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Better Call Saul: Gloves Off - Review

Kritik der Episode 2x04

Mike (Jonathan Banks) zielt, drückt aber nicht ab.  /  (c) AMC
Mike (Jonathan Banks) zielt, drückt aber nicht ab. / (c) AMC

Die Episode Gloves Off beschert uns nicht nur ein Wiedersehen mit alten Bekannten, sondern auch dramatisches Dynamit. In beiden Handlungsbögen kommt es zu spektakulären Konflikten, wobei der eine gewalttätiger ausgeht als der andere. Better Call Saul auf Spitzenniveau!

Für all jene Zuschauer, die sich bisher mehr Breaking Bad im Spin-off Better Call Saul gewünscht haben, ist die Episode Gloves Off ein gefundenes Fressen. Anders als die bislang „breakingbadigste“ Episode - Five-O (1x06) - spielt hier jedoch nicht nur Mike (Jonathan Banks) eine Hauptrolle, sondern auch die Titelfigur der Serie, Jimmy McGill (Bob Odenkirk). Das zeugt davon, dass Autor Gordon Smith und Regisseur Adam Bernstein, die auch schon „Five-O“ zu verantworten hatten, verstanden haben, die beiden Handlungsbögen nicht zu weit auseinanderdriften zu lassen.

Exuberance is no excuse

Die Episode liefert die vorläufigen dramatischen Höhepunkte für beide Figuren in dieser zweiten Staffel. Am Ende von Amarillo waren wir ja in beiden Erzählsträngen mit Cliffhangern entlassen worden, wenngleich der von Mike ungleich düsterer ausfiel als der von Jimmy. Das cold open von Gloves Off lässt uns nun noch ein bisschen länger im Dunkeln: Mike kommt nach Hause, wirft ein dickes Geldbündel auf den Tisch, öffnet sich ein kaltes Bier und nimmt sich eine Packung Tiefkühlkarotten aus dem Gefrierfach. Erst als das Licht auf seine andere Gesichtshälfte fällt, erkennen wir, wofür er das Gemüse braucht.

Bevor wir jedoch eine Erklärung für die offensichtlich sehr schmerzhaften Umtriebe Mikes bekommen, muss Jimmy erst einmal den Zorn seiner Vorgesetzten von Davis & Main ausbaden. Sie sind nicht nur höchst erbost darüber, dass er ohne Rücksprache einen Werbespot hat produzieren und sogar ausstrahlen lassen. Sie sorgen sich verständlicherweise auch um ihre sorgsam aufgebaute Reputation. Jimmy kann das zunächst nicht verstehen, weil er vom eigenen Erfolg geblendet ist und die Langzeitfolgen außer Acht lässt. Es ist sein ureigener Grundkonflikt, der hier wieder mit voller Macht durchbricht - Slippin' Jimmy vs. James McGill, Esquire.

Es ist dieser ständige innere Kampf, der nachfolgend auch seine wichtigsten Beziehungen belastet. Kim (Rhea Seehorn) will nichts von ihm wissen, da sie wegen seiner Aktion degradiert wurde. Dabei weiß sie noch gar nicht, dass Jimmy sie schon viel früher hätte warnen können - kurz nachdem er am Ende der letzten Episode von Clifford Main (Ed Begley Jr.) angefahren wurde. Hätte sie das gewusst, hätte sie sich in ihrem Meeting mit Howard (Patrick Fabian) und Chuck (Michael McKean) wohl nicht für Jimmy aufgeopfert.

© IMAGO
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Trotz weitreichender Differenzen kümmert sich Jimmy (Bob Odenkirk; r.) um seinen Bruder.   © AMC
Trotz weitreichender Differenzen kümmert sich Jimmy (Bob Odenkirk; r.) um seinen Bruder. © AMC

In voller Blüte erstrahlt showman Jimmy indes, als er sich entschließt, Chuck offen zu konfrontieren. Es ist eine wunderbar geschriebene und ebenso hervorragend gespielte Auseinandersetzung zwischen zwei Brüdern, die sich zwar lieben, aber völlig unterschiedliche Lebensauffassungen haben. Jimmy versucht zunächst, sich schützend vor Kim zu stellen, erzielt damit aber nicht die gewünschte Wirkung. Viel eher sieht sich Chuck veranlasst, ihr ein missgeleitetes Urteilsvermögen zu attestieren: „She knows you. She should've known better.

You're a ghost

Die brutal ehrliche Aussage trifft Jimmy wie ein Blitz, wobei sich bei ihm ein Schalter umzulegen scheint - vor allem, als Chuck noch einmal nachlegt: „You're like an alcoholic who refuses to admit he has a problem.“ Für Jimmy ist das Anlass genug, in seine Saul-Goodman-Persona zu schlüpfen. Er will jetzt einen schmutzigen Deal mit Chuck aushandeln, um Kim aus dem Keller zu holen: „Come on down, roll around in the dirt with me.“ Er erfüllt damit wieder genau das Bild, das sein älterer Bruder von ihm hat: „Life is not one big game of 'Let's Make a Deal'.

