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Babylon Berlin Interview mit Volker Bruch aka Gereon Rath

Babylon Berlin Interview: Mit der Waffe hat er's nicht so

Wir sprechen im Interview mit dem charmanten Hauptdarsteller Volker Bruch über die neue deutsche Serienproduktion Babylon Berlin. Darin erfahren wir nicht nur mehr über seine Serienrolle Gereon Rath, sondern auch über den Castingprozess, seinen persönlichen Zugang zur literarischen Vorlage und seiner Fähigkeit zu tanzen. Interessante Einblicke zum Dreh mit den drei Regisseuren werden auch preisgegeben.

Serienjunkies.de: Du verlierst in den ersten Episoden ja einige Male die Pistole...

Volker Bruch: Mit der Waffe hat er's nicht so, der Gereon Rath. Das ist auch in der Romanvorlage so. Ich habe mich mit Volker Kutscher unterhalten und er meinte: „Die Waffe, das ist einfach nicht so sein Ding. Das ist einfach keine glückliche Kombination.“

Immerhin kann er tanzen.

Zum Beispiel, ja. Er hat andere Qualitäten.

War das sehr aufwändig? Musstest Du lange dafür üben?

Wir haben uns schon ordentlich vorbereitet, ja. Während des Drehs war dafür keine Zeit mehr, weil ich fast jeden Tag gedreht habe in den sieben Monaten. Wir mussten also im Vorfeld schon wissen, wie alles aussieht. Wir hatten drei Monate Vorbereitungszeit, die sehr intensiv waren. Wir haben uns dabei hauptsächlich auf das Buch konzentriert, aber eben auch auf die technischen Sachen wie das Tanzen.

Manches, was wir einstudiert haben, haben wir aber am Set wieder verworfen, weil wir gemerkt haben, dass die Choreografie doch nicht so richtig knallt. Beim Lebensgefühl Tanzen, vor allem beim Charleston, ging es ja ums Ausprobieren, darum, neue Sachen zu machen. Man sieht das in den Kneipenszenen: Die haben sich da getroffen, jemand hat Musik gemacht und dann wurde getanzt. Miteinander, gegeneinander, die ganze Nacht. Das haben die damals wirklich viel gemacht. Da geht es natürlich viel mehr um ein Lebensgefühl als um Choreografie.

Du bist vor Liv gecastet worden?

Liv und ich sind gleichzeitig gecastet worden. Der Castingprozess hat sich in die Länge gezogen, es dauerte über ein Jahr. Dann sind Liv und ich aufeinandergetroffen und man hat so richtig gemerkt, wie eine Erleichterung durch den Raum ging, weil alle gewusst haben, das ist es jetzt. Das wird zwar nicht ausgesprochen, aber man bekommt das mit.

Auf welche Fähigkeiten wurdest Du denn geprüft im Castingprozess?

Es ging bei dem Casting nicht darum, ob wir spielen können, sondern mehr um die Chemie zwischen zwei Leuten. Gerade diese beiden Figuren haben eine sehr unterschiedliche Temperatur, einen anderen Rhythmus. Da muss man sehen, ob das eine explosive Mischung ist, ob das ein spannendes Paar sein könnte.

Es gab dann noch ein Casting, als ich schon besetzt war, mit Peter Kurth, der dann meinen Kollegen Wolter gespielt hat. Da hat es auch gleich gefunkt.

Was war für Dich die beeindruckendste Location, in der ihr gefilmt habt?

Das „Moka Efti“ war schon echt 'ne Ansage. Das ist dieses alte Stummfilmkino, das Delphi. Aber diese ganzen Locations werden erst durch die Ausstattung und die Komparsen lebendig. Das ist total irre, die sind alle einzeln eingekleidet von Pierre-Yves (Gayraud, Kostümbildner, Anm. d. Red.). Das war schon immer 'ne Überraschung, wenn man da morgens ans Set kam und der im Drehbuch beschriebene Raum real wird. Uli Hansich hat da wirklich wahre Wunder vollbracht.

Das ist dann oftmals die Kombination. Wir kommen an und da gibt es schon eine Choreografie, bei der die Tänzer tanzen. Da steht dann plötzlich Bryan Ferry auf der Bühne und ich denke mir: „Wo bin ich hier gelandet?

Am abwechslungsreichsten war aber die Neue Berliner Straße, die wir mit dem Projekt eingeweiht haben. Wir haben da tatsächlich die erste Klappe geschlagen, was schon sehr feierlich war. Und auch dort sind hunderte Komparsen durch die Straßen gelaufen und haben demonstriert, sind auf Pferden geritten, in Kutschen oder Taxis. Das war sehr beeindruckend.

