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Better Call Saul: Kritik zur zweiten Folge der 4. Staffel der Dramaserie

Better Call Saul: Breathe - Review

Kritik der Episode 4x02

„Better Call Saul“ (c) AMC
„Better Call Saul“ (c) AMC

In der Episode Breathe der US-Serie Better Call Saul versucht sich Jimmy an einem Neuanfang, was jedoch gar nicht so einfach ist. Andernorts nehmen die Spannungen derweil extrem zu. Vor allem für Nacho wird die Luft plötzlich immer dünner, findet er sich doch auf einmal inmitten der brutalen Machenschaften von Gustavo Fring wieder.

Breathe.“ Atmen. Atmet tief durch, werte Zuschauer, denn den Sauerstoff könnt Ihr nach dem schockierenden Ende dieser Episode von Better Call Saul definitiv gebrauchen. Mehr als einmal hält man im Laufe von Breathe gespannt den Atem an, was ein klares Zeichen dafür ist, dass die gerade erst gestartete vierte Staffel recht früh keine Gefangenen macht und den Spannungsregler jetzt schon in Richtung Anschlag dreht. Der Fall von Don Hector Salamanca (Mark Margolis) schlägt große Wellen, deren erste Auswirkungen wir nun hautnah miterleben. Nacho (Michael Mando) kann sich dabei nur im Ansatz vorstellen, was für ein gefährliches Spiel er betreibt, während Gustavo Fring (Giancarlo Esposito) die Kontrolle wahren und seine Machtposition ausbauen will. Dafür macht sich der Chef auch schon mal höchstpersönlich die Hände dreckig...

Interessanterweise bietet man uns mal wieder einen starken Kontrast zwischen den verschiedenen Welten an, die die Serie in sich vereint, was „Better Call Saul“ wiederum so abwechslungsreich und sehenswert macht. Auf der einen Seite schauen wir einen packenden, atemberaubenden Thriller, atmosphärisch und beispiellos von der erfahrenen Fernsehregisseurin Michelle MacLaren eingefangen, die wirklich alles aus der markanten Neonbeleuchtung und den dunkelsten Ecken Albuquerques herausholt. Auf der anderen Seite strahlt „Breathe“ aber eben auch eine gewisse Leichtigkeit und ein Gefühl von Aufschwung aus, was dieses Mal allen voran von Jimmy (Bob Odenkirk) ausgeht, der nach dem tragischen Tod seines Bruders den Neustart sucht und dabei womöglich mit der Tür ins Haus fällt.

In diesem Punkt brilliert „Better Call Saul“. Man jongliert die verschiedenen Stimmungslagen der Erzählungen und der Charaktere, als wäre es die einfachste Aufgabe der Welt. Als Beobachter profitiert man von diesem ambitionierten Vorhaben, da man sich nie zu sicher sein kann, in welche Richtung das Stimmungsbarometer in der nächsten Szene ausschlägt, ob man sich auf eine amüsante Momentaufnahme, eine dramatische Dialogszene oder eben einen kaltherzigen Schockmoment einstellen soll. Diese Variabilität ist ein wunderbarer Trumpf des Formats, der in „Breathe“ gekonnt und selbstbewusst ausgespielt wird. Dabei ist es jedoch nicht nur das muntere Wechselspiel der unterschiedlichen Facetten der Serie, das so interessant zu beobachten ist. Es ist auch die Kombination aus den Dingen, die sich normalerweise gegenüberstehen.

Todo bien. Muy bien.

Man nehme zum Beispiel die Szene am Krankenbett von Don Hector, die damit beginnt, dass seine beiden stoischen Neffen Marco und Leonel („The Cousins", bekannt aus Breaking Bad und der zweiten Staffel von „Better Call Saul“) regungslos an der Seite ihres Onkels stehen, während ein sichtlich verängstigter Arzt seine Visite durchführt. Eine neue Doktorin kommt hinzu, die mit ihrer Expertise den raschen Heilungsprozess von Don Hector in Gang bringen will. Furchtlos marschiert sie durch das Zimmer, während der junge Arzt wohl insgeheim drei Kreuze macht, dass er diesen Krankenfall nicht mehr an der Backe hat.

