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Better Call Saul: Kritik zur sechsten Folge der 4. Staffel der Dramaserie

Better Call Saul: Piñata - Review

Kritik der Episode 4x06

„Better Call Saul“ (c) AMC
„Better Call Saul“ (c) AMC

In Piñata packen die zentralen Charaktere den Stier bei den Hörnern. Während Kim eine wichtige Entscheidung trifft, will Jimmy es noch mal wissen, indem er sich abermals umorientiert. Gus treibt derweil sein aktuelles Projekt voran - und zeigt sich darüber hinaus von seiner dunkelsten Seite.

Es muss vorwärts gehen. Nach einem heftigen Rückschlag muss es irgendwann einfach vorwärts gehen. Wir alle kennen dieses Gefühl nur zu gut. Einem wurde der Boden unter den Füßen weggezogen, man wurde enttäuscht und zurückgeworfen, es fühlt sich so an, als hätte sich die gesamte Welt gegen einen verschworen. Man wehrt sich dagegen, aber kommt einfach nicht aus diesem Tief heraus. Aber irgendwann, da reicht es. Da packt man es an, wirft noch einmal einen kurzen Blick zurück und stürmt dann nach vorne, um die Trendwende einzuleiten. Und um vielleicht sogar das Glück ein bisschen zu erzwingen.

Weil ein Jeder von uns sich schon in einer solchen Situation wiedergefunden hat und die Gefühle und Gedanken kennt, die damit einhergehen, ist es nicht besonders schwer, Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn) in der Episode Piñata zu verstehen. Die vierte Staffel von Better Call Saul hat bisher viel Zeit investiert, diese beiden Figuren dabei zu zeigen, wie sie auf ihre eigene Art und Weise versuchen, sich wieder aufzurappeln und einen neuen Weg zu finden. Jetzt kommt es zu ein paar großen Entscheidungen, die ihren weiteren Werdegang maßgeblich prägen werden. Während Kim den längst fälligen Schritt wagt, der sie letztlich wesentlich glücklicher machen wird, als sie es für sehr lange Zeit gewesen ist, zerbricht für Jimmy ein Traum, von dem er sie nie sicher gewesen ist, dass er diesen auch wirklich hatte. Fast schon ausweglos bleibt ihm nur eine gefährliche Richtung...

Damals und heute

Ein Großteil der Folge konzentriert sich auf Kim und Jimmy, die schon immer den emotionalen Kern der Serie ausgemacht haben und deren Verhältnis zueinander eine zentrale Säule dieser dramatischen Erzählung gewesen ist. Zu beobachten, wie diese Säule allmählich immer mehr Risse bekommt, ist ebenso faszinierend wie das Schauspiel von Bob Odenkirk und Rhea Seehorn, die ihren Charakteren nicht nur Tiefe, sondern auch eine eigene Agenda geben, die Jimmy und Kim zwangsläufig auseinanderbringen wird. Nur, weil man grundlegend verschieden ist, bedeutet das nicht, dass man nicht eine erfolgreiche Beziehung miteinander führen kann. Doch allein der Blick zurück in die Vergangenheit, als beide sich als Bürohilfen bei Hamlin Hamlin & McGill verdingten, verdeutlicht, dass Jimmy und Kim vielleicht doch nicht so kompatibel sind, wie viele (und Jimmy) es immer gedacht haben.

Das beginnt bei Kims natürlicher Leidenschaft für das Anwaltswesen, für Recht und Ordnung, für Gesetze und Paragraphen. Schon damals zeigte sich, dass dies genau ihre Welt ist und Kim zielgerichtet auf eine Beschäftigung als Rechtsvertreterin hingearbeitet hat. Für sie ist es nicht nur ein Beruf, es ist eine Berufung. Für Jimmy hingegen war das trockene Gefasel von irgendwelchen Präzedenzfällen schon damals eine Qual. Warum er sich letztlich doch diesem Fachbereich zugewandt hat? Weil er Angst hatte, zurückzubleiben. Weil ihm immer wieder gesagt wurde, dass er irgendein Ziel braucht, das er verfolgen muss. Weil er sich nicht nur das Ansehen und die Zuneigung von seinem Bruder Chuck (Michael McKean) verdienen, sondern auch den Beweis erbringen wollte, dass er kein Versager ist. Schon hier zeigt sich ein elementarer Unterschied zwischen Kim und Jimmy: Sie geht diesen Weg, weil sie es will. Er geht diesen Weg, weil er glaubt, dass er ihn gehen muss, um einen Wert zu haben.

© IMAGO
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© AMC
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Neustart mit aller Macht

Diese Mentalität macht Jimmy zu einer traurigen, bemitleidenswerten Gestalt. Das möchte man ihm nicht einmal persönlich vorwerfen, wir wissen ja ganz genau, was ihn zu so einem Menschen gemacht hat. Dass er sich von diesen eigens angelegten Fesseln nicht befreien kann, das ist das große Dilemma. Jimmy ist planlos und verunsichert. Er klammert sich an eine Wunschvorstellung (die gemeinsame Anwaltskanzlei mit Kim), von der er selber nicht weiß, ob er es wirklich will, was aber letztlich egal ist, weil der Traum eh zerplatzt. Man sieht es ihm in der Episode Piñata immer wieder an, wie seine Welt immer mehr aus den Fugen gerät, er Kim nicht zurückhalten will, aber doch irgendwie nicht loslassen möchte, weil sie ihn nie aufgegeben hat und immer für ihn da war. Jimmy kann all diese Entwicklungen gar nicht so recht verarbeiten, will sich seine Unsicherheit und sein Leiden aber auch nicht anmerken lassen. Was also tun? Vorwärts, irgendwie.

