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Better Call Saul: Alpine Shepherd Boy - Review

Review zu Episode 1x05

Jimmy McGill (Bob Odenkirk) zieht selbst aus der misslichsten Situation noch seinen Vorteil.  /  (c) AMC
Jimmy McGill (Bob Odenkirk) zieht selbst aus der misslichsten Situation noch seinen Vorteil. / (c) AMC

Die neue Episode von Better Call Saul startet beschwingt, bekommt dann aber einen zusehends düstereren Einschlag. Alpine Shepherd Boy glänzt mit einem ganz eigenen, sehr präzisen Erzähltempo, einer herausragenden visuellen Umsetzung und einem feinen Drehbuch.

Noch ist das neue AMC-Drama Better Call Saul eine sehr junge Serie, in den vergangenen Episoden machte sie aber bereits den Eindruck, als könne sie sich schnell von ihrem Mutterformat Breaking Bad lösen und auf eigenen dramaturgischen Beinen stehen. In der neuen Episode, Alpine Shepherd Boy, hat es nun zunächst den Anschein, als wüssten die Autoren rund um Vince Gilligan und Peter Gould (in dieser Episode: Bradley Paul) doch noch nicht ganz genau, wohin sie mit ihrem zentralen Charakter wollen.

I refuse to consider myself a victim

Mit zunehmender Spielzeit wird denn aber eindeutig, dass es hier einen Plan gibt, der viele Elemente miteinander zu verbinden trachtet. Wie bei kaum einem anderen Spin-off gibt es hier eine eigentümliche Melange an solchen Einzelteilen, die stark an die Mutterserie erinnern, und solchen, die suggerieren, dass es sich hier um ein ganz eigenes Format handelt. Die gelungene visuelle Umsetzung ist beispielsweise eine eindeutige Referenz an „Bad“, die Figuren und ihre Konstellationen erinnern aber nur entfernt daran.

Bis auf die Kalamitäten rund um Tuco (Raymond Cruz) in den ersten Episoden sind die tödlichen Gefahren zu diesem Zeitpunkt völlig aus der Serie verschwunden - nicht einmal Nacho (Michael Mando) taucht als graue Bedrohungseminenz im Hintergrund auf. Dafür wartet die Episode mit einem wunderbar stimmigen Erzähltempo auf, das uns wiederum an eine Serie erinnert, in der ein gewisser Walter White die Hauptrolle spielte. Die dabei transportierte Stimmung löst ebenfalls wohlige Erinnerungen aus, kippt aber zum Ende der Episode urplötzlich vom Witzig-Grotesken ins Dramatische.

Der Prolog setzt unmittelbar am Ende von Hero an. Die Nachbarin des eingebildeten Kranken Chuck McGill (Michael McKean) hat die Polizei alarmiert, nachdem sie ihn dabei beobachtet hat, wie er ihre Zeitung gegen einen Fünfdollarschein eingetauscht hat. Die Polizisten bitten ihn nun, die Tür zu öffnen und sich dem Vorwurf zu stellen. Als er sich aufgrund seiner eingebildeten elektromagnetischen Hypersensitivität aber weigert, brechen sie die Haustür auf und führen ihn ab. Sein Weg endet im Krankenhaus.

© IMAGO
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Eine der vielen tollen Kameraeinstellungen; die an das Vorgängerformat erinnern.   © AMC
Eine der vielen tollen Kameraeinstellungen; die an das Vorgängerformat erinnern. © AMC

Der jüngere Bruder Jimmy (Bob Odenkirk) ist indes damit beschäftigt, die Früchte seiner waghalsigen Aktion auf dem Anzeigengerüst, die er in der vergangenen Episode unternommen hat, zu ernten. Frohen Mutes klappert er einen potenziellen neuen Klienten nach dem anderen ab - spätestens nach dem letzten realisiert er aber entnervt, dass wohl nur ein spezieller Schlag Mensch Anwälte kontaktiert, die er zuvor im Fernsehen gesehen hat. Case in point: Saul Goodmans Klienten aus Breaking Bad.

Getting older sucks

Diese Szenen lassen sich viel Zeit, zum komödiantischen pay off zu gelangen, der dann aber jedes Mal großzügig ausgezahlt wird. Ein durchgeknallter Sezessionist will Jimmy mit der fiktiven Währung seines künftigen eigenen Staates „Sovereign Sandia Republic“ bezahlen, ein anderer ist pikiert, als Jimmy die offensichtlichen sexuellen Missverständlichkeiten seines Toilettensitzes für Kinder aufzeigt. Nur von einer älteren Dame und enthusiastischen Sammlerin von Hummel-Figuren bekommt er Zählbares zugeschoben. Sie ist die erste Klientin, die ihm sein Stunt eingebracht hat.

Bei seiner darauffolgenden - zur wöchentlichen Gewohnheit werdenden - Nagelsalonsitzung mit Kim Wexler (Rhea Seehorn) stößt sie ihn schließlich auf eine neue Idee, in welche Richtung er sich spezialisieren könnte: Rechtsberatung für Senioren! Mit Kim verbindet ihn eine interessante, wenn auch bisher kaum ausformulierte Beziehung. Sind die beiden ehemalige Liebhaber? Oder einfach nur sehr gute Freunde? Meines Wissens hat die Serie dazu bisher noch kein Wort verloren. Dass sich Kim aber von Jimmy die Zehnägel lackieren lässt, suggeriert eine große Vertrautheit zwischen den beiden.

