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Axelzucken 2x04: Die Oscars und der Zustand der US-Filmindustrie

Am 23. April wird der Marvel-Actionfilm „The Avengers 2: Age of Ultron“ veröffentlicht - ein Datum, auf das Kinofans aus aller Welt seit langer Zeit gespannt warten. Ende Oktober des letzten Jahres erklomm Marvel-Chef Kevin Feige die Bühne des El Capitan Theatre in Hollywood, um zu verkünden, dass 2018 und 2019 zwei weitere „Avengers“-Filme herauskommen würden. Ihre Titel nannte er auch schon: „Infinity War - Part 1“ und „Infinity War - Part 2“. Wie sollen wir uns also auf einen Film mit dem läppischen Titel „Age of Ultron“ freuen, wenn die nächsten beiden Fortsetzungen dieses Films unendliche Kriege versprechen?

Wann kommt der Overkill?

Dies ist eine der traurigen Wahrheiten über den Zustand der amerikanischen Filmindustrie im Jahre 2015. Es geht nicht mehr um Filme an sich als das große Ereignis, sondern immer mehr um das nächste große Ding, den Teaser auf den nächsten Film eines Franchises, das versteckte Goodie, die Szene am Ende des Abspanns. Das Brimborium um die nächste Ankündigung ist so groß, die Erwartungen so überhöht, dass kaum einem Zuschauer noch auffällt, wie enttäuschend der aktuelle Film war, den er oder sie gerade gesehen hat. Das Beste wird immer nur angedeutet, es scheint irgendwo in der Zukunft zu liegen, ist aber nie wirklich greifbar.

Da ist es nur folgerichtig, dass die beiden meistbeachteten Ereignisse des vergangenen Kinojahres nicht etwa Filme selbst waren, sondern Ankündigungen auf eine ganze Reihe neuer Filme. Das bereits erwähnte Marvel-Event war zwei Wochen nach einem Investorengipfel von Time Warner terminiert, auf dem Vorstandsvorsitzender Kevin Tsujihara zehn neue Filme des Produktionsstudios Warner Bros. ankündigte, die zwischen 2016 und 2020 veröffentlicht werden würden und auf Vorlagen von DC Comics basieren. Auch die Marvel-Ankündigungen fanden in der Atmosphäre eines Aktionärstreffens statt. Dabei wurden neun Filme der „Phase 3“ verkündet, die im gleichen Zeitraum veröffentlicht werden.

Rechnet man zu diesen 19 Ankündigungen die übrigen Marvel-Franchises, die anderen Produktionsstudios gehören (X-Men, Fantastic Four), und alle angekündigten Star Wars-, Avatar-, Terminator- und Lego-Fortsetzungen hinzu, so kommt man leicht auf mehr als 70 Filme, die zu einem bestehenden Franchise gehören und die uns in den nächsten fünf Jahren erwarten. Setzt man diese Liste realistisch fort, werden es wohl zwischen 100 und 150 Filme sein, die bis 2020 als Fortsetzungen, Sequels, Prequels, Reboots und Remakes auf uns zukommen. Für Studiomanager ist das ein feuchter Traum, für Freunde von Diversität, Fantasie und Überraschung das Gegenteil.

In der Geschichte der amerikanischen Filmindustrie sind solche Fünfjahrespläne und Listen etwas völlig Neues. Nichts Neues ist es hingegen, den Zuschauern immer mehr von dem zu geben, was sie offensichtlich wollen. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen den früheren Geschäftsmodellen von Hollywood-Studios und den heutigen. Auch früher gab es schon Filmfranchises, die bis zum letzten Tropfen ausgemolken wurden. Doch sie hatten auch einen hehren, praktischen Zweck: Sie finanzierten Projekte quer, für die Filmemacher einst mit dem Filmemachen begonnen hatten, die die Herzen der Zuschauer eroberten, über die wir heute noch sprechen. Heute ist das Franchise der Selbstzweck, es ist eine sich selbst reproduzierende Geldmaschine.

Franchises und sonst nichts

Mark Harris von grantland.com drückt das so aus: „Franchises are not a big part of the movie business. They are not the biggest part of the movie business. They are the movie business.“ („Franchises sind nicht ein großer Teil des Filmgeschäfts. Sie sind nicht der größte Teil des Filmgeschäfts. Sie sind das Filmgeschäft.“) Dies liegt teilweise auch daran, dass in den höchsten Etagen der Studios fast keine Filmverrückten mehr sitzen, sondern kühl kalkulierende Manager. Sie schauen sich die Zahlen an, die ihre Franchisefilme einfahren, lächeln zufrieden und denken sich einen Weg aus, den Hype für die kommenden Filme aufrechtzuhalten.

