Du bist hier: Serienjunkies » News »

Better Call Saul: Something Unforgivable - Review

Better Call Saul: Something Unforgivable - Review

Kritik zum Finale der 5. Staffel

Rhea Seehorn und Bob Odenkirk in Better Call Saul (c) AMC
Rhea Seehorn und Bob Odenkirk in Better Call Saul (c) AMC

Das fünfte Staffelfinale von Better Call Saul macht deutlich, dass die eigentliche Transformation nicht in Jimmy, sondern Kim stattfindet. Sie ist auf dem besten Weg, ihn auf dem Pfad in den Abgrund rechts zu überholen...

Dass die fünfte Staffel die bis dato beste von Better Call Saul war, wird kaum jemand bestreiten. Die Finalfolge Something Unforgivable (zu Deutsch: „Etwas Unentschuldbares“) lässt uns aber umso mehr der sechsten und leider schon letzten Season entgegenfiebern. Peter Gould, der das Breaking Bad-Spin-off einst mit Vince Gilligan schuf, übernahm diesmal die Regie und schrieb gemeinsam mit Ariel Levine das Drehbuch. Das Ganze steht unter dem Motto „Durchatmen“, denn die letzten Wochen war eine echte Tour de Force, zumal die letzten Meter noch mal besonders hart werden dürften...

Jimmy und Kim

Der bedrohliche Besuch seines gefährlichen Mandanten Lalo (Tony Dalton) in seinen eigenen vier Wänden hat bei Jimmy (Bob Odenkirk) ordentlich Eindruck hinterlassen. Dass Kim (Rhea Seehorn) und er ernsthaft um ihr Leben fürchten mussten, hat sein Herz nicht nur in die Hose, sondern regelrecht in die Schuhe rutschen lassen. Nur dank des Übermuts seiner Frau schlägt es überhaupt noch. In Jimmys sonst so schelmischem Blick ist spätestens jetzt der letzte Funke Spielfreude erloschen. Und er will nur noch raus aus dem Geschäft der Gesetz- und Skrupellosen. Da wir aber wissen, dass er in einigen Jahren tiefer denn je drinstecken wird, ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit offenbar noch nicht gesprochen.

Lange Zeit dachten wir, dass Jimmys eigener „Breaking Bad“-Moment, sprich die Überschreitung der sogenannten roten Linie, dadurch zustande kommt, dass Kim etwas zustößt - oder dass ihr etwas zustößt, weil seine Saul-Goodman-Querelen aus dem Ruder laufen. „Something Stupid“, der inoffizielle Titelsong des Pärchens, deutete auf einem dummen Fehler hin, der das ohnehin nie ganz perfekte Glück der beiden letztlich zerstören würde.

Die neue Episode Something Unforgivable stellt diese vergleichsweise harmlose Hypothese nun aber gehörig auf die Probe. Eher zerbricht die Ehe von Jimmy und Kim wegen etwas Unentschuldbarem, also kein Versehen und schon gar kein kleines Fehltrittchen. Doch wer hätte vermutet, dass am Ende womöglich Kim diejenige sein würde, die dafür verantwortlich ist? Dazu später mehr...

Nachdem Lalo davongedüst ist, dürfen Jimmy und Kim zu Beginn der neuen Episode erst mal durchatmen. Um auf Nummer sicher zu gehen, ziehen sie trotzdem vorübergehend ins Hotel, in dem die Salamancas sie hoffentlich nicht finden. Jimmy sucht derweil seinen Lebensretter Mike (Jonathan Banks) auf, um Panik zu schieben. Panik mag Mike am allerwenigsten, weshalb er Jimmy ausnahmsweise in eines der sonst so streng behüteten Geschäftsgeheimnisse seines Arbeitgebers Gus (Giancarlo Esposito) einweiht. Denn der clevere Hühnchen- und heimliche Methverkäufer hat für Lalo bei seiner Heimkehr in Chihuahua eine kleine Überraschung vorbereitet, nämlich ein Killerkommando, die ihm den Garaus machen soll. Mit anderen Worten: Lalo stellt für Jimmy, Kim, Mike und Gus und auch sonst niemanden schon bald keine Gefahr mehr dar.

