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Better Call Saul: Kritik zur siebten Folge der 4. Staffel der Dramaserie

Better Call Saul: Something Stupid - Review

Kritik der Episode 4x07

„Better Call Saul“ (c) AMC
„Better Call Saul“ (c) AMC

In Something Stupid wird deutlich, wie sehr sich Jimmy und Kim in Better Call Saul mittlerweile auseinandergelebt haben, auch wenn keiner von den beiden das Kind beim Namen nennen möchte. Sie finden jedoch erneut zueinander, was jedoch nicht die cleverste Idee ist und unschöne Konsequenzen haben könnte...

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Inhalt Better Call Saul in vergleichsweise geringer Laufzeit unterbringen kann. Something Stupid, die siebte Episode der vierten Staffel, zählt gerade einmal 41 Minuten. 41 Minuten, in denen wie so oft in dem Breaking Bad-Spin-off sehr bewusst Dialoge platziert werden und immer wieder auf Worte verzichtet wird, um einfach zu zeigen, was gerade in den verschiedenen Charakteren vorgeht. 41 Minuten, die ratzfatz vorüber sind und den Zuschauern trotzdem so viel zum Nachdenken, zum Analysieren und zum Interpretieren geben. Der Blick auf meine ausführlichen Notizen zur Folge bestätigt dies.

Es macht großen Spaß, eine Episode von „Better Call Saul“ in einem Rutsch zu sehen, weil es sich so anfühlt, als würde man einer gut geölten Maschine beim Arbeitsprozess zuschauen, in der jedes Zahnrad ins andere greift und am Ende des Fließbands letztlich ein feingeschliffenes, makelloses Produkt auf der Palette landet. Nicht weniger spannend ist es, die einzelnen Arbeitsschritte genauer zu betrachten, die Details zu beobachten und die Präzision in der Umsetzung wertzuschätzen. Nichts anderes geschieht in „Something Stupid“, eine Folge, die den Plot elegant vorantreibt, sich aber über unscheinbare Nuancen und wundervolle Zwischentöne auch die Zeit für die kleineren Aspekte der Erzählung nimmt, die im weiteren Verlauf der Staffel noch ein gigantisches Ausmaß annehmen könnten.

Doch „Better Call Saul“ trumpft nicht nur in dieser Hinsicht auf. Die Serie hat sich ihren exzellenten Ruf auch dadurch erarbeitet, weil hier Dinge anders gemacht werden, als es sonst in der weiten Serienwelt der Fall ist. In anderen Serien würden wir wahrscheinlich über mehrere Episoden, vielleicht sogar Staffeln, sehen, wie sich ein Paar immer mehr voneinander entfernt, wie sich beide Partner entfremden und die Distanz zwischen ihnen nicht mehr zu leugnen ist. Das ist ein Ansatz. In „Better Call Saul“ hat man die unterschiedlichen Anzeichen einer Beziehungskrise zwischen Jimmy und Kim bereits sehr früh dezent und subtil gestreut, große Streitigkeiten gab es nicht zu sehen. Dafür jetzt aber eine herrliche Montage zum Evergreen „Something Stupid", durch die innerhalb von fünf Minuten alles über den Status der Beziehung der beiden gesagt wird, was man wissen muss.

Das Leben des anderen

Drehbuchautorin Alison Tatlock (vornehmlich als Supervising Producer für die AMC-Serie tätig) und Regisseurin Deborah Chow, die erstmals eine Episode von „Better Call Saul“ inszeniert hat, haben sich zu Beginn von „Something Stupid“ etwas ganz Besonderes einfallen lassen, das wunderschön und tragisch zugleich ist. Mit einem dicken, fetten, schwarzen Strich in der Mitte des Bildes wird eine deutliche Trennlinie zwischen Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn) gezogen, deren Leben aktuell unterschiedlicher nicht sein könnte. Für Kim läuft es ausgezeichnet, ihre Arbeit erfüllt sie, Mesa Verde ist zufrieden, sie kann Menschen in Notsituationen helfen, der Trend zeigt deutlich nach oben. Jimmy verschachert derweil zusammen mit Huell (Lavell Crawford) weiter Mobiltelefone auf der Straße und zählt die Tage, bis er wieder als Anwalt arbeiten darf.

