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Better Call Saul: Rebecca - Review

Kritik der Episode 2x05

Kim (Rhea Seehorn) bei einer frühmorgendlichen Audienz bei Chuck (Michael McKean).  /  (c) AMC
Kim (Rhea Seehorn) bei einer frühmorgendlichen Audienz bei Chuck (Michael McKean). / (c) AMC

Die Better Call Saul-Episode Rebecca richtet ihren Fokus auf Kim Wexler, ergründet aber auch die Vergangenheit von Jimmys Bruder Chuck und geht der Frage nach, wie das Verhältnis der beiden so werden konnte, wie es jetzt ist. Am Ende kommt es zu einem überraschenden Gastauftritt.

Menschliche Beziehungen sind chaotische Durcheinander - zwischen Geschwistern noch mehr als zwischen Freunden, Kollegen und Bekannten. Derzeit arbeitet das keine Serie so geduldig heraus wie Better Call Saul. Die Episode Rebecca ist dafür ein gutes Beispiel, obwohl sie nicht mal nur von der Beziehung zwischen den Brüdern Jimmy (Bob Odenkirk) und Chuck McGill (Michael McKean) handelt. Im Mittelpunkt steht viel eher Kim Wexler (Rhea Seehorn), die ihrerseits mehr als nur ein Lied über die Unzuverlässigkeit des späteren Saul Goodman singen kann.

The personification of good

Bevor wir jedoch in ihre Geschichte eintauchen, bekommen wir eine Rückblende in die Zeit, als Chuck noch ein ganz normales Leben führte - ohne Elektrosensibilität, dafür aber mit Ehefrau. Er warnt Rebecca (Ann Cusack) vor seinem Bruder, den er nach dessen Übersiedlung von Chicago nach Albuquerque zum Dinner eingeladen hat. Jimmy erweist sich zunächst - wie von Chuck angekündigt - nicht gerade als idealer Gast. Seine Geschichten aus dem Briefezentrum von HHM, wo ihm sein Bruder einen Job verschafft hat, entsprechen nicht der Dinnerunterhaltung, die die beiden Gastgeber gewohnt sind.

Auch der Information, dass Rebecca Violinistin ist und der weltberühmte Cellist Yo-Yo Ma Gast auf ihrer Hochzeit war, begegnet er nicht mit der erwarteten Hochachtung: „Right on, man.“ Es sieht danach aus, als würde der Abend früh enden, dann fängt Jimmy an, einen Anwaltswitz nach dem anderen zu erzählen, was Rebecca köstlich amüsiert, Chuck aber überhaupt nicht. Später liegen die beiden zusammen im Bett, und Chuck traut sich endlich, selbst einen Witz zu erzählen. Weil er das aber nicht so gut kann wie sein jüngerer Bruder, verpufft die Pointe wirkungslos. Auf einmal ist er, der es im Leben zu so viel mehr gebracht hat, ganz klein - und sogar eifersüchtig.

Die Szene erhellt Chucks niederträchtiges Verhalten gegenüber Jimmy am Ende der ersten Staffel, wird aber von den nachfolgenden Ereignissen auch wieder konterkariert. Zunächst bekommt Jimmy aber Recycling- und Juranachhilfe von seiner vermeintlich unerfahreneren Kollegin Erin (Jessie Ennis). Sie ist das genaue Gegenteil von ihm - ehrerbietig vor dem Gesetz, fleißig, nie nach einer Abkürzung schielend. Für ihre Einlassungen hat Jimmy aber keine Zeit, weil er unbedingt gut machen will, was er Kim angetan hat. Also lässt er Erin einfach stehen - ganz so, wie es Chuck und andere von ihm gewohnt sind.

© IMAGO
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Erin (Jessie Ennis) kann die Methoden von Jimmy (Bob Odenkirk) nicht gutheißen.   © AMC
Erin (Jessie Ennis) kann die Methoden von Jimmy (Bob Odenkirk) nicht gutheißen. © AMC

Jimmy findet Kim im Keller von HHM, wo sie zur Dokumentenüberprüfung abgestellt wurde. Als ersten Vorschlag unterbreitet er eine Klage gegen ihren Arbeitgeber, was von ihr schnell verworfen wird. Dann will er sich selbst opfern und bei Davis & Main kündigen, wofür sie ebenfalls eindeutige Worte findet: „You don't save me. I save me.“ Hier wird der zentrale Unterschied in der Arbeitsauffassung dieser beiden Figuren aufgezeigt: Während Jimmy stets nach einer nicht ganz sauberen, aber mit weniger Aufwand verbundenen Methode sucht, will Kim ihre Karriere auf klassischem Wege beschreiten - mit viel harter Arbeit.

No time like the present

So versucht sie denn auch, sich das Wohlwollen ihrer Chefs zurückzuholen, indem sie unermüdlich ihre Kontakte abtelefoniert, um einen eindrucksvollen Auftrag an Land zu ziehen. Es gelingt ihr nicht beim ersten Versuch, auch nicht beim zweiten, dritten oder fünften. Regisseur John Shiban verwendet viel Zeit - eine längere Szene und eine Montage - darauf, was sich am Ende lohnt, können wir uns doch umso mehr für Kim freuen, je länger wir ihrer Leidenszeit beigewohnt haben. Ihre Jubelschreie im Parkhaus kommen jedoch eindeutig zu früh.

