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Better Call Saul: Marco - Review

Review zu Episode 1x10

Bob Odenkirk als Jimmy McGill im Finale der ersten Staffel von „Better Call Saul“, „Marco“  /  (c) AMC
Bob Odenkirk als Jimmy McGill im Finale der ersten Staffel von „Better Call Saul“, „Marco“ / (c) AMC

Marco bringt nicht nur die erste Staffel von Better Call Saul zu einem sehr befriedigenden Abschluss, sondern entfaltet auch anhand seiner Hauptfigur erneut eine unglaublich dramatische Wucht. Am Ende ist der alles entscheidende Entwicklungsschritt von Jimmy McGill zu Saul Goodman vollzogen.

Es ist ein Jammer, dass wir nun ungefähr ein Jahr auf die zweite Staffel von Better Call Saul warten müssen. Diese Wehmutsbekundung rührt nicht nur daher, dass wir mit dem Ende von Marco unsere Hauptfigur zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben sehen, in dem sich Jimmy McGill (Bob Odenkirk) näher als jemals zuvor an seinem späteren Alter Ego Saul Goodman befindet. Es brennt uns ja unter den Fingernägeln, zu erfahren, wie die nächsten Schritte in seiner Entwicklung weg vom brüderlichen Vorbild Chuck (Michael McKean) aussehen werden.

Es ist auch ein Jammer, da man ein hochwertiges Drama, das mit so viel Sorgfalt und Liebe für seine Charaktere - auch wenn sie sich etlichen Strapazen stellen mussten - gestaltet wird, schlichtweg aufgrund dieser hohen Qualität vermissen wird. Ich persönlich habe nach anfänglicher Skepsis mit großer Freude Woche für Woche die schrittweise Entwicklung Jimmy McGills zu der Figur verfolgt, die wir letzten Endes in der Mutterserie Breaking Bad kennengelernt haben, die Jimmy aber eigentlich nie wirklich werden wollte.

Die Umstände, wie es dazu kam, wurden innerhalb der zehn Episoden der ersten Staffel von „Better Call Saul“ wunderbar aufgezeigt. Und zwar mit all ihren Zwischentönen und Charakteren, auf die Jimmy McGill traf und die mehr oder minder stark ihre Spuren an ihm hinterlassen haben.

Time to grow up

Jimmys gescheiterte Beziehung zu seinem Bruder Chuck markiert dabei wohl den zentralen Auslöser für Jimmys weiteren Werdegang. Chuck hatte ihm in der letzten Episode (Pimento) unmissverständlich klargemacht, nie viel von Jimmy gehalten zu haben, selbst, nachdem er sein Leben wieder auf die Reihe bekommen hatte. In aller Ausführlichkeit führen uns die Serienmacher um Vince Gilligan und Peter Gould nun vor Augen, wie schwer Chucks Verrat tatsächlich wiegt und wie sehr Jimmy von diesem getroffen wurde.

Über einen Rückblick in Jimmys altes Leben als Slippin' Jimmy wird abermals deutlich, wie dankbar Jimmy Chuck war, der ihm eine allerletzte Chance auf Besserung gab. Sein guter Freund und „Arbeitspartner“ Marco (Mel Rodriguez) warnte Jimmy zwar davor, seine Zukunft in die Hände von Bruder Chuck zu legen. Doch, wie es nun einmal bei kleinen Brüdern ist, vergötterte Jimmy Chuck, der über Jahre dann zu der Person avancierte, die der kleine Trickbetrüger um jeden Preis werden wollte. Er hatte eine aufrichtige Arbeit als Anwalt, angesehen von seinen Mitmenschen, mit beiden Beinen fest im Leben stehend.

