Du bist hier: Serienjunkies » News »

Better Call Saul: Nacho - Review

Review zu Episode 1x03

Down on his luck: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) pflegt ein besonderes Verhältnis zu Telefonzellen.  /  (c) AMC
Down on his luck: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) pflegt ein besonderes Verhältnis zu Telefonzellen. / (c) AMC

Nachdem es in den ersten beiden Episoden von Better Call Saul gelungen ist, die Serie auf eigene Beine zu stellen und trotzdem den Charme des Mutterformats beizubehalten, werden nun in Nacho eine größere Rahmenhandlung sowie neue und alte Figuren etabliert.

Die ersten zwei Episoden des Breaking Bad-Spin-offs Better Call Saul haben großen Spaß gemacht, weil sie einen der witzigsten Charaktere der Mutterserie, Saul Goodman aka Jimmy McGill (Bob Odenkirk), in ein ähnliches Umfeld verpflanzten, dieses wunderbar inszenierten und dem Protagonisten genug amüsante Monologe verabreichte. Was fehlte, war ein übergreifender Handlungsstrang, der uns eine Ahnung davon hätte geben können, worum es in dieser neuen Serie eigentlich gehen soll.

I'm no hero

Dieser wird nun in Nacho nachgereicht. Die Episode lässt außerdem den bisher etwas unterrepräsentierten Nebencharakteren Raum zur Entfaltung, was sich auch an der visuellen Umsetzung von Breaking Bad-Stammregisseur Terry McDonough erkennen lässt. Er filmt Jimmy McGill regelmäßig aus der Totalen, um zu symbolisieren, dass er Teil der größeren Erzählung ist - und dass er bislang nur ein kleiner Fisch ist, der jeden Tag von Neuem in ein Haifischbecken geworfen wird und dort ums Überleben kämpfen muss.

In diesem Haifischbecken überleben vermeintlich nur diejenigen, die so sind wie Saul Goodman. Wer hingegen von einem Gewissen geplagt wird wie Jimmy McGill, muss sich mit den Krumen zufriedengeben, die andere ihm überlassen. Und so kommt es, dass die Transformation von Jimmy zu Saul langsamer vonstatten geht, als man nach dem Ende der letzten Episode hätte erwarten können. Darin bot der neue Bösewicht Nacho (Michael Mando) unserem Anwalt eine Kooperation an: Er werde Jimmy einen stattlichen Finderlohn auszahlen, wenn der ihm verrate, wo Craig Kettleman (Jeremy Shamos) das Geld versteckt hat, das er als Staatsbediensteter auf die Seite geschafft hat.

Zunächst scheint Jimmy seinen niederen Instinkten nachzugeben, denn er tätigt einen nächtlichen Anruf bei Kim Wexler (Rhea Seehorn), die für die Anwaltsfirma seines Bruders arbeitet - jene Firma, die ihm das Mandat der Kettlemans weggeschnappt hat. Es wird nicht ganz klar, was die beiden außer einer professionellen Hassliebe verbindet. Sie waren wohl einmal ein Paar oder hatten eine Affäre, genau erfahren wir das nicht. Jimmy bekommt jedenfalls nicht die Informationen, nach denen er gesucht hat, was ihn zur Selbsterkenntnis führt, wahrlich kein guter Samariter zu sein. Also versucht er, seine moralische Transgression wiedergutzumachen, indem er einen Warnanruf an die Kettlemans tätigt.

Dazu bastelt er sich aus Haushaltsgegenständen einen Stimmverzerrer - eine Szene, die uns unweigerlich zurück ins Breaking Bad-Universum katapultiert. Jimmy McGill mag kein Walter White sein, aber es ist schön zu sehen, dass auch er in misslichen oder dringlichen Situationen improvisieren kann.

You didn't do the sex robot voice, did you?

Dass uns hier die „BB“-Macher (auch der Drehbuchautor dieser Episode, Thomas Schnauz, ist ein Alumnus der Serie) mit neuem Material versorgen, merkt man auch an den vielen tollen Kameraeinstellungen, die der Regisseur einsetzt. Bei Jimmys Warnanruf irgendwo am Rande einer einsamen Landstraße filmt McDonough ihn aus mehreren Blickwinkeln. Einmal setzt er die Kamera ins Auto und filmt durchs offene Fenster. Auf dem Lenkrad des Wagens steht das Wort Esteem („Hochachtung“) geschrieben. Solche kleinen visuellen Spielereien haben uns schon in Breaking Bad verwöhnt.