Hast Du durch die historische Sicht auf Berlin die Stadt neu für Dich entdeckt?

Es geht so. Die Frage stellt jeder, aber ich kann mich darin nicht so recht wiederfinden. Ich habe beim Drehen eher die Bilder der Jetztzeit mit reingenommen. Zum Beispiel am U-Bahnhof Hermannplatz, den ich sehr gut kenne. Da haben wir zwei Nächte lang den Hermannplatz von 1929 gedreht. Da steht dann ein Kiosk von damals, die Schilder sehen anders aus und eine historische U-Bahn fährt ein. Schon bist du in der Zeit vor 90 Jahren. Es hat sich erstaunlich wenig geändert an manchen Orten. Es gibt natürlich mehr Orte, die nicht mehr existieren, dafür war Babelsberg dann toll.

Recherchierst Du bei historischen Stoffen selbst oder nimmst Du alles aus dem Drehbuch?

Eigentlich nehme ich das meiste aus dem Drehbuch. Mir ist das auch nicht so wichtig. Ich glaube, dass die Illusion, die uns in diese Zeit katapultiert, mehr von den Kostüm- und Szenenbildnern kommt. Unsere Geschichten haben immer mit Menschen zu tun, unsere Dialoge erzählen immer eine persönliche Geschichte, die eigentlich immer zeitlos ist. Die zwischenmenschlichen Beziehungen haben sich in den letzten tausend Jahren nur minimal verändert. Ob eine Geschichte funktioniert, das ist erst mal losgelöst von der Zeit. Mein Augenmerk bei der Vorbereitung sind deswegen immer die Szenen. Das muss einen Fluss geben. Ich will mich sicher fühlen in meiner Geschichte. Da muss ich keine zehn Bücher lesen aus der Zeit.

Hast Du mit Romanautor Volker Kutscher gesprochen? Fühlst Du eine Verpflichtung, der Vorlage treu zu bleiben?

Ich habe mit ihm gesprochen und bin auch großer Fan von ihm und seinen Büchern. Wir haben uns aber erst beim Abschlussfest kennengelernt, nach diesem ganzen Ritt. Ich habe aber gelesen, dass es ihm ganz gut gefallen hat, dass er glücklich ist mit der Umsetzung. Ich glaube ihm das jetzt einfach mal.

Natürlich unterscheiden sich die Drehbücher von dem Roman, und das ist auch gut so. Die Grenzen verschwimmen zwar, aber letzten Endes bin ich natürlich den Drehbüchern verpflichtet. Ich habe ja auch nichts davon, wenn ich die Figur aus dem Roman durchboxe, obwohl die keinen Platz mehr hat in den Drehbüchern. Das hat sich schon alles weiterentwickelt. Das ist auch wichtig für die Erzählweise der Serie, dass da Stränge und Geschichten dazugekommen sind, weil das dadurch so reich und komplex und dicht geworden ist.

Die Figur Rath ist eigentlich ein Saubermann, aber man weiß, dass da noch was passiert. Er ist eine Art Noir-Charakter, gleichzeitig aber ein moderner Mann, da er Charlotte dafür schätzt, was sie tut. Was hat Dich charakterlich an ihm gereizt?

Er hat einen riesigen Rucksack, den er mit sich herumschleppt. Beim Lesen und beim Schauen hat man tatsächlich ständig das Gefühl, dass unter der Oberfläche noch mehr schlummert. Es ist sehr reizvoll, einen solchen Geheimnisträger zu spielen, dem erst mal viel zuzutrauen ist, bei dem man nicht weiß, wo er wirklich herkommt. So geht es ja den anderen Figuren auch. Das macht ihn unberechenbar.

Das alles ist die Figur, aber das ist sie auch nur wegen des Drehbuchs. Dieses Geheimnisumwobene erzählt sich hauptsächlich über die andere Figuren. Über die Figur Bruno Wolter zum Beispiel, die sich fragt: „Was ist das für ein Typ?“ Was ist mit dem, wieso weiß ich nichts über den? Und wenn wir Peter Kurth (Darsteller von Wolter, Anm. d. Red.) nicht hätten, der sich diese Frage stellt, wäre das nicht so ein Geheimnis. Eine Figur entsteht auch über andere Figuren, das finde ich das Spannende. Gereo Rath ist wie ein Stellvertreter und wird erst durch die anderen Figuren komplett. Dadurch erzählt sich erst dieses Geheimnis.

Es ist toll, eine Figur über eine so lange Zeit zu spielen. Da kann man sehr viele feinere Abstufungen erzählen, man hat mehr Zeit, mehr Strecke.

