Du bist hier: Serienjunkies » News »

Better Call Saul: Five-O - Review

Review zu Episode 1x06

Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) kommt mit wenig Gepäck und viel emotionalem Ballast in ABQ an.  /  (c) AMC
Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) kommt mit wenig Gepäck und viel emotionalem Ballast in ABQ an. / (c) AMC

Five-O erzählt die Vorgeschichte von Jimmy McGills späterem Partner, dem großen Stoiker Mike Ehrmantraut. Damit erreicht Better Call Saul zum ersten Mal die emotionalen Höhen seiner Vorgängerserie. Mike-Darsteller Jonathan Banks liefert eine brillante Vorstellung ab.

Als ich heute Morgen in meinen Twitter-Feed schaute, explodierte dieser beinahe vor (nicht ganz ernst gemeinten) Forderungen, Jonathan Banks doch einfach jetzt schon den Emmy als besten Nebendarsteller zu verleihen. Schon für die gleiche Rolle in Breaking Bad hätte der Schauspieler diesen Preis verdient gehabt, hatte jedoch das Pech, mit einem gewissen Aaron Paul in der gleichen Kategorie nominiert gewesen zu sein. In Five-O liefert Banks nun aber eine Performance ab, die sehr schwer zu übertreffen sein wird.

You go along to get along

Die Episode erzählt die Vorgeschichte von Mike Ehrmantraut in Philadelphia, wo er über 30 Jahre als Polizist arbeitete, bevor ihn die in dieser Folge gezeigten Ereignisse dazu zwangen, der Stadt den Rücken zu kehren und nach Albuquerque zu kommen. Am Ende kommt es zu einem Bekenntnis, das an emotionaler Intensität kaum zu überbieten ist und an die fesselndsten Szenen von Breaking Bad erinnert. Better Call Saul hat schon längst einen eigenen Ton gefunden, sollte dieser allerdings mit einer kräftigen Portion Düsternis angereichert werden, kann das der Serie nur guttun.

Dass der große Stoiker Mike für zusätzliche dramatische Würze verantwortlich ist, kommt dabei nicht als Überraschung. Wenn man Jimmy McGill (Bob Odenkirk) als zentrale Figur einer Serie etabliert, kann man nicht erwarten, dass diese die dramaturgischen Tiefschläge ihres Vorgängerformats liefert. Hier ist alles ein bisschen leichter, ein bisschen beflügelter, ein bisschen witziger. Dies bedeutet jedoch noch lange nicht, dass es völlig unmöglich ist, die gleiche emotionale Rohheit auf den Bildschirm zu bringen. Nur sind dafür eben andere Figuren vonnöten.

Bestens dafür geeignet: Mike Ehrmantraut. Am Ende von Alpine Shepherd Boy war er von zwei ehemaligen Kollegen in seinem Haus aufgesucht worden. Schon da war klar, dass sie nicht den weiten Weg quer durch die USA hinter sich gelegt haben, um ihm ein paar harmlose Fragen zu stellen. Trotzdem versuchen sie, ihn als ihren letzten möglichen Zeugen darzustellen, was Mike selbstredend sofort durchschaut. Obwohl er nicht verhaftet wurde, weiß er genau: Sie verdächtigen ihn des Mordes an zwei seiner ehemaligen Kollegen. Deshalb kennt er auf ihre wiederholten Bitten nur eine Antwort: „Lawyer.

© IMAGO
© IMAGO
Wie ein junger Paul Newman im Matlock-Outfit!   © AMC
Wie ein junger Paul Newman im Matlock-Outfit! © AMC

Mike hat auch schon eine genaue Vorstellung davon, wer ihn vertreten soll - nämlich derjenige, der ihm noch einen Gefallen schuldet: Jimmy McGill. Ihn hält er trotz (oder gerade wegen) seines Matlock-Outfits für den richtigen Mann, ihm bei einem kleinen Überfall behilflich zu sein. Er will seinem ehemaligen Kollegen mittels eines - von Jimmy so bezeichneten - „Juan Valdez bump and dump“ das Notizbuch entwenden. Die erfolgreiche Kooperation ist wohl die erste von vielen ausstehenden krummen Dingern, die die beiden zusammen drehen - oder wie Jimmy diese nennen würde: „Third rate Marx Brothers routine.

You're the strong silent type, hooray for you!

Das anschließende Verbalgefecht der beiden (wenngleich nur einer wirklich viel redet) ist herrlich, bleibt aber der letzte comic relief-Moment der Episode. Der große Rest nimmt einen gewöhnlichen Plot und macht daraus ein emotionales Massaker. Noch während der Unterredung mit den Ermittlern aus Philadelphia (Jimmy im deadpan-Modus: „Philadelphia? Go Eagles.“) erfahren wir erste Details, warum sich Mike nach Albuquerque abgesetzt haben könnte.

Sein Sohn Matt war ein rookie bei der Polizei und wurde angeblich während einer schiefgelaufenen Razzia von einem Junkie erschossen. Nur sechs Monate später wurden sein Partner Hoffman und sein Vorgesetzter Fenske ebenso erschossen aufgefunden. Gegenüber Mike lassen die Ermittler natürlich nicht verlautbaren, dass sie ihn der Morde verdächtigen. Das weiß er aber schon längst, schließlich entspricht ihre Theorie der Wahrheit. Den Notizblock braucht er lediglich, um feststellen zu können, wie weit ihre Ermittlungen fortgeschritten sind.

