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Better Call Saul: Kritik zur achten Folge der 4. Staffel der Dramaserie

Better Call Saul: Coushatta - Review

Kritik der Episode 4x08

„Better Call Saul“ (c) AMC
„Better Call Saul“ (c) AMC

In der Better-Call-Saul-Episode Coushatta führen Kim und Jimmy ihren Plan aus, um Huell aus der Misere zu boxen. Dieses Vorhaben bringt die beiden wieder etwas näher zusammen, doch die Zukunft des Duos stimmt weiterhin skeptisch. Mike muss indes die Kontrolle wahren, während Nacho nach drei Episoden ohne ihn sein Comeback gibt.

Wie hat es eine bekannte Serienfigur in einer nicht minder bekannten Kultserie aus den 1980er Jahren doch regelmäßig so schön formuliert? „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ Im Rahmen unserer Reviews zu Better Call Saul haben wir von SERIENJUNKIES.DE® immer wieder auf die verschiedenen Stärken der AMC-Produktion hingewiesen. Da wäre die absolute Hingabe zum Prozess, die Präzision bei der Umsetzung und das Gespür dafür, stets eine andere Lösung für gewagte Ideen zu finden, als es bei der breitgefächerten TV-Konkurrenz zu beobachten ist. Die vielsagenden, perfekt abgestimmten Montagen und die hervorragenden Darbietungen, die den emotionalen Kern der Serie ausmachen, darf man selbstredend ebenfalls nicht vergessen.

Man könnte noch weitere wiederkehrende Attribute aufzählen, doch mit Blick auf die Episode Coushatta muss man vor allem eines hervorheben: Die Verantwortlichen lieben es, Pläne zu schmieden. Oder besser gesagt: Sie lieben es, ihre Charaktere Pläne schmieden zu lassen, sie dabei zu begleiten, wie besagte Pläne durchexerziert werden und dann am Ende zu zeigen, wie diese Pläne (im besten Fall) auch noch aufgehen. Im Laufe der Serie haben wir dies schon mehrfach beobachten können, ob es nun Jimmy (Bob Odenkirk) oder Mike (Jonathan Banks) gewesen sind, die sich gewissenhaft und gewieft auf ein bestimmtes Szenario vorbereitet haben, um den Ausgang einer kniffligen Situation zu ihrem Vorteil zu beeinflussen. Dieses Mal ist es Kim (Rhea Seehorn), die einen ganz famosen Einfall hat, wie sie und Jimmy Handlanger Huell Babineaux (Lavell Crawford) vor einer längeren Gefängnisstrafe bewahren können.

Und, mein lieber Schwan, macht das einen Spaß, diesem Plan beim langsamen Entfalten beiwohnen zu dürfen!

Spiel und Spaß

Wie so oft, wenn die Charaktere in „Better Call Saul“ einen Plan fassen, werden wir als Zuschauer anfangs komplett im Ungewissen gelassen. Wir werden herausgefordert, unsere eigenen grauen Zellen anzustrengen und selbst eine Lösung für das aktuelle Problem zu finden. Wenn wir Jimmy mit einem Fernbus bis in das weit entfernte Coushatta, Louisanna gondeln sehen, wie er während der langen Fahrt fleißig Postkarten schreibt und sich sogar bezahlte Hilfe für diese Aufgabe holt - bitte keine Kraftausdrücke, Chastity! -, dann fragt man sich schon, wohin das alles letztlich führen soll. Doch es entwickelt sich mit jeder weiteren Minute auch eine besondere Vorfreude darauf, wenn wir endlich erfahren, was es mit diesem Trip in eine eher unbedeutende Südstaatenkleinstadt auf sich hat, von der aus Jimmy letzten Endes Hunderte von gefälschten Briefen der örtlichen Poststelle übergibt.

Diese Vorfreude entsteht, weil wir mittlerweile wissen, dass etwas Gutes bei diesen undurchsichtigen Spielereien der Macher herumkommen wird. Das Team um Showrunner Peter Gould hat sich dieses Vertrauen erarbeitet und zahlt unsere Geduld und Erwartungshaltung doppelt und dreifach zurück. Mal wieder greifen die verschiedenen Zahnräder wunderbar ineinander: Während Kim der Staatsanwältin in dem Fall gegen Huell reichlich Arbeit macht und mit einer ganzen Mannschaft an Assistenten vorstellig wird, um diesen vergleichsweise mickrigen Vorfall zu klären, obliegt es Jimmy, im Hintergrund alles minutiös vorzubereiten und auf sämtliche Eventualitäten gefasst zu sein, wenn die Staatsgewalt zum Gegenschlag ansetzt. Wie dieses sorgfältig geschnürte Paket dann entpackt wird, ist wiederum ungemein befriedigend und entlockt mir als Zuschauer zahlreiche Lacher.