Wirklich beruhigt ist Jimmy trotzdem nicht, ganz anders als Kim, die am nächsten Tag schon wieder ganz normal zur Arbeit gehen will. Wobei sie ja eigentlich arbeitslos ist, nachdem sie bei Schweikart kündigte. Während alle anderen darin ein Signal zur Besorgnis sehen, sieht sie selbst die Gelegenheit, sich endlich voll und ganz auf ihre Pro-Bono-Fälle zu konzentrieren. Auf ihre noblen Worte lässt sie umgehend Taten folgen. Doch ausgerechnet der Weg zum Gericht, angetreten aus dem Wunsch nach Rechtschaffenheit, lässt sie sprichwörtlich vom rechten Weg abkommen. Eine Zufallsbegegnung mit ihrem ehemaligen Chef Howard (Patrick Fabian), der diese Season zwar selten, aber immer effektiv zum Einsatz kam, ist hierbei der Auslöser...

© IMAGO
© IMAGO
Steven Bauer und Michael Mando in Better Call Saul  © AMC
Steven Bauer und Michael Mando in Better Call Saul © AMC

Lalo und Nacho

In Mexiko kommen Lalo und Nacho (Michael Mando) indes am Ziel an. Lalo nimmt seinen Fahrer als Teil seiner Familie auf, unwissend, dass er ihm das Unheil ins Haus trägt. Sogar mit dem Oberboss Don Eladio (Steven Bauer) macht er ihn bekannt. Auf seine Art kann das Monster unglaublich charmant sein. Vor allem der kindsköpfige Kartellchef ist begeistert von Lalos „Showmanship“ und natürlich von seinen großzügigen Präsenten - darunter auch ein roter Ferrari, wie ihn schon Magnum hatte. Lalos Erzfeind Juan Bolsa (Javier Grajeda), der mit Gus das Mordkomplott ausgeheckt hatte, beäugt das Schauspiel argwöhnisch. Während sich Nacho sehr bemühen muss, dem Don etwas vorzuspielen... Kurzerhand erfindet er einen tollen Geschäftsplan, der unter anderem einen Gangkrieg unter Bikern vorsieht. Schade, dass wir das nie wirklich sehen werden.

Doch stattdessen hat die neue Folge ohnehin etwas viel Besseres zu bieten: einen Kampf auf Leben und Tod zwischen Lalo und fünf schwerbewaffneten Elitekillern. Mike hat aus der Ferne dafür gesorgt, dass Nacho vorgewarnt wird beziehungsweise aktiv mithilft, den Auftragsmord über die Bühne zu bringen. Er soll nachts die Türen öffnen und sich selbst aus dem Staub machen. Dummerweise bewacht Lalo den Eingang seiner Villa auch nachts mit Argusaugen. Wie wir erfahren, leidet der Schurke unter schlimmem Schlafmangel, womit er sich aber längst abgefunden zu haben scheint. Tatsächlich sieht er in seiner vermeintlichen Schwäche sogar eine Art Superkraft, denn ähnlich wie Napoleon kann er in den durchwachten Nächten Pläne schmieden. Und ohne es zu wissen, vereitelt er so auch diverse Attentate auf sein Leben. Nacho muss schon ziemlich kreativ werden, um den Wachhund abzulenken. Schön, dass der Charakter endlich mal wieder glänzen kann.

Was folgt, ist eine Actionszene, die in ihrer Rambohaftigkeit selbst Mikes Heckenschützenangriff in der Wüste in den Schatten stellt. Mit einem menschlichen Schutzschild - eines der wenigen Klischees, das sich Better Call Saul mal erlaubt - und einer Bratpfanne als improvisierte Waffe schafft es Lalo, die erste Salve zu überstehen und flüchtet durch einen Tunnel, wie jeder gute Drogenbaron ihn in seinem Haus haben sollte. Doch Lalo ist kein Fluchttier, weshalb er den Tunnel nicht etwa nutzt, um abzuhauen, sondern um sich von hinten an die Angreifer anzuschleichen und einen nach dem anderen auszuschalten. Dennoch töten sie seine ganze Familie, die aus einer Köchin, einem Gärtner und mehreren Bodyguards bestand. Übrigens könnte man sich spätestens nach dieser Vorstellung keinen überflüssigeren Job vorstellen als Leibwächter von Lalo. Dieser Mann kann auf sich allein aufpassen und nun sollten all diejenigen, die ihn tot sehen wollten, umso mehr auf sich aufpassen.