Die Zeit vergeht, ganze sechs Monate, um genau zu sein, und alles verändert sich. Aus der anfänglichen Zweisamkeit werden zwei separate, voneinander losgelöste Leben. Die Tagesabläufe verändern sich, die persönlichen Ziele werden angepasst, die gemeinsamen Vorstellungen vom Leben werden immer weniger. Die visuelle Ausführung dieser Entzweiung und die vielen kleinen Sinnbilder sind ein Traum für alle Zuschauer, die diese Art des storytelling zu schätzen wissen. Aber wie bereits erwähnt versteckt sich in den verschiedenen Aufnahmen auch eine gehörige Portion Wehmut und Traurigkeit, weil auf einmal alles, was mal gut gewesen ist, plötzlich wie Sand durch die Finger rinnt und es so wirkt, als wären die Tage des Duos Jimmy und Kim gezählt.

© IMAGO
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© AMC
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Auf nach Aspen!

Diese Entwicklung an sich ist bedauernswert (wenn auch absehbar, mit Blick auf Breaking Bad), doch damit nicht genug. Ebenso tragisch ist es, dass keiner von den beiden so richtig aufgeben will und immer noch bereit ist, etwas in diese Beziehung zu investieren, die einfach nicht sein soll. Es ist löblich, dass vor allem Kim bereit dazu ist, weitere Opfer zu bringen, um die Lücke zwischen ihr und Jimmy zu schließen. Aber ist dieser Versuch nicht vergebens? Wird sie sich dadurch auf lange Sicht nicht nur selbst schaden? Sie und Jimmy befinden sich auf zwei komplett verschiedenen Planeten, ein erneuter Schulterschluss erscheint mir unmöglich, auch wenn es von den beiden keiner so wahrhaben möchte.

In „Something Stupid“ häufen sich die Szenen, in denen all dies immer deutlicher wird. Schauen wir uns zum Beispiel nur die kleine Firmenfeier in der Kanzlei Schweikart & Cokely (und bald auch Wexler) an, zu der Jimmy von Kim mitgenommen wird. So rausgeputzt, wie er auch ist, Jimmy ist ein Fremdkörper in dieser Gesellschaft, in die Kim nicht nur längst integriert wurde. Sie ist mittlerweile ein essentieller Bestandteil von dieser geworden. Sie hat ihre neue Art des Lebens gefunden und genießt es in vollen Zügen. Jimmy hingegen ist verbittert und trauert offensichtlich noch all dem nach, was nie Wirklichkeit sein wird. Als er uns, die Zuschauer (ein wunderbarer Einsatz der Kameraperspektive), mit auf eine kleine Tour durch sein zukünftiges Anwaltsbüro nimmt, merkt man ihm seine Begeisterung und seinen Elan durchaus an. Doch am Ende ist es nicht Kim, die er mit seinen tollen Plänen verzaubern will, es ist Huell, dessen Zuspruch er möchte und der Jimmy sehr ehrlich ins Gesicht sagt, dass er alles andere als beeindruckt ist.

Während es für Kim nicht besser laufen könnte - Mesa Verde expandiert munter vor sich hin und Kim boxt vor Gericht gleichzeitig die kleinen Leute raus -, macht sich bei Jimmy Frust breit. Ja, das Telefongeschäft wirft ein ordentliches Salär ab. Aber das kann es doch nicht sein, oder? Wir sehen, wie die Gesamtsituation an Jimmys Befinden nagt, die Ausraster mehren sich und immer wieder lässt er über unterschiedliche Ventile Druck ab. Zum Beispiel während besagter Firmenfeier, als er Richard Schweikart (Dennis Boutsikaris) vor versammelter Mannschaft großartig und gewieft in die Pfanne haut, indem Jimmy wilde und vor allem exorbitant teure Vorschläge macht, wohin es denn für die Angestellten der Kanzlei bei dem nächsten Firmenausflug gehen könnte. Telluride? Ach, Quatsch, warum nicht gleich nach Aspen?