Von dieser Szene geht eine sehr bedrückende, bedrohliche Stimmung aus, wissen wir doch nur zu gut, zu was die beiden Auftragsmörder Marco und Leonel in der Lage sind. Die Serie spielt jedoch meisterhaft mit diesem Wissen, das wir haben, und mit der ungewollt komischen Situation, die sich in der Folge entspinnt. Wenn das eigene Familienmitglied unansprechbar im Krankenbett liegt und gerade so dem Tod von der Klinge gesprungen ist, dann erwartet man eigentlich Emotionen, Empathie, Zuneigung. Das ist aber nicht gerade die Paradedisziplin der wortkargen sicarios, die letztlich Arturo und Nacho mit furchterregenden Blicken dazu nötigen, mit Don Hector zu sprechen, weil dies eben hilfreich sein könnte. Das Ganze ist nur eine kleine Szene in der Episode, die genüsslich ausgekostet wird und treffend aufzeigt, wie bewusst sich die Macher ihrer eigentümlichen Serienwelt sind, in der Gewalt, Drama und Comedy so oft so dicht beieinanderliegen.

© IMAGO
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© AMC
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Fair, oder?

Nachdem es in der Auftaktepisode der vierten Staffel von Better Call Saul für Jimmy noch recht düster aussah, hievt er sich jetzt eigenhändig aus seinem Stimmungsloch. Zumindest unternimmt er den Versuch. Er geht auf Jobsuche, wodurch er sich natürlich von seiner Trauer und den Gedanken um Chuck ablenkt. Ob das der richtige Weg ist, bezweifeln nicht nur wir, sondern auch Kim (Rhea Seehorn), die Jimmy aber keineswegs einschränken will. Ganz im Gegenteil sogar, sie präsentiert sich mal wieder als seine stärkste Unterstützerin, als sie Howard Hamlin (Patrick Fabian) gehörig die Leviten liest. Nicht nur, dass Chuck noch aus dem Grab heraus nach unten in Richtung seines kleinen Bruders tritt, Howard befeuert diese nicht enden wollende Leidensgeschichte für Jimmy sogar noch, ohne dass er sich darüber im Klaren ist.

Kim ist wie eine Löwin, die ihrem ehemaligen, naiven Chef fantastisch den Spiegel vorhält, wie dessen Verhalten und Entscheidungen letztlich extrem verletzend für Jimmy sind. Man hat fast ein wenig Mitleid mit Howard Hamlin, der sich seinem taktlosen, egoistischen Gebaren wirklich nicht bewusst zu sein scheint, wie er hier doch von Kim in Grund und Boden gestampft wird. Auf sie ist Verlass und wir sehen auch in der Folge, dass ihre Beziehung Jimmy momentan den einzigen Halt gibt, den er noch hat. Dieser Umstand schreit aber geradezu danach, dass dieses Verhältnis früher oder später in die Brüche gehen wird - zum einen, weil wir ja bereits wissen, dass es im späteren Leben von Jimmy als Saul Goodman keine Kim mehr gegeben hat. Zum anderen, weil es eine konsequente Weiterentwicklung des Dramas und der Abwärtsspirale um unsere Hauptfigur ist, so ungern wir diesen Weg auch beschreiten wollen.

Warum warten?

Für einen kurzen Moment lässt man uns in dem Glauben, dass die Formkurve für Jimmy wieder nach oben zeigt. Doch das erfolgreiche Vorstellungsgespräch bei einem Fachgeschäft für Kopiergeräte nimmt dann doch einen anderen Ausgang als anfangs erwartet. Den Zuschauern wird noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass Jimmy der geborene Verkäufer ist und mit seiner Leidenschaft, Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft jeden um den kleinen Finger wickeln kann. Das ist eine schöne Bestätigung für einen selbst. Dieses einzigartige Talent macht Jimmy aber auch klar, wie gutgläubig die Menschen um ihn herum sind, so zum Beispiel sein potentieller neuer Arbeitgeber, der ihm nach einem kurzen, feurigen Plädoyer sofort einstellt. (Sind wir mal ehrlich: Auch ich würde Jimmy McGill sehr wahrscheinlich eine klobige Kopiermaschine abkaufen.)

Jimmy frustriert das Verhalten seiner Mitmenschen, es frustriert ihn, wie einfach diese übers Ohr zu hauen sind. Und da tut sich eine Lücke und Chance für ihn auf. Bereits als Anwalt hat er Erfahrungen damit gesammelt, wie leicht man sich mit einer guten Strategie und den richtigen Worten einen Vorteil verschaffen kann. Seine Masche zieht nach wie vor, warum also einem deprimierenden Job in einem unbedeutenden Kleinunternehmen nachgehen, wenn man selbst über so viel Potential verfügt? Man muss es eben nur mit seinem Gewissen vereinbaren können, so, wie es Jimmy bei der Ausbeutung der armen Irene getan hat und so, wie es Jimmy demnächst tun könnte, wenn er das Kopiergeschäft um ein paar wertvolle Sammlerfiguren erleichtern wird...