Vor allem der arme Nacho, der genau wie Jimmy allmählich genug von der ständigen Gefahr hat, da er sich ebenfalls um den wichtigsten Menschen in seinem Leben sorgt, nämlich um seinen Vater, dürfte zunächst ganz oben auf Lalos Abschussliste stehen. Denn dieser hat längst durchschaut, dass er ihn verraten hat. Er und Juan Bolsa sind außerdem am nächsten dran. Sobald sie aus dem Weg geräumt sind, dürfte Lalo seinen Zorn nach Albuquerque richten, wo er sich vermutlich auch noch an eine gewisse blonde Anwältin erinnern wird, die ihm immerhin erst den Rat gab, nach Hause zu fahren. Ganz recht, ohne Kim wäre Lalo überhaupt nicht in diese missliche Situation gekommen. Doch ihre Rede und sein Überlebenskampf gehören mindestens zu den Top Five der besten Momente dieser Staffel, also sind zumindest wir sehr dankbar dafür.

Das war wirklich mal ein würdiger Auftritt von Lalo, der ohnehin längst den meisten Bösewichten wie Tuco (Raymond Cruz) oder Uncle Jack (Michael Bowen), dem Endgegner aus Breaking Bad, den Rang abgelaufen hat. Seit der vierten Staffel baut Better Call Saul ihn als Antagonisten auf. Zunächst nur für Gus und Mike, die so übermächtig wirkten, dass sie dringend eine Nemesis dieses Kalibers nötig hatten. Da die Serie Jimmys und Mikes Abenteuer aber immer enger aneinandergebunden hat, stellt Lalo nun auch für den Titelhelden eine Gefahr dar. Mit ihm als tollwütigen Kampfhund verspricht die letzte Staffel wahrlich spannend zu werden. Sein tödlicher Blick ist nicht umsonst die letzte Einstellung im Finale...

© IMAGO
© IMAGO
Tony Dalton in Better Call Saul  © AMC
Tony Dalton in Better Call Saul © AMC

It's all good, man

Dennoch ist Lalos angsteinflößender Anblick nicht das gespenstischste Bild der Episode. Nein, diese Auszeichnung geht ohne Zweifel an Kim, die auf erschreckende Art und Weise Jimmys Pistolenfingerbewegung imitiert. Nach ihrer Begegnung mit Howard scheint ein Teil von ihr gestorben zu sein, der Teil, der immer daran festhielt, nach den Regeln zu spielen und der Jimmy oft von Dummheiten abhielt. Kim wirkte zwar stets wie die Musterschülerin, doch sie ließ auch immer eine tiefe Verachtung für Männer wie Howard durchblicken, die ihr intellektuell derart unterlegen sind und trotzdem die Welt regieren. Von ihm nun väterlich umsorgt zu werden, macht sie noch wütender als Jimmy, als er von ihm ein Jobangebot aus Mitleid erhielt. Howard hat ein Talent dafür, mit vermeintlich nett gemeinten Gesten, andere Leute auf die Palme zu bringen.

Als Kim Jimmy davon erzählt, dass Howard sie vor ihm gewarnt habe, steht ihr der pure Hass in Gesicht geschrieben. Wie kann dieser Mann sich nur herausnehmen, zu glauben, was gut für sie ist? In Jimmys Gesicht sehen wir derweil ein anderes Gefühl: Schuld. Denn er spürt, dass Howard Recht hat. Ohne ihn wäre Kim tatsächlich besser dran, doch, da er ohne sie verloren wäre, behält er diesen Gedanken für sich. Stattdessen schmieden die beiden übelste Pläne, um sich an Howard zu rächen, denn drei Bowlingkugeln und zwei Prostituierte haben offenbar noch nicht gereicht, um es ihm heimzuzahlen. Anfangs ist das alles noch ein großer Spaß, aber dann merkt Jimmy, dass Kim längst Ernst machen will. Und sie will Howard nicht nur einen kleinen Streich spielen, sondern seine ganze Karriere zerstören. Sie will ihm etwas Unentschuldbares antun.