Immer Ärger mit Jimmy

Es bereitet einem eine diebische Freude, Richard Schweikart dabei zu beobachten, wie seine Gesichtszüge immer mehr entgleisen. Jimmy ist der geborene Trickser und kann so zumindest einen kleinen Gewinn verzeichnen, der ihm für kurze Zeit Aufwind gibt. Aber auch dieses Hoch ist schnell vorüber, schon bald findet er sich in seinem alltäglichen Trott wieder, der alles andere als erfüllend ist. Der Disput mit einem Polizisten, der Jimmy (oder besser: Saul) auf sein fragwürdiges Klientel hinweist, fällt ebenfalls in die Kategorie Dampf ablassen. Woher all diese aufgestauten Emotionen kommen? Jimmy ist enttäuscht. Von sich, vom Leben, von der Tatsache, dass es für ihn einfach nicht vorwärts geht, ja, vielleicht sogar von Kim. Es wirkt in einem Moment so, als wäre er neidisch auf sie, weil sie inzwischen den Dreh raus hat. Doch das ist ja nicht ihre Schuld.

Er ärgert sich derweil mit einem lästigen Polizisten herum, der dann auch noch zu allem Überfluss von Huell eins über die Rübe gezogen bekommt. Jimmys Handlanger hat es doch nur gut gemeint, doch jetzt könnte es knüppeldick für ihn kommen. Jimmy hat aber noch ein Ass im Ärmel. Und so finden er und Kim erneut zusammen, aber es wird wohl sicher nicht so sein, wie es sich die beiden gewünscht und erhofft hätten. Kim kann für Huell, der mit seiner lässigen Art zu meinem persönlichen Liebling in dieser Folge avanciert, vielleicht noch irgendwie einen guten Deal vor Gericht rausschlagen. Jimmy will indes gleich wieder manipulieren und tricksen (der Polizist hat eine Vorgeschichte mit Alkoholmissbrauch...), aber das ist nicht Kims Art. Sie hat ihre Hausaufgaben gemacht und geht den anständigen Weg. Doch auch dieser endet manchmal in einer Sackgasse...

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Happy Hour oder Mittagsschläfchen?

Und an diesem Punkt macht Kim etwas „Dummes". Zumindest würde ich mich so weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass es keine gute Entscheidung von ihr ist, sich in die Welt von Jimmy hineinziehen zu lassen. Sie weiß, dass Jimmy etwas tun wird, was gefährlich und riskant sein wird. Also hält sie ihn mit einer eigenen Idee auf, mit der sie Huells Fall zu ihren Gunsten entscheiden will. Aber, was es auch ist, das sie vorhat, es entspricht nicht ihrer Art, Dinge anzupacken. Sie verbiegt sich Jimmy zuliebe und ob das so weise ist, darf bezweifelt werden. Ich bin gespannt, in welche Richtung sich dieser Handlungsstrang entwickeln wird, werde aber auch nicht müde zu erwähnen, dass ein katastrophales Ende dieser Beziehung, die eh an einem seidenen Faden hängt, nur noch eine Frage der Zeit ist.