© IMAGO
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© AMC
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Ein waschechter Held

Allein der Aufmarsch von Kim im Büro von ADA Suzanne Ericsen (Julie Pearl) ist bereits ein Bild für die Götter. Man möchte Einsicht in die Personalakte des Polizisten, der attackiert wurde, und eine Vergangenheit mit Huell hat. Eventuell wurde Huell bei ihrem ersten Aufeinandertreffen sogar ungerecht behandelt. Dieser Aufwand für eine solche Lappalie? Und dann auch noch für den windigen Huell Babineaux? Warum? Aber das ist noch längst nicht alles - der Zirkus ist gerade erst in die Stadt gekommen. Jetzt baut sich die gigantische Manege auf: Der Posteingang des zuständigen Richters, Judge Benedict Munsinger (Ethan Phillips), wurde mit wütenden, entsetzten, um Nachsicht bittenden Zuschriften geflutet, allesamt aus dem beschaulichen Coushatta, Louisanna. Für die Bewohner des Örtchens ist Huell ein Held, ein Vorzeigebürger, der strahlende Stern der ansässigen Kirchengemeinde. So jemand wie ihn kann man doch nicht einfach so verurteilen! Kann denn nicht einmal jemand an den gutherzigen Huell Babineaux denken?

Wie an der Schnur gezogen nimmt der Plan von Kim und Jimmy Form an, doch so leicht gibt sich Suzanne Ericsen nicht geschlagen. Und hier erkennen wir eine spannende Parallele zu Kim, die ebenfalls nicht so leicht klein beigibt. Suzanne will die ganze Geschichte überprüfen, aber, siehe da, es stimmt: Huell ist ein gefeierter Lokalheld in Coushatta, wo er mehrere Senioren aus dem sicheren Flammentod gerettet hat. Das berichtet zumindest Pastor Blaise Hansford - also Jimmy im langgezogenen Südstaatenakzent, der sich seine alte Werbefilmcrew als Unterstützung geholt hat und etliche Mobiltelefone nutzt, um auf die Nachforschungen der Staatsanwaltschaft reagieren zu können. Ja selbst eine herrlich urige Webseite hat man gebastelt, die sich für den zu Unrecht beschuldigten Huell Babineaux einsetzt. Kein Witz: Die Free Will Baptist Church aus Coushatta, Louisanna nimmt Eure Spenden für den guten Zweck gerne entgegen.

Die dunkle Seite der Macht

Das ist selbst Suzanne Ericsen zu viel. Bevor aus dieser Mücke ein riesiger Elefant gemacht wird und ganze Busladungen an stolzen Bewohnern Coushattas aus Sympathie für Huell den Gerichtssaal stürmen, einigt man sich außergerichtlich. Huell kommt mit einem blauen Auge davon, Kim und Jimmy triumphieren, wir feiern diesen kleinen Erfolg mit ihnen. Und es tut gut. Vor allem Kim ist auf den Geschmack gekommen. Diese Aufregung, dieses Gefühl, wenn ein Plan aufgeht, diese Genugtuung, den Behörden ein Schnippchen geschlagen zu haben. Als sie Jimmy später vor seiner nächsten, potentiellen Kanzlei (Bruchbude ist noch eine Untertreibung) trifft, wirkt sie cool, lässig, ja sogar ein wenig gefährlich. Diese Risikobereitschaft passt so gar nicht zu Kim, die sich bei ihrer regulären Arbeit mit Mesa Verde erneut skeptisch zeigt, ob das wirklich so toll ist, womit sie momentan ihr Geld verdient.

Um den nächsten popkulturellen Meilenstein zu zitieren: Die dunkle Seite der Macht ergreift urplötzlich Besitz von Kim. Und Jimmy ist sich dieser Entwicklung bewusst. Ja, dieser gemeinsame Mummenschanz hat ihn und Kim nicht nur im übertragenen Sinn wieder näher zusammengebracht. Doch was musste vor allem Kim dafür opfern? Ihre moralischen Überzeugungen zum Beispiel. Jimmy hat sie korrumpiert und er weiß, dass er sie jetzt auf einen Pfad gebracht hat, von dem man nicht mehr so leicht runterkommt. Im Gespräch mit der sehr weisen Mrs. Ngyuen (Eileen Fogarty) wird offensichtlich, dass er es bereut, Kim involviert zu haben. Aber irgendetwas in ihm wollte eben, dass es zwischen ihnen wieder besser läuft, dass sie ihm nicht entrinnt und dass sie weiter zusammen sein können, nachdem sich ihre Leben so stark voneinander entfernt haben. Aber: War es das wert? Wir spüren förmlich das Hoch, das beide Charaktere für einen Moment erleben. Doch genauso merken wir, dass sich etwas anbahnt, das weitaus weniger schön sein wird...

© IMAGO
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They call it Hefeweizen

Pünktlich zum finalen Akt der vierten Staffel von Better Call Saul, in der uns nur noch zwei weitere Episoden erwarten, ist es wieder da: dieses mulmige Gefühl, die Ruhe vor der Sturm. Das beschränkt sich nicht nur auf den Handlungsstrang um Kim und Jimmy, der sich bisweilen so leicht und locker und kurzweilig gestaltet, dass die subtile, eher finstere Wendung am Ende einen großartigen Kontrast hinterlässt. Auch beim Lavanderia-Brillante-Bauprojekt ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, was absehbar gewesen ist. Jedoch kommen diese aus einer Richtung, die man eventuell weniger erwartet hat, denn neben Querulant Kai (Ben Bela Böhm, der natürlich ein altes Trikot von Borussia Dortmund trägt, was denn auch sonst - sorry, liebe BVB-Anhänger...) stellt plötzlich auch Chefplaner Werner (Rainer Bock) ein gewisses Risiko für das Vorhaben dar.