Zum ersten Mal in dieser noch jungen neuen Serie wird in dieser Episode ein dramaturgisches Gerüst aufgebaut, auf dem sich die Figuren für den Rest der Staffel fortbewegen dürften. Am Morgen nach seinem Anruf muss Jimmy mit Schrecken feststellen, dass Familie Kettleman wohl entführt worden ist. Panisch meldet er sich mehrmals bei Nacho (auch hier meldet sich sein Gewissen wieder), weil er glaubt, der könne seinen Plan bereits in die Tat umgesetzt haben. Wie sich herausstellt, war Nacho tatsächlich schon dabei, die Alltagsmuster der Familie zu studieren, hat aber außer reiner Observation keinerlei weitere Schritte vollzogen.

Nacho glaubt indes, dass Jimmy ihn verraten habe, weil er der Einzige gewesen sei, dem er von seinem Plan erzählt habe. Er stellt ihm ein Ultimatum: „You get me out of here today or you're a dead man.“ („Du holst mich noch heute hier raus oder du bist ein toter Mann.“) Diese wahrlich furchteinflößende Warnung gibt Nacho echtes eigenes Bedrohungspotenzial, was vonnöten war, weil er im Schatten des ausgeflippten Tuco (Raymond Cruz) bisher eher wie dessen bravere Version daherkam. Mit Kims Unterstützung schafft es Jimmy jedenfalls, die Ermittler davon zu überzeugen, ihn doch einmal selbst den Tatort inspizieren zu lassen.

Im völlig verwüsteten Haus der vermeintlich entführten Familie offenbart sich schließlich, dass Jimmy seine kriminelle Vergangenheit trotz aller Bemühungen nie ablegen können wird. Die fehlende Puppe des jüngsten Kettleman-Sprosses interpretiert er sogleich als untrügliches Anzeichen dafür, dass die Familie, deren beiden Oberhäupter wahrlich keine kriminellen Masterminds sind, ihre eigene Entführung inszeniert haben muss.

Nobody wants to leave home

Das Ende der Episode (inklusive urkomischer „The Shining“-Referenz) gibt ihm schließlich Recht. Und auch, wenn Jimmy selbst nicht hundertprozentig davon überzeugt gewesen sein mag, so bleibt ihm angesichts seiner prekären Lage, eingeklemmt zwischen Nacho und den Strafverfolgungsbehörden, nichts anderes übrig, als diese Theorie aufrechtzuerhalten. Elegant verwebt die Serie dabei auch die erste Kooperation der späteren Partner Jimmy und Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) mit dem größeren Handlungsbogen.

Zunächst eskaliert der beinahe schon etwas zu ausgedehnte Streit zwischen ihnen um die Parktickets so sehr, dass sich Mike gezwungen sieht, handgreiflich zu werden. Die Ermittler im Fall Kettleman sehen darin eine Chance, sich Jimmy gefügig zu machen. Weil sie gegenüber Mike aber etwas zu herablassend auftreten, entscheidet der sich in letzter Sekunde um und beschließt kurzfristig, Jimmy zu helfen. Es macht hier schon viel Spaß, den beiden und ihrer ungewöhnlichen Chemie zuzusehen - je mehr wir in Zukunft davon zu sehen bekommen, desto besser.

In Breaking Bad haben wir nie wirklich erfahren, warum Mike aus dem Polizeidienst in Philadelphia ausgeschieden war und in Albuquerque als Parkwächter landete. Auch in Nacho bekommen wir dazu keine neuen Informationen. Dafür zeigt uns eine Rückblende aber, wie Jimmys älterer Bruder Chuck (Michael McKean) aufgetreten war, bevor er ins selbstgewählte Eremitendasein abglitt: entschieden, standfest, unerschrocken. Er war stets derjenige, der Jimmy retten musste. Deswegen hat Jimmy auch so viel Mitgefühl für seinen derangierten Bruder.

Better Call Saul erreicht momentan (noch) nicht die dramatischen Höhenflüge seines Vorgängers, arbeitet aber unermüdlich daran, bald nicht mehr in dessen Schatten stehen zu müssen. Die Serie ist auf einem guten Weg.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Nacho - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

Aktuelle Lieblingsbeiträge der Leser von Serienjunkies


Star Trek - Picard: Annie Wersching mit 45 Jahren verstorben Star Trek - Picard: Annie Wersching mit 45 Jahren verstorben

2020 erhielt sie die Krebs-Diagnose, die sie jedoch nicht öffentlich machte. Nun ist der Bosch-Star Annie Wersching im Alter von 45 Jahren verstorben. Zuletzt war sie in Star Trek: Picard und The Rookie zu sehen. [mehr]

Von Loryn Pörschke-Karimi am Montag, 30. Januar 2023 um 09.00 Uhr.