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Better Call Saul: Kritik zur dritten Folge der 4. Staffel der Dramaserie

Better Call Saul: Something Beautiful - Review

Kritik der Episode 4x03

„Better Call Saul“ (c) AMC
„Better Call Saul“ (c) AMC

In der Episode Something Beautiful der US-Serie Better Call Saul wandelt Jimmy auf kriminellen Wegen, wodurch er sich weiter von den Dingen ablenkt, die ihn eigentlich bewegen sollten. Gustavo Fring bastelt derweil unentwegt an seinem eigenen Drogenimperium. Im Dunstkreis dieser beiden Charaktere werden indes spannende Nebenkriegsschauplätze eröffnet.

Die Better Call Saul-Episode Something Beautiful folgt einer durchaus interessanten Struktur. Im Grunde genommen präsentiert man uns zwei sich gegenüberliegende Pole: Auf der einen Seite haben wir Jimmy (Bob Odenkirk), auf der anderen Gustavo Fring (Giancarlo Esposito). Diese beiden Charaktere sind es, deren Entwicklung wir mit besonderer Spannung verfolgen, weil wir aufgrund der Vorkommnisse in der Mutterserie Breaking Bad bereits im Bilde darüber sind, wohin sie ihre Wege schlussendlich führen werden. Zwischen diesen beiden Welten, die sich immer mehr annähern, können wir wiederum viele weitere komplexe Figuren beobachten, die direkt oder indirekt in Verbindung zu Jimmy respektive Gus stehen und deren Leben durch das Handeln und Verhalten dieser beiden Fixpunkte maßgeblich beeinflusst werden.

Es ist spannend und aufregend, Jimmy dabei zuzusehen, wie er allmählich von der Bahn abkommt und seiner aktuell noch eher überschaubaren kriminellen Energie freien Lauf lässt. Ebenso spannend und aufregend ist es, Gustavo Fring dabei zu folgen, wie er seinen perfekt kalkulierten Plan in die Tat umsetzt, um sich letztlich von Don Eladio zu lösen und sein eigenes Geschäft aufzubauen. Doch es sind eben auch die vielen Zwischentöne - sei es eine Kim (Rhea Seehorn), die irgendwie für Jimmy da sein will und gleichzeitig ihre eigenen Träume verwirklichen möchte, oder aber Nacho (Michael Mando), dessen Dasein sich mit dem Ende der letzten Episode grundlegend verändert hat -, die „Better Call Saul“ so reich an unterschiedlichen Dramen gestalten und die Serie auf ihr überdurchschnittliches Niveau hieven.

Charaktere wie Nacho und Kim sind so interessant für uns, weil bei diesen beiden keine Wissenslücken geschlossen werden müssen. Uns ist lediglich bekannt, dass sie im späteren Verlauf dieses Serienuniversums nicht mehr anwesend sind. Was ist passiert? Diese Frage beantworten die Verantwortlichen um Showrunner Peter Gould in aller Ruhe. Wie gewohnt ist der Weg das Ziel. Wir Zuschauer können nur mutmaßen und spekulieren (oder eben bangen und hoffen), was diesen Nebenfiguren widerfahren wird, ob ihre Nähe zu zentralen Säulen der Serie wie Jimmy oder mittlerweile eben auch Gustavo Fring am Ende ihr Untergang sein wird oder ob sie einen Ausweg finden werden, der ihnen weitere Schmerzen erspart.

Aktuell scheint es früh in der vierten Staffel von „Better Call Saul“ so, als würden wir geradewegs auf eine oder gar mehrere Katastrophen zusteuern - ein Umstand, mit dem die Autoren nur zu gerne spielen, um ihr Publikum gekonnt in Ungewissheit zu wiegen. Wie wir sehen, wird Nacho nun von Gustavo in dessen „Obhut" genommen. Zuvor denkt dieser sich aber noch einen smarten Plan aus, um das Kartell von Don Eladio zu destabilisieren und sein persönliches Drogenimperium an den Start zu bringen. Gustavos besonderes Talent liegt nicht darin, seine Gegenüber direkt davon zu überzeugen, etwas zu tun, was ihm persönlich hilft. Er hat die Methode perfektioniert, die Menschen, von denen er etwas will, so zu manipulieren und in die richtige Bahn zu lenken, dass sie ihm einfach anbieten, etwas zu tun, was für ihn von Vorteil ist.

