Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)
Teil 2: Der englische Sonderweg - die Briten und ihre TV-Sender

„Misfits“: jüngste Qualitätsserie aus dem Programm des öffentlich-kommerziellen Mischsenders C4
(c) 2009 Channel 4
Und das ist keineswegs nur ein Gedanke, der in der britischen Politik verbreitet ist - und deshalb zu den hier genannten Maßnahmen auf gesetzgeberischem und regulatorischem Gebiet geführt hat. Es entspricht auch dem Selbstbild, dass die britischen TV-Macher von sich selbst haben - und dem Bild, das ihnen aus dem breiteren gesellschaftlichen Umfeld vorgehalten wird.
Dazu zwei aktuelle Beispiele: Vor wenigen Wochen wurde David Abraham als neuer Chef von Channel 4 verpflichtet. Wie das Branchenblatt Broadcast berichtet, hat er bei seinem Vorstellungsgespräch gegenüber dem Aufsichtsrat ausdrücklich ein Bekenntnis zum public service Charakter des Senders abgegeben, wozu für ihn vor allem „die Vielfalt der Meinungen und die Produktion innovativer Sendungen“ gehört. Angeblich denkt Abraham darüber nach, eine ganze Reihe von Channel-4-Redakteuren auszuwechseln, um durch frisches Blut sicherzustellen, dass die Produktionen des Senders nicht „schal“ werden. Wohlgemerkt: Die Rede ist von dem Sender, der derzeit - über seinen Digital-Ableger E4 - Serien wie „Skins“ und „Misfits“ zu verantworten hat!
Beispiel Nr. 2: Vor wenigen Tagen ermahnte Eddie Berg, der künstlerische Direktor des British Film Insitute (BFI), die BBC dazu, bei ihren Drama- und Comedyserien größere Risiken einzugehen. Vorbild dabei müsste der amerikanische Pay-TV Sender HBO sein, der „viele Dinge macht, die man von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarten würde.“
Anders als in den USA ist in Großbritannien nicht so sehr das Wechselspiel aus Wettbewerb und Regulation der Ursprung der Qualitätsserien. Vielmehr zeigt der Rundgang durch die britische Rundfunkgeschichte, dass es eine die Jahrzehnte überdauernde, von breiten Teilen der Gesellschaft getragene Vision von Fernsehen gibt, in deren Mittelpunkt der Gedanke des public service steht, dem - über den kommerziellen Wettbewerb hinaus - ein Wert an sich zugesprochen wird - und zu dem ausdrücklich auch die künstlerische Innovation gezählt wird.
Nächste Woche: Die Stellung des Autors im britischen Fernsehen.
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Christian Junklewitz am Montag, 8.Februar 2010 12.00 Uhr
3 Leserkommentare
| hellfeyer vor 3 Jahren: | |
schon der start war gut, hier nun die gelungene fortsetzung. es ist fast unmöglich, die britischen zustände zu rekapitulieren, ohne die deutschen im hinterkopf zu haben - fast scheint es, als sei der artikel auch in diesem sinne geschrieben... whatever: für mich bleibt vor allem der eindruck, dass neben dem rein marktgesteuerten prozess eine institution, die vom kopf herab von einer starken vision (aka verantwortungsgefühl) getragen wird, ebensoviel qualität produzieren kann wie eine werbefinanzierte umgebung, wenn nicht mehr. es wäre in diesem kontext auch die bestätigung eines gängigen urteils: filme- und tv-machen ist keine demokratie - ohne einen visionär, der entweder idee oder geld mitbringt, ist etwas visionäres nicht zu bekommen. viele köche verderben nun mal den brei, stoffe werden zerredet, abgeschliffen, auf konvention getrimmt. übrig bleibt dann per se eine schlechte kopie. bleibt der bildungs-etc.-auftrag der öffentlich-rechtlichen. wenn der ernster genommen würde, wir hätten besseres tv. bin gespannt auf den dritten, "autoren"-teil. kommen wir langsam zum pudels kern! | |
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| Serenity vor 3 Jahren: | Platz 68 in der Community Top-100 |
Es ist auch einfach kulturell ein riesiger Unterschied. In Deutschland gibt es in sämtlichen Kunstbereichen eine idiotische Trennung zwischen Unterhaltung und ernster, btw. "echter" Kunst (E-...). Sei es Literatur, Film, Fernsehen, Musik oder Theater. Das ist der Grund weshalb es hier keine richtigen, institutionelle Rezensionen der Popkultur gibt und zieht sich bis in praktisch alle Schichten hinein. Gerade der ÖR Rundfunk ist hiervon geprägt. In GB wollte man dagegen einfach gute Unterhaltung produzieren und durfte das auch. Machen TV-Verantwortlichen hier und vor allem den Autoren ist inzwischen gedämmert, dass Unterhaltung und Anspruch oder Intelligenz kein Widerspruch sein müssen, aber die Produktionen, die das wirklich umsetzen sind verdammt selten. | |
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| wibi44 vor 3 Jahren: | Platz 6 in der Community Top-100 |
Wir vergessen immer zwei Dinge, die für mich entscheidend für die Struktur des brittischen Fernsehens und Rundfunks sind. Zum einen, die stolze Eigensinnigkeit der einstmals größten Weltmacht, die es auf unserer Erde gab und zum anderen, dass die Briten auf einer Insel leben. Ich weiss, das hört sich vielleicht ein wenig komisch an, aber das Fehlen eines ständigen Bezugspunktes zu europäischen Nachbarn und der langen Ost-West-Spaltung Europas führt zu einer wohltuenden Isolation. Darüber hinaus war die BBC schnell weltweit tätig und damit bemüht, den brittischen Lebensstil überall hinzubringen. Auch ITV wurde recht früh im Vergleich zu kommerziellen Sendern in Europa gegründet. Und es konnte sich sozusagen voll auf kommerzielle Sendungen konzentrieren. Trotzdem blieb auch bei ITV der Gedanke des Qualitätsfernsehens erhalten - man vergleiche damit nur mal die recht kurze Lebenszeit von ProSiebenSAT.1-Media und dem vielen Schrott, die diese Sendergruppe produziert. Somit blickt Großbrittannien auf eine duale Sendertradition von mehr als 50 Jahren zurück. Dass sich unter den gegebenen Voraussetzungen Channel 4 gut mit sogenannten "Sonderprogrammen" etablieren konnte, war eigentlich kein Wunder. | |
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