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Better Call Saul: Fall - Review

Kritik der Episode 3x09

Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) wartet auf eine Audienz bei Madrigal-Lydia.  /  (c) AMC
Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) wartet auf eine Audienz bei Madrigal-Lydia. / (c) AMC

In der Better Call Saul-Episode Fall sinkt Jimmy auf ein neues moralisches Tief. Selbst vor Seniorinnen macht er nun keinen Halt mehr, um seine finanziellen Probleme zu lösen. Auch anderswo geht es hoch her, was mit einem heftigen Streit und einem Autounfall endet.

Fühlt man sich von allen verlassen und von seinen Problemen in eine Ecke gedrängt, kommt es leicht vor, dass man verheerende Entscheidungen trifft. Gut abzulesen ist das an der Entwicklung von Jimmy McGill (Bob Odenkirk) zu Saul Goodman, die in Better Call Saul nun doch schneller vorangeht, als man das zu Beginn des Breaking Bad-Spin-offs hätte erwarten können. Doch die Episode Fall rückt den ehemals zwar linkischen, aber doch dem Guten nacheifernden Anwalt sehr nahe an den Gauner, zu dem er bald werden wird.

There's more to life than this

Die Schulden beim örtlichen Fernsehsender hat „Slippin' Jimmy“ mit seinem Stunt in der letzten Episode abgetragen, jedoch braucht er nun ein stetiges Einkommen, um seine laufenden Kosten zu decken. Die andere Option wäre, über den eigenen stolzen Schatten zu springen und Kim (Rhea Seehorn) zu beichten, dass er sich die Hälfte der Büromiete und aller anderen Ausgaben nicht leisten kann. Aber das kommt für Jimmy nicht infrage. Lieber opfert er einen weiteren, beträchtlichen Teil seines moralischen Gewissens, um eine andere potentielle Geldquelle anzuzapfen.

Diese entspringt in einer Filiale der Altersheimkette Sandpiper. In der zweiten Staffel hatte sich Jimmy dafür entschieden, die Kanzlei Davis & Main zu verlassen, um zusammen mit Kim eine eigene zu eröffnen. Für Clifford Davis (Ed Begley Jr.) und auch für Howard Hamlin (Patrick Fabian), die miteinander kooperieren, war das ein harter, unerwarteter Schlag. Entsprechend schlecht sind sie auf Jimmy zu sprechen. Die unbedarften Seniorinnen, denen Jimmy einst zum Versprechen einer millionenschweren Entschädigung verholfen hatte, sind ihm aber noch wohlgesonnen.

Das nutzt er jetzt schamlos aus. Entscheidend daran ist der Zeitpunkt. Würde er noch als Anwalt praktizieren, hätte er es aus finanzieller Hinsicht gar nicht nötig, diesen Stunt zu absolvieren. Und auch eine größere Nähe zu Kim oder seinem Bruder Chuck (Michael McKean) hätte wohl verhindert, dass er so tief fällt. Da aber beides derzeit Mangelware ist, hat Jimmy nur sich selbst als moralischen Kompass. Dass das nicht lange gutgehen kann, ist offensichtlich. Darunter zu leiden hat vor allem die arme Irene (Jean Effron), deren Wohlergehen Jimmy knallhart seinem eigenen Fortkommen unterstellt.

© IMAGO
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Mit dem neuen Auftrag könnte sich Kim (Rhea Seehorn) übernommen haben.   © AMC
Mit dem neuen Auftrag könnte sich Kim (Rhea Seehorn) übernommen haben. © AMC

Wie er die Aktion orchestriert, ist hingegen schon wieder sehenswert, wenn auch die Verachtung dafür überwiegt. Weil Irene als entscheidungsfähige Obfrau nicht auf seine Idee anspringt, sich früher eine kleinere Schlichtungssumme auszahlen zu lassen, die Jimmy einen millionenschweren payday einbringen würde, wiegelt er ihre Freundinnen aus dem Seniorenheim gegen sie auf. Er schenkt ihr neue, besonders komfortable Turnschuhe, um den Neid ihrer Mit-Mall-Walkerinnen anzuspornen. Dann holt er zum finalen Schlag aus - dem Bingogewinn bei ausbleibendem Applaus.

Transparent and pathetic

Es ist bemerkenswert, welch große Emotionen Drehbuchautor Gordon Smith und Regisseur Minkie Spiro aus Figuren herausholen, die die meisten Zuschauer längst vergessen haben dürften. Neben dem gebrochenen Herzen der alten Dame spielt dabei vor allem Jimmys rapide eskalierender Abstieg eine wichtige Rolle. Er trägt die Fähigkeit zum moralischen Bankrott eindeutig in sich, konnte bislang aber stets von äußeren Kräften am völligen Ausverkauf gehindert werden. Nun hat seine dunkle Seite freie Bahn, was eigentlich nicht sonderlich überraschen dürfte, aber trotzdem Wehmut über den Verlust des alten, fröhlichen Jimmy hervorruft.