© IMAGO
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Szenenbild aus Better Call Saul - Something Beautiful  © AMC
Szenenbild aus Better Call Saul - Something Beautiful © AMC

Mit dem Teufel im Bunde

Das sehen wir an Juan Bolsa (Javier Grajeda), der aus Angst davor, nicht mehr den Umsatz mit dem Drogengeschäft zu erzielen, den Don Eladio sehen will, Gustavo den Auftrag gibt, auf der US-Seite der mexikanisch-amerikanischen Grenze neue Verdienstmöglichkeiten auszuloten. Und schon öfnnet sich die Tür für Gustavo, sein eigenes Reich zu erschaffen. Wir sehen Gustavos Methodik aber auch hervorragend am Beispiel von Chemiker Gale Boetticher (David Costabile). Das Wiedersehen mit Walter Whites temporären Gehilfen zeigt auf, dass Gale von sich aus Gustavo seine Hilfe bei der Herstellung von qualitativ hochwertigen Drogen angeboten hat. Weil Gustavo Gale offensichtlich unterstützt und mit der richtigen Strategie ein Verhältnis zu diesem aufgebaut hat, so dass sich Gale fast schon verpflichtet fühlt, Gustavo zu helfen. Es scheint so, als sähe Gale es als eine Art Herausforderung für sich als talentierter Chemiker, ein besseres Produkt herzustellen als den „Dreck", den Gustavo angeschleppt hat. Wer glaubt, dass dies alles nicht reines Kalkül von dem reservierten Geschäftsmann ist, sollte diese Naivität schleunigst ablegen.

Wenn man sich im Klaren darüber ist, wie minutiös Gustavo Fring jeden seiner Schritte plant, dann wächst die Sorge um „Spielball" Nacho nur noch umso mehr. Er gerät in Something Beautiful endgültig zwischen die Fronten und muss dabei nicht nur mental, sondern auch physisch unglaublich leiden. Als Marionette von Gustavo wird er mehrfach angeschossen und dient als Mittel, um die Salamancas schwach aussehen zu lassen, was die Position von Gus natürlich stärkt. Nacho bleibt nichts anderes übrig, als diese Tortur über sich ergehen zu lassen. Und selbst, wenn sich nun langsam das Machtverhältnis zugunsten Gustavo Frings verschiebt, heißt das im Umkehrschluss nicht, dass Nacho wieder aufatmen kann. Er befindet sich in der denkbar undankbarsten Situation, die man sich nur vorstellen kann.

Dank der rat- und hilflosen Blicke Michael Mandos, der Nachos furchtbare Lage ausgezeichnet wiedergibt, ist es ein Leichtes für uns, für diesen armen Tropf Mitleid zu empfinden. Auf einem ähnlichen Level bewegt sich Kim, auch wenn diese körperlich weitaus weniger einstecken muss. Doch auch sie hat an ihrer aktuellen Situation zu knabbern, die entscheidend von außerhalb beeinflusst wurde, genauer gesagt durch Jimmy und dessen Unfähigkeit (oder fehlende Bereitschaft, je nachdem), sich mit dem Tod seines Bruders Chuck auseinanderzusetzen. Sich daran zu versuchen, Kim zu lesen und ihr Verhalten zu interpretieren, ist eine wunderbare Herausforderung für die Zuschauer. Sie möchte sich offensichtlich wieder aufrappeln und stürzt sich trotz lädiertem Arm und Gesicht sofort wieder zurück in ihre Arbeit.

Und ihre beruflichen Aussichten scheinen sehr gut zu sein. Ihre Klienten von Mesa Verde Bank and Trust sind nach wie vor extrem zufrieden mit ihr und wollen zusammen mit Kim den nächsten Schritt in der Expansion des Unternehmens wagen. Eigentlich klingt das hervorragend, genau für diese Anerkennung und dieses Vertrauen hat sich Kim den Allerwertesten aufgerissen. Dafür hat sie geschuftet und ihr sicheres Nest bei Hamlin, Hamlin & McGill verlassen. Doch die letzte Zeit ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Als sie fast schon apathisch durch den Vorführraum von Mesa Verde streift und man ihr von all den tollen Zukunftsplänen erzählt, deuten sich Zweifel in ihrem Gesicht an. Oder wird ihr genau in diesem Moment bewusst, dass das alles gerade zu viel für sie ist? Dass sie langsam an diesem Druck kaputtgeht und dass sie ihren fast tödlichen Unfall als Vorwarnung viel ernster nehmen sollte?

