harmoniert hervorragend mit dem bedächtigen Erzähltempo der Serie. Deren Schöpfer Vince Gilligan und Peter Gould verspüren keine Eile, die Transformation von Jimmy McGill zu Saul Goodman abzuschließen - viel eher lassen sie die Figur ständig zwischen diesen beiden Polen changieren, um ihre innere Zerrissenheit zu akzentuieren. Odenkirk spielt dieses Material einzigartig gut, er verfügt über eine hinreißende Chemie zu seinen Kollegen, allen voran Rhea Seehorn. Die aus „Breaking Bad“ bekannten visuellen Spielereien sind schließlich das Sahnehäubchen auf diesem wahrlich schmackhaften Serien-Sundae.

Jedoch ist auch in Saul-Country nicht alles aus Zucker. Es bleibt abzuwarten, wie die Geschichten von Jimmy und Mike fortan miteinander verwoben werden. Zu befürchten steht, dass sie - wie es bisweilen in der ersten Staffel der Fall war - zu stark divergieren. Jimmy war darin meist für die locker-flockigen Abschnitte zuständig, während Mike die dramatischen Parts übernahm. Manchmal konnte sich das anfühlen, als bewegten sich die beiden in unterschiedlichen Serienwelten. Für die kommenden zehn Episoden würde ich mir dahingehend also mehr Kohärenz wünschen. Die Auftaktepisode Switch lässt sich jedenfalls noch nicht allzu tief in die Karten blicken.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Switch - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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