Wie die Briten zu ihren Qualitätsserien kamen (2)
Teil 2: Der englische Sonderweg - die Briten und ihre TV-Sender

„Misfits“: jüngste Qualitätsserie aus dem Programm des öffentlich-kommerziellen Mischsenders C4
(c) 2009 Channel 4
Die Gründung von Channel 4 sollte für beide etablierten Sender ein Schuss vor den Bug sein: Die BBC war fortan nicht länger der einzige öffentlich-rechtliche Sender. ITV war nicht länger die einzige Anlaufstation für die Werbetreibenden in Großbritannien. Neben Sendungen für Minderheiten schrieb die Politik als öffentlich-rechtlichen Programmauftrag von Channel 4 ausdrücklich die Produktion experimenteller Formate fest. Wen wundert es also, dass Serien wie „Queer as Folk“, „Shameless“ oder „Skins“ im Auftrag von Channel 4 hergestellt wurden bzw. werden? Darüber hinaus ist der Sender in Großbritannien auch die Heimat von vielen US-Serien wie „Desperate Housewives“ oder „Lost“, die angesicht der Stärke einheimischer Serien auf der Insel kaum mehr als den Status von „Minderheitenprogrammen“ genießen.
Fazit
Es würde zu weit führen, an dieser Stelle eine umfassende Darstellung der britischen Rundfunkgeschichte geben zu wollen. Deshalb sei an dieser Stelle nur kurz darauf verwiesen, dass sich natürlich vieles in den letzten zwei Jahrzehnten auch im britischen Fernsehen geändert hat. Mit dem neuen Fernsehgesetz von 1990 wurde Channel 4 teilweise privatisiert (obwohl sich das Unternehmen immer noch im öffentlichen Besitz befindet; über eine Veräußerung wird seit einiger Zeit debattiert).
Die regionale Streuung der ITV wurde zunehmend aufgehoben. Seit 2003 haben sich - mit Ausnahme weniger Regionen wie Schottland und Nordirland - alle ITV-Stationen zu einem einzigen Unternehmen zusammengeschlossen. Statt über Vorgaben der Regulierungsbehörde nimmt die Politik heute über Anreize Einfluss auf das Programm von ITV: Für die Ausstrahlung von public service Sendungen wie Regionalnachrichten, Kultursendungen und Dokumentationen erhält der Sender im Gegenzug Vergünstigungen, beispielsweise bei der Frequenzzuteilung.
Durch das Satellitenfernsehen (BSkyB) und die Digitalisierung sind seit den 80er Jahren eine Vielzahl von rein kommerziell operierenden Konkurrenten auf den britischen Fernsehmarkt eingetreten.
Trotzdem möchte ich argumentieren, dass für die Art der Fernsehserien, die in Großbritannien seit den 50er Jahren hergestellt wurden, die Prägung entscheidend ist, die das britische Rundfunksystem seit seinen Anfangstagen erfahren hat - und welche man als einen kontrollierten Wettbewerb beschreiben könnte. Niemals ließen die Briten einfach nur den freien Markt gewähren. Stattdessen wird Fernsehen unter dem Gesichtspunkt des public service verstanden: Fernsehen ist ein öffentlicher Dienst, eine öffentliche Aufgabe, zu der - und das wird stets beim Begriff des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mitgedacht - die Verpflichtung gehört, innovative, herausfordernde, gewagte Programme herzustellen.
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Christian Junklewitz am Montag, 8.Februar 2010 12.00 Uhr
3 Leserkommentare
| hellfeyer vor 3 Jahren: | |
schon der start war gut, hier nun die gelungene fortsetzung. es ist fast unmöglich, die britischen zustände zu rekapitulieren, ohne die deutschen im hinterkopf zu haben - fast scheint es, als sei der artikel auch in diesem sinne geschrieben... whatever: für mich bleibt vor allem der eindruck, dass neben dem rein marktgesteuerten prozess eine institution, die vom kopf herab von einer starken vision (aka verantwortungsgefühl) getragen wird, ebensoviel qualität produzieren kann wie eine werbefinanzierte umgebung, wenn nicht mehr. es wäre in diesem kontext auch die bestätigung eines gängigen urteils: filme- und tv-machen ist keine demokratie - ohne einen visionär, der entweder idee oder geld mitbringt, ist etwas visionäres nicht zu bekommen. viele köche verderben nun mal den brei, stoffe werden zerredet, abgeschliffen, auf konvention getrimmt. übrig bleibt dann per se eine schlechte kopie. bleibt der bildungs-etc.-auftrag der öffentlich-rechtlichen. wenn der ernster genommen würde, wir hätten besseres tv. bin gespannt auf den dritten, "autoren"-teil. kommen wir langsam zum pudels kern! | |
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| Serenity vor 3 Jahren: | Platz 68 in der Community Top-100 |
Es ist auch einfach kulturell ein riesiger Unterschied. In Deutschland gibt es in sämtlichen Kunstbereichen eine idiotische Trennung zwischen Unterhaltung und ernster, btw. "echter" Kunst (E-...). Sei es Literatur, Film, Fernsehen, Musik oder Theater. Das ist der Grund weshalb es hier keine richtigen, institutionelle Rezensionen der Popkultur gibt und zieht sich bis in praktisch alle Schichten hinein. Gerade der ÖR Rundfunk ist hiervon geprägt. In GB wollte man dagegen einfach gute Unterhaltung produzieren und durfte das auch. Machen TV-Verantwortlichen hier und vor allem den Autoren ist inzwischen gedämmert, dass Unterhaltung und Anspruch oder Intelligenz kein Widerspruch sein müssen, aber die Produktionen, die das wirklich umsetzen sind verdammt selten. | |
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| wibi44 vor 3 Jahren: | Platz 6 in der Community Top-100 |
Wir vergessen immer zwei Dinge, die für mich entscheidend für die Struktur des brittischen Fernsehens und Rundfunks sind. Zum einen, die stolze Eigensinnigkeit der einstmals größten Weltmacht, die es auf unserer Erde gab und zum anderen, dass die Briten auf einer Insel leben. Ich weiss, das hört sich vielleicht ein wenig komisch an, aber das Fehlen eines ständigen Bezugspunktes zu europäischen Nachbarn und der langen Ost-West-Spaltung Europas führt zu einer wohltuenden Isolation. Darüber hinaus war die BBC schnell weltweit tätig und damit bemüht, den brittischen Lebensstil überall hinzubringen. Auch ITV wurde recht früh im Vergleich zu kommerziellen Sendern in Europa gegründet. Und es konnte sich sozusagen voll auf kommerzielle Sendungen konzentrieren. Trotzdem blieb auch bei ITV der Gedanke des Qualitätsfernsehens erhalten - man vergleiche damit nur mal die recht kurze Lebenszeit von ProSiebenSAT.1-Media und dem vielen Schrott, die diese Sendergruppe produziert. Somit blickt Großbrittannien auf eine duale Sendertradition von mehr als 50 Jahren zurück. Dass sich unter den gegebenen Voraussetzungen Channel 4 gut mit sogenannten "Sonderprogrammen" etablieren konnte, war eigentlich kein Wunder. | |
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