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Better Call Saul: Mijo - Review

Review zu Episode 1x02

„Moooment, einen hab' ich noch.“ Jimmy McGill (Bob Odenkirk) rettet sein Leben.  /  (c) AMC
„Moooment, einen hab' ich noch.“ Jimmy McGill (Bob Odenkirk) rettet sein Leben. / (c) AMC

Better Call Saul bestätigt in Mijo den guten ersten Eindruck aus der Auftaktepisode. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass sich das Format in stilistischer Hinsicht wohl nicht so bald von seiner Mutterserie wird lösen können. Die Figuren stehen jedoch schon jetzt auf eigenen Füßen.

Das größte Kompliment, was man einem Spin-off an einem so frühen Zeitpunkt seiner Existenz aussprechen kann, ist die dramaturgische Unabhängigkeit von seiner Vorlage. Während der erste Teil von Mijo, der neuen Episode des Breaking Bad-Spin-offs Better Call Saul, vor Referenzen an das Mutterformat nur so trieft, gelingt es dem zweiten Teil, seine Figuren so zu etablieren, dass ich beinahe völlig vergaß, in welchem Universum diese Serie spielt.

Muy bien muchacho

Die erste Hälfte verhandelt das überraschende Auftauchen von Tuco Salamanca (Raymond Cruz) am Ende der Auftaktepisode. Gemeinsam mit zwei bekannten (Gonzo (Jesus Payan Jr.) und No-Doze (Cesar Garcia)) und einem unbekannten Kollegen verschleppt der schon damals Durchgeknallte seine jüngsten Opfer in die Wüste New Mexicos. Dort sollen Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und die von ihm angeheuerten Skaterzwillinge den ultimativen Preis für ihre Sünden zahlen.

Die gesamte Sequenz platzt beinahe vor visuellen Referenzen an Breaking Bad, was nicht zuletzt daran liegt, dass mit Michelle MacLaren eine arrivierte Regisseurin der Mutterserie hier das kreative Ruder in der Hand hielt. Ich hätte dabei nicht gedacht, dass mir eine so schnelle Rückkehr des „Breaking Bad“-eigenen Stils so viel Freude bereiten würde - aber genau das ist passiert. Wir bekommen viele verschiedene, außergewöhnliche Kameraeinstellungen (Jimmy, der unsanft zu Boden gestoßen wird, oder die an der Seite eines Rollstuhls angebrachte Kamera) und dieses ganz besondere Licht, das anscheinend so nur in und um Albuquerque einzufangen ist.

Bei allem visuellen Augenschmaus liefert diese lange Szenenabfolge aber auch wichtige dramaturgische Basisarbeit. In ihr können wir nämlich Jimmy McGill bei der Ausübung seines größten Talents zusehen. Er mag nicht die wissenschaftlichen Fähigkeiten, nicht die mentale oder körperliche Physis eines Walter White haben, aber - mein Gott! - er kann reden. Er kann reden wie ein Wasserfall, er kann reden, bis seinem Gegenüber die Ohren bluten. Er redet so lange, bis selbst Tuco anerkennend zugeben muss: „Wow, you got a mouth on you.“ (in etwa: „Wow, du bist eine ganz schöne Laberbacke.“)

© IMAGO
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Na; woher kennen wir diesen Shot?   © AMC
Na; woher kennen wir diesen Shot? © AMC

Jimmy schafft es also, sein Leben und das seiner Komplizen zu retten, wenngleich die beiden nicht ganz ungeschoren davonkommen. Dramaturgisch wäre nun vielleicht zu erwarten gewesen, dass dieses Erlebnis den Anfang des Wandels von Jimmy McGill zu Saul Goodman einleitet. Zunächst kommt es aber anders. Jimmy ist von seinem Erlebnis so nachhaltig beeindruckt, dass er vorerst beschließt, all seine Energie in die ehrliche Ausübung seines Berufs zu stecken. Eine lange Montage verbildlicht dies in gewohnt sehenswerter „BB“-Manier.

It's showtime, folks

Es ist nicht das erste Mal in dieser Episode, dass MacLaren und ihre Cutter Kelley Dixon und Skip McDonald diese Technik einsetzen. Zuvor übersetzen sie Jimmys posttraumatische Stresssymptome bei seinem Date mit Jamie Luner (Melrose Place) anhand dieser Bildsprache für uns Zuschauer. Ihr Auftritt wirft die Frage auf, ob wir sie noch einmal in einer kommenden Episode sehen werden. Die Autoren hätten für eine Szene ohne Dialog schließlich auch auf eine weniger bekannte Schauspielerin zurückgreifen können.

