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Better Call Saul 4x01 Rauch

Better Call Saul 4x01 Rauch

Jimmy (Bob Odenkirk) tut sich schwer mit Chucks tragischem Tod klarzukommen. Mike (Jonathan Banks) überdenkt seine Rolle bei Madrigal. Howard (Patrick Fabian) macht eine schockierende Offenbarung.

Die AMC-Serie Better Call Saul hat eine wahrlich faszinierende Entwicklung durchgemacht. Was als vergleichsweise harmlose Spin-off-Idee von den beiden Breaking Bad-Machern Vince Gilligan und Peter Gould begann, hat sich spätestens seit der exzellenten dritten Staffel im letzten Jahr zu einem der besten TV-Dramen gemausert, die man sich in den Hochzeiten von „Peak TV“ anschauen kann. Es ist erstaunlich, wo man diese Reise begonnen hat und an welchem Punkt man inzwischen angekommen ist. Wie Vince Gilligan zuletzt in einem ausführlichen Interview mit Alan Sepinwall von RollingStone.com angemerkt hat, häufen sich für ihn allmählich die Gespräche mit vielen Fans von „Better Call Saul“, die der Meinung sind, dass das Spin-off die Mutterserie überflügelt hätte. Wer hätte dies anfangs für möglich gehalten?

Mittlerweile dient die Serie kaum noch dazu, Lücken zu schließen oder eine Vorgeschichte zu dem aalglatten Rechtsvertreter Saul Goodman aus dem sonnigen Albuquerque, New Mexico zu erzählen. Die Erzählung steht auf ihren eigenen Beinen, es ist fast unwichtig geworden, wann und sogar, ob überhaupt unser Protagonist Jimmy McGill (Bob Odenkirk) eines Tages zu seinem schmierigen, moralisch fragwürdigen Alter Ego wird. Es ist viel faszinierender, ihm und all den anderen Charakteren, die sich mehr oder weniger in seinem Dunstkreis bewegen, bei ihrem alltäglichen Schaffen und Dasein beizuwohnen, sie dabei zu beobachten, wie sie folgenschwere Entscheidungen treffen und sich nie dagewesenen Herausforderungen stellen. Das macht dieses fantastische Drama aus: der Weg, nicht das Ziel.

Nach einer etwas längeren Wartezeit auf neue Folgen von „Better Call Saul“ ist die Serie in den USA nun am heutigen 6. August mit ihrer vierten Staffel zurückkehrt, deren wöchentliche Episoden hierzulande wie gewohnt immer einen Tag später auf Netflix zu sehen sind. Die dritte Staffel endete mit einer furchtbaren Tragödie, an die man nun nahtlos anschließt: den Tod von Jimmys Bruder Chuck (Michael McKean), was in Jimmy einen komplizierten Prozess der Trauerbewältigung auslöst. Die verschiedene Abstufungen dieser werden in der Episode Smoke meisterhaft von Drehbuchautor Peter Gould und Regisseurin Minkie Spiro aufgezeigt.

Rückfall

Als Jimmy die schreckliche Nachricht vom Tod seines Bruders erhält, sich zum Ort der Katastrophe begibt und auf einer Bank Platz nimmt, die vielsagend vor dem vollends zerstörten, gigantisch wirkenden Haus Chucks steht, wirkt er wie jeder andere, der sich in dieser niederschmetternden Situation wiederfinden würde. Er macht einen paralysierten, schockierten, ratlosen Eindruck. Doch wir Zuschauer haben über drei Staffeln die außergewöhnliche Beziehung zwischen Jimmy und Chuck in ihrer Gänze kennengelernt, wir haben die herzzereißenden Momente des Verrats und die wenigen Augenblicke der brüderlichen Zuneigung hautnah miterlebt. Umso erfüllender ist es jetzt, in die Gedankenwelt der Hauptfigur einzutauchen, deren Dialogzeilen sich in dieser Folge auf ein absolutes Minimum beschränken.

Bob Odenkirk muss jedoch nicht viel sagen, man sieht es ihm förmlich an, was in seinem Charakter vorgeht. Wir erkennen aufrichtige Trauer um ein Familienmitglied, das nicht mehr da ist. Wir erkennen ein innerliches Abwägen, wie viel Schuld Jimmy an dieser Entwicklung trägt. Wir erkennen Reue und Selbstreflexion. Selbst der verwerfliche Gedanke daran, dass Jimmy nun endgültig frei von seinem permanent über ihm thronenden, älteren Bruder ist, der nie wirklich an ihn geglaubt hat, dürfte Jimmy durch den Kopf gehen, so falsch und makaber eine solche Überlegung auch ist. Für das Publikum wird es fast schon zu einer Art Übung, vielleicht sogar eine Herausforderung, Jimmy zu lesen und sich selbst an einer Interpretation seines stummen, ambivalenten Auftretens zu probieren. Den Kontext dafür hat man uns über die Jahre gegeben.

