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American Gods: Review der Pilotepisode

Kritik der Episode 1x01 The Bone Orchard

Ian McShane und Ricky Whittle in „American Gods“ / (c) Starz

Die Götter müssen verrückt sein: Die fantastische Erzählung von Buchautor Neil Gaiman, ein perfekter Cast sowie Bryan Fullers einzigartige Vision machen den Serienneustart American Gods zu einem absoluten Hingucker. Die Pilotepisode des abgedrehten Roadtrips ist ein Fest für alle Sinne.

Es gibt sie, diese unverfilmbaren Stoffe, die eigentlich wie gemacht für die große oder kleine Leinwand sind, zu denen man aber einfach keinen richtigen Zugang findet, um sie gewissenhaft zu adaptieren. Auch der fantastische Roman „American Gods“ von Bestsellerautor Neil Gaiman findet sich in dieser Kategorie wieder. Seit Jahren gibt es Überlegungen, einen Kinofilm aus dem speziellen, hochphilosophischen Buch zu machen, in dem in schöner Regelmäßigkeit die Grenzen des Vorstellbaren gesprengt werden. 2011 wurde bekannt, dass sich eine Serie zum Buch in Entwicklung befinden würde, die zunächst bei HBO entstehen sollte, 2014 dann aber zum konkurrierenden Pay TV-Sender Starz wechselte.

Dort ist unter Führung von Serienmacher Bryan Fuller (Pushing Daisies, Hannibal) - der seine Showrunnertätigkeit bei Star Trek: Discovery abgab, um sich voll und ganz American Gods widmen zu können - und Drehbuchautor Michael Green nun tatsächlich eine Adaption von Gaimans 2001 erschienenden Buch entstanden, an der der Autor entscheidend beteiligt ist. Das aufregende, einzigartige, mitunter wahnsinnige Ergebnis dieser langjährigen Produktionsgeschichte können wir nun mit unseren Augen bestaunen, hierzulande bei Amazon Prime Video, wo die achtteilige erste Staffel der Fantasyserie heute ihre Premiere feiert.

Getting what you want

Was Bryan Fuller zusammen mit seinem Team hier abgeliefert hat, lässt sich nach der Sichtung der Pilotfolge nur schwer in Worte fassen. „American Gods“ traut sich so einiges, allem voran visuell, und setzt sich zum Auftakt seiner ersten Staffel das Ziel, sein Publikum mit voller Wucht mitzureißen, zu begeistern, zu irritieren und zu schockieren. Als Zuschauer muss man sich auf diesen wilden Tanz, der eine alles andere als geradlinige Erzählstruktur mit sich bringt, dafür jedoch literweise CGI-Blut, explizite Sexszenen und herrlich kunstvolle Dialoge, erst einmal einlassen. Dieser verrückten Geschichte und den einzigartigen Charakteren muss man sich voll und ganz hingeben. Gelingt dies, hat man erfolgreich das Ticket für eine der seltsamsten aber gleichzeitig faszinierendsten Achterbahnfahrten des Serienjahres 2017 gelöst.

A storm is coming

Die Ausgangslage von „American Gods“ ist schnell umrissen: Nach einem neonfarbenen Intro sowie einem außergewöhnlichen Prolog, in dem bärtige Wikinger sich gegenseitig abmetzeln, um Allvater Odin auf ihre missliche Lage hinzuweisen (ja, wirklich), lernen wir unsere Hauptfigur kennen, Shadow Moon (Ricky Whittle), der sich noch in Gefängnishaft befindet, aber schon bald auf freien Fuß gesetzt werden soll. Die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit seiner Frau Laura (Emily Browning) ist groß, doch es kommt zu einem tragischen Schicksalsschlag: Seine Geliebte verunglückt tödlich, was zwar dafür sorgt, dass Shadow etwas früher aus dem Knast entlassen wird, ihn aber in eine neuerliche Sinn- und Glaubenskrise versetzt.

Vielleicht kann aber ein gut gekleideter, mysteriöser Mann mit einer Silberzunge Abhilfe schaffen. Shadow trifft auf dem Weg zur Beerdigung seiner Frau auf den geheimnisvollen Mr. Wednesday (Ian McShane), der ihm anbietet, für ihn zu arbeiten. Gemeinsam soll es auf eine Tour durch die USA gehen, auf der Wednesday einige alte Bekannte abklappern will. Der Anzugträger ist nämlich nicht derjenige, der er vorgibt zu sein und braucht Hilfe im großen Kampf der alten, zu denen er zählt, gegen die neuen Götter von Amerika. Ja, ihr habt richtig gelesen.

