Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)

Teil 2: Der englische Sonderweg - die Briten und ihre TV-Sender

Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)
„Misfits“: jüngste Qualitätsserie aus dem Programm des öffentlich-kommerziellen Mischsenders C4
(c) 2009 Channel 4

Wie kommen die Briten zu Serien wie „Cracker“, „Mistresses“, „Skins“ oder „Misfits“, obwohl sie ein Fernsehsystem haben, das unserem gar nicht einmal so unähnlich ist? Was sind die kleinen, aber ausschlaggebenden Besonderheiten? Christian Junklewitz mit Teil 2 unseres UK-Berichts.

Im ersten Teil unserer Analyse zu den Entstehungsbedingungen britischer Qualitätsserien hatten wir uns zunächst einige der Besonderheiten der britischen Seriengeschichte angesehen, die sie insbesondere vom Verlauf der Serienentwicklung in den Vereinigten Staaten absetzt. Allen voran: Die große Konstanz, mit der in England Quality Television Series bereits seit den 50er Jahren regelmäßig hergestellt worden sind. Im zweiten Teil wollen wir nun einen Blick auf den institutionellen Kontext werfen, der dies überhaupt möglich macht.

„Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)“ nachzulesen bei Serienjunkies

Da es in Großbritannien schon viel länger als beispielsweise in Deutschland ein Duales Rundfunksystem bestehend aus der öffentlich-rechtlichen BBC und privaten Fernsehanbietern - allen voran ITV - gibt, ist anzunehmen, dass der Wettbewerb zwischen den Sendern hier eine Rolle spielt. Ebenso müssen wir uns den Einfluss anschauen, den Politik und Regulierungsbehörden auf das britische Fernsehen ausüben.

Möglicherweise noch entscheidender ist jedoch ein anderer Faktor: Etwas, das ich gerne Public Service Ethos nennen möchte. Darunter verstehe ich die Auffassung, dass Rundfunk und Fernsehen eine öffentliche Aufgabe sind und damit nicht allein den Gesetzen des Marktes überlassen sein dürfen. Vielmehr besteht eine öffentliche Verantwortung dafür, sicherzustellen, dass im Fernsehen genug Raum für Kunst, Kreativität und Programme für Minderheiten bleibt.

Rundfunk als öffentlicher Dienst

Um zu begreifen, was damit genau gemeint ist, empfiehlt es sich, einmal ganz an den Anfang der britischen Rundfunkgeschichte zurückzugehen: 1922 wurde die British Broadcasting Company - oder kurz: BBC - gegründet. Hinter dem zunächst rein privatwirtschaftlichen Unternehmen stand eine Gruppe von Radiogeräte-Herstellern, die - zur eigenen Absatzsteigerung - jeweils ein eigenes Radioprogramm hatten betreiben wollen. Nur dass es nicht genug freie Frequenzen für alle Hersteller gab. Deshalb regte das britische Post Office, das für die Vergabe der Frequenzen verantwortlich war, folgende Lösung an: Die Hersteller sollten sich zusammentun, um einen gemeinsamen Radiosender zu betreiben. Im Gegenzug wollte das Post Office sicherstellen, dass besagtes Konsortium de facto eine Monopolstelllung auf dem britischen Radiomarkt erhielt.

Links dieses Beitrags: Queer as Folk, Desperate Housewives, Lost, Skins, Misfits
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Christian Junklewitz am Montag, 8.Februar 2010 12.00 Uhr

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1. hellfeyer:Am Montag, 8.Februar 2010 um 15.57 Uhr:
Kommentare: 25
Junkie seit: 17.08.09

schon der start war gut, hier nun die gelungene fortsetzung. es ist fast unmöglich, die britischen zustände zu rekapitulieren, ohne die deutschen im hinterkopf zu haben - fast scheint es, als sei der artikel auch in diesem sinne geschrieben...

whatever: für mich bleibt vor allem der eindruck, dass neben dem rein marktgesteuerten prozess eine institution, die vom kopf herab von einer starken vision (aka verantwortungsgefühl) getragen wird, ebensoviel qualität produzieren kann wie eine werbefinanzierte umgebung, wenn nicht mehr. es wäre in diesem kontext auch die bestätigung eines gängigen urteils: filme- und tv-machen ist keine demokratie - ohne einen visionär, der entweder idee oder geld mitbringt, ist etwas visionäres nicht zu bekommen. viele köche verderben nun mal den brei, stoffe werden zerredet, abgeschliffen, auf konvention getrimmt. übrig bleibt dann per se eine schlechte kopie.

bleibt der bildungs-etc.-auftrag der öffentlich-rechtlichen. wenn der ernster genommen würde, wir hätten besseres tv.

bin gespannt auf den dritten, "autoren"-teil. kommen wir langsam zum pudels kern!

2. Serenity:Am Montag, 8.Februar 2010 um 20.06 Uhr:
Kommentare: 21
Junkie seit: 29.09.09

Es ist auch einfach kulturell ein riesiger Unterschied. In Deutschland gibt es in sämtlichen Kunstbereichen eine idiotische Trennung zwischen Unterhaltung und ernster, btw. "echter" Kunst (E-...). Sei es Literatur, Film, Fernsehen, Musik oder Theater. Das ist der Grund weshalb es hier keine richtigen, institutionelle Rezensionen der Popkultur gibt und zieht sich bis in praktisch alle Schichten hinein.
Gerade der ÖR Rundfunk ist hiervon geprägt. In GB wollte man dagegen einfach gute Unterhaltung produzieren und durfte das auch.

Machen TV-Verantwortlichen hier und vor allem den Autoren ist inzwischen gedämmert, dass Unterhaltung und Anspruch oder Intelligenz kein Widerspruch sein müssen, aber die Produktionen, die das wirklich umsetzen sind verdammt selten.

3. wibi44:Am Dienstag, 9.Februar 2010 um 09.54 Uhr:
Kommentare: 806
Junkie seit: 08.06.09

Wir vergessen immer zwei Dinge, die für mich entscheidend für die Struktur des brittischen Fernsehens und Rundfunks sind. Zum einen, die stolze Eigensinnigkeit der einstmals größten Weltmacht, die es auf unserer Erde gab und zum anderen, dass die Briten auf einer Insel leben.
Ich weiss, das hört sich vielleicht ein wenig komisch an, aber das Fehlen eines ständigen Bezugspunktes zu europäischen Nachbarn und der langen Ost-West-Spaltung Europas führt zu einer wohltuenden Isolation.
Darüber hinaus war die BBC schnell weltweit tätig und damit bemüht, den brittischen Lebensstil überall hinzubringen. Auch ITV wurde recht früh im Vergleich zu kommerziellen Sendern in Europa gegründet. Und es konnte sich sozusagen voll auf kommerzielle Sendungen konzentrieren. Trotzdem blieb auch bei ITV der Gedanke des Qualitätsfernsehens erhalten - man vergleiche damit nur mal die recht kurze Lebenszeit von ProSiebenSAT.1-Media und dem vielen Schrott, die diese Sendergruppe produziert.
Somit blickt Großbrittannien auf eine duale Sendertradition von mehr als 50 Jahren zurück. Dass sich unter den gegebenen Voraussetzungen Channel 4 gut mit sogenannten "Sonderprogrammen" etablieren konnte, war eigentlich kein Wunder.

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