Du bist hier: Serienjunkies » News »

Better Call Saul: Amarillo - Review

Kritik der Episode 2x03

In Amarillo, Texas geht Jimmy McGill (Bob Odenkirk) auf Kundenfang.  /  (c) AMC
In Amarillo, Texas geht Jimmy McGill (Bob Odenkirk) auf Kundenfang. / (c) AMC

Jimmy McGill offenbart in der Episode Amarillo nicht nur viel Eigeninitiative, sondern auch eine große Faszination für die Effekthascherei. Das bringt ihn abermals in eine missliche Situation. Auch Mike landet in einer ebensolchen. Better Call Saul bleibt äußerst unterhaltsam.

Es gibt gerade einmal zwei Handlungsbögen im Breaking Bad-Spin-off Better Call Saul - den um die Titelfigur, der hier noch unter Jimmy McGill (Bob Odenkirk) firmiert, und den um seinen zukünftigen enforcer Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks). Wir kennen beide Figuren aus dem Vorgängerformat, wir wissen, wie ihre Geschichten ausgehen werden. Und trotzdem schafft es das Autorenteam des Prequels, aus plotarmen Episoden wie Amarillo etwas Besonderes zu machen.

Golden boy

Um das zu schaffen, müssen mehrere Faktoren ineinandergreifen. Das reduzierte Drehbuch sollte mit ausreichend unterhaltsamen Dialogen ausgestattet sein, die wiederum vom Ensemble mit Leben ausgefüllt werden müssen. Genau das geschieht hier. Statt in jeder Episode überraschende Wendungen einzubauen oder uns Zuschauer rätseln zu lassen, wie sich eine der Figuren aus dem jüngsten Schlamassel befreit, machen uns Vince Gilligan und Konsorten zu Wegbegleitern von Jimmy McGill und Co. Unterstützt wird diese äußerst bedächtige Herangehensweise durch die große Liebe des Kreativteams zum dramaturgischen Detail - und zum Erzählprinzip „show, don't tell“.

Dafür gibt es in dieser Episode viele gute Beispiele. Zunächst darf Jimmy jedoch sein begnadetes Talent des - wie er es selbst betitelt - „showmanship“ unter Beweis stellen. Den Sandpiper-Ausflugsbus kapert er unter Zuhilfenahme eines kleinen Bestechungsgeldes, um die bisher schleppend verlaufende Kundenakquise anzukurbeln. Im nachfolgenden Meeting, in dem er seinen Vorgesetzten stolz die beeindruckenden Zahlen vorträgt, hat sein Bruder Chuck (Michael McKean) sogleich den richtigen Verdacht. Gegen die entsprechenden Vorwürfe wehrt sich Jimmy, indem er das Lügenkonstrukt weiter ausbaut.

Es ist der alte Mechanismus, der in ihm losgetreten wird, sobald sich sein älterer Bruder auch nur in seiner Nähe befindet - verzweifelt versucht Jimmy, dessen Ansprüchen gerecht zu werden. Jedoch gerät er nicht nur von Seiten seines Bruders unter Beschuss. Auch seine Kollegin und on-and-off-Freundin Kim (Rhea Seehorn) rät ihm mehrmals dazu, nicht wieder in gewohnte Verhaltensweisen zu verfallen: „Do it right.“ Sie tut das bisweilen wortreich, dann aber wieder völlig wortlos - zum Beispiel, wenn sie ihm das übliche Füßeln unter dem Tisch verweigert.

© IMAGO
© IMAGO
Clifford Main (Ed Begley Jr.) is not amused.   © AMC
Clifford Main (Ed Begley Jr.) is not amused. © AMC

Unter diesem Eindruck beschließt Jimmy erneut, es doch noch einmal auf dem ehrlichen Pfad zu versuchen. Er bittet Clifford Main (Ed Begley Jr.) darum, eine Werbeanzeige produzieren zu dürfen, hat hernach aber zu wenig Geduld, das endgültige Okay seines Chefs abzuwarten. Ein früherer Werbespot von Davis & Main, der dröger kaum sein könnte, veranlasst ihn schließlich dazu, selbst aktiv zu werden. Er engagiert die beiden unbeeindruckten Filmstudenten, die ihm bereits in der Episode Hero (1x04) behilflich waren, als er den Trick mit der riesigen Werbeanzeige durchzog.

Don't be jealous of my big bowl of balls

Nun ist Jimmy voll in seinem Element als Showmaster. Er hat eine genaue Vision davon, wie er zukünftige Klienten an Land ziehen will. Seinen missmutigen Adjutanten hilft er mit einem kurzen Abtauchen in die Filmgeschichte auf die Sprünge: Auch solche Regielegenden wie Welles, Fellini und Bergman hätten ihr Geld einst in der lukrativen Werbebranche verdient. Als Schauspielerin engagiert er eine seiner ersten Kundinnen aus der ersten Staffel, Mrs. Strauss (Carol Herman aus Alpine Shepherd Boy). Sein Clip soll kein dröge vorgetragener Text sein, sondern eine eigene kleine Geschichte erzählen.