Charlie Hustle

Der Blick in die Gegenwart frustriert und deprimiert derweil, denn Jimmys Bild von seinem großen Bruder ist mittlerweile in tausend kleine Einzelteile zersprungen. Hintergangen muss er nun doch zu Kreuze kriechen und sich auf den Deal mit Hamlin, Hamlin & McGill bezüglich des Sandpiper-Crossing-Falls einlassen. Was bleibt ihm denn sonst noch, nachdem Chuck ihn so schwer verletzt hat?

Es brodelt in Jimmy, zunächst nur ein wenig, doch der erwartete Wutausbruch lässt nicht lange auf sich warten. So viele Tiefschläge kann kein normaler Mensch unberührt verdauen, selbst wenn Jimmy Kim (Rhea Seehorn) versichert, dass es ihm gut geht - eine Lüge, um sein eigenes Gesicht zu wahren, welches er wenig später im Altenheim während einer Runde Bingo verliert. Doch Jimmy hat es sich verdient, mal ordentlich Dampf abzulassen und die Fassung zu verlieren, nach all dem, was ihm widerfahren ist.

Where it went off the rails

In der Szene um die vermaledeite Bingomaschine, die bei Jimmy immer wieder Erinnerungen an seinen Bruder und dessen Verrat weckt, und letzendlich zur Folge hat, dass bei dem jungen Anwalt eine Sicherung durchbrennt, werden wir Zuschauer vor allem an eines erinnert. Jimmy war stets ein unglaublicher Pechvogel, gegen den sich bisweilen das komplette Universum verschworen hatte. Mit einem Schlag macht er all seinen Frustrationen und seiner Wut Luft. Es ist zwar amüsant, in die verdutzten Gesichter der Senioren zu schauen, die am liebsten einfach nur weiter Bingo spielen möchten. Allerdings ist es genauso tragisch, Jimmy von einer früheren Erfahrung berichten zu hören, die symptomatisch für sein ewiges Dasein als Unglücksrabe steht.

Da wollte er der Affäre seiner Frau auf gewitzter Art und Weise eins auswischen, eine Verkettung unglücklicher Umstände führte jedoch dazu, dass er als Sexualstraftäter angeklagt wurde, was sein Leben aus der Bahn warf. Ab diesem Zeitpunkt ging es bergab, einzig die rettende Hand von Chuck vermochte ihn aus seinem Schlamassel zu ziehen.

Doch auch dieser hat ihn letzten Endes fallen gelassen. Jimmy befindet sich an einem neuen Tiefpunkt in seinem Leben, dass er so aufopferungs- und mühevoll zum Besseren wenden wollte. Wie Bob Odenkirk hier mit seiner Beherrschung ringt und letztlich doch alles rauslässt, was seiner Figur auf der Seele brennt, ist großes Kino. In jeder Sekunde fühlen wir mit unserer Hauptfigur mit und können es selbst nicht glauben, wie viel Schlechtes Jimmy durchgemacht und trotzdem nie das Handtuch geworfen hat - bis jetzt.

Why I'm here

Kurzzeitig scheint es in Marco nämlich so, als würde Jimmy nur allzu gerne in sein altes Leben zurückkehren wollen, in eine Zeit vor Chuck, als vielleicht nicht immer alles rund lief, ihm jedoch der Vertrauensbruch seines geliebten Bruders erspart blieb. Jimmy begibt sich zurück in seine Heimat Chicago, wo er auf seinen alten Weggefährten Marco trifft, der nach wie vor gutgläubige Opfer um ein paar Scheine erleichtert und mit seinem „Verdienst“ in den Tag hineinlebt. Es ist ein einfaches Leben, das Marco führt, was im Vergleich zu all den Vorkomnissen, die Jimmy kürzlich durchlebt hat, fast schon verlockend erscheint.

