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Better Call Saul: Slip - Review

Kritik der Episode 3x08

Am Himmel in New Mexico kann man sich kaum sattsehen.  /  (c) AMC
Am Himmel in New Mexico kann man sich kaum sattsehen. / (c) AMC

Die dritte Staffel von Better Call Saul biegt mit der Episode Slip auf die Zielgerade ein. Jimmy bekommt darin sowohl Bestätigung als auch Widerspruch zu seinem Menschenbild. Andernorts werden eine altbekannte Allianz geschmiedet und ein Anschlag vorbereitet.

Allzu weit ist der Weg nicht mehr, bis sich Jimmy McGill (Bob Odenkirk) in Saul Goodman verwandelt hat. Den Namen nutzt er schließlich schon, um sich als Werbeproduzent über Wasser zu halten, bis er wieder als Anwalt arbeiten darf. Was dabei schon immer an ihm nagt, die Verzweiflung darüber, dass man im Leben weniger weit kommt, wenn man das Richtige tut, wird uns im Cold Open der Episode Slip einmal mehr vorgeführt. Darin plant „Slippin' Jimmy“ mit seinem Kumpel Marco (Mel Rodriguez) den nächsten Mini-Coup.

King Douchenozzle

In der Szene kommt es allerdings nicht darauf an, was die beiden mit den alten Münzen vorhaben, die Jimmy als Kind in der Decke des elterlichen Ladens versteckt hat. Es geht vielmehr um das, was Jimmy über seinen Vater zu sagen hat. Der war so ehrlich, dass er Kunden hinterhergelaufen ist, die aus Versehen mit einer wertvollen Münze bezahlt hatten. Und selbst wenn er diese nicht einfangen konnte, erlaubte er es sich nicht, einen solchen kleinen Glücksfall für sich zu nutzen. Für Jimmy wurde er so zum Verlierer, der viel arbeitete, aber nichts erreichte. Marco hingegen zeigt auf, wie beliebt Mr. McGill in der Nachbarschaft war - für Jimmy kein Argument.

Die letzte Episode hatte Jimmy an seinen vorläufigen Tiefpunkt geführt. Zum Sozialdienst verdammt, blieb kaum noch Zeit, sich um das neue Business zu kümmern. Und dann waren Kunden wie die Inhaber des Musikgeschäfts ABQ In Tune auch noch so kompliziert, dass er seine Dienste umsonst verschenkte, um wenigstens die Hoffnung auf weitere Aufträge aufrechtzuerhalten. Die Quittung bekommt der ehrliche Jimmy nun hier, als das Zwillingsgespann zwar begeistert ist vom Kundenansturm, aber trotz vorheriger Abmachung nicht einsieht, Jimmys Deluxe-Programm zu bezahlen.

Es ist der Tropfen, der Jimmys Fass der Selbstachtung zum Überlaufen bringt. Hernach braucht er nur wenige Sekunden, um sich in sein hinterträchtiges Alter Ego zu verwandeln und den Zwillingen die Aufrechterhaltung des Handschlag-Vertrags abzupressen. Davon angefixt, schlägt er beim Sozialdienst sofort wieder in die gleiche Kerbe. Dem zugegebenermaßen unausstehlichen Aufseher malt er so farbenfroh aus, auf wie vielen unterschiedlichen Wegen er ihn verklagen könnte, dass der am Ende nur noch klein beigeben kann. Für Jimmy lohnt sich dieser Aufwand enorm. Wie es sich auf sein Seelenleben auswirken wird, davon ahnt er noch nichts.

© IMAGO
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Penibel bereitet Nacho (Michael Mando; l.) seinen Mordplan gegen Hector (Mark Margolis) vor.   © AMC
Penibel bereitet Nacho (Michael Mando; l.) seinen Mordplan gegen Hector (Mark Margolis) vor. © AMC

Interessant sind auch die Auswirkungen dieser Wandlung auf Jimmys Beziehung zu Kim (Rhea Seehorn). Selten haben wir die beiden so kühl miteinander umgehen sehen wie in ihrer einzigen gemeinsamen Szene dieser Episode. Jimmy beharrt weiter darauf, für die Hälfte sämtlicher Kosten der Anwaltskanzlei aufzukommen. Kim, die sich gerade auf einem beruflichen Hoch wähnt, will dabei offensichtlich keinen Streit anfangen, zieht aber die Konsequenz daraus, doch weitere Arbeit anzunehmen, obwohl sie mit Mesa Verde eigentlich schon genug zu tun hat.