Bevor sich das Chamäleon Jimmy aber an die Aneignung einer weiteren neuen Rolle machen kann, erhält er die Nachricht, dass sein Bruder ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die behandelnde Ärztin Dr. Cruz (Clea DuVall) kämpft dort leidenschaftlich und trickreich dafür, dass Chuck in eine Psychiatrie eingeliefert wird, doch Jimmy will davon nichts hören, auch wenn er eigentlich selbst nicht weiß, wie es mit Chuck weitergehen soll.

Die Szenen im Krankenhaus verdeutlichen wunderbar, wie vielschichtig und schwer eingrenzbar die Figuren dieser Serie sind. Jimmy weiß eigentlich, dass es das Beste wäre, Chuck gegen seinen Willen einliefern zu lassen, handelt aber trotzdem gegen dieses Wissen. Seinem Widersacher Harry Hamlin (Patrick Fabian) wirft er gar vor, Chuck nur aus eigensinnigen monetären Motiven aus der Psychiatrie fernhalten zu wollen - dabei wissen wir gar nicht, ob sich Harry nicht wirklich um die Gesundheit seines ehemaligen Kollegen sorgt.

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Mike (Jonathan Banks) bildet den tragischen Abschluss dieser Episode.   © AMC
Mike (Jonathan Banks) bildet den tragischen Abschluss dieser Episode. © AMC

Im Zwiegespräch zwischen Jimmy und Chuck wird dann noch einmal herausgearbeitet, was Jimmy für einen Grund des geistigen Verfalls seines Bruders hält: Er glaubt, dass es Chuck immer dann schlechter geht, wenn er sich große Sorgen um ihn macht. Hier lässt sich wiederum eine schöne Parallele zu Breaking Bad ziehen, denn auch dort gerieten oftmals Menschen in Gefahr, die mit Walter White und seinen Verbrechen eigentlich nichts zu tun hatten. Er lässt die Freundin seines Partners an ihrem eigenen Erbrochenen ersticken, und kurze Zeit später sterben 167 Menschen bei einem Flugzeugabsturz. Mit Karma oder irgendeiner Art von Gerechtigkeit oder gar Fairness hat das nichts zu tun.

The return of Slippin' Jimmy

Jimmy gibt jedenfalls sein Bestes, um Chuck trotz dessen jüngsten Erkenntnissen über seine Unternehmungen davon zu überzeugen, dass er sich auf dem rechten Pfad befindet. Chuck gibt ihm die erhoffte Bestätigung dafür, versprüht dabei aber so viel Enthusiasmus, wie es ein Familienmitglied eben tut, wenn es eine Phrase immer und immer wieder zu hören bekommt. Jimmy lässt seinen Worten jedoch kurz darauf Taten folgen, wie er es ja bisher stets versuchte - wenn auch mit mäßigem Erfolg. Er kopiert nun den Stil des Fernsehanwalts Matlock und startet eine Werbeoffensive im örtlichen Altersheim, die nicht nur hinreißend gefilmt ist, sondern auch wunderbar zeigt, wie wandlungsfähig und silberzüngig Jimmy unterwegs sein kann.

Wer sich an den Kamerafahrten dieser Szenen schon erfreut hat, der kommt in der Folge noch mehr auf seine Kosten. Beinahe wortlos wird im letzten Teil der Episode der triste Alltag von Jimmys späterem Partner Mike (Jonathan Banks) porträtiert, der nun endlich einmal mehr zu tun bekommt, als nur der punching ball seines künftigen Kollegen zu sein. Nach der Nachtschicht im Parkhäuschen wird er wortlos von einem Kollegen abgelöst. Er begibt sich zum Frühstück in ein Diner und wartet dann in seinem Wagen vor einem Haus in einer gepflegten Gegend, bis seine Tochter (und/oder die Mutter seiner Enkelin, die eventuell schon geboren ist?) herauskommt und zur Arbeit fährt. Sie sieht ihn, sie schauen sich an, sprechen kein Wort miteinander, in ihren Augen dieselbe lautlose Traurigkeit.

Falls dies der Höhepunkt seines tristen Alltags gewesen sein sollte, kommt nachfolgend der Tiefpunkt. Mike verbringt den Vormittag vor dem Fernseher in seiner karg eingerichteten Wohnung. Dann klingelt es an der Tür. Es sind seine ehemaligen Polizeikollegen aus Philadelphia. Die Begrüßung fällt eisig aus. Wird er gesucht? Gebraucht? In jedem Falle dürfte er die Visitenkarte nun gut gebrauchen, die ihm Jimmy zuvor zugesteckt hat. Eine weitere Strophe in der Ballade von Saul und Mike ist gesungen, eine weitere sehr gelungene Episode von Better Call Saul geht zu Ende.

Christina Greiner

Der Artikel Better Call Saul: Alpine Shepherd Boy - Review wurde von Christina Greiner am Uhr erstmalig veröffentlicht. Christina Greiner hat bereits 173 Artikel bei Serienjunkies veröffentlicht.

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