Nach dem misslungenen Date landet Jimmy jedenfalls sturzbetrunken bei seinem Bruder Chuck (Michael McKean), der mit Schrecken feststellen muss, dass sich Jimmy beim Eintritt in sein Haus weder geerdet noch des Handys entledigt hat. Am nächsten Morgen konfrontieren sich die Brüder mit den Abnormalitäten des jeweils anderen. Chuck findet die Krankenhausrechnung der Zwillinge und impliziert die Befürchtung, er kehre zu seinem Nom de Guerre „Slippin' Jimmy“ zurück und gerate wieder auf die schiefe Bahn.

Jimmy macht sich angesichts seines in eine Rettungsfolie eingehüllten Bruders Sorgen um dessen geistige Gesundheit. Wiederholt verlangt er von ihm, doch endlich die Folie abzulegen. Schlussendlich gehorcht Chuck, sobald Jimmy aber das Haus verlassen hat, zieht er sie wieder über. Beide lügen dabei sich und dem anderen etwas vor: Jimmy verspricht, nicht schon längst wieder vom rechtschaffenen Pfad abgekommen zu sein, während Chuck heuchelt, er könne seine Verrücktheiten mit einer einfachen Geste ablegen.

© IMAGO
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Ein Beispiel für die wunderbare Kinematografie von Michelle MacLaren   © AMC
Ein Beispiel für die wunderbare Kinematografie von Michelle MacLaren © AMC

Trotz aller ehrbaren Absichten hat es am Ende aber doch den Anschein, als sei Jimmy nun für neue Missetaten empfänglich. Zu aufreibend ist der Alltag als Pflichtverteidiger, der ihm zwar keine intellektuellen Höhenflüge abverlangt (wie die zweite Montage sehr schön zusammenfasst), der aber ob fehlender Gratifikation - sowohl menschlicher als auch monetärer Art -, schnell an den Nerven zehrt. Als Ventil dient Jimmy immer wieder Mike (Jonathan Banks), den die Autoren - verglichen mit Tuco - überaus behutsam in die Handlung einbauen.

Troll alert here. Don't feed him.

Die Aussichtslosigkeit von Jimmys Unterfangen manifestiert sich schließlich in der Trostlosigkeit seines Büros. Dort angekommen, stürzt er sich als Erstes hoffnungsvoll auf den Anrufbeantworter, der aber immer nur diese eine, niederschmetternde Nachricht zu verkünden hat: „You have zero messages.“ („Sie haben null Nachrichten.“) Würde diese unbarmherzige Stimme doch wenigstens von „keinen“ neuen Nachrichten berichten! Aber dieses „null“ ist noch einmal viel ernüchternder.

Je nach Lesart bekommt Jimmy hernach zum genau richtigen (beziehungsweise falschen) Zeitpunkt Besuch von Nacho (Michael Mando aus Orphan Black), Tucos etwas gemäßigterem Kollegen. Er schlägt Jimmy einen Deal vor, den der Anwalt zunächst ausschlägt, über den er wohl aber noch intensiv nachdenken wird. Für einen sechsstelligen Finderlohn soll Jimmy den korrupten Beamten ausliefern, dessen Vertretung er in der Pilotepisode noch übernehmen wollte.

Den Autoren gelingt mit der Einführung dieses neuen Charakters ein gelungener Schachzug, denn sie lösen ihre Geschichte damit stärker von der Vorgängerserie, als wenn sie Tuco zum zentralen Finsterling der ersten Staffel machen würden. Überdies agiert Nacho überlegter, mit kühlem Kopf - er hat charakterliche Tiefe, ist kein comichaft überzeichneter Bösewicht wie sein Partner.

Eine weitere hoffnungsfroh stimmende Nebenwirkung dieser neuen Figur ist der damit verbundene übergreifende Handlungsbogen. Das schmälert meine Befürchtung (die nicht jeder mit mir teilt), aus Better Call Saul könne ein Anwalts-Procedural mit wöchentlich wechselnden Fällen werden. Noch mehr als die Auftaktepisode hat es Mijo trotz vielfacher Breaking Bad-Referenzen geschafft, ein eigenes Universum zu etablieren. Im zweiten Teil der Episode habe ich kaum noch daran gedacht, woher diese neue Serie kommt. Stattdessen habe ich mich in dieser Geschichte sofort heimisch gefühlt - ein sehr, sehr gutes Zeichen.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Mijo - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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