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Better Call Saul: RICO - Review

Review zu Episode 1x8

Michael McKean und Bob Odenkirk als die Gebrüder McGill, Chuck und Jimmy.  /  (c) AMC
Michael McKean und Bob Odenkirk als die Gebrüder McGill, Chuck und Jimmy. / (c) AMC

In der Episode RICO steht Jimmys Tätigkeit als Rechtsvertreter mehr denn je im Vordergrund, gleichzeitig gelingt es den Serienmachern aber auch, ihrer Hauptfigur eine charakterliche Tiefe zu geben, die wir bis dato so noch nicht zu sehen bekommen haben.

Die nach wie vor spannendste Frage an dem Breaking Bad-Spin-off Better Call Saul ist zweifellos, wie aus dem einfachen Jimmy McGill (Bob Odenkirk) letztendlich der aalglatte Saul Goodman geworden ist. Auch wenn wir bis zu diesem Zeitpunkt schon gewisse Charakterzüge in Jimmy haben feststellen können, die deutlich auf sein späteres Alias Saul Goodman hinweisen (sei es die Spitzfindigkeit Jimmys oder dessen spezifische Eloquenz) - die Lücke, wie die Entwicklung dieser Figur vonstatten ging, muss von den Autoren hinter dem AMC-Drama erst noch gefüllt werden.

Die Episode RICO trägt nicht unbedingt zu Beantwortung der Frage bei, wie aus Jimmy Saul wurde. Dennoch stellt sie eine bedeutendes Kapitel für diesen Charakter dar. Uns wird eindrucksvoll vor Augen geführt, was die Figur James McGill wirklich auszeichnet: Selbstachtung, Durchhaltevermögen und ein fast unbändiger Wille, die sich gesteckten Ziele in die Tat umzusetzen. Dadurch drängt sich stärker denn je die Frage auf, was vorgefallen sein muss, um Jimmy von seinem Pfad als Kämpfer für die Gerechtigkeit abzubringen.

Making it easy

Wenn uns das Schlussbild der letzten Episode (Bingo) eines gelehrt hat, dann dass unser Hauptcharakter in einer Sackgasse feststeckt. Das Geschäft mit älteren Herrschaften, für die Jimmy Erbpapiere aufsetzt, mag vielleicht nicht schlecht laufen, doch seine Traumberufung stellt diese Arbeit mitnichten dar. Aus dem großen neuen Büro ist nichts geworden und Kim (Rhea Seehorn) hat eine mögliche Partnerschaft mit Jimmy ausgeschlagen, um bei Hamlin, Hamlin & McGill weiter Karriere zu machen. Gerade zu Beginn von „RICO“ sehen wir unsere Hauptfigur oft nachdenklich und ein wenig ziellos, wenn nicht sogar stark ernüchtert.

Dabei zeigt ein weiterer Rückblick in die Vergangenheit von Jimmy, dass er vor längerer Zeit durchaus hoffnungsvoll war und vor allem zu seinem Bruder Chuck (Michael McKean) aufsah, derjenige, der sein Leben wieder in die richtigen Bahnen gelenkt hatte und Jimmy eine allerletzte Chance gab. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass das ehemalige Eckbüro von Chuck bei Hamlin, Hamlin & McGill an Jimmys zukünftigen Arbeitsplatz in dem Großraumbüro erinnert, das er sich letztendlich doch nicht leisten konnte. Jimmy hat immer zu seinem großen Bruder aufgeblickt, der ihm einen Ausweg aus seinen Leben als Kleinkrimineller bot.

Passing the bar

Umso härter muss es für ihn gewesen sein, dass er nicht in die Fußstapfen von Chuck treten dürfte, nachdem er erfolgreich seinen Abschluss als Anwalt in der Tasche hatte. Jimmy war bereit, sich zu ändern, arbeitete als interner Postbote in der Firma seines Bruders, belegte ein Fernstudium und schob zahlreiche Extraschichten, um die schwierigen Prüfungen zu meistern. Er nahm die ihm gegebene Chance war, nur um letztendlich gesagt zu bekommen, dass er keine Chance als vollwertiger Anwalt bei Hamlin, Hamling & McGill bekommen würde. Diese Erfahrung hat Jimmy geprägt. Und die tragische Geschichte scheint sich zu wiederholen, denn Jimmy hat erneut aufopferungsvoll alles gegeben, nur um jetzt an einem Punkt in seinem Leben zu stehen, an dem es nicht wirklich für ihn weitergeht.

