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Better Call Saul: Mabel - Review

Kritik der Episode 3x01

Bob Odenkirk in „Mabel“  /  (c) AMC
Bob Odenkirk in „Mabel“ / (c) AMC

Das Breaking Bad-Spin-off Better Call Saul setzt in der Episode Mabel hinsichtlich seines eigenwilligen Erzähltempos neue Maßstäbe. In einer Seelenruhe spinnen die Serienmacher ihre Geschichte weiter. Und dennoch verfolgt man wie gebannt jede Bewegung der einzelnen Charaktere.

Irgendwie hat man sie ja vermisst, die gnadenlose Tempolosigkeit von Better Call Saul. Die Prequelserie zu Breaking Bad über den Werdegang des schmierigen Rechtsvertreters Saul Goodmann respektive Jimmy McGill hat in seinen bisherigen zwei Staffeln nur selten aufs Gaspedal gedrückt. Das Autorenteam um die beiden Serienschöpfer Vince Gilligan und Peter Gould ist stets vielmehr daran interessiert gewesen, minutiöses Storytelling zu betreiben, bei dem Geschichten mit so viel Sorgfalt und Weitsicht entworfen werden, dass einem oft lange Zeit gar nicht wirklich im Klaren ist, wohin das behäbige Treiben die Figuren und uns Zuschauer letztlich führen soll - bis es dann endlich klick macht und der Groschen auf unnachahnmliche Weise fällt.

Die AMC-Produktion (die dritte Staffel ist hierzulande seit heute immer dienstags mit neuen Folgen auf Netflix zu sehen), hat diese Erzählmethodik nahezu perfektioniert und weist dies in der Auftaktepisode Mabel erneut eindrucksvoll nach. Eine besondere Faszination geht dabei allen voran von dem Handlungsstrang um Mike (Jonathan Banks) aus, der im Finale der zweiten Staffel von einem Unbekannten gerade noch so aufgehalten wurde, Hector Salamancas Lichtlein auzupusten. In Zeiten von Peak TV kommen nicht sehr viele Serien damit davon, fast 15 Minuten einer gut 50-minütigen Episode ohne auch nur ein Wort zu füllen. „Better Call Saul“ schon.

Don't

Zwar gilt Mikes findiges Bemühen, herauszufinden wer ihn aufgehalten hat und darüber hinaus auch noch mit einem Peilsender verfolgt, als klare Nebengeschichte in der Episode „Mabel“. Dennoch mausert sich dieser Plot gerade zum Ende hin zu einem absoluten Höhepunkt der Folge. Das ist unter anderem dem Mut der Macher zuzuschreiben, die einfach die Kamera auf Jonathan Banks richten, während dieser in der Rolle des wortkargen Fixers erst seinen Wagen komplett auseinandernimmt und dann auch noch Gegenmaßnahmen ergreift, um seinen unbekannten Verfolgern auf die Spur zu kommen.

Lange Zeit grübelt man, welchen Plan Mike eigentlich verfolgt, warum er sich einen identischen Transmitter besorgt und den im Tankdeckel seines Fahrzeuges versteckten Peilsender mühevoll entlädt. Dass Mike in Erfahrung bringen möchte, wer ihm hier auf den Fersen ist und warum, dürfte jedem Zuschauer bewusst sein. Die Perfidität seines Vorgehens und dass sich dieses schlussendlich auszahlt, zaubert mir ein breites Grinsen ins Gesicht, weil ich für meine Geduld vollends belohnt werde. Es geht sogar schon fast so weit, dass ich Mike ohne irgendwelche Einwände noch 40 weitere Minuten beim Schrauben, Basteln und Tüfteln zugesehen hätte.

© IMAGO
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© AMC
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Damaged

Der Teufel liegt wie so oft im Detail, doch auch die Inszenierung von Vince Gilligan vermag es einen komplett zu fesseln. Dabei sind es sowohl die präzisen Aufnahmen von Mikes Kleinstarbeit als auch die kurzen Momente, in denen das Tempo unerwartet anzieht und wir Mike vor einem atemberaubenden Wüstenpanorama durch die Steppe heizen sehen. Über dieser zieht derweil ein Sturm auf, der noch leise im Hintergrund vor sich hindonnert, offensichtlich aber nicht mehr all zu lange auf sich warten lässt. Vielleicht nicht die subtilste Metapher, aber ein passendes Sinnbild zu Beginn der dritten Staffel von Better Call Saul, in der sich nicht nur Mike einer schleichenden, (noch) undefinierbaren Bedrohung ausgesetzt sieht.

Auch unser Titelcharakter Jimmy (Bob Odenkirk) muss nach dem endgültigen Bruch mit seinem Bruder Chuck (Michael McKean), den er wie sich im Finale der zweiten Staffel zeigte kaltblütig reingelegt hatte, auf stürmische Zeiten gefasst machen. Für einen kurzen Augenblick kehrt noch einmal Harmonie zwischen den beiden ein, als Jimmy und Chuck gemeinsam in ein paar Kindheitserinnerungen schwelgen. Doch Chuck macht sofort deutlich, dass das Tischtuch zwischen ihnen zerschnitten und ihr Verhältnis zueinander irreparabel zerstört ist.