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Szenenbild aus Better Call Saul - Something Beautiful  © AMC
Szenenbild aus Better Call Saul - Something Beautiful © AMC

Leicht verdientes Geld

Kim ist ein fantastischer Charakter. Zum einen wünscht man ihr Erfolg auf der ganzen Linie, man feuert sie bei ihrem Bestreben, ihren Weg als unabhängige, selbstbestimmte Anwältin zu gehen, permanent an. Zum anderen sorgt man sich aber auch ungemein um sie, weil das alles, was innerhalb kürzester Zeit auf sie eingeprasselt ist, selbst den stärksten Menschen zerstören kann. Aktuell ist Kim kaum greifbar, es ist schwer, eine Einschätzung abzugeben, was sie will und was nicht. Und genau das ist die Idee der Macher und das Reizvolle an dieser Figur. Kim, wie viele andere Charaktere in dieser Serie, steht wieder einmal am Scheideweg und sucht nach Antworten. Und das ist unfassbar schwierig für sie. Da kann es in einem Moment so sein, dass sie ihrem Arbeitgeber gefasst und selbstbewusst einen Vorschlag unterbreitet, und im nächsten Moment so, dass sie nicht weiß, wohin sie all ihre Gedanken und Gefühle schieben soll, siehe ihre sehr emotionale Reaktion auf den Abschiedsbrief von Chuck an Jimmy.

Während einem in Something Beautiful jemand wie Gus aufgrund seiner Raffinesse Respekt abverlangt oder man sich nicht entscheiden kann, mit wem man mehr mitleiden soll, Nacho oder Kim, ruft Jimmy in mir fast schon eine Art Frustration hervor. Aber nicht, weil sein Handlungsstrang schlecht erzählt ist. Dieser Hauch von Frust entsteht vielmehr, weil Jimmy weiterhin von der unbequemen Realität Reißaus nimmt und seine ganze Energie in eine lächerliche Kleinigkeit investiert (der Diebstahl einer kostbaren Spielfigur), als sich seinen wahren Problemen zu stellen. Momentan sollten Jimmy ganz andere Dinge beschäftigen, zum Beispiel der Verlust von Chuck oder auch seine Beziehung zu Kim, die offensichtlich eine schwere Zeit durchmacht. Doch Jimmy ist wie vernarrt in diesen unbedeutenden Coup, der ihm letztlich ein paar tausend Dollar einbringen wird.

Wenn man sich ansieht, wie viel Kraft und Mühe er in dieses Unterfangen steckt, bekommt man Zweifel daran, ob Jimmy im Moment die richtigen Prioritäten verfolgt. Auf der einen Seite wird sein Abdriften in den kriminellen Sektor verbildlicht, andererseits wird aufgrund dieses Verhaltens auch sehr deutlich, was bei Jimmy verkehrt läuft. Und jeder sieht es, nur nicht er selbst. Mike (Jonathan Banks) hat es finanziell nicht nötig, Jimmy zu helfen, doch man kann seinem skeptischen Blick auch ablesen, dass er erkennt, wie Jimmy sich mit dieser Lappalie vor etwas drückt, das ungleich wichtiger beziehungsweise vorrangiger ist. Wie heißt es noch auf der Kassette von Kleinunternehmer Mr. Neff, der gerade seine eigene Krise zu bewältigen hat? „Importance versus Urgency.“ Was ist gerade wirklich wichtig, mit was muss sich Jimmy dringend beschäftigen?

Er befindet sich momentan im freien Fall und anstatt sich darum zu kümmern, den Fallschirm zu öffnen, schaut er sich nach dem perfekten Platz um, an dem er ungebremst aufschlagen kann. Sinnbildlich für Jimmys aktuelle Wahrnehmung seiner Gegenwart und seiner Probleme ist die Art und Weise, wie er Chucks Brief vorliest und aufnimmt: Fast schon gleichgültig, amüsiert und nebensächlich. Dabei sind es wahrlich warme letzte Worte, die sein älterer Bruder mit ihm teilt. Doch Jimmy lässt nichts an sich heran, er wehrt sich gegen den Verlust, um sich womöglich seine eigenen Schuldgefühle zu ersparen, die er tief in sich trägt. Je länger er jedoch all diese Emotionen aufstaut und sich nicht endlich selbst mit diesen konfrontiert, desto mehr wird sich sein Charakter verformen. Und wo dies enden wird, wissen wir nur allzu gut.

Felix Böhme

Der Artikel Better Call Saul: Something Beautiful - Review wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht. Felix Böhme hat bereits 1.708 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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