Der Erfolg stellt sich hernach ein, jedoch hat Jimmy zuvor einen entscheidenden Fehler begangen. Statt auf die mahnenden Stimmen von Kim und Chuck zu hören, hat er einmal mehr seiner Intuition die Vorfahrt gelassen und Clifford nicht in seine Pläne eingeweiht. Dem fällt es hernach schwer, den Vertrauensbruch zu missachten. So sehr Jimmy sich auch bemüht, seinem Slippin' Jimmy-Kokon zu entkommen, so oft scheitert er damit. Er ist jemand, der impulsiv handelt, der sich ungern zurückhalten lässt, aber auch jemand, der gerne mit der Gefahr, mit Illegitimität und bisweilen auch Illegalität flirtet.

Wo das hinführen wird, wissen Breaking Bad-Kenner. Trotzdem ist dieser innere Kampf, den Jimmy beinahe jeden Tag mit sich selbst ausficht, unheimlich interessant - und unheimlich witzig. Odenkirk dabei zuzusehen, wie er seine Figur in jeder Episode von Neuem mit kreativen Ideen zum Leben erweckt, ist eine echte Freude. Über seine wunderbare Chemie mit Schauspielkollegin Seehorn hatte ich mich bereits in einer früheren Review ausgelassen, jedoch soll das hier nicht unerwähnt bleiben. Meine Liebe für diesen Charakter geht sogar so weit, dass ich mir ein weiteres Spin-off wünsche, in dem die Geschichte von Kim Wexler zur „Bad“-Zeit erzählt wird.

© IMAGO
© IMAGO
Mike (Jonathan Banks) im Dunkeln   © AMC
Mike (Jonathan Banks) im Dunkeln © AMC

Während es für Jimmy also schon in der nächsten Episode äußerst eng werden könnte, driftet der Handlungsbogen um Mike in eine ähnliche Richtung. Ihm wird von seiner Schwiegertochter Stacey (Kerry Condon) atemlos berichtet, dass sie nachts nicht mehr schlafen könne, weil sie regelmäßig Schüsse höre. Um das zu überprüfen, observiert Mike nachts die Straße, teilt Stacey davon aber nichts mit. Mehrere wunderbare Szenen klären den Fall auf - was die Ehefrau seines toten Sohnes gehört hat, war das Geräusch der ausgelieferten Zeitungen.

There's a guy

Sie will das jedoch nicht so recht glauben. Zu diesem Zeitpunkt ist kaum festzustellen, ob sie sich die Bedrohung einbildet oder ob sie versucht, Mike dahingehend zu manipulieren, dass er sie und ihre Tochter Kaylee (Faith Healey) bei sich aufnimmt. Für Mike ist der wahre Grund im Prinzip egal - er hat sich längst geschworen, die beiden um jeden Preis zu beschützen. Deshalb landet er am Ende auch in einem dunklen Parkhaus, wo ihm sein neuer Auftraggeber Nacho (Michael Mando) entgegentritt und den „next level“-Job verkündet, der Mike die so dringend benötigte „next level pay“ einbringen wird.

Die Episode Amarillo, eigentlich aber die ganze Serie Better Call Saul, beweist, dass komplexes Fernsehen nicht kompliziert sein muss. Wir Zuschauer wissen zu jedem Zeitpunkt, was die Figuren antreibt, was die unmittelbare Zukunft für sie bereithält und was für sie auf dem Spiel steht. Das Format ist ein Kleinod dramaturgischer Schlichtheit. Handlung A führt zu Ergebnis B - viel mehr braucht es momentan nicht. Weil diese Handlungen aber von solch einem talentierten Kreativteam ausgedacht und von einer ebenso talentierten Darstellerriege umgesetzt werden, führt die Handlungsarmut nie zu Langeweile.

Und auch die Referenzenjäger unter uns kommen in den meisten „BCS“-Episoden auf ihre Kosten. Die callbacks an die beiden Episoden der ersten Staffel werden durch diejenige an den Billy-Wilder-Film „Sunset Boulevard“ („I'm ready for my close-up.“) ergänzt, während der Film „Ice Station Zebra“, den Kim und Jimmy zusammen schauen, in die Zukunft deutet. Der Streifen muss einen solch nachhaltigen Eindruck auf Jimmy gemacht haben, dass er als Saul Goodman eines seiner Scheinunternehmen danach benennen wird. Solche easter eggs sind die Krönung eines Serienkonzepts, das so wohltuend gegen den Strom schwimmt. Ein bisschen dramatischer darf es - bei aller Zufriedenheit - in der zweiten Hälfte dieser Staffel aber gerne noch werden.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Amarillo - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

Aktuelle Lieblingsbeiträge der Leser von Serienjunkies


Netflix: Neue Serien und Filme im Februar 2023 Netflix: Neue Serien und Filme im Februar 2023

Netflix ließ sich in die Karten schauen, was im Februar für Abonnent:innen des Streamingdienstes neu zum Abruf zur Verfügung steht. Neben Neuen Folgen von You, Outer Banks und Aggretsuko stehen unter anderem Lizenztitel wie... [mehr]

Von Mario Giglio am Mittwoch, 25. Januar 2023 um 17.00 Uhr.