© Starz
© Starz

Coming to America

In Zeiten von Peak TV ist es unermesslich wichtig geworden, als Serie herausstechen und nicht in der gewaltigen Lawine an neuen TV-Produktionen unterzugehen. American Gods umgeht dieses Problem einfach dadurch, indem man uns eine sehr spezielle, nie dagewesen Prämisse präsentiert, mit der man schon einmal allein auf weiter Flur ist. Man füge jetzt noch ein kreatives Mastermind wie Bryan Fuller hinzu, der sich in dem Starz-Format in jeder Hinsicht austoben darf, eine hervorragende Darstellerriege, die die nahezu poetischen Dialoge von Michael Green und Neil Gaiman von ihren Zungen tanzen lassen, und fertig ist dieses einzigartige Produkt, das in seiner ersten Episode mehrere Male die Frage aufwirft, wo man hier eigentlich gelandet ist.

Im Land der Götter selbstverständlich, ob neu oder alt. Wir werden von der ersten Minute tief in die besondere Welt und Mythologie hineingezogen, die Gaiman vor mehr als 15 Jahren geschaffen hat. Die Anfangssequenz erinnert dabei an eine Szene aus dem Historienformat Vikings, nur mit „etwas“ mehr Blut. Buchkenner dürften sich an die „Coming to America“-Kapitelchen aus dem Roman erinnern, in denen uns in kleinen Geschichten aufgezeigt wird, wie es einzelne Gottheiten und der dazugehörige Glaube es überhaupt in die Neue Welt geschafft haben. Heute wird diese von neuen „Göttern“ wie Technologie und den Medien beherrscht, die in „American Gods“ nicht nur Konzepte sind, sondern tatsächlich eine Gestalt annehmen.

Torture me

Die Kombination von Fullers Eigenheiten als Fernsehschaffender, der zusammen mit Regisseur und Executive Producer David Slade nicht davor zurückschreckt, einige gewagte visuelle Experimente einzugehen, zusammen mit der thematisch reichen, vielschichtigen Vorlage Neils Gaimans macht die erste Stunde von „American Gods“ zu einer explosiven Mischung. Der grandiose Ian McShane nimmt uns und Hauptcharakter Shadow ein wenig an die Hand und erklärt uns, ohne zu viel vorab zu verraten, in was für einer Welt wir uns hier befinden. Eine Welt, in der eine Frau ihre Sexualpartner im wahrsten Sinne verschlingt, um sich ihre Schönheit zu bewahren. Eine Welt, in der ein zwei Meter großer, alkoholkranker Kobold Goldmünzen aus der Luft pflückt und zum schwungvollen Faustkampf bittet. Eine Welt, in der eine freche Rotznase aus Pixeln dir nach dem Leben trachtet.

For the sheer unholy fucking delight of it

Die erste Episode von „American Gods“ legt es gar nicht darauf, gleich zu Beginn eine glasklare, erzählerische Struktur zu etablieren. Gewisse Muster wiederholen sich in den kommenden Episoden, im Grunde genommen bleibt die Geschichte aber ein nicht berechenbarer Roadtrip, der jederzeit jede denkbare Richtung einschlagen kann. Und das macht diese Serie eben so faszinierend und mitunter zu einer Reizüberflutung, die nicht immer wahnsinnig viel Sinn ergibt, aber verdammt viel Spaß macht. Auf Dauer kann diese Absurdität und der wilde Erzählstil sicherlich zu einer Herausforderung werden. Für den Anfang ist es aber genau das richtige Mittel, um sich fest in unseren Gehirnen zu verankern und unser Interesse zu wecken.