Auf der zweiten Seite geht es um weitere Kunststücke, Parallelen zur heutigen Zeit und die Zusammenarbeit mit drei Regisseuren.

Noch mal zurück zum Zigarettentrick: War das eine echte Zigarette?

Ja, war es.

Habt Ihr überlegt, da auch noch Rauch rauszupusten?

Das wäre jetzt nicht so wahnsinnig schwierig gewesen, oder? Im Buch stand nicht, welchen Trick er macht, nur, dass er einen macht. Mir wurde dann gesagt, dass ich mir einen aussuchen kann. Peter Kurth hat mir den Trick dann gezeigt. Das war am Tag vor dem Dreh. Ich habe ihn angerufen und er hat mir auf die Mailbox diktiert, wie man das macht. Im Film sieht man tatsächlich den ersten Take mit brennender Zigarette. Zum Glück hat es gleich geklappt.

Hast Du noch mehr Kunststücke gelernt?

Den Wandsalto zum Beispiel.

Das war kein Stuntdouble?

Nein. Erkennt man auch, wenn man genau hinschaut. Es ist immer schön, wenn man Sachen selber machen kann.

War das auch der erste Take?

Ja. Da bin ich fast hingefallen. Aber manchmal ist das ja charmanter, als wenn alles perfekt sitzt.

Die Serie spielt kurz vor der Katastrophe und legt nahe, die Parallele zur heutigen Gesellschaft zu suchen. Wie stehst Du dazu?

Ich mache das nicht gerne. Mich interessiert das auch gar nicht wirklich. Es gibt natürlich Parallelen, aber da steckt kein Kalkül dahinter. Die haben vor sechs Jahren angefangen, die Serie zu schreiben. Was sich jetzt als Parallele anbietet, ist noch gar nicht so alt. Es ist ja auch so, dass sich Geschichte immer wiederholt, aber nie genau so, wie etwas war. Deswegen bin ich da ziemlich optimistisch.

Das gefällt mir an dieser Serie, dass man Geschichte erfährt, aber als Nebenprodukt. Das ist etwas, womit sich die Protagonisten immer wieder auseinandersetzen müssen. Da ist nicht der Fokus drauf, es ist eher etwas, das zufällig parallel passiert. Das ist Geschichte doch immer. Es geht immer erst mal um persönliche Beziehungen. Das ist das, was in unserem Leben eine wichtige Rolle spielt. Politik und Geschichte ist dann das, was parallel passiert. Das ist in der Serie auch so, wenn man plötzlich die Kommunisten sieht, die verprügelt werden. Oder die Nazis, die auch verprügelt werden. Man merkt, dass in diesem Hexenkessel überhaupt nicht klar ist, was die Zukunft bringen wird.

Wie ist es denn eigentlich, mit drei verschiedenen Regisseuren zu arbeiten?

Wir haben zum Glück nie mit allen drei Regisseuren gleichzeitig gedreht. Das hätte auch nicht funktioniert. Es gab Blöcke. Los ging's mit sechs Wochen Tom Tykwer, dann ging es weiter mit sechs Wochen Achim von Borries und dann ein Doppelblock: zwölf Wochen Henk Handloegten, dann wieder Tom in NRW und Achim in Berlin. Er hat das Ende gemacht. Dazwischen gab es jeweils zwei Wochen Überlappung. Wenn sich die Teams abgewechselt haben, wurde zwei Wochen parallel gedreht. Jeder hat ein komplett eigenes Team. Es konnte also sein, dass ich Montag und Dienstag bei Tom war, Mittwoch bei Achim und Donnerstag wieder bei Tom. In diesen zwei Wochen ist man immer gesprungen.

Das war toll, weil man angefangen hat, einen Weg zu finden für die Figur und als man sich so halbwegs sicher gefühlt hat, kam der nächste Regisseur und hat einem nahegelegt, den Fokus doch noch mal auf etwas anderes zu legen. So konnte man sich nie ausruhen und zu sicher sein. Man konnte nicht bequem werden, das war toll. Man hat immer neue Anreize bekommen. Das hat mir unglaublich gut gefallen.

Vielen Dank für das schöne Gespräch.


Die acht Episoden der ersten Staffel Babylon Berlin sind ab dem 13. Oktober immer freitags ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf SKY zu sehen.

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Wer mehr über die spannende Zusammenarbeit mit drei Regisseuren erfahren möchte, kann sich am morgigen Sonntag unser Podcast-Interview mit Henk Handloegten, Tom Tykwer und Achim von Borries anhören.

Hanna Huge

Der Artikel Babylon Berlin Interview: Mit der Waffe hat er's nicht so wurde von Hanna Huge am Uhr erstmalig veröffentlicht.

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