Jimmy beendet die Unterredung denn auch entsprechend zügig. Interessant ist dabei, wie sehr er hier schon im Saul-Goodman-Modus agiert. Er kann die Absichten seines Gegenübers schnell und präzise lesen und ist überdies zu neugierig, um bei einem entsprechenden Angebot nicht wieder seine alten Slippin' Jimmy-Fähigkeiten hervorzukramen. In dem Gespräch erfahren wir außerdem, dass Mike wohl trockener Alkoholiker ist, was nun eine Lüge sein könnte oder nicht. Die Rückblenden zu seiner Zeit in Philadelphia legen aber zumindest nahe, dass dies durchaus der Wahrheit entsprechen könnte.

© IMAGO
© IMAGO
Showdown in der Gasse   © AMC
Showdown in der Gasse © AMC

Gegenüber seiner Schwiegertochter Stacy (Kerry Condon) bringt er schließlich die ganze Wahrheit ans Licht. Seine gesamte Abteilung des Philadelphia Police Department war in illegale Aktionen verwickelt. Meistens wurde dabei bei Drogendealern gefundenes Bargeld unterschlagen. Sein Sohn Matt musste nun sterben, weil er sich zunächst dieser Praxis widersetzen wollte. Fenske (Lane Garrison) und Hoffman (Billy Malone) lockten ihn in einen Hinterhalt, ermordeten ihn und ließen es wie eine schiefgelaufene Razzia aussehen.

I broke my boy

Die Geschichte beinhaltet indes noch einige feinere Details, die schwer auf Mikes Gewissen lasten. Er gibt sich nämlich eine Teilschuld für den Tod seines Sohnes, obwohl er alles daran gesetzt hatte, sein Leben zu retten. Als sich Matt wegen des moralischen Dilemmas an ihn wendete, riet er ihm dazu, das Geld trotz der Vorbehalte anzunehmen und damit etwas Gutes zu tun. Doch da war es schon zu spät, Fenske und Hoffman verdächtigten Matt bereits, sie verpfeifen zu wollen - sein Todesurteil. Mike hatte ganz umsonst das ehrenhafte Bild zerstört, das sein Sohn von ihm gehabt hatte: „It was for nothing. I made him lesser, I made him like me.“ („Es war alles umsonst. Ich habe aus ihm einen schlechteren Menschen gemacht. Ich habe ihn so gemacht wie mich.“)

Fortan war er nur noch von einem Gedanken erfüllt: Rache. Mit einigen Kniffen, die an diejenigen von Walter White, zumindest aber an die sex robot-Stimme von Jimmy McGill erinnern, lockt er seine beiden Erzfeinde in eine tödliche Falle. In einem echten Western-stand-off wartet er zunächst darauf, dass einer seiner Widersacher versucht, mit einer leeren Waffe auf ihn zu feuern, bevor er beide gnadenlos erschießt - Hoffman sogar mit einem Kopfschuss. Er selbst erleidet dabei eine Schulterverletzung, die er erst nach seiner Ankunft in Albuquerque von einem Veterinär verarzten lässt. Schön auch, dass wir in dieser Szene einen ersten Einblick in die Unterwelt der Wüstenstadt bekommen, wo sich Mike bald mit größerer Häufigkeit aufhalten wird.

Der emotionale Höhepunkt ist erreicht, als Mike gegenüber Stacy wortlos gesteht, dass er Fenske und Hoffman ermordet hat. Für sie stellt sich nun nur noch eine Frage: „Can you live with it?“ („Kannst du damit leben?“) Angesichts des unterkühlten Verhältnisses zwischen den beiden würde ich vermuten, dass Stacy ihrem Schwiegervater zukünftig zwar die eigene Tochter anvertraut, mit ihm direkt aber nichts mehr zu tun haben möchte. So ähnlich wurde das ja in Breaking Bad auch schon angedeutet.

Five-O ist ein echtes showcase für Jonathan Banks. Bisher agierte der Schauspieler größtenteils mit mimischem Minimalismus, nun kann er endlich einmal sein ganzes Potential als Dramadarsteller vorzeigen. Das Geständnis von Mike gegenüber Stacy gehört zum Mitreißendsten und emotional Aufwühlendsten, was ich bisher in diesem Jahr gesehen habe. Better Call Saul bleibt wohl eine Serie mit lockererem Ton als ihr Vorgänger, solche Ausflüge in die Achterbahn der Gefühle machen sie aber zu etwas Besonderem.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Five-O - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

Aktuelle Lieblingsbeiträge der Leser von Serienjunkies


Disney+: Neue Serien und Filme im Februar 2023 (Update) Disney+: Neue Serien und Filme im Februar 2023 (Update)

Was hat Disney+ für die Kunden des hauseigenen Streamingdienstes im Februar 2023 zu bieten? Eine gewaltige Postion des Anime Bleach, Reservation Dogs, The A Word und Black Panther: Wakanda Forever stehen auf dem Plan. Zudem... [mehr]

Von Adam Arndt am Mittwoch, 8. Februar 2023 um 14.05 Uhr.