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Better Call Saul: Kritik zur fünften Folge der 4. Staffel der Dramaserie

Better Call Saul: Quite a Ride - Review

Kritik der Episode 4x05

„Better Call Saul“ (c) AMC
„Better Call Saul“ (c) AMC

In Quite a Ride versucht sich Jimmy an einer neuen Verdienstmöglichkeit und macht dabei einschneidende Erfahrungen, die ihn seine aktuelle Situation überdenken lassen. Kim steht derweil vor einer schwierigen Entscheidung, während Mike im Auftrag von Gus ein ambitioniertes Bauprojekt vorantreibt.

Schwer zu glauben, doch wir haben mit der Episode Quite a Ride bereits die Halbzeit der vierten Staffel von Better Call Saul erreicht. Bis hierhin hat der Trend für einen Großteil der Charaktere gefühlt eher nach unten als nach oben gezeigt. Es war eine oftmals nicht ganz einfach zu ertragende Achterbahnfahrt der Gefühle, die man uns zuletzt in allen vorstellbaren Variationen präsentiert hat. In der ersten Hälfte der vierten Staffel von „Better Call Saul“ mussten sich Jimmy (Bob Odenkirk), Kim (Rhea Seehorn) und Co den unterschiedlichsten Herausforderungen stellen, wodurch ihre Welt gewaltig aus den Fugen geraten war. Nun sucht ein jeder von ihnen nach einem Ansatz, mit dem, was ihm das Leben ausgeteilt hat, umzugehen und einen Weg zu finden, ihr neuerliches Dasein erfolgreich zu bestreiten.

Dass dies ungemein schwierig ist, dürfte nicht verwundern. Doch sie versuchen es, denn, wenn es eine weitere Sache ist, die einen Großteil der Charaktere dieser Serie verbindet, dann ist es die Ambition, weiterzumachen, nicht aufzugeben und zu beweisen, zu was man imstande ist. Für Jimmy, dem sein Bruder Chuck bereits in jungen Jahren sehr wenig zugetraut hatte, ist dies schon immer ein zentraler Antrieb gewesen. Den „Treibstoff", um diesen am Laufen zu halten, hat er bekanntermaßen teuer bezahlt, woran man die Zuschauer gleich zu Beginn der Folge noch einmal eindringlich erinnert. Jimmy ist irgendwann von der Bahn abgekommen und in die Kreise moralisch fragwürdiger Personen abgedriftet. Das Ende vom Lied: Er hat panisch die Flucht aus seiner Kanzlei angetreten, er musste seine Identität aufgeben und mithilfe des „Staubsaugerexperten" Ed (Robert Forster) ein neues Lebens als „Cinnabon Gene" im beschaulichen Omaha beginnen.

Alles wird gut. Oder eben auch nicht.

Das hat sich Jimmy so nicht vorgestellt, so viel ist klar, als wir ihm am Ende der Episode im Gespräch mit seinem Bewährungshelfer dabei zuhören, wie er sich seine Zukunft ausmalt. Seine gemeinsame Zukunft mit Kim wohlgemerkt, in der alles anders und vor allem besser wird. Nur noch neun Monate und ein paar Tage, dann beginnt sein Leben von vorne. Jetzt gilt es, die Zeit mit seiner ungeliebten Arbeit im Handygeschäft zu überbrücken, aber schon bald kann er endlich wieder ein Anwalt sein. Aber: Möchte er das überhaupt? Schaut man sich den demoralisierten Jimmy so an, dann vernimmt man eher Ernüchterung als Vorfreude, als er so von seinen Plänen berichtet. Ein einfacher Job als Rechtsvertreter scheint ihn einfach nicht zu reizen. Er will mehr, er will das, was ihm Freude macht und das, was keiner so gut kann wie er.

Jimmy ist ein Showmaster. Er ist ein gewiefter, auf seine eigene Art charmanter und charismatischer Trickser, der sich in seinem Element befindet, sobald er die Wahrheit auch nur ein wenig zu seinen Gunsten verbiegen kann. Man sieht ihm förmlich an, wie viel Spaß es ihm macht, wenn ein leichtgläubiger Kunde in seinen Laden reinspaziert und mehrere Klapptelefone kauft, deren Anrufe nicht verfolgbar sind, woran sich Jimmy wiederum eine goldene Nase verdient. Es ist fast so, als könnte Jimmy gar nicht anders, als bei all den Dingen, die er angeht, zumindest eine Prise Trickbetrug einzustreuen. Das ist sein Wesen, sein Naturell. Und deswegen ist sein Leben auch den Weg gegangen, den es gegangen ist. Und wenn einer weiß, wie er tickt, dann ist es Jimmy selbst. Er weiß, was sein Problem ist. Wie unkompliziert wäre ein einfaches Leben, ohne tagtäglich nach dem Optimum zu streben, das man manchmal eben nur durch fragwürdige Mittel erreicht. Er kann es aber nicht...