Die deutschen Leiharbeiter bekommen ihren kontrollierten Auslauf in einem Striplokal, in dem Kai nicht den besten Eindruck hinterlässt und von Mike dementsprechend in die Schranken gewiesen wird. Dass hier noch was kommen wird, dürfte klar sein, oder? Vielleicht spielen die Verantwortlichen aber auch nur mit uns. Es ist ja fast schon zu einfach, davon auszugehen, dass Kai die Wurzel allen Übels sein wird. Möglicherweise tut sich unerwarteterweise ein ganz anderes Problem auf, ausgehend vom vernünftigen, besonnenen Werner, mit dem sich Mike hervorragend versteht. Während seine jungen Kollegen ein bisschen Spaß brauchen, denkt Werner mehr an seine liebe Frau in der Heimat, von der er noch nie so lange getrennt gewesen war. Auch er sehnt sich nach Gesellschaft, was Mike verstehen kann. Zwischen den beiden ist eine Art Freundschaft entstanden, aber Mike hat eben auch einen Job zu erledigen. Und alles, was die Pläne von Gustavo Fring (Giancarlo Esposito) in Gefahr bringt, muss verhindert werden.

Also gibt es einen deutlichen Rüffel für Werner, der sich zwischen ein paar Hefeweizen mit fremden Menschen über seine Leidenschaft - das Bauwesen, die Architektur, die Konstruktion und so weiter - unterhalten hat. Um Mikes klare Ansage gegenüber Werner zu paraphrasieren: „Ich mag dich, ich verstehe dich, wir haben viele Gemeinsamkeiten. Aber wenn du das Unternehmen gefährdest und mit deinem Verhalten ein Risiko darstellst, dann bekommen wir beide ganz schnell Probleme...“ Ob es nun der laute Kai ist oder eben der ruhige Werner, mit dem Mike zuvor noch ein sehr sympathisches Gespräch an der Bartheke geführt hat. Am Ende muss auch Mike abliefern, dafür wurde er von Gus engagiert. Mit etwas Verspätung kann der Drogenbaron durchaus leben, solange die Arbeit qualitativ hochwertig ist und vor allem nicht an die Außenwelt dringt. Sollte das nicht der Fall sein, dann...

Heute beginnt der Rest deines Lebens

Abschließend begrüßen wir in Coushatta noch Nacho (Michael Mando) zurück, um den es in den letzten drei Episoden sehr still geworden war. Glücklicherweise, denn ich hatte ja (völlig zu Unrecht, weil die Macher ja nicht von gestern sind) ein paar Zweifel, dass die exzessive Leidensgeschichte von Nacho ab einem gewissen Punkt zu viel werden könnte. Die Auszeit hat aber gutgetan, allen voran Nacho selbst, der mittlerweile wieder wie ein gesunder Mensch aussieht. Zumindest äußerlich. Innerlich ist er nach wie vor eine gequälte Seele, er fantasiert von der Flucht mit seinem Vater aus seiner Privathölle und ist auf den Tag vorbereitet (Cash und Ausweise liegen parat), wenn sich die Chance ergeben sollte. Bis dahin managt er die Geschäfte der Salamancas und lässt dabei keine Zweifel aufkommen, wie ernst er diese Aufgabe nimmt. Das bekommt ein glückloser Kleingauner zu spüren, dem Nacho als Mahnung einfach mal den Ohrring rausreißt.

Man merkt Nacho in seinen Szenen an, dass er coole Miene zum unerträglichen Spiel macht. Er gibt sich kontrolliert, doch es ist ihm anzusehen, dass er selbstverständlich alles andere als zufrieden mit seiner aktuellen Situation ist. Momentan bleibt ihm jedoch nichts anderes übrig, als sich zu fügen und den Drahtseilakt zwischen zwei Lagern - den Salamancas und Gustavo Fring - fortzusetzen. Auf ein Sicherheitsnetz kann er dabei nicht bauen, schlimmer noch: Er bekommt bei diesem riskanten Seiltanz jetzt auch noch unerwünschte Gesellschaft. Die Salamancas haben nämlich den viel zu charismatischen, gut gelaunten Eduardo, oder auch Lalo (Tony Dalton), vorbeigeschickt, welcher Nacho fortan dabei helfen wird, die Interessen der Familie durchzusetzen. Na wunderbar, wird sich Nacho denken. Und gleichzeitig hoffen, dass sich eine Fluchtmöglichkeit vielleicht doch eher früher als später ergibt. Aber selbst, wenn er und sein Vater entkommen können: Wie sicher werden sie dann wohl sein?

Felix Böhme

Der Artikel Better Call Saul: Coushatta - Review wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht. Felix Böhme hat bereits 1.708 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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