© IMAGO
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Bob Odenkirk und Jonathan Banks als Jimmy McGill und Mike Ehrmantraut in %26bdquo;Marco%26ldquo;   © AMC
Bob Odenkirk und Jonathan Banks als Jimmy McGill und Mike Ehrmantraut in %26bdquo;Marco%26ldquo; © AMC

The future

So verwundert es nicht, dass Jimmy, der seine früheren Gaunereien und Marco für immer hinter sich lassen wollte, plötzlich wieder in seine alte Rolle des Slippin' Jimmy verfällt, in der er andere Menschen abzockt und den Gewinn sofort verprasst. Es ist doch so viel unkomplizierter und angenehmer, als all die Dinge, die sein Leben als aufrichtiger Anwalt mit sich gebracht hatte.

In einer wunderbar geschriebenen Szene sowie einer flotten Montage, in der Jimmy und Marco einen Anzugsträger spielend leicht hinters Licht führen, sehen wir den Jimmy, dem unsere Hauptfigur eigentlich längst den Rücken zugekehrt hatte. Er feiert jetzt jedoch seine Wiederauferstehung, weil dem neuen Jimmy McGill nach Slippin' Jimmy Stück für Stück die Hoffnungen auf ein ehrlicheres Leben genommen wurden.

Es ist beinahe ironisch, wie Jimmy mit einer Sonderprägung des „Kennedy Half Dollar“ sein potentielles Opfer über den Tisch ziehen will. Der darauf abgebildete Präsident blickt im Gegensatz zu anderen berühmten Konterfeis auf amerikanischen Geldstücken nicht gen Osten Richtung Sonnenaufgang. Er blickt gen Westen, getreu dem amerikanischen Frontiergedanken: unerschrocken in unbekannte Territorien vorzudringen und nicht zurück auf die Vergangenheit, sondern in die Zukunft zu schauen.

Auch Jimmy blickte einst in Richtung hoffnungsvoller Neuanfang und kehrt nun zu seinem vergangenen Leben zurück. Doch nun schweift sein Blick langsam auf das, was vor ihm liegt: auf ein Leben ohne Chuck als ständige Präsenz, die ihn mehr zurückhält, als dass sie ihm hilft, seine eigenen Ziele zu verwirklichen.

Out of the system

Aus diesem Grund hat der Trip in die Vergangenheit zu Slippin' Jimmy nach kurzer Zeit auch schon wieder ein Ende, erkennt Jimmy doch, dass auch das nicht die Lösung für seine Probleme und Sorgen sein kann. Ein letzter Streich, der eins zu eins Jimmys und Marcos Masche aus der Episode (Hero) gleicht, öffnet Jimmy schließlich vollends die Augen, dass es eine dritte Option neben dem Leben als Kleinkrimineller und Enttäuschungen als unbedeutender Rechtsverdreher geben muss. Auch wenn diese Erkenntnis mit einem sehr hohen Preis daherkommt...

Der tragische Tod Marcos, der einem Herzversagen erliegt, dient als Mahnung für Jimmy. Doch nicht nur das - er verliert auch einen guten Freund, der wie er in einem Trott festsaß, der nur noch weiter nach unten führte. Jimmy konnte diesem entrinnen und wurde zwar von seinem Retter später wieder in diese Abwärtsspirale hineingestoßen, doch jetzt liegt es an ihm allein, über sich hinauszuwachsen und es erst recht allen zu zeigen. Ob nun seinem Bruder Chuck oder wem auch immer.

What stopped us?

Die erste Chance darauf bietet sich Jimmy durch einen Anruf von Kim, den er während der Beerdigung von Marco (dessen Ring Saul Goodman übrigens auch in Breaking Bad trägt - ein fantastisches kleines Detail!) bekommt. Er könnte nun wohl doch an dem Sandpiper-Crossing-Fall mitarbeiten und zwar über eine Anwaltsfirma in Santa Fe, die von Hamlin, Hamlin & McGill mit ins Boot geholt wird, um in dem Prozess nicht den Überblick zu verlieren. Ein verlockendes Angebot...