© IMAGO
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Das Leben auf der Straße

Jimmys „Kampf" mit und seine Suche nach sich selbst, sind unverändert spannend zu beobachten. Er wirkt fast schon ruhelos, als er während des gemeinsamen Filmabends mit Kim auf der Couch sitzt und nicht wirklich weiß, was er mit sich anstellen soll. Irgendwie beneidet er Kim darum, dass sie eine Aufgabe hat. Andererseits sehnt er sich aber vielleicht auch einfach nach ihr. Was auch immer es ist, es beschäftigt ihn. Er muss etwas tun, er muss sich neu erfinden. Stillstand ist Rückschritt, und, Gott bewahre, man kommt auch nur einmal wirklich zur Ruhe... Denn dann könnte man ja dazu gezwungen sein, sich mit den traumatischen Erlebnissen auseinanderzusetzen, die einem so in letzter Zeit widerfahren sind...

Für Jimmy ist es mal wieder die Flucht nach vorne, die ihm zunächst einen Vorgeschmack auf ein Leben gibt, mit dem er sich allem Anschein nach anfreunden könnte. Nach einem kurzen Umstyling, das ihn weniger spießig (aber nicht weniger verzweifelt) aussehen lässt, zieht es ihn auf die Straßen von Albuquerque. Über eine wunderbare, dynamische Montage zu Randy Crawfords „Street Life" sehen wir, wie Jimmy aufblüht. Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten sind die Telefone schnell an den Mann und die Frau gebracht, selbst ein paar grimmig aussehende Biker kann Jimmy von seinem Angebot überzeugen. Es läuft für ihn, er fühlt sich wohl, er kann seine Stärken als eloquenter Vertreter perfekt ausspielen. Hat er vielleicht etwas gefunden, das ihn erfüllt?

Spätestens mit dem feigen Angriff durch drei Rüpel, die ihm seinen Verdienst gleich wieder abnehmen, platzt der Traum aber schon wieder. Es mag ein befreiendes, erhabenes Gefühl gewesen sein, an einer schmierigen Würstchenbude Angehörige der Unterwelt von Albuquerque um den kleinen Finger gewickelt zu haben. Doch der Aufprall auf dem harten Boden der Realität schmerzt. Es ist eine Mahnung für Jimmy, was für ein gefährliches Spiel er hier betreibt und dass er nicht mal eben so schnell in diese Welt reinschnuppern kann, um sich wieder aufzurappeln. Ist er gewillt, tagtäglich ein solches Risiko einzugehen? Die Antwort auf diese Frage fällt deutlich aus. Sein Geschäft mit den leicht entsorgbaren Mobiltelefonen legt er auf Eis, einen Versuch war es ja wert. Mehr aber auch nicht.

Veränderungen

Während Jimmy sucht und umherirrt, scheint Kim indes vor einem persönlichen Durchbruch zu stehen. Auch sie sehen wir in ihrem Element: auf der Strafbank, als Pflichtverteidigerin von Menschen, die im amerikanischen Justizsystem wie am Fließband verurteilt werden. Aber nicht mit Kim! Sie kämpft für ihre Klienten, sie setzt ihr gesamtes Knowhow und ihre Erfahrungen ein - und sie ist erfolgreich. Wir Zuschauer merken ihr an, wie ein neuer Schwung durch ihr Leben geht, wie sie der direkte Kontakt mit Menschen, die ihre Hilfe brauchen, beflügelt. Und nebenbei ist es ungemein befriedigend, mit ansehen zu dürfen, wie sie den Kollegen von der Staatsanwaltschaft die Butter vom Brot nimmt. Mesa Verde hat sie noch nicht den Laufpass gegeben, doch es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis es so weit ist. Kim zieht neue Energie aus ihrer Berufung und ihrer neuen Aufgabe, die komplette Hingabe zu Mesa Verde laugt sie indes nur aus.

Als sie in einer Szene nachdenklich im Foyer der Investmentbank steht, sieht man es Kim an, wie es in ihrem Kopf rattert. Es fehlt nicht mehr viel, bis sie endgültig „Adiós!“ sagt und den Neustart an dem Ort wagt, wo alles für sie angefangen hat. Und das ist gut für sie. Wie bereits letzte Woche angemerkt, hat Kim ihre Probleme ausgemacht und arbeitet nun aktiv an einer Lösung. Nur so kann es für sie vorwärts gehen. Es wäre nach wie vor wünschenswert, wenn sich Jimmy eine Scheibe von seiner besseren Hälfte abschneiden würde. Und für einen Moment entsteht tatsächlich der Eindruck, als würde er einsichtig sein und Kims Vorschlag, einen Therapeuten aufzusuchen, annehmen. Dass sich Jimmy aber davor fürchtet, was eine solche Sitzung mit ihm machen könnte, zeigt sein Treffen mit Howard (Patrick Fabian), der nach dem Tod von Chuck ein absolutes Wrack ist - und das, obwohl er jede Woche zweimal zum Seelenklempner geht.