Painting the fence

Gewohnt subtil werden wir in das emotionale Befinden unserer Hauptfigur eingeführt, und so erschließt sich uns eine neue Komplexität des Charakters, die ihn in der Tat zu dem tragischen Helden macht, den manch einer bereits in ihm sieht. Das Fantastische an Jimmys Charakter ist jedoch, dass er trotz aller Widerstände am Ball bleibt. Und so findet er schnell einen neuen Antrieb, der große Motivation in ihm weckt - ob diese nun reine monetäre Gründe hat oder doch eher intrinsischer Natur ist, sei erst einmal dahingestellt. Entscheidend ist, dass dank der Beharrlichkeit und unnachahmlichen Ausdauer Jimmys Rico eine sehr spannende und unterhaltsame Dynamik entwickelt, die den Zuschauer mit Jimmy mitfiebern lässt.

Jimmy stößt nämlich endlich auf den großen Fall, den er so bitter nötig hat, finanziell als auch für sein eigenes Selbstbewusstsein. Recht zufällig findet er heraus, dass die Bewohner eines Altenheims von der Einrichtung schamlos abgezockt werden. Mit Hilfe von Chuck, den Jimmy geschickt wieder aufgepäppelt hat, kommt er der dreisten Masche der Pflegedienstinstitution Sandpiper Crossing schnell auf die Schliche. Die leitet jedoch sofort Gegenmaßnahmen ein, um die Schuld von sich zu weisen.

Shoveling in the blizzard

Sobald Jimmy aber ein festes Ziel vor Augen hat, kann er extrem effizient sein und zur absoluten Hochform auflaufen. Seine offizielle Anklageschrift an das Unternehmen - auf Klopapier gekritzelt - zeigt, wie ernst es Jimmy meint, ebenso wie die nächtliche Slapstick-Einlage in den Abfallresten des Altenheims, wo der Anwalt nach zerschredderten Unterlagen sucht, die als Beweisgrundlage extrem wertvoll sind. Dass er letztendlich umsonst im falschen Container gefischt hat und sich in gewisser Weise selbst erniedrigt hat, mindert trotz einem kleinen Frustmoment seinen erstaunlichen Tatendrang nicht im Geringsten.

Working the case

So ist es auch ein leichtes, als Zuschauer mit Jimmy zu sympathisieren: Er ist ein klassischer Underdog, der von niemandem wirklich ernstgenommen wird, insbesondere nicht vom Rechtsvertreter des Altenheimes, der keine großen Sorgen wegen Jimmys Vorwürfe hat. Jimmy steckt jedoch nicht zurück, und in einer musikalisch wunderbar unterlegten Szene (zu hören ist der Song „Coffee Cold“ von Galt MacDermot) führt er die wortwörtliche „Drecksarbeit“ fort, indem er die zerkleinerten Dokumente von Sandpiper Crossing mühevoll versucht wieder zusammenzuheften. Diese Unerschöpflichkeit hat zwar bald ein Ende, da auch er den ganzen Strapazen irgendwann seinen Tribut zollen muss. Doch sie springt auch auf uns als Beobachter des modernen Sisyphos Jimmy McGill über. Und vor allem auch auf Chuck, dessen Lebensgeister aufgrund Jimmys energischer Einstellung geweckt werden und ihn am Ende der Episode gar vor seine Haustür führt, was weder er noch sein Bruder wirklich glauben können.

Dass Chuck nicht nur die von Jimmy angefangene Arbeit zu Ende führt, sondern mit seinem jüngeren Bruder gemeinsam diesen Fall bearbeiten will, könnte für Jimmy kein größeres Zeichen für die Anerkennung und den Stolz seines Bruders sein. Überdies ist natürlich auch hochinteressant, dass mit fortschreitender Laufzeit immer weniger der Eindruck ensteht, Jimmy würde bei dem Fall nur an seinen eigenen Nutzen denken. Wo ein Saul Goodman in Breaking Bad mit seinen Gedanken auch immer bei seiner eigenen Geldbörse war, präsentiert sich Jimmy hier eher uneigennützig. Natürlich wird auch er seinen möglichen Verdienst im Kopf haben, doch es ist deutlich erkennbar, dass Jimmy voll und ganz hinter seinen Mandanten steht.