Wir sehen dann noch einmal Jimmy in seinem Wagen vor Chucks Haus, der einer neuen Haushaltshilfe konkrete Anweisungen gibt. Abermals werden wir daran erinnert, wie sehr sich Jimmy um seinen Bruder gekümmert und wie viel er für ihn getan hat. Chuck stellt sich noch einmal kurz der Möglichkeit, vor die Tür zu treten und sich bei seinem kleinen Bruder zu entschuldigen. Doch Jimmy drückt aufs Gaspedal und fährt hoch motiviert zu seinem Vorstellungsgespräch, hält jedoch kurz davor noch einmal kurz inne.

Denn: Will er das wirklich? Möchte er nun doch in gewisser Weise in die Fußstapfen seines älteren Bruders treten und zu einem Partner in einer großen Anwaltskanzlei werden? Oder schließt er nun endgültig mit diesem Ideal ab, lässt das verkehrte Vorbild Chuck hinter sich und geht seinen eigenen Weg? Letzteres ist der Fall und so steigt Jimmy wieder in seinen Wagen und hält noch einmal kurz bei Mike (Jonathan Banks) an der Parkplatzschranke an, um sich die Frage beantworten zu lassen, warum sie nicht das Geld von Kettlemans genommen hatten.

Mike erfüllte nur die ihm aufgetragene Aufgabe, während Jimmy von seinem Gewissen zurückgehalten wurde, von seinem Glauben, das Richtige getan zu haben. Doch was hat es ihm letztlich gebracht, seine Aufrichtigkeit, seine Ehrlichkeit? Nichts. Jimmy wurde von der ihm am nahestehendsten Person verraten, weil er ähnlich naiv und gutgläubig wie seine Opfer war, die er einst abgezockt hatte. Doch das wird ihm nie wieder passieren. Mit einem Lächeln und den Klängen von Deep Purples „Smoke on the Water“ auf den Lippen fährt Jimmy fest entschlossen davon. Jimmy McGill? Das war einmal. Wir präsentieren: Saul Goodman.

Fazit

Die Episode Marco macht eine wunderbare Schleife um das Gesamtpaket der ersten Staffel von Better Call Saul und enttäuscht zu keiner Sekunde. Erneut darf Bob Odenkirk sein ganzes Repertoire abrufen und macht es uns Zuschauern so extrem einfach, eine emotionale Verbundenheit zu seiner Figur aufzubauen, die sich am Ende des Tages voll und ganz auszahlt.

Die Serienschöpfer um Vince Gilligan und Peter Gould haben es eindrucksvoll geschafft, einer (im Grunde genommen mit Mike sogar zwei) der beliebten Nebenfiguren aus dem Breaking Bad-Universum eine eigene Geschichte zu verpassen. Deren Charakter wird von allen Seiten beleuchtet und es wird nachvollziehbar aufgezeigt, unter welchen Umständen ein Saul Goodman entstehen konnte.

Better Call Saul“ gehört bereits jetzt schon zu den besten Serien des Jahres 2015, da es sich um ein hochinteressantes, packendes sowie extrem unterhaltsames Charakterdrama handelt, das über seinen Protagonisten hinaus auch den Nebenfiguren etliche Freiräume zur Entfaltung gibt. Eine derartig konsequente, bewegende Figurenzeichnung mitsamt des unvergleichlichen Erzählstils forderte mir persönlich neben einigen Tränen, viel Empathie sowie Gelächter vor allem eines ab: eine ganze Menge Respekt.

In eigener Sache: Es war mir eine Freude, für drei Folgen Kollege Axel bei den Reviews zu „Better Call Saul“ vertreten zu dürfen. Ich bedanke mich auch in seinem Namen für die vielen Kommentare von Euch Lesern unter den Kritiken zu den verschiedenen Episoden, über die wir uns jede Woche aufgrund ihrer Konstruktivität immer wieder gefreut haben.

Felix Böhme

Der Artikel Better Call Saul: Marco - Review wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht. Felix Böhme hat bereits 1.708 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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