Hier kommt schließlich auch der alte Sandpiper-Fall zurück ins Spiel, der im Hintergrund noch immer weiterlief. Kim hat die hinterlistige Idee, Howard schwerste juristische Verstöße anzuhängen, was dazu führen soll, dass er seine Anwaltszulassung verliert, so wie einst auch Jimmy; und dass dieser wiederum endlich seine zwei Millionen Dollar Gewinnbeteiligung erhalten würde, da Howards Sturz zwangsläufig zu einer Lösung des verfahrenen Verfahrens führen müsste. Jimmy wäre also reich genug, um seine bunten Saul-Goodman-Anzüge ein für alle Mal an den Nagel zu hängen. Kim könnte sich unterdessen ihre eigene kleine Pro-Bono-Kanzlei aufbauen und dem Paar wäre es möglich, sich ein Haus zu kaufen. Alles wäre perfekt, doch Jimmy will einfach nicht wahrhaben, dass ausgerechnet Kim dieser böse Plan einfiel. Die Doppelmoral eines Mannes...

Mit fester Überzeugung sagt er, dass sie nicht mit sich leben könnte, wenn sie diesen Trick tatsächlich durchziehen würden. Sie antwortet lakonisch: „Könnte ich nicht?“ Und wir, die wir so lange um das physische Wohl von Kim fürchteten, fürchten nun ebenfalls um ihre Seele. Und dann kommt schließlich der Moment, als sie Jimmy mit den eigenen Waffen schlägt, symbolisch ausgedrückt durch ihre Kopie der berühmten „It's all good, man“-Geste. Letzte Woche, als sie Lalo in die Flucht schlug, dachte man noch, dass Kim zwar besser in dem Spiel der Bösen sei als Jimmy, es jedoch niemals spielen wollen würde.

Dieser plötzliche Wandel muss natürlich gewissermaßen überstürzt wirken. Die Serie hat uns fünf Jahre lang auf eine falsche Fährte geführt, so dass wir ständig schauten, wie und wann Jimmy den Karren vor die Wand fährt. Dass nun ausgerechnet die Stimme der Vernunft das Chaos einleitet, ist ein genialer Twist, der abwegig genug ist, um uns zu überraschen, aber nicht so unrealistisch, um uns zu frustrieren. Während wir darauf gewartet haben, dass Jimmy die große rote Linie überschreitet, hat Kim unbemerkt viele kleine rote Linien überschritten und Saul Goodman längst eingeholt. Mit Blick auf die finale Staffel ist es inzwischen durchaus vorstellbar, dass sie schlussendlich Jimmys moralischen Bankrott herbeiführt, anstatt zu versuchen, genau das zu verhindern. Better Call Saul hat seinen Höhepunkt erreicht und ist spannend wie nie zuvor. An dieser Stelle ein Moment der Stille für all die kurzsichtigen Breaking Bad-Fans, die dem Ableger frühzeitig abgeschworen hatten, weil sie ihn für zu langweilig hielten. Ihnen entgeht dadurch ein Meisterwerk, das der Mutterserie in nichts mehr nachsteht.

Bjarne Bock

Der Artikel Better Call Saul: Something Unforgivable - Review wurde von Bjarne Bock am Uhr erstmalig veröffentlicht. Bjarne Bock hat bereits 8.025 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht. Eine Übersicht der Meldungen von Bjarne Bock

BjarneBock folgen auf Mastodon folgen

Aktuelle Lieblingsbeiträge der Leser von Serienjunkies


The Last of Us: Woher kennt man Bella Ramsey? - Karriere in Bildern The Last of Us: Woher kennt man Bella Ramsey? - Karriere in Bildern

Bella Ramsey ist zarte 19 Jahre alt und hat schon in mehreren namhaften Produktionen erinnerungswürdige Rollen gespielt. Nun ist sie als Ellie in The Last of Us zu sehen. Woher man sie kennt, lest Ihr hier. [mehr]

Von Loryn Pörschke-Karimi am Sonntag, 5. Februar 2023 um 15.00 Uhr.