An und für sich ist diese Einstellung ja nicht verkehrt. Doch die Art und Weise, wie Jimmy vorwärts gehen will, wirft Zweifel auf. Eine Auseinandersetzung mit dem Tod seines Bruder ist schon wieder vom Tisch, ein Therapiegespräch wird ihn sehr wahrscheinlich eh nur zurückwerfen. Und das will er nicht. Der Blick soll nach vorne gerichtet werden, er will das tun, was ihm guttut. Ironischerweise lassen sich seine Worte perfekt auf Kim anwenden, die genau diese Devise verfolgt. Und man freut sich ungemein für sie. Es ist nur schrecklich frustrierend, mit ansehen zu müssen, wie sie so viel Energie aufwendet, um Jimmy zuzuhören und ihm zu helfen, während er nur seinen Ballast bei ihr ablädt und gar nicht auf die Idee kommt, sie zu fragen, was eigentlich gerade in ihr vorgeht.

Pragmatisch

Aber Kim braucht das auch nicht. Sie war schon immer eine Einzelkämpferin und wollte sich nie von irgendjemand abhängig machen. In einer Beziehung kann und sollte man sich gegenüber seinem Partner aber fallen lassen können. Dass Kim das nicht tut, spricht für sich. Auch sie ist lange Zeit unsicher und unentschlossen gewesen, insbesondere nach ihrem fast tödlichen Unfall. Irgendwie wollen Kim und Jimmy füreinander da sein, doch es ist weitaus komplizierter, als es sich anhört. Und das macht diese Beziehung wiederum so komplex und spannend, weil beide Charaktere sehr eigen, aber auf gewisse Art und Weise sich auch sehr ähnlich sind. Solche Figuren zu entwickeln, die scheinbar ein gutes Paar abgeben und am Ende doch nicht so recht gemeinsam funktionieren wollen, so sehr sie es auch probieren, ist eine Glanzleistung des Autorenteams, die sich immer wieder auszahlt.

Kim strukturiert nun also ihr Leben um und gibt ihre Arbeit für Mesa Verde indirekt an die Kanzlei Schweikart & Cokely ab, wo sie demnächst als Partnerin einsteigen wird. Diese neue Anstellung gibt ihr die Freiheiten, weiterhin als Strafverteidigerin arbeiten zu können, eine Aufgabe, die sie erfüllt. Gleichzeitig stimmt der Verdienst. Eine bessere, pragmatischere Lösung könnte es nicht geben. Genau so tickt Kim. Sie ist pragmatisch, sie ist smart und sie findet eine Lösung, wenn sich ein Problem auftut. Deswegen schaut man ihr auch so gerne dabei zu - so, wie sie sich gegen die verschiedensten Widerstände stemmt, sich behauptet und ihre Ziele erreicht.

Jimmy hingegen fordert in dieser Episode unser gesamtes Mitleid ein. Er hat sich zunächst mit seinem glanzlosen Dasein als Verkäufer in einem wenig besuchten Mobilfunkgeschäft abgefunden und ist bereit, die Zeit abzusitzen, bis er endlich seine Anwaltslizenz zurückbekommt. Wie schwer das alles für ihn ist, merken wir, als ein Verwandter von Geraldine Strauss bei ihm anruft, für die Jimmy einst ein Testament aufgesetzt hatte. Die gute alte Mrs. Strauss ist leider nicht mehr und Jimmy geht das doch näher, als er es selbst für möglich gehalten hätte. Aber es ist nicht nur das, Jimmy erinnert sich natürlich auch an eine Zeit zurück, in der es wesentlich besser für ihn lief. Als er einen guten Weg gefunden hatte, sein Leben zu bestreiten, auch einen soliden Verdienst hatte, als seine Klienten ebenfalls zufrieden mit ihm waren. In diesem Moment wird Jimmy noch einmal vor Augen geführt hat, was er eigentlich mal hatte und was mittlerweile futsch ist.

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Legt euch nicht mit dem Telefon-Typen an!

Die Hoffnung, wieder an einen Punkt zu kommen, an dem er glücklich ist, wird mit Kims Entscheidung gegen eine gemeinsame Kanzlei schlagartig geringer. Er wird von dieser Entwicklung komplett überrascht und befindet sich im freien Fall. Was tun? Dampf ablassen. So poltert er zum Beispiel lautstark gegen Howard Hamlin (Patrick Fabian), dessen Firma schon bessere Tage gesehen hat und um ihre Existenz kämpft. Im Grunde genommen spricht Jimmy aber nicht nur mit Howard, sondern auch mit sich selbst. „Na los, rappel dich auf! Was sollen denn die Leute von dir denken? Gibst du dich so leicht geschlagen? Niemals!“ Ja, irgendwie geht es vorwärts für Jimmy, doch er hat mittlerweile so viel einstecken müssen und so viel Ballast angehäuft, den er mit sich herumträgt, dass das nächste Unheil schon in Sichtweite ist.