Man kann Jimmy nicht den Vorwurf machen, dass er es zumindest nicht versuchen würde. Er will seinen Schwächen nicht nachgeben, doch die Möglichkeiten, Kapital aus der Leichtgläubigkeit anderer zu schlagen, bieten sich ihm tagtäglich zur Genüge an. Der Versuchung standzuhalten, das ist die Herausforderung, die sich ihm stellt. Seine Geschichte in dieser Episode hat etwas Beschwingtes, es kommt Aufbruchsstimmung auf und in gewisser Weise ist alles, was er tut, sehr kurzweilig. Doch wie auf Knopfdruck kommt er wieder, der abrupte Stimmungswechsel, über den wir von jetzt auf gleich eine ganz andere Sicht auf die Dinge erhalten, die in der Serie und den Charakteren vorgehen.

© IMAGO
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© AMC
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Es liegt was in der Luft

Neben Jimmys neuerlichen Phase der Selbstfindung legt man in Breathe auch besonders den Fokus auf Gustavo Fring, der nun weitaus präsenter in Erscheinung tritt als noch zuvor. Allein, wie Michelle MacLaren den reservierten Geschäftsmann/Drogenboss visuell einfängt, spricht Bände: Gustavo Fring ist eine wandelnde Gefahrenquelle, kaltblütig und rigoros, er weiß alles und delegiert alles, niemand entkommt seinem Griff. Ein Don Hector erhält dank ihm die bestmögliche Behandlung, weil Gustavo allein über das Schicksal seines Erzfeindes bestimmt, niemand anderes (wir erinnern uns: in der Breaking Bad-Episode Hermanos war es Hector, der Gustavos Freund und Geschäftspartner Maximino exekutierte).

Und dann hat er natürlich auch alle Hände voll zu tun, auf die möglichen Konsequenzen von Hectors Ausfall vorbereitet zu sein. Da ist es fast schon ein wenig putzig, dass Lydia (Laura Fraser) glaubt, ihre Probleme mit „Sicherheitsberater" Mike würden Gustavo schlaflose Nächte bereiten. Auf dessen Prioritätenliste ist diese Angelegenheit nicht wirklich existent, vertraut er doch Mike (Jonathan Banks) vollends. Dieser liefert sich übrigens ein schönes kleines Wortgefecht mit Lydia, die sich selbst mal wieder viel zu wichtig nimmt - einer ihrer Charakterzüge, die wir nur zu gut kennen. Bei einem Pragmatiker wie Mike, der sich von seinem durchdachten Plan, in den Büchern von Madrigal Electromotive nicht aufzufallen, nicht abbringen lässt, beißt sie jedoch auf Granit.

In das direkte, lebensbedrohliche Umfeld von Gustavo tritt nun auch Nacho ein, der den Ausfall von Don Hector gegenüber seinem stolzen Vater (der vor Scham fast im Boden versinkt, weil er das Geld von Hector angenommen hat) wie einen Erfolg verkauft. Nachos Familie scheint nun wieder etwas sicherer zu sein, doch das glaubt auch nur Nacho. Er ist jetzt knietief in den Drogensumpf von Albuquerque gestiegen, aus dem er aller Wahrscheinlichkeit nach nie wieder wirklich entkommen kann. Er hat geglaubt, dass es ohne Don Hector einfacher werden würde, dass er vielleicht selbst aufsteigen könnte. So, wie es nun Arturo vorhat, der sogleich auf dicke Hose macht und bei Frings Leuten mehr einfordert, als im Vorfeld abgemacht worden war.

Das Ende vom Lied? Arturo wird für seinen Ungehorsam bestraft und auf erschreckende Art und Weise aus dem Leben getilgt („breathe...“). Nacho kniet machtlos daneben, gewarnt davor, was passiert, wenn man zu viel will. Er arbeitet fortan nicht für Fring, nein, er gehört ihm. Gustavo kann mit ihm tun und machen, was er will. Diese absolute Machtdemonstration zum Ende der Folge verdeutlicht, dass Better Call Saul zu Beginn dieser vierten Staffel keine Zeit verschwendet, insbesondere an dieser Front um Nacho und Gustavo. Und selbst, wenn es in den anderen Handlungssträngen aktuell noch etwas harmloser zugeht, es fühlt sich so an, als würde sich eine Vermischung der verschiedenen Welten dieser Serie anbahnen, was nur noch mehr Eskalation mit sich bringen wird - ob wir es wollen oder nicht. Was uns übrig bleibt? Noch einmal tief Luft holen, bevor es endgültig losgeht...

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Breathe - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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