Dass dann noch eine Reihe an wunderbaren Schauspielern und Schauspielerinnen auftreten - Ian McShane ist Gold wert und findet sich in der zweiten Rolle (wir dürfen nicht Deadwood vergessen) seines Lebens wieder -, die die unterschiedlichen Charakteren zum Leben erwecken und in dieser schrägen, unrealistischen Welt ihre Figuren gekonnt nahbar für uns machen, ist die Kirsche auf der Sahne. Die Serie mit all ihren fantastischen Elementen wird dadurch fast schon wieder ein wenig geerdet. Zumindest so lange, bis es zum nächsten unfassbaren, unerklärlichen Moment (zum Beispiel ein weißer Büffel mit feurigen Augen, der dir befiehlt, zu glauben) kommt, der einen auf dem falschen Fuß erwischt.

© Starz
© Starz

Cursed land

Die Ambitionen der Macher sind riesig, ob man sich nun den visuellen Stil von American Gods, die explizite Inszenierung von Gewalt und sexuellen Inhalten, oder eben den komplexen Unterbau anschaut, den die Serie mit sich bringt. Bevor man sich nämlich zu der Bewertung „Style over substance“ hinreißen lässt, sollte man dem Neustart ein wenig Zeit geben, sich zu entfalten. Neil Gaiman hat als Autor schon mehrfach bewiesen, dass er nicht nur einen sehr graphischen, sehr lebhaften Schreibstil, sondern eben auch einen Hang zu tiefgründigen Charakteren hat, die sich mit spannenden philosophischen Themen auseinandersetzen.

Das Buch „American Gods“ ist eine Geschichte, bei der es um „die Suche nach der Seele von Amerika“ geht. Dies klingt vielleicht etwas hochtrabend und pseudointellektuell, doch Gaiman findet in seinen Erzählungen immer wieder Wege, gewaltige Gedankenspiele auf das Wesentliche herunterzubrechen. Fragen wie zum Beispiel, was Amerika geformt hat, welche Glaubensrichtungen und -systeme, welche Überzeugungen. Und wie dies die Menschen und die Kulturen dieses Kontinents beeinflusst und geprägt hat. Die Erklärung der amerikanischen Identität und ihr Wandel über mehrere hunderte Jahre wird in ein fantastisches, surreales Korsett gepackt, was die hier adaptierte Geschichte eben so einzigartig und komplex macht.

Let it happen

Bryan Fuller und Michael Green, die lange an der Serie gewerkelt und eng mit Gaiman an der Realisierung gearbeitet haben, wollen diese besondere Essenz der Vorlage versuchen auf Bild zu bannen. Der erste vielversprechende Schritt ist getan, und ohne zu viel verraten zu wollen, „American Gods“ bleibt sich und seinen Eigenarten nach der starken Auftaktepisode treu. Ob die Serie einem gefällt, dürfte sich indes bereits früh entscheiden. Die Freiheiten des amerikanischen Bezahlfernsehens werden gnadenlos ausgenutzt, nicht einmal muss die Handbremse angezogen werden. Ganz im Gegenteil sogar, Fuller, Green und ihre Regisseure (darunter mehrere bekannte Namen von anderen Fuller-Produktionen wie zum Beispiel „Hannibal“) geben ununterbrochen Vollgas.

Believe

Was nicht bedeuten soll, dass American Gods nicht auch die ruhigen, nachdenklichen Momente kann. Gelegentlich ist es sogar ganz angenehm, wenn unser „Stellvertreter“ Shadow Moon mal kurz durchatmen kann, immerhin werden wir und er mit einer ganzen Menge verrückter Elemente bombardiert, die man so erst einmal wirken lassen muss. Und es ist wichtig, dass es diese Augenblicke der (verräterischen) Ruhe gibt, so unterhaltsam der Aufgalopp der Götter für den alles entscheidenden Krieg untereinander auch ist.

Es wird spannend zu sehen sein, wohin es die erste Staffel des Fantasydramas führt, ob dieser Roadtrip vielleicht doch irgendwann zu abgefahren wird oder ob es den Machern gelingt, ein wunderbares Gleichgewicht zwischen fantastischer Erzählung, komplexen Charakteren, ausgefallenen Schauwerten und einem distinktiven audiovisuellen Stil zu finden. Ich persönlich bin recht zuversichtlich gestimmt und habe großes Vertrauen in alle Beteiligten, die das Unmögliche versucht haben und dafür belohnt werden könnten. Ich würde es ihnen gönnen.

Trailer zu „American Gods“:

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Felix Böhme

Der Artikel American Gods: Review der Pilotepisode wurde von Felix Böhme am Uhr erstmalig veröffentlicht.

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