Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (4)

Teil 4: Das Phänomen bei der Wurzel packen... im Kinderfernsehen

Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (4)
Qualitätsserien, Fünf Freunde, ist der Junklewitz jetzt völlig durchgedreht?
(c) unbekannt

Wie wir gerade in Deutschland nur all zu gut wissen: Es reicht nicht, Qualitätsserien zu produzieren. Irgend jemand muss sie auch schauen. Woher der Appetit des britischen Publikums auf Quality TV kommt, ist Gegenstand des vierten und letzten Teils unserer kleinen Reihe.

Beginnen wir mit ein wenig Theorie: Um von einer Serie (Film, Roman oder irgendeiner anderen Form der fiktionalen Erzählung) gut unterhalten zu werden, ist es für den Zuschauer zunächst einmal wichtig, der Handlung folgen zu können. Ist das Gestrüpp aus Erzählfäden, aufgeworfenen Fragen und Verhaltensweisen der Figuren zu komplex, kann es passieren, dass wir den Anschluss verlieren. Resultat: Wir sind frustriert, nicht im mindesten gut unterhalten - und geben die Serie wahrscheinlich auf.

„Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (4)“ nachzulesen bei Serienjunkies

Natürlich kann auch der umgekehrte Fall eintreten: Die Probleme, die die Handlung aufwirft, sind für uns zu simpel. Wir erahnen die Antworten und Lösungen bereits lange, bevor sie in der Serie selbst enthüllt werden. Wir fühlen uns unterfordert - oder anders gesagt: gelangweilt.

Der Trick für die Produzenten von Fernsehserien besteht nun darin, genau die Mitte zwischen diesen beiden Extremen zu treffen: Die Handlung darf den Zuschauer weder über- noch unterfordern. Sie muss ausreichend komplexe Fragen (den Fortgang der Handlung oder auch die Figuren betreffend) aufwerfen, um unser Interesse wachzuhalten. Sie darf aber nicht so kompliziert werden, dass sie uns einfach nur verwirrt - und unser Interesse damit erlischt.

Dieses optimale kognitive Erregungsniveau ist natürlich von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren abhängig: Stress oder Müdigkeit können beispielsweise dazu führen, dass wir die neue Folge von „Lost“ beiseite schieben - und stattdessen lieber eine alte Sitcom-Wiederholung schauen.

Ein anderer Faktor, vielleicht sogar der wichtigste, ist das Vorwissen, das wir mitbringen. Damit eine Serienepisode, die vor unseren Augen auf dem Bildschirm zu sehen ist, in unserem Kopf tatsächlich eine sinnhafte Gestalt annimmt, müssen wir auf dem Hintergrund unseres Vorwissens die nötigen Verbindungen herstellen. Da ist zum einen unser Weltwissen: Wir müssen wissen, dass Mord ein Verbrechen ist, dass Polizeiautos mit Blaulicht Vorfahrt haben und dass Täter Haare, Hautpartikel oder Fingerabdrücke hinterlassen können - sonst ergibt der ganze Krimi für uns überhaupt keinen Sinn.

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Christian Junklewitz am Montag, 22.Februar 2010 12.00 Uhr

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5 Leserkommentare

wibi44 vor 2 Jahren:Platz 6 in der Community Top-100

Wäre es nur so einfach. Sicher zeigt sich auch bei der Machart von Kinderserien, ob man Qualität produzieren kann. Allerdings sind einige wenige gelungene Beispiele noch nicht der Ansatz zum Qualitäts TV.

Wäre dies so, würde es in Deutschland sicher mehr Superserien geben, denn für Kinder produzieren wir eigentlich recht gute Sachen - z. B. "Die Pfefferkörner" oder "B.A.R.Z.".

Ich bin eher der Ansicht, dass die Briten durch ihr System, anfangs aus Theaterstücken, später aus Buch- oder Essayvorlagen, Serien zu produzieren, erfolgreich eine hohe Qualität ins TV gebracht haben. Und natürlich durch die im letzten Teil bereits erwähnten vielen, guten Autoren und der Förderung des Autorenberufs. Das hebt die Briten nicht nur von den Deutschen, sondern auch vom rest der Europäer ab.

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Doctor64 vor 2 Jahren:Platz 92 in der Community Top-100

Dadurch das Die Engländer meist Bücher als Vorbild nehmen hat man meist auch eine Art von Fan-Gemeinde schon vorher.

Sehr Schlau die Engländer.

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DerGendo vor 2 Jahren:Platz 78 in der Community Top-100

Sehr Guter Bericht, wieder einmal.

Aber mMn kann man dabei nicht einen direkten Vergleich zum deutschem Markt ziehen. In den 80ern wars bei uns sicher auch noch wie in den UK, denn auch bei uns lief damals Doctor Who (wenn auch nur die Doc 7 Ära), oder andere Erfolgsserien und sie alle hatten ihr Publikum.

Das Problem ist eher, dass das Publikum über die Jahre hinweg zum Abschalten erzogen wurden.

Um sich sein Publikum zu sichern gehen deutsche Sender keine Risiken mehr ein sondern schlachten nur das aus, was Erfolg hat. Und das sind RealitySerien und Kochshows. Damit bleibt das Gro der Leute auf der Strecke.

Aber gucken die Leute jetzt deshalb weniger Erfolgsserien?

Nö, aber die Bereitsschaft die Serien herunter zu laden ist in den letzten 10 Jahren so imenz angestiegen, dass kaum noch Quoten fürs TV übrig bleiben. Wer guckt Lost und warten bis es im TV läuft, wenn er schon 9 Monate vorher die englische Version oder zumindest 4 Monate vorher die payTV Fassung runter laden kann?

Hier liegt das Problem, das uns in Deutschland beinahe einzigartig macht: Kein Anderes Land (soweit lehne ich mich mal aus dem Fenster) hat so eine aufwenige Synchro-Schmiede wie Deutschland, wo 1000de von Sprechern, die meistens selbst Schauspieler sind, versuchen das Original möglichst gut zu lokalisieren. Und das braucht eben eine Menge zeit. Das ist zum einen einmalig (*fensterlehnen*), macht es aber eben auch sehr schwer Dinge zeitnah auszustrahlen.

Man sieht ja das TV Serien die unmittelbar nach US Ausstrahlung schon im deutschen TV laufen sehr viel mehr Zuschauer haben. Wenn man nur 3-4 Wochen warten muss...

Hier wird sich auch sicher auf lange Sicht nichts ändern. Und auch AusnahmeSerien wie KDD bleiben wohl genau das, eben nur eine Ausnahme, für die es zwar ein Publikum gäbe, dieses aber garnicht weiss, das es ein Publikum ist.

Schade, Armes Deutschland.

Gruß

DerGendo

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pewic vor 2 Jahren:

@DerGendo: Nicht zu vergessen, dass viele Sender in Deutschland ziemlich unberechenbar sind, was die Ausstrahlung von Serien angeht. Wenn eine Serie nach dem ersten Teil einer Doppelfolge in die Sommerpause geht, oder in eine laufende Staffel plötzlich Folgen von früher eingestreut werden, macht auch dem größten Serienfan das Ganze keinen Spaß mehr. Fast zwangsläufig besorgt er sich dann seine Lieblingsserie woanders.

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AndiH vor 2 Jahren:

Eine tolle und überaus informative Artikel-Serie, die du hier ausgebreitet hast.

Danke!

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