Angefangen hat dieser steile Niedergang mit dem endgültigen Bruch mit Chuck, der sich nun vollends als Pyrrhussieg herausstellt. Die McGill'sche Familienfehde hinterlässt auch Spuren beim älteren Bruder. Er und Howard bekommen von ihrer Versicherung die schlechte Nachricht, dass die Prämien aufgrund Jimmys Dazwischenfunken - das unerwähnt bleibt - signifikant steigen werden. Mit neuem Lebens- und Kampfesmut ausgestattet, prescht Chuck vor und fletscht angriffslustig die Zähne. Howard pfeift ihn jedoch zurück und macht ihm den wenig schmeichelhaften Vorschlag, sich doch aufs Altenteil zurückzuziehen.

Das kann Chuck, der seinen Bruder in Sachen Stolz und verletztem Ehrgefühl vielleicht sogar noch übertrifft, natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Also unternimmt er gleich den nächsten impulsiven Schachzug, der ihn weiter isolieren könnte. Er fordert von Howard die Auszahlung seiner Partnerschaft, wohl wissend, dass der sich das nicht leisten kann. Um dabei noch einmal zu betonen, dass er sich auf dem Wege der Besserung befindet, täuscht er gar vor, elektrische Geräte wie einen Handmixer problemlos bedienen zu können. Jedoch stellt sich bald heraus, dass dem längst nicht so ist.

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Nacho (Michael Mando) durchlebt schwere Stunden.   © AMC
Nacho (Michael Mando) durchlebt schwere Stunden. © AMC

Es wird einsam um die Gebrüder McGill. Während Chuck seinen Geschäftspartner - und vielleicht das Nächste, was er an einem Freund hat - verliert, geht es Jimmy mit Kim ähnlich, wenn auch weniger drastisch. Aus bisher nicht näher erläuterten Gründen stürzt sie sich in ihren neuen Auftrag für den von Mesa-Verde-Kevin (Rex Linn) weitergeschickten Ölbohrer Billy Gatwood (Chris Mulkey). Der ist ähnlich begeistert wie ihre bislang einzigen Klienten, ahnt aber nicht, dass sich Kim eindeutig zu viel Arbeit aufgehalst hat. Das Resultat ist ein visuell sehr ansprechend umgesetzter Autounfall.

Stop and smell the roses

Kim überlebt verletzt, dürfte diesen Schockmoment aber künftig nutzen, um über ihre Work-Life-Balance zu sinnieren. Dabei könnte es natürlich sein, dass sie auch ihre Beziehung zu Jimmy überdenkt. Außerdem könnte der Unfall berufliche Konsequenzen nach sich ziehen. Das Gatwood-Projekt muss eigentlich zügig abgeschlossen werden, schon zu ihrem ersten Termin wird sie nicht erscheinen. Dafür gibt es einen guten Grund, ja, aber es scheint nicht ausgeschlossen, dass Gatwoods anfängliche Zufriedenheit sinkt - was wiederum sicherlich zu Kevin von Mesa Verde vordringen würde.

Wenngleich in Better Call Saul gerade keine Leichenberge angehäuft werden wie in der Mutterserie, so spielt sich das Drama doch auf einem ähnlich hohen Niveau ab. Ein weiteres gutes Beispiel dafür ist Nacho (Michael Mando), dessen Vergiftungsplan gegen Hector (Mark Margolis) beim ersten Versuch scheitert. Er beschließt deshalb, seinen Vater (Juan Carlos Cantu) in seine kriminellen Tätigkeiten einzuweihen, um ihn vor den möglicherweise fatalen Folgen zu schützen, sollte der sich weigern, sein Geschäft zum Zwecke des Drogenschmuggels bereitzustellen.

Der nächtliche Austausch zwischen Vater und Sohn kommt mit wenigen Worten aus, ist aber dank des Schauspiels der beiden Darsteller trotzdem äußerst kraftvoll. Minimal leichter geht es bei der ersten Begegnung zwischen Mike (Jonathan Banks) und Lydia Rodarte-Quayle (Laura Fraser) zu. Sie offenbart keine großen Vorbehalte gegen den Wunsch von Gus (Giancarlo Esposito), Mikes Geld durch eine Anstellung bei Madrigal waschen zu lassen. Viel eher drückt sie ihre Hochachtung für den Gangsterboss aus, von dem Mike langsam, aber sicher ein besseres Bild bekommt.

Es scheint unmöglich, dass die Serie in nur noch einer Episode zu Ende ist. Auf die Verlängerungsnachricht warten wir trotzdem weiter. Mindestens eine Staffel müsste aber eigentlich noch auf die endgültige Verwandlung von Jimmy zu Saul verwendet werden. Bereit für einen Abschied bin ich längst noch nicht.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Fall - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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