Muddy waters

In Chucks wie so oft Jimmy gegenüber herablassenden Blick, erkennt man fast eine Spur Rachlust, das Verlangen nach Vergeltung und Gerechtigkeit, nachdem er von seinem kleinen Bruder übers Ohr gehauen wurde und er dadurch einen Teil seiner Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Und dabei hat er auch noch recht, Jimmy verfälschte die Unterlagen des „Mesa Verde Bank & Trust“-Deals, wodurch der Auftrag letztlich bei seiner Freundin und Anwaltspartnerin Kim gelandet ist, die sich nun mit all ihr zur Verfügung stehenden Mitteln in diese Aufgabe reinkniet, als würde ihre gesamte restliche Karriere davon abhängig sein.

Chuck hat zwar Jimmys „Geständnis“ in diesem Fall heimlich aufgezeichnet, doch was nutzt es ihm vor einem offiziellen Gericht, wie sein Partner Howard Hamlin (Patrick Fabian) letztlich richtig festhält. Das siegessichere Lächeln Chucks verrät aber, dass er einen Plan hat, eine Idee, um Jimmy die Quittung für sein Handeln und seine Respektlosigkeit zu geben. Michael McKean avanciert zu einer Art Bösewicht und neue Gefahr für Jimmy, der sich dieser Bedrohung noch gar nicht wirklich bewusst ist und sich zurück in seinen neuen Alltag stürzt. Dass sein Handeln mitunter furchtbare Konsequenzen haben könnte, blendet er (noch) aus.

© IMAGO
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© AMC
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Sugartown

Das kleine Aufeinandertreffen mit dem Militärangehörigen (Brendan Fehr), den er in der Episode Fifi noch über den Tisch zog, als er kurzerhand unter falschen Angaben ein Flugfeld für den Dreh seines Werbespots kaperte, dient als ein mahnendes Beispiel. Wer hätte gedacht, dass diese Lappalie Jimmy noch einmal einholen würde? Er ganz bestimmt nicht. Aber anstelle sich vor der Konfrontation zu fürchten oder sich irgendwie geschickt aus dieser herauszuwinden, sucht Jimmy plötzlich den Konflikt. Mit dem Captain sowie mit Chuck. Er hat es satt, immer von oben herab behandelt zu werden, als wäre er weniger wert als andere Menschen.

Jimmy geht in die Offensive, vorbei mit eitel Sonnenschein und Regenbogen (wortwörtlich, entfernt Jimmy diesen doch aus seiner Kanzlei). Es bestehen keine Zweifel daran, dass er weiterhin aalglatt um seine Klienten feilschen sowie mit aufgesetzter Freundlichkeit seiner Berufung nachgehen wird. Entscheidend ist, dass er nun im Ernstfall nicht mehr so schnell nachgeben und seinen Widersachern Paroli bieten wird. Und wenn nötig mit moralisch fragwürdigen Mitteln. Ob dieser Weg aber der richtige für Jimmy ist, steht auf einem anderen Blatt Papier. Der Blick auf „Cinnabon-Gene“ und Sauls Goodmans trostlose Zukunft nach den Ereignissen in Breaking Bad rufen in Erinnerung, wohin es Jimmy beziehungsweise Saul letztlich geführt hat.

The whole nine yards

Der jugendliche Ladendieb, den Saul verpfeift, erinnert ihn eventuell sogar ein bisschen an sich selbst. Entscheidend ist für mich in diesen Flashforward-Szenen jedoch, dass er dem Druck nicht standhalten kann, wenn er mit der Obrigkeit konfrontiert wird. Dies führt später nämlich dazu, dass er bewusstlos zusammenbricht. Würde Saul nun Ursachenforschung für diese Reaktion (die sicherlich auch damit zusammenhängt, dass er Angst davor hat, entdeckt zu werden) betreiben, dann dürfte er sich irgendwann auch an den Punkt erinnern, an dem sich gerade Jimmy befindet: An einem persönlichen Scheideweg.

Was ist Jimmy bereit zu opfern, um seine persönlichen Träume und Ambitionen zu verwirklichen? Wir Zuschauer wissen bereits, wo seine Entwicklung enden wird. Interessant wird zu sehen sein, ob beziehungsweise wann Jimmy erkennt, dass er durch diesen Persönlichkeitswandel zu einem sehr eigennützigen, reuelosen Charakter nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen schadet. Vor allem Kim (Rhea Seehorn) könnte die große Leidtragende dieser Entwicklung sein, die sich ehrlich ihre Lorbeeren verdienen möchte und es wie Jimmy ihrem Umfeld beweisen will. Die Art und Weise, wie beide dieses Ziel erreichen wollen, könnte aber unterschiedlicher nicht sein.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Mabel - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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