© AMC
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Wo Rauch ist, ist auch Feuer

Dafür kann man Better Call Saul nur lieben. Peter Gould, Vince Gilligan und ihr Team werden den Teufel tun, jemals genau das auszuformulieren, was in ihren Figuren vorgeht. Sie fordern von ihrem Publikum ein, Nuancen zu deuten und sich mit den komplexen Charakteren auseinanderzusetzen, ohne dass es sich wie eine leidige Hausaufgabe anfühlt. Sie wollen bewirken, dass wir uns ihre Serie nicht nur einfach anschauen, sondern, dass wir uns auch Gedanken darüber machen, was in ihr passiert und was in den einzelnen Figuren vorgeht. Dass wir uns trauen, Vermutungen aufzustellen, und Versuche unternehmen, die Charaktere zu verstehen und uns in ihre Lage hineinzuversetzen.

Ein tolles Beispiel dafür ist der Anruf von Howard Hamlin (Patrick Fabian), der Jimmy vor der Bestattung noch schnell die Todesanzeige vorlesen möchte, die man zu Chucks Ehren im Namen von Hamlin, Hamlin & McGill veröffentlichen will. Als Howard zum verdienten Lobgesang auf Chuck ansetzt, hört Jimmy eine andere Geschichte. Sicherlich hat ihn der beispiellose Werdegang seines Bruders irgendwann auch einmal mit Stolz erfüllt, möglicherweise kehrt dieses Gefühl genau jetzt zurück, nachdem Chuck von ihm gegangen ist. Aber da ist vor allem eine unbändige Wut in Jimmy, weiß er doch, was der so erfolgreiche Chuck ihm für Stolpersteine in den Weg gelegt hat, dass Chuck im Grunde genommen sein ärgster Widersacher gewesen ist.

Er kannte den wahren Chuck, doch kann und darf er vor allem ihn jetzt noch hassen, wo er nicht mehr da ist? Sollte er jetzt nicht einfach nur trauern? Man merkt Jimmy nach wie vor an, wie wichtig sein Bruder für ihn gewesen ist, selbst nach ihrem Zerwürfnis in der dritten Staffel machte er sich Sorgen um Chuck und kehrte noch einmal zu ihm zurück, um sicherzugehen, ob er in Ordnung ist. Und jetzt muss er irgendwie damit zurechtkommen, dass Chuck für immer aus seinem Leben verschwunden ist. Und dass Jimmy seinen Anteil daran hat, diese Schuld gibt er sich, das spürt man. Doch es ist interessant, wie er mit diesem Umstand umgeht, insbesondere, als Howard Hamlin sich als große Ursache für den Tod von Chuck bezeichnet und Jimmy diese Schuldgefühle nur zu gerne teilt.

Falscher Alarm

In diesem Moment scheint es so, als würde sich Jimmy aus der Verantwortung stehlen wollen, bietet Howard Hamlin ihm doch geradezu an, das Kreuz zu tragen, das eigentlich vor allem auf Jimmys Schultern liegt. Das registriert Kim (Rhea Seehorn) mit einem sorgenvollen Blick. Sie steht Jimmy still zur Seite und stellt den letzten richtigen Fixpunkt für ihn dar, an dem er sich festhalten kann. Der Verlust von Chuck und die Art und Weise, wie Jimmy damit umgehen wird, werfen jedoch bereits jetzt schon einen gewaltigen Schatten und werden in der vierten Staffel von Better Call Saul eine große Rolle spielen, sehr wahrscheinlich auch mit Blick auf die Persönlichkeit, zu der Jimmy in naher Zukunft werden wird: Saul Goodman.

Es ist denkbar, dass Jimmy nie ins Reine mit sich bezüglich des Todes seines Bruders kommen wird und dass dieses einschneidende Ereignis ihn mehr prägen wird als alles andere jemals zuvor. An das, was er durch seine Entwicklung zu Saul Goodman alles verloren hat, werden wir mal wieder mit dem Blick auf seine weit entfernte Zukunft als „Cinnabon Gene“ erinnert, der klassische Einstieg in jede Staffel von „Better Call Saul“. Und was für eine unschöne Zukunft das ist. Ein kleiner, gesundheitlicher Vorfall birgt die Gefahr, dass die ganze Scharade auffliegt. Die Schweißperlen bilden sich angesichts dieses Risikos nicht nur auf Genes Stirn, auch als Zuschauer fiebert man gespannt mit, ob er glimpflich aus dem Krankenhaus kommt oder sich die Schlinge ein für alle Mal zuzieht. Der verdächtige, wortkarge Taxifahrer mit dem Spiegelanhänger der „Albuquerque Isotopes“ ist dann das Tüpfelchen auf dem i.

© AMC
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Krieg und Chaos

Better Call Saul unterstreicht in dieser Auftaktepisode seiner vierten Staffel eindrucksvoll, dass man eben nicht nur hochwertiges Drama beherrscht, sondern auch nach wie vor grandiose Spannung erzeugen kann. Das zeigt der kurze Prolog zu Beginn, das zeigen auch die Szenen um Nacho (Michael Mando), der im Finale der dritten Staffel (die Szenen vom Abtransport des zusammengebrochenen Hector Salamanca übernimmt man eins zu eins) einen großen Dominostein umgestoßen hat, was jetzt eine heftige Kettenreaktion auslösen könnte.