Noch wirkungsvoller ist der emotionale pay-off nämlich später, als Howard sie für die erfolgreiche Akquise nicht mit dem erwarteten Straferlass belohnt, sondern weiter im Keller brodeln lässt. Er feiert den lukrativen Auftrag anschließend mit Chuck, wobei herauskommt, dass Jimmy falsch gelegen hat. Nicht sein Bruder ist dafür verantwortlich, dass Kim neben den Praktikanten versauert, sondern Howard. Was dessen Motivation dafür ist, bleibt indes ein Geheimnis. Vielmehr zeichnet die Szene ein nuancierteres Bild von Chuck - ein Eindruck, der im Folgenden bestätigt wird.

Weil Chuck ein neues Arbeitsmodell testet und Kim regelmäßig bis nach Mitternacht malocht, treffen sie bei HHM eines Nachts aufeinander (wobei ich das vorfahrende Auto, die gelöschten Lichter und den Sicherheitsangestellten zunächst für einen inside job hielt). Kim reagiert distanziert auf Chuck, was allzu verständlich ist, glaubt sie doch, er sei für ihre Degradierung verantwortlich. Einen gemeinsamen Kaffee auszuschlagen, traut sie sich dann aber nicht, weshalb sie eine neue Seite ihres Chefs kennenlernt. Seehorn und McKean spielen die Szene grandios.

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Am Ende liefert Mark Margolis (r.) einen überraschenden Gastauftritt als Tio Salamanca aus %26bdquo;Breaking Bad%26ldquo;.   © AMC
Am Ende liefert Mark Margolis (r.) einen überraschenden Gastauftritt als Tio Salamanca aus %26bdquo;Breaking Bad%26ldquo;. © AMC

Chuck erzählt eine Geschichte von Jimmy und seinem Vater. Schon damals habe der kleine Bruder krumme Dinger gedreht - und das sogar zu Lasten der Familienkasse. Mit dem konfrontiert, was Chuck herausfand, wollte der Vater nichts von den Anschuldigungen wissen. Es sei für ihn schlicht unvorstellbar gewesen, dass sich Jimmy an seinen Einnahmen aus dem Kiosk bedient haben könnte. Chuck sucht dafür eine Erklärung, die erkennen lässt, dass er seinem Bruder eigentlich nichts Schlechtes will: „My brother is not a bad person. He has a good heart. It's just... He can't help himself, and everyone's left picking up the pieces.

Does this go in my official Stasi report?

Verwandtschaftsbeziehungen sind kompliziert. Man kann ihnen nicht entfliehen - ganz so, wie Jimmy laut der Meinung von Chuck seinen Instinkten nicht entfliehen kann. In dieser Episode wird das abermals deutlich. Die Empfangsdame im Gerichtsgebäude will er mit einem Kuscheltier bestechen, was von „pixie ninja“ Erin unterbunden wird. Die Begeisterung eines Kollegen über seinen neuen Job bei Davis & Main kann er überhaupt nicht teilen. Als der endlich die Toilette verlassen hat, steht Jimmy nur mit betretener Miene im Türrahmen, weil er weiß, dass es ihm bei seinem Arbeitgeber nie so sehr gefallen wird wie bei einem guten Trickbetrug.

Noch mehr als in der ersten Staffel ist Better Call Saul gerade eine zweigeteilte Geschichte. Auf der einen Seite durchlebt Jimmy weiter seine Transformation zu Saul Goodman, was eher einer Dramedy gleicht denn einem echten Drama. Für letzteren Part ist derzeit Mike (Jonathan Banks) verantwortlich, der in der Episode kaum vorkommt, in diesen wenigen Szenen aber echtes Dynamit zündet. Zunächst erkundigt er sich bei seiner Schwiegertochter Stacey (Kerry Condon), ob ihr die Übergangsbleibe gefalle, was ihr nicht schwerfällt zu bejahen.

Dann zahlt Mike jedoch den Preis dafür, seiner Familie mit unlauteren Mitteln ein besseres Leben ermöglicht zu haben. In einem Diner sucht ihn Tio Salamanca (Mark Margolis) auf, den wir hinlänglich als Rollstuhlbomber aus der Mutterserie Breaking Bad kennen. Er ersucht Mike auf äußerst unverbindliche Art darum, seinem Neffen Tuco durch eine Falschaussage eine verminderte Haftzeit zu ermöglichen. So unverbindlich das aber zunächst klingt, so sicher weiß Mike da schon, dass es todernste Konsequenzen für ihn und seine Familie haben könnte, sollte er das Angebot ausschlagen.

Es ist ein bemerkenswerter Wandel, den die Serie hier innerhalb weniger Szenen vollzieht. Ist für Kim bereits die Degradierung ein Weltuntergang, sieht sich Mike dazu gezwungen, seine Schwiegertochter anzulügen, um die Herkunft seiner Gesichtsfärbung - die Filmfan Jimmy übrigens dazu veranlasst, die Rocky-Hymne zu summen - zu kaschieren. Manch anderer Serie würde ein solch gravierender tonaler Unterschied zum Nachteil gereichen - hier jedoch sind beide Geschichten so meisterhaft konstruiert, dass man sich eine stärkere Verzahnung kaum je wünscht.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Rebecca - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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