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Wo Jimmy wegläuft, bleibt Kim hartnäckig. Auch sie hat eine gewisse Zeit gebraucht, sich zu finden und ihre Lebenssituationen neu zu bewerten. Paradoxerweise wollen beide das Gleiche: ein Leben, das sie erfüllt und glücklich macht, einen Job oder eine Aufgabe, die ihnen guttut. Doch während man Kim Selbstlosigkeit und einen intakten moralischen Kompass attestieren kann, ist es bei Jimmy so, dass er sich schlussendlich doch immer wieder selbst am nächsten ist. Einzig für Kim würde er wohl durchs Feuer gehen, wobei man hier abwarten muss, ob nicht genau das eines Tages der Grund sein wird, warum sich die Wege der beiden irgendwann trennen.

Weil Jimmy eben auch selbst Kim gegenüber nicht ehrlich und aufrichtig sein kann und Kim pragmatisch und selbstbestimmt genug ist, um zu entscheiden, dass sie so einen Faktor in ihrem Leben nicht gebrauchen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kim Jimmy auf den Trichter kommt, ist alles andere als gering, gerade nach Jimmys kurzem Abstecher ins Kleingangstertum und Kims neuem Kundenstamm an Kleinkriminellen, die sie vor Gericht vertritt. Die beiden Bahnen, auf denen sich Jimmy und Kim bewegen, verlaufen gefährlich nah beieinander und mittlerweile würde es mich sehr überraschen, wenn es nicht noch in dieser Staffel zur großen Kollision käme.

Wir machen den Weg frei

Ohne etwaige Kollisionen oder unerwünschte Hindernisse verläuft derweil Gus' Plan, sein ganz eigenes Drogenimperium aufzubauen. Nachdem die Konkurrenz geschwächt und ein neues Gebiet akquiriert wurde, geht es nun um die Herstellung der „Ware". Und so sehen wir, wie die Pläne für die perfekt ausgestattete Drogenküche entworfen werden, in der sich in Breaking Bad ein gewisser Walter White als „Chefkoch" verdingt hat. Die „Lavandería Brillante" erstrahlt hier noch lange nicht in dem professionellen Glanz, wie wir es in der Mutterserie gesehen haben. Ein schöner Callback sind die Szenen in der runtergekommenen Wäscherei, unter der Gus (Giancarlo Esposito) sein Drogenlabor errichten will, aber allemal.

Die Suche nach dem richtigen Architekten beziehungsweise Aushebungsspezialisten obliegt Mike (Jonathan Banks), der kein Risiko eingeht und sich streng nach Protokoll ein Bild von den potentiellen Kandidaten macht. Nachdem ein französischer Fachmann etwas zu dick aufgetragen hat und nicht wirklich überzeugen konnte, darf sich ein deutscher Spezialist - gestatten, Werner Ziegler! - beweisen. Mit seiner gewissenhaften Arbeitsweise, Akribie und realistischen Einschätzung hat er wahrscheinlich, ohne es zu wissen, gleich Pluspunkte bei Mike gesammelt, der ja bekanntermaßen ganz ähnliche Arbeitsmethoden verfolgt. Das ganze Vorhaben ist zwar nicht einfach umzusetzen und wird eine ordentliche Summe an Geld verschlingen, unmöglich ist es aber nicht. Das will Gustavo Fring hören, der dem ambitionierten Bauprojekt den Startschuss erteilt.

Ganz davon abgesehen, dass der unerwartete Auftritt eines deutschsprachigen Charakters (wobei es im „Breaking Bad“-Universum mit Madrigal Elektromotoren ja bereits ein paar Abstecher in diese Richtung gegeben hatte) einen durchaus amüsanten Effekt hat und Rainer Bock („Tatort“, SS-GB, „Das weiße Band“ und vieles mehr) sich ganz hervorragend in die Serie integriert, stehen die Szenen um Mike und die Planung des Drogenlabors für eine weitere große Stärke von Better Call Saul: die große Liebe der Verantwortlichen zum Prozess. Die Autoren haben einfach ein Faible dafür, präzise und in aller Ruhe aufzuzeigen, wie eine Sache in „Better Call Saul“ entsteht und stattfindet, minutiös Abläufe zu beleuchten und eine eigentlich langweilige Routinearbeit mit ein paar Kniffen (Hingabe zum Detail, ausgefallene Kameraeinstellungen) besonders und einzigartig zu machen. Manch einer findet das vielleicht etwas übertrieben und öde. Ich könnte mir genau so was stundenlang ansehen...

Felix Böhme

Der Artikel Better Call Saul: Quite a Ride - Review wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht. Felix Böhme hat bereits 1.708 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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