Rattling the cage

Dies mag mitunter daran liegen, dass er selbst zu der Kategorie „kleiner Mann“ gehört und liebend gerne als dessen Sprachrohr fungiert. Insbesondere mit Hinblick auf das zwielichtige Unternehmen, das sich in Sicherheit wiegt und die Bereicherung auf Kosten ahnungsloser Senioren herunterspielt. Anwälte wie die drei Herrschaften, die Jimmy und Chuck empfangen, sind es, die Jimmy immer gesagt haben, dass es bei ihm wohl nicht zu Anwalt reichen wird - so zum Beispiel auch Hamlin (Patrick Fabian), der Jimmys Traum von einer Anstellung in der Firma seines Bruders bereits früh zerplatzen ließ.

Nun kann Jimmy zum Gegenschlag ausholen und liest seinen Gegenüber in bekannter Manier die Leviten, während Bruder Chuck durchaus seine Probleme hat, zum Alltag seines Anwaltsdaseins zurückzukehren. Die Vertreter von Sandpiper Crossing um Firmenanwalt Rick Schweikart (Dennis Boutsikaris) wollen Jimmy und Chuck mit einer beträchtlichen Summe abspeisen. Doch hier ist weitaus mehr zu holen, auch wenn Chuck letztendlich ein wenig über das Ziel hinausschießt. Die Möglichkeit, den großen Schwindel von Sandpiper Crossing in einen RICO-Fall zu verwandeln, da hier über die Bundesgrenzen New Mexicos Handel betrieben wurde, der in dieser Form nach amerikanischen Strafrecht illegal ist, ist der entscheidende Trumpf, der nun noch geschickt ausgespielt werden muss.

Der vorliegende Fall mit Millionen-Potenzial könnte Jimmy den Aufschwung geben, den er braucht, um aus seinem teilweise sehr deprimierenden Trott ausbrechen zu können. Den Fall der Kettlemans hat Kim nun unter Dach und Fach gebracht. Jimmy griff ihr dabei zwar ordentlich unter die Arme, er selbst ging jedoch abermals leer aus. Jetzt hat Jimmy seinen eigenen Fall gefunden, der ihn nicht nur die Aufmerksamkeit geben könnte, die er sich wünscht, sondern mit dem er sich auch identifizieren und besten Gewissens in die Gerichtsverhandlungen stürzen kann.

Playing sculptor

So „Jimmy-zentrisch“ „RICO“ auch ist, es bleibt auch ein wenig Zeit für eine Nebenhandlung. Aber selbst wenn Mike (Jonathan Banks) hier nur wenige Minuten Spielzeit eingeräumt werden - es ist erstaunlich, wie hervorragend mit nur wenig Aufwand für die folgenden Episoden Spannung aufgebaut werden kann. Dies liegt mitunter auch an unserem Vorwissen aus der Mutterserie Breaking Bad, die gezeigt hat, welchen Tätigkeiten Mike in naher Zukunft noch nachgehen wird.

Hier wird vielversprechend angedeutet, wie der ehemalige Gesetzeshüter in die Unterwelt von Albuquerque eingeführt wurde. Da seine Schwiegertochter Geldsorgen hat und Mikes Enkelin sein ein und alles ist, sucht er den Tierarzt auf, der ihn in Five-O noch notdürftig zusammengeflickt hatte. Dieser machte Mike schon damals deutlich, dass er einem Typen von seinem Schlag problemlos „Arbeit“ verschaffen könnte, die sich auszahlt. So könnten wir Mike schon bald auf der dunklen Seite des Gesetzes wandeln sehen, damit er seine Familie unterstützen kann. Und wer weiß, vielleicht steht uns in absehbarer Zeit der Auftritt eines alten Bekannten bevor, der noch vor Walter White das Drogengeschäft Albuquerques unter seiner Kontrolle hatte...

Fazit

RICO folgt für die meiste Zeit seiner Hauptfigur, was ein paar neue Seiten Jimmy McGills offenbart, die den Charakter aufwerten und uns als Zuschauern nur noch mehr Empathie für ihn empfinden lassen. Wer es bis jetzt bezweifelt hat, der bekommt nun den eindeutigen Nachweis: Jimmys ist ein sehr fähiger Anwalt, der über sich hinauswachsen und Herausforderungen meistern kann, die viele ihm oft nicht zutrauen. Jimmys energisches Bestreben, es allen und vielleicht sich selbst zu beweisen, stellt hier die treibende Kraft der Episode dar, die dank starker Figurenzeichnung, einer wie immer hervorragenden Inszenierung und cleveren Foreshadowing nicht viel zu wünschen übrig lässt. Weiter so.

Felix Böhme

Der Artikel Better Call Saul: RICO - Review wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht. Felix Böhme hat bereits 1.708 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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