Eine Frage der Zeit ist übrigens das Bauprojekt unter der Lavandería Brillante, das langsamer vorangeht, als es ursprünglich geplant war. Erneut greift man auf eine schöne Montage zurück, dieses Mal musikalisch untermalt von Burl Ives' „Big Rock Candy Mountain." Die deutschen Bauarbeiter unter Leitung von Werner Ziegler (Rainer Bock) widmen sich ihrem Tagwerk und treten zum Dienst an. Aus irgendeinem Grund muss ich bei diesen Aufnahmen ein wenig an die sieben Zwerge denken, die unter Tage gehen, jedoch keine Edelsteine abbauen, sondern ein hochmodernes, unterirdisches Drogenlabor konstruieren. Die Stimmung unter den Beteiligten ist jedoch gereizt - und wer kann es ihnen verübeln? Ein kleiner Arbeitsunfall verlängert die Bauzeit noch einmal, ein Lagerkoller macht sich breit und die unzufriedenen Stimmen werden immer lauter.

Mike ist der letzte, dem man sagen muss, dass er auf einem Pulverfass sitzt - schaut man sich die aktuelle Laune bei den Arbeitskräfte aus Deutschland nur an. Aber was tun? Natürlich könnte man ihnen mal ein wenig Freilauf geben. Aber dann könnte sich einer (wir haben dich ganz genau im Blick, Kai!) verplappern und schon steht das ganze Projekt auf der Kippe. Ein schönes Dilemma, das Mike irgendwie in den Griff bekommen muss. Auf Werner kann er sich verlassen, aber wie schaut es mit den anderen aus? Die Macher säen mal wieder mit viel Weitsicht etwas, das in den nächsten Episoden noch sehr spannende Wurzeln schlagen könnte. Und wenn wir nur weitersehen, wie Jonathan Banks sich an der deutschen Sprache versucht, dann wäre das auch schon okay.

Fast wie neu

Von der Fähigkeit zu sprechen, kann im Fall von Don Hector Salamanca (Mark Margolis) indes keine Rede sein, doch seine gesundheitliche Verfassung hat sich in den letzten Monaten deutlich verbessert. Mittlerweile kann er bestimmte Fragen via Fingerzeichen beantworten, die bekannte Glocke fehlt jedoch noch. Was aber vor allem für Gustavo (Giancarlo Esposito) wichtig ist: Ist Hector noch der alte Hector oder hat er sich nach seinem Anfall total verändert? Ein kleines Video, wie der gelähmte Hector eine Krankenschwester begafft und somit trotz Behinderung weiter seine niederen Triebe auslebt, gibt Gus Gewissheit. Die Hülle ist schwach, doch der Geist ist nach wie vor vorhanden. Hector weiß, wer er ist und was er getan hat. Und mehr möchte Gus auch gar nicht. Dementsprechend kann die gute Dr. Bruckner (Poorna Jagannathan) auch ihre Behandlung von Hector beenden.

Aber er hat doch so tolle Fortschritte gemacht! Das mag sein, für Gustavo reicht jedoch der Zustand, in dem sich Hector aktuell befindet. So kann er ihn noch viel mehr quälen. Hector (übrigens ganz hervorragend verkrampft von Margolis gespielt) muss tatenlos mit ansehen, wie die Welt an ihm vorbeizieht und Gustavo langsam seine Rache auskostet. Wer sich nach der kleinen Nasenbärgeschichte aus der Vorwoche noch unsicher war, ob Gustavo Fring wirklich ein kaltblütiger, herzloser und sadistischer Bastard ist, der bekommt jetzt noch einmal die Bestätigung. Das zufriedene Grinsen auf seinem Gesicht, als er erkennt, dass Hector nach wie vor Hector ist und dessen Schicksal voll und ganz in den Händen von Gus liegt, löst mal wieder Gänsehaut aus. Selbst in dem Wissen, dass Hector ein absolutes Scheusal ist und eines Tages späte Genugtuung bekommen wird, tut er einem fast schon ein bisschen leid. Aber wirklich nur ein bisschen.

Felix Böhme

Der Artikel Better Call Saul: Something Stupid - Review wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht. Felix Böhme hat bereits 1.708 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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