Nacho hat aus Sorge um seine Familie gehandelt und bekommt nun das Vertrauen ausgesprochen, die Arbeit erst einmal ohne Don Hector (Mark Margolis) fortzuführen, bis dieser sich von seinem Schlaganfall erholt hat. Doch bei Nacho ist keine Entspannung zu erkennen, viel zu gefährlich ist die Welt, an der er teilnimmt, um sich in Sicherheit zu wiegen. Da reicht uns schon ein scharfer Blick von Gustavo Fring (Giancarlo Esposito), der uns das Schlimmste erwarten lässt. Es braucht wahrlich nicht viel, um die Zuschauer sogleich wieder in Alarmbereitschaft zu versetzen. Nacho hat mit seiner Entscheidung, Don Hector auszuschalten, den Schritt in eine nicht weniger gefährliche Richtung gewagt. Und selbst, wenn er im ersten Moment ein Gefühl der Erleichterung empfindet - ist sein Plan doch aufgegangen -, merkt man ihm im nächsten Augenblick seine Anspannung sofort wieder an.

Regeln sind Regeln

Drama - check. Suspense - check. Was jetzt noch fehlt, ist die spielerisch-humorvolle Komponente, die „Better Call Saul“ regelmäßig an den Tag legt und durch welche man immer wieder ein wunderbares Gegenstück zu den eher düsteren Elementen der Serie präsentiert. Also Bühne frei für „The Mike Show“, die sich in Smoke losgelöst von all den anderen Handlungssträngen abspielt und mir so viel Freude bereitet, dass ich Jonathan Banks wohl stundenlang beim Fahren eines kleinen Elektroautos durch eine riesige Lagerhalle zuschauen könnte. Als neuer Sicherheitsberater für Madrigal Electromotive - die Firma, die Gustavo Fring heimlich für seine illegalen Geschäfte nutzt - kommt er seiner zugeteilten Aufgabe sogleich nach und prüft die Niederlassung in Houston, Texas auf Herz und Nieren.

Eigentlich ist seine Anstellung nur eine Fassade, doch es kann ja nicht schaden, diese so stabil aufzubauen, dass sie bei etwas Gegenwind nicht gleich in sich zusammenfällt. Außerdem scheint Mike sich selbst zu fragen, was für eine Firma Madrigal überhaupt ist, also schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe. Er erfüllt nicht nur seinen Job, er sammelt auch noch Informationen über seinen neuen Arbeitgeber. In einer herrlichen Montage düst Mike also durch die Hallen von Madrigal, doch bereits die Vorbereitung auf diese Arbeit ist ein Highlight. Von der cleveren Beschaffung einer Zugangskarte bis hin zu seinem perfekten, unscheinbaren Auftreten innerhalb der Firma - selbst an einem Büroplausch nimmt er kurz teil (Muhammad Ali oder Bruce Lee?) und auf der Geburtstagskarte von Tina unterschreibt er auch noch fix - ist es ein kleines Fest, Mike bei der „Arbeit“ zuschauen zu dürfen.

Die Verantwortlichen wissen einfach, was sie an Jonathan Banks und diesem intelligenten Charakter haben, dessen minutiöse Vorgehensweise immer wieder ungemein faszinierend ist. Ganz davon abgesehen, dass man „Pop-pop Mike“ die neue Freizeit für seine Enkelin und seine Schwiegertochter von Herzen gönnt, schafft es diese Figur mit ihrer tiefenentspannten Eigenart und kühler Selbstsicherheit, einen auch immer wieder ein zufriedenes Schmunzeln abzugewinnen. Fragt sich nur, ob nicht auch für Mike zeitnah ein neuer Wind wehen könnte, da er nun für Gustavo Fring arbeitet. Nicht, dass Mike der Aufgabe nicht gewachsen wäre. „Spaß und Spiele“, sofern man Mikes Ausflüge denn so beschreiben möchte, zählen jedoch eher weniger zu Gus Frings Repertoire. Ohnehin hat man zu Beginn der vierten Staffel von Better Call Saul den Eindruck, dass unmittelbar Druck auf dem Kessel ist, wenn auch sehr unterschwellig. Immer her damit.

Schauspieler in der Episode Better Call Saul 4x01

Darsteller   Rolle
Bob Odenkirk …………… Jimmy McGill
Jonathan Banks …………… Mike Ehrmantraut
Rhea Seehorn …………… Kim Wexler
Patrick Fabian …………… Howard Hamlin
Michael Mando …………… Nacho Varga
Giancarlo Esposito …………… Gustavo 'Gus' Fring
Ed Begley Jr. …………… Clifford Main
Javier Grajeda …………… Juan Bolsa
Kerry Condon …………… Stacey Ehrmantraut
Ann Cusack …………… Rebecca Bois
Dennis Boutsikaris …………… Rick Schweikart
Jordan Lage …………… Barry Hedberg
Jeremiah Bitsui …………… Victor
Vincent Fuentes …………… Arturo
Ericka Kreutz …………… Nurse
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