Aber Jimmy ist fokussiert und scheut den Blick in den Rückspiegel. Nach seinem fehlgeschlagenen Straßengeschäft aus der letzten Episode, das sehr schmerzhaft für ihn endete, unternimmt er den zweiten Anlauf. Diesmal verhält er sich jedoch weitaus gerissener und aggressiver. Den drei jugendlichen Rüpeln aus der Vorwoche erteilt er eine unvergessliche Lektion, sich besser nicht mehr mit ihm anzulegen. Wie Regisseur Andrew Stanton, bekannt von Pixar-Filmen wie „Finding Nemo“ oder auch „WALL-E“, diese Szene kopfüber einfängt, ist schlichtweg wunderbar und unterstreicht, wie ernst es Jimmy auf einmal meint. Natürlich trickst er drei arme Tölpel aus und schüchtert sie geschickt ein. Er hat aber auch wahrlich genug Dreck gefressen. Mit der Hilfe von ein paar Handlangern, darunter Huell (Lavell Crawford), hinterlässt er nicht nur ein Statement, das ihm einen gewissen Status in der kriminellen Unterwelt von Albuquerque geben wird. Es ist auch ein Ventil für Jimmy, der endgültig die Flucht nach vorne antritt und nichts mehr zu verlieren hat.

Vom Lucuma-Baum und einem Nasenbären

Auf der Siegerstraße befindet sich in Better Call Saul aktuell Gustavo Fring (Giancarlo Esposito), der jedoch alles andere als genügsam ist und den Aufbau seines Drogenimperiums gezielt vorantreibt. Nachdem man in Werner Ziegler den richtigen Mann für den Bau des Drogenlabors gefunden hat, müssen nun seine Arbeiter irgendwo untergebracht werden. Also setzt man einfach zwei Wohnhäuser in eine riesige Lagerhalle, baut drumherum noch einen kleinen Fußballplatz, ein Heimkino und was auch immer das Herz eines deutschen Leiharbeiters begehrt (frisch gezapftes Bier natürlich!), um die besten Voraussetzungen für die Erfüllung des Auftrag zu schaffen. Gewissenhaft wie eh und je übersieht Mike (Jonathan Banks) das ganze Prozedere (diesen Kai behalten wir mal besser im Auge...), das so absurd erscheint, aber mit einer Selbstverständlichkeit vorgetragen wird, dass eine ganz eigene Faszination von dieser Nebenhandlung ausgeht.

Bezüglich Mike selbst bekommen wir noch die Information, dass nach seinem „Ausraster" während der Gruppentherapie die Stimmung zwischen ihm und Schwiegertochter Stacey (Kerry Condon) etwas unterkühlt war. Wie wichtig Mike aber seine Familie und seine Enkelin sind, kann man zweifellos dem reumütigen Gesichtsausdruck von Jonathan Banks entnehmen, der wie so oft ohne große Worte auskommt. Diese überlässt man da schon eher Gustavo Fring und wenn jemand für einen packenden Monolog wie geschaffen ist, dann wohl Giancarlo Esposito. Sein Besuch am Krankenbett von Hector Salamanca (Mark Margolis) ist einer kleiner Höhepunkt der Episode, der nicht besonders viel mit dem Rest der Folge zu tun hat. Die Szene, in der Espositos markante Stimme aus der Dunkelheit erklingt, als wäre sie eine übernatürliche, gespenstische Erscheinung, möchte man jedoch um keinen Preis der Welt missen.

Die finstere Inszenierung zeichnet ein perfektes Bild von Gustavo. Selbst wenn du glaubst, dass du sicher bist und nichts in der Finsternis erkennen kannst, schlummert in dieser eine Gefahr. Gustavos kleine Geschichte aus seiner Kindheit, als ein Nasenbär ihn wortwörtlich um die Früchte seiner harten Arbeit gebracht hat, könnte diesen skrupellosen, entschlossenen Charakter besser nicht beschreiben. Ein Gustavo Fring vergisst nicht, ein Gustavo Fring verzeiht nicht. Er wird seine Rache bekommen, auch wenn er eine sehr lange Zeit warten muss, bis es so weit ist. Und wenn der Moment gekommen ist, dann wird er ihn auskosten. Hector Salamanca (aka der Nasenbär) war Gustavo lange genug ein Dorn im Auge. So leicht kommt er ihm aber nicht davon. Es mag nicht die subtilste Szene sein, die man uns hier auftischt. Die Art und Weise, wie man sie einfängt und wie ein Giancarlo Esposito sie uns präsentiert, jagt mir jedoch einen kalten Schauer über den Rücken...

Felix Böhme

Der Artikel Better Call Saul: Piñata - Review wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht. Felix Böhme hat bereits 1.708 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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