Genau damit trifft Chuck voll ins Schwarze, wie Jimmy freimütig zugibt. So sehr er sich auch dagegen wehren mag, seine Schattenseiten hinter sich zu lassen - er wird es nicht schaffen. Es bereitet ihm zuviel Freude, Geschäfte auf gerissene, eben nicht auf ehrliche Art einzufädeln. Er gefällt sich viel zu sehr in der Rolle des Trickbetrügers, des con artists, desjenigen, der nur seine Schläue und sein schnelles Mundwerk braucht, um jedes erdenkliche Opfer auszunehmen. Er will nicht in einem biederen Büro sitzen und Akten wälzen. Er will zwanzig verschiedene Handys benutzen und vor einer grotesk kitschigen Pappwand sitzen, auf der die amerikanische Verfassung geschrieben steht.

Mit diesem gewaltfreien Konflikt schafft das Kreativteam eine schöne Umkehrung des anderen großen Handlungsbogens der Serie. Wenn die Figur von Jimmy als Motor zwischenmenschlicher Konflikte dient, ist die von Mike für die Action à la Breaking Bad verantwortlich - und davon bekommen wir in Gloves Off die größte Portion seit der ebenso exzellenten Episode Five-O aus der ersten Staffel. Mike bekommt von Nacho (Michael Mando) den Auftrag, Tuco (Raymond Cruz) umzubringen. Er ist von Beginn an dagegen: „Killing your partner, that's a bell you don't unring.

© IMAGO
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Zwei der drei Drogendealer sind alte Bekannte aus %26bdquo;Breaking Bad%26ldquo;.   © AMC
Zwei der drei Drogendealer sind alte Bekannte aus %26bdquo;Breaking Bad%26ldquo;. © AMC

Jedoch befindet sich Mike in dieser Situation, weil es derzeit keine andere Möglichkeit gibt, Schwiegertochter und Enkelin ein besseres Leben zu ermöglichen. Und wie wir wissen, ist das seit dem Tod seines Sohnes sein einziger Lebensinhalt. Also nimmt er den Deal an, was uns ein weiteres Wiedersehen mit einem alten Bekannten aus „Bad“ verschafft - dem Waffenhändler Lawson (Jim Beaver), bei dem sich einst schon Walter White (Bryan Cranston) eingedeckt hatte.

That all you got?

Das Zusammenspiel der beiden Vietnam-Veteranen führt trotz offensichtlicher gegenseitiger Sympathie nicht zum Geschäftsabschluss. Als Mike das Gewehr in der Hand hält, das er für den Anschlag auf Tuco als am besten geeignet einschätzt, wird ihm die Tragweite seiner Entscheidung bewusst. Also schlägt er Nacho eine Alternative vor, die zwar weniger Belohnung verspricht und ein höheres Risiko birgt, ihn jedoch davon abhält, einen kaltblütigen Mord zu begehen. Es folgen zum Bersten spannende, gleichzeitig wunderbar witzige Szenen in bester „Breaking Bad“-Manier.

Ein Treffen von Tuco und Nacho in einem Imbiss beschert uns den berüchtigten Lügendetektortest, den Nacho zuvor bereits angedeutet hatte. Tucos Opfer ist dabei niemand Geringerer als Krazy-8 (Max Arciniega), dessen trauriges Schicksal allen „Bad“-Zuschauern bekannt ist. Als der Drogendeal vom Tisch ist, schreitet Mike in bester Heisenberg-Manier zur Tat. Am Ende sitzt Tuco für lange Jahre im Gefängnis, was den Autoren eine beträchtliche Verschnaufpause in Sachen Logiklückenvermeidung einräumt. Nun hat diese Figur sowohl Kontakt mit Jimmy als auch mit Mike gehabt und seine Pflichten als goodie an alle „BB“-Fans erfüllt.

Die Dramaserie Better Call Saul bleibt ihr ganz eigenes Ding, das über zwei hervorragende Hauptfiguren verfügt, deren Geschichten trotz bekanntem Ausgang äußerst interessant bleiben. Sie besitzt ausreichend DNA der Mutterserie, um deren Fans glücklich zu machen, unterscheidet sich aber auch genug von ihr, um Zuschauer zu überzeugen, die „Bad“ nicht so toll fanden. Die stillen Konflikte sind ebenso wirkmächtig wie die lauten und actionreichen. Wenn sie beide wie in Gloves Off miteinander verschmelzen, macht mich das wunschlos glücklich.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Gloves Off - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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