Solange ihre Filme erfolgreich sind, solange es genügend Leute gibt, die ihre Chimäre vom nächsten großen Ding glauben, ist ihnen egal, ob die Zuschauer zufrieden das Kino verlassen. Zwölf der 14 finanziell erfolgreichsten Filme des vergangenen Jahres sind Sequels oder werden solche nach sich ziehen. Dazu noch einmal Mark Harris: „A successful franchise is no longer used to finance the rest of a studio's lineup; a studio's lineup is brands and franchises, and that's it.“ („Ein erfolgreiches Franchise wird nicht länger genutzt, um den Rest des Studioangebots zu finanzieren; das Angebot des Studios besteht aus Marken und Franchises, und das war's.“)

Kein Wunder also, dass der Studioboss von heute kein Risiko mehr sucht, sondern nur noch Wiederholbarkeit, Verlässlichkeit und Planbarkeit. Daraus entstehen dann solche Fünfjahrespläne, die mehr an den untergegangenen Kommunismus erinnern als an die goldenen Zeiten von Hollywood. Aus ihnen spricht aber mehr als nur Risikoaversion, aus ihnen spricht pure Versagensangst - ein Gefühl, das in einem eigentlich kreativen Umfeld wie der Filmindustrie verheerend ist. Es scheint dort einfach keine echte Liebe zum Film mehr zu geben.

Man möge nun einwenden, dass es auch außerhalb der Franchise-Welt genügend gute Filme gibt, dass allein ein Blick auf die Nominierungslisten der diesjährigen Oscarverleihung genüge, um eine Panikattacke abzuwenden. Dort finden sich Kleinode wie „Grand Budapest Hotel“, „Boyhood“, „Birdman“ oder „Whiplash“. Aber: Es finden sich keine Box-Office-Hits darunter, und die meisten dieser Filme mussten unter größten Anstrengungen und teilweise auch mit der Unterstützung reicher Filmliebhaber wie Megan Ellison (Tochter von Oracle-Gründer Larry Ellison, Produzentin von Filmen wie „Foxcatcher“, „Zero Dark Thirty“, „Her“ oder „The Master“) auf die Beine gestellt werden. Solche mittelteuren Filme sind heutzutage kaum noch zu finanzieren, weswegen ja auch Filmemacher wie Steven Soderbergh dem Kino den Rücken kehren.

Trübe Aussichten

Ohne sich anhören zu wollen wie ein alter Grantler, der früher alles besser fand, muss doch konstatiert werden, dass immer weniger Filme eine bestimmte Zeit abbilden, einen Kommentar schaffen zu gesellschaftlichen und politischen Missständen unserer Zeit. Was uns heute im Kino erwartet, ist größtenteils generisch. Die Filme haben mit uns und unseren Ansichten, Problemen, unseren Emotionen und unseren Freuden nur noch wenig zu tun. Es ist heute schlichtweg viel einfacher, ungefährlicher und profitabler, Filme zu produzieren, die keinerlei kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Eindruck hinterlassen.

Hollywood war einst die Traumfabrik, über Hollywood sagte Stanley Kubrick einst folgendes: „...it provides the most exciting and stimulating atmosphere of opportunity and possibility for young people today.“ („...es bietet heutzutage die aufregendste und stimulierendste Atmosphäre für junge Leute.“) Die Zukunft Hollywoods sieht derzeit aber nicht wie ein Traum aus, sondern klein und vorsichtig, ein Traum von Leuten, die lange Zahlenreihen und Statistiken mögen, ein Traum von Erbsenzählern. In diesem Traum regieren Profitmaximierung und die unerschütterliche Hoffnung, dass sich ja nichts ändern möge. Eine echte Horrorvision.

Das Schlusswort gehört erneut Stanley Kubrick: „I think that if the reigning powers had any great respect for good pictures or the people who could make them, that this respect was probably very well tempered by the somewhat cynical observation that poor and mediocre pictures might just as well prove successful, as they are pictures of higher value.“ („Sollten die herrschenden Mächte jemals Respekt für gute Filme oder diejenigen gehabt haben, die solche machen, wurde dieser Respekt wahrscheinlich von der zynischen Beobachtung torpediert, dass schlechte und mittelmäßige Filme genauso erfolgreich sein können, weil sie mehr wert sind.“) Kubrick starb 1999*. Seine Worte sind heute so wahr wie nie zuvor.

*In diesem Jahr waren vier der 35 erfolgreichsten Filme Sequels.

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Axel Schmitt

Der Artikel Axelzucken 2x04: Die Oscars und der Zustand der US-Filmindustrie wurde von Axel Schmitt am Uhr erstmalig veröffentlicht.

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