Yellow bananas, green grapes, orange oranges

Die Serie - in dieser Episode ist es Drehbuchautorin Heather Marion - versteht es weiterhin blendend, ihr Handlungsbögen zuzuschreiben, die mit Jimmy wenig bis gar nichts zu tun haben. In Slip darf sie sich mit Howard (Patrick Fabian) anlegen, dem sie beim Lunch zufällig über den Weg läuft, und der es nicht lassen kann, ihr vor ihren Kunden einen dummen Spruch zu drücken. Mit all ihrer Chuzpe feuert sie kurz darauf zurück - mit einem Scheck über genau den Betrag, den ihr Howard einst für die Unigebühren gegeben hatte, ohne davon auszugehen, das Geld je zurückzubekommen.

Er nimmt die Rückzahlung nicht an, sondern verlegt sich lieber darauf, ihr Vorwürfe für die Demontage seines Geschäftspartners Chuck (Michael McKean) zu machen. Aber auch hier hat Kim die passende Antwort, schließlich stimmt es, dass Howard die (eingebildete) Krankheit seines Kollegen vor den Klienten stets verleugnete, weil das besser für's Geschäft war. Eine späte Quittung erhalten sowohl er als auch Chuck nun in Form der Racheaktion von Jimmy aus der letzten Episode. Chucks Versicherungsprämie wird deswegen in die Höhe schnellen.

Nun stellt sich die Frage, inwiefern Chucks Genesungsprozess unter diesem Rückschlag leiden wird. Es ist bemerkenswert, wie gegenläufig die Entwicklungen der Gebrüder McGill seit dem Totalausfall in Chicanery sind. Obwohl Jimmy darin einen deutlichen Sieg davontragen konnte, läuft er seitdem mit saurer Miene durch die Welt. Chuck hingegen ist es mithilfe seiner Ärztin Dr. Cruz (Clea DuVall) gelungen, einen Weg zurück ins Leben zu finden. So unausstehlich er bisweilen auch sein konnte, so sehr wünscht man ihm doch, diese psychische Erkrankung zu überstehen.

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Gus (Giancarlo Esposito) in Erwartung eines Geschäftsvorschlags   © AMC
Gus (Giancarlo Esposito) in Erwartung eines Geschäftsvorschlags © AMC

In den Handlungsbögen der Gebrüder McGill lässt sich nur schwer erahnen, wo sie am Ende der dritten Staffel stehen werden. Ein deutlicherer Höhepunkt kristallisiert sich derweil im Erzählstrang um den innerorganisatorischen Konflikt bei den Salamancas heraus. In bester Breaking Bad-Manier zeigt uns Regisseur Adam Bernstein die einzelnen, mühsamen Schritte des Mordplans, den Nacho (Michael Mando) ausgeheckt hat, um seinen Boss Hector Salamanca (Mark Margolis) daran zu hindern, das Geschäft seines Vaters zu korrumpieren.

People suck

Es gibt wenige bis gar keine Serien, die ein solch feines Gespür für den Prozess haben. In den meisten anderen Formaten würde viel weniger Zeit darauf verwendet, Nacho bei der Produktion und beim Austauschen von Hectors Medikamenten zu zeigen. Und obwohl in diesen Szenen nicht viel passiert, sind sie unglaublich spannend. Bemerkenswert ist auch, unter welch großer Anspannung Nacho währenddessen steht. Abgerundet wird diese wortlose Charakterzeichnung durch den kurzen Austausch mit seinem Vater, der so stolz auf seinen Sohn ist, weil er glaubt, dieser zeige plötzlich gesondertes Interesse am Familiengeschäft.

Würde man kurz vergessen, dass Nacho ein kaltblütiger Mörder ist, könnte man glatt Mitleid mit ihm bekommen. Nicht in gleichem Maße, aber ähnlich ambivalent verhält es sich mit Mike (Jonathan Banks), der in dieser Episode aus Gründen seines schlechten Gewissens die Wüste nach der Stelle absucht, wo die Leiche des Opfers aus seinem Überfall auf den Salamanca-Drogentransport vergraben wurde. Die dabei gemachte Beute will er nun an Gus Fring (Giancarlo Esposito) übergeben, damit der sie wäscht. Dafür bietet er dem Hähnchenkönig eine stattliche Entlohnung an. Der jedoch will kein Geld, sondern die Dienste dieses findigen Pensionärs.

Wo dieser Weg für die beiden endet, wissen alle Kenner der Mutterserie. Zu diesem späten Zeitpunkt der dritten Staffel, an dem die Verlängerung noch aussteht, lässt sich überdies festhalten, dass sich das Spin-off längst nicht mehr hinter dem „Original“ verstecken muss. Vince Gilligan, Peter Gould und Konsorten ist es gelungen, aus einer Figurenkonstellation, die anfangs wenig Weltbewegendes versprach, eine Serie zu machen, die sowohl die dramatischen Tiefen wie auch die komödiantischen Höhen des Vorgängers erreicht. Zwar nicht ganz so oft, aber fast.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Slip - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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